Full text: Zeitungsausschnitte über Veröffentlichungen von Herman Grimm: Über Personen, ihr Leben und Werk

© Hessisches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm Nr. Z 27 
z 
Bembo's Datum ergäbe den 6. April und aus diesen fiel 
1520 der Charfreitag. Damit wäre scheinbar Alles in bester 
Ordnung: am Charsreitage 1483 geboren, am Charfreitage 
1o20 gestorben. Aber die Inschrift sagt nichts vom Char 
sreitage, sondern daß Raphael am 6. April, als an seinem 
Geburtstage, gestorben sei, und setzt Hinzu: Vixit anno« 
triginta septem integer integros, zu Deutsch: er wurde als 
ganzer Mann ganze 37 Jahre alt. Vom 28. März 1483 bis 
zum 8. April 1520 zählen wir aber 37 Jahre und 9 Tage. 
Die Frage ist nun, wie scharf man Bembo's lateinische 
Wendung: Raphael lebte als ganzer Manu ganze 37 Jahre, 
rnterpretiren dürfe. 
. Die Formel „vixit integer integros“ findet sich nur in 
zwei heute bekannten antiken Grabinschriften. Die eine ist bei 
Gruter 934, 4 zu finden. Wir wissen nicht, in welchem Jahre 
Raphaels Grabstein mit Bembo's Inschrift versehen worden lei, 
aber auch wenn dies gleich nach dem Tode, vor 1525 also geschaht 
fbmtte die von Jac. Mazochi in den Epigrammata antiqua urbis 
1525 zuerst publirte antike Inschrift früher schon bekannt ge 
wesen sein und Bembv zum Muster gedient haben. Diezweite 
Inschrift gehört einer Frau und lautet wenn sie richtig ist 
(mit diesem Vorbehalte wurde sie mir von befreundeter Hand 
mitgetheilt): Domus aeterna d. AJbinae q(uae) v(ixit) a(nnos) 
XV integros integra. Miserae matris dolor aeternus. Auf 
beiden Inschriften scheint es nicht darauf abgesehen zu sein, 
die Lebenszeit bis auf den Tag genau zu fixiren, sondern es 
sollte die Verdoppelung des integer wohl nur zu einem 
unschuldigen Wortspiele benutzt werden. Möglich wäre, daß 
Bembo, dem, wie Vielen damals, die Nachahmung klassischer 
Sprachwendungen als ein hohes Ziel vor Augen stand, nur 
um die antike W.ndung anzubringen, es auf ein paar Tage 
mehr oder weniger bei Raphael nicht hätte ankommen lassen. 
ich selbst die Sache früher angesehen und bin 
lur Vasan und für die Geburt Raphaels am Charfreitag 1483 
eingetreten. Auch Passavant gab in der deutschen Ausgabe 
leines Lebens Raphael's noch den 28. Biärz an, ebenso 
Puugileoui und auch die Herausgeber des Lemonuier'schen 
Vasari. Jur dritten Bande der französischen Uebersetzuug 
bekehrt Passavant sich nachträglich jedoch zum 0. April' der 
auch auf der an Raphael's Geburishause zu Urbino ange 
brachten Tafel zu lesen steht. Auch ich bin jetzt für den 
0. April, nachdem ich früher aus folgendem Grunde außerdem 
noch den 28. März nicht hatte aufgeben wollen. 
Es war von mir als einem der ersten in dieser Richtung 
auf Vasari's totale Unzuverlässigkeit in Michelangelos und 
Raphael's Biographien hingewiesen worden. Die Ueber 
zeugung bildete sich früh bei mir, es hätten Vasari nur sehr- 
wenig gute Nachrichten über Raphael zu Gebote gestanden, 
seine Vita di Kaffaello sei aus zufälligen Notizen und auf Grund 
der Entstehungsdaten der Werke äußerlich zusammengetragen 
und sodann novellistisch ineinandergearbeitet worden. Gerade 
deshalb aber hielt ich zugleich streng daran fest, nur dann 
Vasari s Angaben zu verwerfen, wenn er sich im Widersprüche 
mit anderen Ouellen befand, ihn im übrigen jedoch gelten 
zu lassen. Deshalb, da trotz Bembo's 6. April, Vasari's Char- 
frcitag sich immer noch als wenigstens möglich zeigte, glaubte 
ich ihn aufrecht halten zu müssen. 
In den letzten zehn Jahren nun jedoch ist Vasari s Unzu 
verlässigkeit durchweg so glänzend konstatirt worden, daß 
man heute fast Scheu trägt, sich, wo es aus feste 
Daten ankommt, überhaupt noch ans ihn zu berufen, selbst 
wenn seinen Angaben keine anders lautenden oder andere 
Bedenken nicht entgegenstehen. Denn es ist beinahe die Regel, 
daß wo Aktenstücke zu Tage kommen, Vasari dabei den Kür 
zeren zieht. Jede Art litterarischen Leichtsinnes wird ihm 
jetzt unbedenklich zugetraut und zwar mit Recht. Es wird 
angenommen, daß seine Kindheitsgeschichte Raphaels, mit der 
Passavant sich immer noch zu stellen suchte, eine Erfindung 
sei. Vasari's Verdienste bleiben deshalb doch glänzend be 
stehen. Sein Werk wird als unentbehrlich immer neu gedruckt 
und kommentirt werden und als eine erfreuliche Lektüre einen 
ehrenvollen Platz behalten. Der Clsarfreitag als Geburtstag 
Raphael's 1483 aber gehört für mich jetzt zu der gesummten 
mythischen Einleitung seiner Biographie, als eine romantische 
Ausschmückung, die von Vasari angebracht wurde, um seinen 
S elben auch im kirchlichen Sinne als eine außerordentliche 
rscheinung hinzustellen. Entweder ist Vasari durch eine 
oberflächliche Rechnung zu dieser Angabe gekommen, oder er 
hat die Thatsache, daß Raphael's Todestag und Geburtstag 
auf denselben Tag fielen und daß der Todestag ein Char 
freitag war, dahin ausgebeutet, auch den Geburtstag auf den 
Charfreitag zu verlegen und die Angabe des Monats und 
Tages hier wie dort zu unterdrücken.. 
r" Wir haben außer Bembo's Grabschrift noch anderes 
Material. Michiel de Ser Vettor, ein Venetianer, schreibt 
über den Trauersall nach Hause (Pass. kr. I, 282), Raphael 
sei am Charfreitage 3 Uhr Nachts gestorben, und zwar mit
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.