Full text: Zeitungsausschnitte über Veröffentlichungen von Herman Grimm: Über Personen, ihr Leben und Werk

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Frauen. 
WaS wär' die Erde ohne Frauen? 
Das fühlt das Herz, ist's Auge blind. 
Ein Garten wär' sie anzuschauen, 
In welchem keine Blumen sind; 
Wär' wie ein Tag, der ohne Sonne, 
Wie eine Nacht ohn' Sternenlicht, 
Hätt' nie gefühlt der Liebe Wonne, 
Geglaubt auch wohl an Engel nicht! 
Dann hätte wohl auch Gottes Liebe 
Kein fühlend Herz auf sie gestellt; 
Denn wie langweilig, kalt und trübe 
Wär' ohne Frauen dem die Welt! 
Preis jeder Stunde, wo gegeben 
Gott dieser Welt ein weiblich Kind 
Zu lichtem, warmem Frauenleben, 
Und wenn es noch so viele sind! 
5. 
Die Hälfte. 
Füglich nannt' ich meine Hälfte sie, mein gutes, liebes 
Weib, 
Fünfzig Jahre lang verwachsen mit mir ganz mit Seel 
und Leib. 
Nun wo sie von mir gerissen, bin ich eine Halbheit nur, 
Denk' nur halb noch, fühl' nur halb noch, lieb' nur 
halb noch die Natur. 
Schmerzlich zieht mich's nach der Hälfte! — Tod, end' 
dieser Halbheit Pein! 
Führ' mich hin, hin, wo ich wieder mit ihr darf, ein 
Ganzes seyn! 
6. 
Gott nmft warum. 
Wenn plötzlich in dein Lebenslicht 
Die finsterste der Nächte bricht, 
Du nicht begreifst, woher sie kommt, 
Du nicht begreifst, zu was sie frommt, 
Dich tiefer Gram macht sprachlos stumm, 
Tröst' dich der Spruch: „Gott weiß warum!" 
Korrespondenz-Nachrichten. 
Karlsruhe, November. 
(Schluß von Nr. 49.) 
Karlsruhe geschildert von einem Engländer. 
Der Zustand des Handwerkers ist in diesem und 
en benachbarten Theilen Deutschlands ein betrübt ärm« 
icher. Die meisten Arbeiter erhalten, wenn sie aus der 
!ehre getreten sind, anfänglich ungefähr 2 si. 24 kr. rhein. 
lnd später etwa 4 fl. 30 kr. rhein. die Woche. Bis 
weilen gibt ihnen der Meister Kost und Wohnung, und 
jahlt ihnen bann nicht einmal ganz 1 fl. 48 kr. anstatt 
l fl. 30 kr. wöchentlich; ein Unterschied, der zeigt, von 
wie wenig ein Arbeiter in diesem Laude leben kann. Ein 
Lehrling zahlt für 3—4 Jahre ein Lehrgeld von 3—400 fl. 
rhein., und dafür und für seine Dienste hält ihn der 
Meister frei. Dann kommt die wohlbekannte Zeit der 
„Wanderjahre," die nicht viel besser ist als ein Bettelstand, 
obwohl sie bezweckt, sie in ihrem Handwerk zu vervoll 
kommnen. Jeder Reisende auf deutschen Landstraßen (ob 
seitdem die Eisenbahnen hierin eine Aenderung gemacht 
haben, weiß ich nicht) wird sich der — selbst zu unserer 
Zeit gegen früher nicht mehr so häufigen — Ansprachen 
er 
dieser wandernden Handwerksburschen erinnern, und .. 
mag leicht seine Gabe schon schlimmer weggeworfen haben 
Uebrigens bleiben sie nicht ganz ohne Unterstützung von 
ihren betreffenden Gewerben. Wie man mir sagte, hat 
jedes seinen Fond oder Kasse, die Färber, Kürschner und 
Bierbrauer ausgenommen; doch ist in der Hinsicht der Ge 
brauch nicht überall gleichförmig. Zu dieser Kaffe wirb 
ein Beitrag von etwa 30 fl bei der Aufnahme nach den 
Wanderjahren als Geselle und von 50 fl. beim Meister 
werden gezahlt; aus ihr erhalten dann die wandernden 
Gewerbsgenossen eine Unterstützung. Meist besteht rin 
eigenes Wirthshaus — die „Herberge" — ,vo sie 4 kr. 
für Schlafgeld, 4 kr. für Suppe, 6 kr. für Fleisch, 2 kr. 
für einen Teller Gemüse, und auch ihr Bier erhalten, 
und beim Weiterwanbern 48—60 kr. baar als Reisegeld. 
Das Alles wird von dem bestimmten Wirth — dem .Her 
bergsvater" — der betreffenden Gewerbe ober der Zunft 
besorgt. Können sie 1—2 Tage nach ihrer Ankunft keine 
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Arbeit finden, so müsse» sie sich entweder selbst erhalten ' 
oder weiter wandern. Einige Gewerbe geben mehr, andere 
weniger, und bei denen, die keinen Fond haben, nehmen 
die Meister die wandernden Gesellen ein paar Tage zu 
sich in's Haus und geben ihnen eine Kleinigkeit beim 
Fortgehen. 
Betrachtet man den niedern Lohn, den sie zulezt er 
halten, so erklärt sich leicht, baß ein vorzüglicher Arbeiter 
da Arbeit suchen wird, wo er besser bezahlt wirb. Die 
Folge ist, daß in den meisten kleinen deutschen Städten 
nur Arbeiter sehr untergeordneter Art sich verdingen ober 
niederlassen. Fast Alles, was sie machen, ist entweder 
nicht dauerhaft oder plump. Der geringe Profit macht 
den Meister gleichgültig, und vieles von der Arbeit wird 
den Lehrlingen anvertraut. 
Der deutsche Handwerker beneidet die Engländer um das 
Vermögen, das sie sich machen; er bedenkt aber nicht, 
daß sie — abgesehen von jeder andern Betrachtung, und 
alle die vorhin aufgezählten entmuthigenben Verhältnisse 
in Rechnung gebracht — ganz verschiedene Wesen sind. 
Nicht durch ihre Maschinen allein, sondern durch die be 
harrliche Thatkraft ihres Gewerbfleißes sind die 
Engländer die reichste Nation Europa's. Eben jene Energie 
ist aber eine Eigenschaft, die, im Allgemeinen, dem Deut 
schen abzugehen scheint. Er wird ganz respektabel seine 
Stundenzahl abarbeiten; er wird aber nicht, wie der 
Engländer, seine Ruhe oder seine Mahlzeiten dem Ver 
langen eines Kunden, um der langsamen und fast un 
merklichen Ansammlung eines in der Ferne winkenden 
Vermögens willen, zum Opfer bringen. Der englische 
Gewerbsmann begnügt sich damit, seine Vergnügungen 
oder Genüsse dem Schlafe abzuzwacken oder sie auf den 
Sonntag zu beschränken; der Deutsche aber würde seinen 
Schlaf, seine Pfeife ober althergebrachte Essenszeit auf 
die bloße Aussicht selbst eines Vermögens hin nicht 
im Stich lassen. Wenn der Gewerbsmann in einer kleinen 
deutschen Stadt zu Vermögen kommt, so geschieht dieß 
in der Regel mehr durch Umsicht und Bedachtheit, als 
durch thatkräftige Anstrengung. 
Das Thearer war für uns, wie schon bemerkt, ein 
sehr häufig benüztes Unterhaltungsmittel. Das Innere 
des Hauses soll nach dem Muster eines römischen Theaters 
gebaut * seyn; ich konnte aber keine Aehnlichkeit mit ir 
gend einem mir erinnerlichen Original finden. — Hier 
hatten wir für die mäßige abendliche Ausgabe von 1 fl. 
oder gegen ein monatliches Abonnement von 7 st. dreimal 
in der Woche den Genuß von Oper und Drama in einer 
Ausführung durch Schauspieler, die im Ganzen genommen 
keinen von mir sonst in Deutschland gesehenen nachstanden. 
Die Vorstellungen werden nie, wie in England und 
Frankreich, bis zur Ermüdung verlängert: ein mehraktiges 
* gewesen. Dasselbe ist bekanntlich im Jahr 1847 ab S e; 
brannt und dafür daö jetzige, prächtigere in einem ganz andern 
Style von Hübsch erbaut worden. 
Schauspiel oder ein paar kürzere Stücke, die dritthalb 
bis drei Stunden spielen, ist in der Regel das Aeußerste, 
und mit den Opern wird so häufig gewechselt, daß der 
Genuß ein höchst mannigfaltiger ist, ganz anders als 
! in Italien, wo bekanntlich eine und dieselbe Oper wochen- 
! lang wiederholt wird. Während unseres Winteraufeukhalts 
in Karlsruhe hatten wir u. a.: „Wilhelm Tell," „der 
Pirat," „der Gott und die Bajadere," „Robert der Teu 
fel," „Johann von Paris," „Fidelio," „Don Juan," „der 
Freischütz," „die Belagerung von Korinth," „der Templer 
und die Jüdin." 
Die Schauspiele, und mehr noch die Lustspiele waren 
oft — zu oft — bloße Uebersetzungen aus dem Französi 
schen oder Englischen. Unter den lezteren erkannte ich manche 
alte Bekannte, Simpson and Co. („der Unschuldige muß 
viel leiden"), X. Y. Z., the Three and the Deuce, und 
besonders ein Stück, das ich am allerlezten in einer 
fremden Sprache zu sehen erwartet hätte,'die »Wild Oats« 
von O'Keefe. Wer sich noch der Unterhaltung erinnert, 
die ihm diese witzige fünfaktige Posse gewährte, wird die 
Schwierigkeit einer Uebersetzung einsehen; indessen hat der 
deutsche Bearbeiter seine Aufgabe mit großem Geschick ge 
löst, und durch Einschiebung von Anführungen aus Schiller 
u. a. zu den Shakespeare'schen Citaten des Originals hat 
er ein so ergötzliches Stück, wie dieses, geliefert. 
Zu den für einen Ausländer anziehendsten deutschen 
Dramen gehörten die Darstellungen spezifisch deutscher 
Sitte und Anschauungsweise oder die aus der älteren deut 
schen Geschichte entnommenen. Auch ein historisches Trauer 
spiel aus der englischen Geschichte, „Cromwell's Ende," 
das mir ein Karlsruher Freund, in dessen Geschmack ich 
Vertrauen hatte, sehr rühmte, das ich aber zu sehen ver 
hindert war, wurde aufgeführt. Klassische Stücke von 
Schiller, Goethe, Lessing wurden leider selten gegeben; recht 
gut gefielen mir indessen Stücke, wie „Hans Sachs" und 
— theilweise •— „Johannes Guttenberg." Lezteres, aus 
der Feder einer neueren deutschen Bühnenschriftstellerin, 
schien mir im ersten Akt ein bedeutendes dramatisches Ta 
lent und Vermögen zu bekunden. Die Lage und die Em 
pfindungen Guttenbergs, voll begeisterter Zuversicht in 
den Erfolg und die Wichtigkeit seiner Erfindung, doch 
verlassen von seinen ungeduldigen und ermüdeten Freunden, 
verfolgt von seinen Gläubigern, den von seinem Ahn im 
Turnier zu Mainz gewonnenen Silberhelm zur Befriedi'- 
gung ihrer Ansprüche veräußernd, und zulezt durch die 
Umtriebe der Geistlichkeit selbst von seinem Weibe ver 
lassen, und doch immer mit hochherzigem Hoffen behar 
rend, um eine Entdeckung zu vollenden, deren Wirkungen 
auf die Menschheit er mit edler Beredtheit schildert — das 
Alles war entweder von der Dichterin schön verkörpert oder 
erschien so durch das bewunderungswürdige Spiel Karl 
Devrients. Allein der weitere Verlauf des Stücks befrie 
digte minder. Fusts Tochter stiehlt ihrem Vater die erst 
gedruckte Bibel, um sie Guttenberg zu geben, den Schöf- 
fers Ränke in den Kerker gebracht haben, und in Schöffer
	        
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