Full text: Zeitungsausschnitte über Veröffentlichungen von Herman Grimm: Über Personen, ihr Leben und Werk

© Hessisches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm Nr. Z 27 
aus : Preußische Jahrbücher,Bd. XXX 
Göthe's ungedruckte Briefe. 
Die Zahl der ungedruckten Briefe Gothe's ist eine bedeutende. Diezel hat 
jetzt eine Zusammenstellung von Uber tausend Nummern angefertigt, welche Herr 
Archivar Di*. Burkhardt in Weimar nächstens herausgeben wird. Die Stücke 
sind chronologisch geordnet und die jedesmaligen Anfangsworte angeführt. Der 
größte Theil dieser Briese findet sich im großherzoglichen Hausarchive zu Weimar. 
Aus dem von demselben Archive aufgenommenen Nachlasse des Kanzler 
Müller's theilte mir Dr. Burkhardt die Müllersche Abschrift zweier Briefe Gothe's 
mit, von denen der erste nicht unwichtig ist, da er ein meines Wissens so scharf 
nirgends sonst formulirtes Geständniß des Dichters überfein inneres Leben enthält. 
Göthe au Willemer. 
22. Dez. 1822. 
„Ihr Büchlein stimmt zu jeder religiös-vernünftigen Ansicht und ist ein Islam 
zu dem wir uns alle früher oder später bekennen müssen. Ja, das zahm-wilde 
Völkchen ist auch nicht anders; Ernst oder Scherz, Unmuth oder Gelassenheit 
sind nur die verschiedenen Schattirungen eines und desselben Gefühls. Man 
darf davon nicht viel reden, doch da Sie von gewissen Lebensepocheu sprechen, 
wo die Freude zu versiegen scheint, so kann ich auch wohl sagen, daß seit 
den: .... mir von außen viel Glück, von innen wenig Heil widerfahren ist, 
deswegen auch die einzelnen weisen Lehren, obgleich noch ziemlich heiter, zuletzt 
mit dem einlenkenden Rathe sich aber schließen: sey lustig, geht es nicht, so sey 
vergnügt." 
Auf welche Sendung sich der Brief bezieht, weiß ich nicht. Vielleicht auf 
eine von den kleinen philosophischen Schriften des Geheimrath von Willemer, 
in denen dieser von Zeit zu Zeit seine Weltanschauung niederzulegen Pflegte. 
Noch weniger wüßte ich zu sagen, wie die durch vier Punkte angedeutete Lücke 
ausgefüllt zu denken wäre. Sind die Punkte von Göthe gewollt, oder rühren 
sie von Müller her? Es handelt sich um den „Abschluß einer Lebensepoche" 
bei Göthe: welcher aber? 
Den nächsten Brief (entweder ein Zettel oder eine Stelle aus einem län 
geren Schreiben) lasse ich nur folgen, weil er sich zufällig auf demselben 
Blatte findet: 
Göthe an Carl August. 
23. Dez. 1820. 
„Das Buschmannsweib hab ich mit Verwunderung betrachtet, aber nicht 
lange, jedoch mit diesen wenigen Blicken mir schon die Einbildungskraft gar 
gründlich verdorben." 
Göthe's ossiciell edirtcr Briefwechsel mit Carl August handelt um die Ab- 
fassungszeit dieser Mittheilung durchaus von naturhistorischen Gegenständen. 
Ob ein lebendiges oder sonstwie zur Anschauung gebrachtes „Buschweib" gemeint 
war, läßt sich aus dem mir bekannten Materiale nicht ersehen. 
H. G.
	        

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