Full text: Zeitungsausschnitte über Veröffentlichungen von Herman Grimm: Über Personen, ihr Leben und Werk

' {y 
Vorrede. 
Goethes Haus in Weimar war bis in die letzten 
Tage des Dichters der Mittelpunkt einer litterarischen 
Bewegung gewesen, von der Alle in Deutschland wußten, 
und an der in Gedanken Jeder Theil nahm. Goethes, 
letztes Geschäft war die Besorgung der neuen Ausgabe 
seiner Werke, der „Ausgabe letzter Hand", und die Ord 
nung der noch zurückgehaltenen Schriften, die Eckermann, 
nach seinem Tode, als „Nachlaß" dieser Ausgabe zufügen 
sollte. Vornehmstes Stück darunter der Zweite Theil des 
Faust. Die nächsten Jahre nach Goethes Tode sehen 
wir erfüllt von dieser Thätigkeit. Goethes Auge schien 
noch über ihr zu wachen. Ein Gefühl der Ehrfurcht, 
das wir hegen, läßt die Täuschung entstehen, als ob die 
großen Männer auch als Todte noch nicht völlig Ab 
schied genommen hätten von den irdischen Dingen. Der 
Sage nach umreiten die in Erz auf erzenen Rossen da 
stehenden Fürsten in tiefer Nacht ihre Stadt und halten 
Umschau, so glauben wir auch die großen Dichter und 
Denker noch an den fortwirkenden Gedanken haftend, die 
in ihrem Geiste ihren Ursprung gefunden hatten. Ter 
vertraute Freund Goethes, der Kanzler van Müller, war 
zum Vormunde seiner Enkel von ihm bestellt worden. 
Die Goetheschen Papiere und Sammlungen unterstanden: 
seiner liberalen Behandlung. 
Die Dinge änderten sich mit dem Heranwachsen dev 
beiden Söhne des dem Vater vorausgegangenen Goetheschen 
Sohnes. Auch die Ansprüche an den im Hause lagernden 
schriftlichen Nachlaß nahmen andere Gestalt an. Schien 
in den dreißiger Jahren die Ausgabe letzter Hand den 
Litteraturfteunden völlig genug zu thun, so machte sich 
im folgenden Jahrzehnt das Verlangen kund, dem Ur 
sprünge der Werke auf die Manuscripte hin nachzugehen. 
Hatten Goethes und Schillers, Goethes und Zelters, 
Goethes und Bettinas Briefwechsel, sowie Eckermanns 
Gespräche mit Goethe neben „Dichtung und Wahrheit" 
genügt, Goethe im intimeren Verkehre zu zeigen, so 
erschienen diese Bruchstücke der verborgen liegenden um 
fangreichen Korrespondenzen nun nicht mehr ausreichend 
und es wurde auf Herausgabe der Papiere gedrungen; 
bei Goethes Erben zuerst, die sie im reichsten Maße 
besitzen mußten. 
Walter und Wolfgang von Goethe aber waren 
nicht gewillt, die in ihren Besitz übergegangenen Schätze 
offenbar werden zu lassen. Unvergessen ist, wie hart von 
ihnen an dem Entschlüsse festgehalten wurde, nichts her 
zugeben. Jahrzehnte hindurch dauerte das. Zuletzt waren 
die, welche den Inhalt der verborgenen Paquete gekannt 
hatten, alle gestorben. Goethes Enkel, selbst nun in- 
höheren Jahren, wußten wohl kaum, was sie enthielten.. 
Niemandem wurde gestattet, sie anzurühren. Man mochte- 
noch so wohl empfohlen, mit noch so begründeten. An 
sprüchen die Erlaubniß erbitten,, auch nur von Einzelnem: 
Kenntniß nehmen zu dürfen: unter Ausflüchten empfing! 
Jeder abweisende Antwort. Auch Verhandlungen,,, die 
den Ankauf des Hauses zu hohen! Preise und was die 
Papiere anlangte nur deren vorläufige Sicherstellung zum 
Ziel hatten, blieben erfolglos. Eigene Versuche, die 
Herausgabe wichtiger Briefwechsel selbst zu bewirken, die 
von den Brüdern gemacht wurden, brachten nichts zur 
Entstehung, was zu der Aufgabe in Verhältniß stand. 
Man hatte sich bei uns zuletzt an diesen Zustand gewöhnt. 
Suchen wir zu erklären, warum die Erben des wich 
tigsten geistigen Nachlaßes, der jemals vielleicht der Familie 
eines großen Mannes anheimfiel, dem ihnen zufallenden 
Amte sich nicht gewachsen zeigten. 
Die Welt hatte den Enkeln Goethes nicht gehalten, 
was der engere Kreis, in dem sie sich von Kind auf 
bewegten und den sie für die Welt ansahen, im Namen 
der Welt ihnen versprechen zu dürfen geglaubt, hatte. 
Ihrer Meinung nach vom Schicksal dazu auserlesen, in 
geistiger Production das Höchste zu erreichen, traten sie 
in vollem Vertrauen auf Erfolg mit musicalischen und> 
dichterischen Werken hervor, die es höchstens zur An 
erkennung edlen Strebens brachten, auch diese nur von 
Freunden des Hauses ausgesprochen. Mit den Jahren 
begann Verbitterung sich ihrer zu bemächtigen, in dem 
Maße anwachsend, als die Zahl der angestammten 
Freunde geringer werden mußte. Nicht mehr gehoben. 
3 
sondern bedrückt von dem übermächtigen Namen, den sie 
führten, nahmen sie bei angeborener Zartheit der Em 
pfindung, was das Leben an erzieherischen leichteren und 
schwereren Schlägen Niemandem erspart, als Kränkung hin. 
Der stets hoffnungsreiche Gleichmuth des Großvaters war 
ihnen nicht verliehen. Alle Ereignisse endlich schienen 
sich ihnen in Unheil und Bedrängniß zu verkehren: 
Wenn sie den Nachlaß Goethes zuschlossen, so hatte an 
fangs vielleicht nur die Erfahrung dazu Anlaß gegeben, 
daß das allzu liberale Verfahren des Vormundes Vor 
sicht zur Pflicht machte, da Manches von der Masse sich 
zersplittert hatte. Sie glaubten, ihre nächste Aufgabe 
sei, den alten Bestand zumal der Briefe erst wieder her 
zustellen. Später vielleicht erst scheint, ihnen unbewußt, 
das Gefühl unverdienter Vernachlässigung, der sie sich 
verfallen glaubten, den Entschluß, überhaupt Alles zu 
verweigern, hervorgerufen zu haben. Mit Bedauern sahen 
die, welche Walter und Wolfgang von Goethe näher 
kannten, so reiche geistige Begabung, so viel Liebens 
würdigkeit und Liebefähigkeit (wie Goethe es nennt), solche 
Tiefe des Gemüths mit so viel Unfähigkeit gepaart, das 
„Gemeine des Lebens" zu begreifen. Mit diesen Worten: 
hatte Goethe selbst einst einen Fehler bezeichnet, unter 
dem er sein Leben lang gelitten habe. Man gab auf,. 
Einfluß auf sie zu haben. Sie fielen der Vereinsamung: 
anheim, aus der der Tod sie hinwegnahm. 
Nur Wenige endlich noch, die ihre Natur verstanden. 
Niemand aber hatte erwartet, mit wie richtigem Urtheil 
und Gefühl ihr letzter Wille die Sorge für das, was sie 
selber endlich ja nicht mehr behüten konnten, in die 
rechten Hände legen werde. Der Familie Karl Augusts 
mußten Goethes Enkel sich doch am nächsten verbunden 
fühlen. Durch Walters Testament wurde die Groß 
herzogin Sophie von Sachsen zur Erbin des Goetheschen: 
litterarischen Nachlasses eingesetzt. Nun auch kam zu 
Tage, warum die Brüder in ihren letzten Jahren völlig 
zurückgezogen und sparsam gelebt hatten: ihr Wunsch 
war gewesen, die Summe aufzubringen, die zur Her 
stellung des Hauses nöthig wäre. Ihrem Sinne nach 
hatten sie stets so gehandelt, wie ihre und ihrer Familie 
Würde es gebot. So fällt auf Walter und Wolfgang 
von Goethes Leben, das kein von Sonnenschein über 
strahltes hatte sein sollen, das Licht großartiger Ge 
sinnung nun zurück, die mit dem großen Namen ihnen 
eigen war.. Die sie niemals verleugneten. 
// 
Goethes Werke können in der „Ausgabe der Groß 
herzogin Sophie von Sachsen", eine Unternehmung, 
welche die unmittelbare Folge des Goetheschen Testamentes 
war, nun so dargeboten werden, wie das Freiwerden des 
Nachlasses möglich macht. In den Besitz eines so hohen 
geistigen Gutes und, wie sie empfand, dem Deutschen 
Volke gegenüber in eine so verantwortliche Stellung ein 
tretend, berathschlagte Ihre Königliche Hoheit zuerst mit 
Gustav von Loeper. Bald wurde dann Wilhelm Scherer 
zugezogen. Scherers weitreichende Anschauung wissen 
schaftlicher Dinge, die Gabe energischen Vorgehens, die 
ihm eigen war, die damals unerschöpflich scheinende 
jugendliche Arbeitskraft ließen ihn zumeist als den er 
scheinen, dessen man bedurfte. Eine Reihe Beschlüsse 
wurden gefaßt und mit der Ausführung sofort vorge 
gangen: Ordnung des Goethearchives, Instandhaltung 
des Goetheschen Hauses und Aufstellung seines künstleri- 
/ schen Inhaltes zu einem Goethxnationalmuseum, Ver 
anstaltung einer Ausgabe der Werke unter Theilnahme 
der deutschen Gelehrten, und, als Träger dieser Gedanken 
und Stiftungen, Bildung einer aus den Verehrern Goethes 
in allen Ländern sich zusanimenfindenden Goethegesellschast. 
Auf der Stelle wurde all das ins Leben gerufen. Die 
Präsidentschaft der Goethegesellschaft übernahm Eduard 
Simson, neben ihm stehend ein Curatorium, an die Spitze 
des Archives trat Erich Schmidt, das Goethemuseum fand 
in Carl Ruland seinen Director. Über 1500 Mitglieder 
^ der Goethegesellschaft hatten sich eingezeichnet: im Mai 1885 
wurde die erste Generalversammlung abgehalten. 
JT 
0 
✓ 
% 
Scherer gab einen Überblick des zu Erwartenden und 
bereits Geleisteten. Die für die Ausgabe maßgebenden 
Grundsätze waren in einer Anzahl von'Paragraphen schon 
.zusammengefaßt, die Vertheilung der Äerke an die Mit 
arbeiter hatte begonnen. Goethes Briefe sollten in be 
sonderer Publication erscheinen. Für Mittheilung anderen 
Materiales war Geigers Goethejahrbuch bestimmt. Ein 
Leben Goethes sollte als Arbeit für sich von von Loeper 
'geschrieben werden. Nach allen Richtungen hin aber 
.würden die Grundsätze der philologischen Schule, welcher 
Scherer angehörte, maßgebend sein. 
Wie schwer mußte bei dieser Lage der Dinge der 
Schlag sein, den diese unter den glücklichsten Aussichten 
ins Leben tretende Organisation durch Scherers Krankheit 
und Tod empfing! 
Schon an der zweiten Generalversammlung, im Mai 
1886, hatte er sich nicht mehr betheiligen können. Da 
mals hoffte man noch, daß bei Pflege und Vorsicht Ge 
sundheit und Arbeitskraft wiederhergestellt werden könnten. 
Bei der dritten diesjährigen Generalversammlung aber 
schon, im Mai 1887, mußte von dem in der Blüthe 
seiner Jahre seiner Frau und Kindern, seinen Freunden, 
der deutschen Wissenschaft entrückten Manne als von 
einem längst Dahingegangenen gesprochen werden. 
Durch August von Loöns Tod hatte auch das Curato 
rium nun einen schweren Verlust erlitten. Ein weiterer, 
wenn auch nicht im bösen Sinne, erwuchs dem Goethe 
archive durch Schmidts Berufung nach Berlin. An seine 
Stelle, während er in der Direction der Ausgabe verblieb, 
berief Ihre Königliche Hoheit Bernhard Suphan, der nun 
auch an von Loöns Stelle ins Curatorium und, zugleich 
mit Herman Grimm, in die Direction der Ausgabe ein 
trat. Mit dem ebenfalls in diese berufenen Bernhard 
Seuffert, dem Generalcorrector der Ausgabe, bestand die 
Direction nun aus fünf Mitgliedern. 
Innerhalb der Direction hat der Hinweggang Scherers 
und der Zuwachs an neuen Meinungen entscheidende 
Folgen gehabt. Der von Suphan und Seuffert verfaßte 
Bericht wird darlegen, nach welchen Grundsätzen nun 
verfahren wird. Die gleichzeitig mit der dritten General- 
Versammlung stattfindende Conferenz der Directoren zeigte, 
wie die von Scherer zum Princip erhobene Anlehnung 
m die Orthographie. und Jnterpunction der Ausgabe 
.etzter Hand so nicht durchgeführt werden könne wie er 
gewollt. Allerdings hatte Goethe in Gemeinschaft mit 
Göttling etwas Endgültiges in ihr geben wollen. Viel 
leicht würde Scherer selbst auch, im Gegensatze zu seinen 
wsten Feststellungen, sich ihrer gemeinsamen Autorität 
später doch weniger gefügt haben: genug, es ergab sich, 
; daß, dem Texte der Ausgabe letzter Hand gegenüber, dem 
Heutigen Herausgeber im Hinblicke auf Manuscript, frühere 
Ausgaben und auf eigenes Gefühl ziemliche Freiheit zu 
gewähren sei, wie sich denn überhaupt herausstellte, daß 
keine Organisation die verschiedenen, gleichberechtigten 
Mitglieder einer Direction so zu einem Ganzen zu ver 
einigen vermöge als ob nur ein Einziger an ihrer Spitze 
stehe oder vorwaltenden Einfluß ausübe. 
Die „Ausgabe der Großherzogin Sophie von Sachsen", 
deren erste Bände jetzt erscheinen, bildet, wie wir zeigten, 
nur ein Glied in einer Kette von Stiftungen. Die Be 
rufungen sowohl derer, welche an denselben betheiligt 
sind, als auch der Bewilligungen, welcher es bedarf, er 
folgen aus Höchster Entschließung. All diese Stiftungen 
bilden im Sinne Ihrer Königlichen Hoheit ein Ganzes. 
Die Gründung des Goethearchives, wie es heute besteht, 
würden die Erblasser nie erwartet haben. Mit bedeuten 
dem Aufwande werden hier Ankäufe von Manuscripten 
:und Büchern bewirkt, durch welche das Goethearchiv heute 
'-.bereits, in den Anfängen seines Entstehens, zum Mittel 
punkte der gesummten, Goethe betreffenden wissenschaft 
lichen Arbeit gemacht worden ist. In gleicher Weise 
wird mit hohen Beträgen für Unterhaltung und Be 
reicherung des Goethenationalmuseums Sorge getragen, 
dessen Schätze zudem durch die Bereitwilligkeit der Goethe 
schen Jntestaterben iü ehrenvoller, glänzender Weise ver 
mehrt worden sind. Wir sehen Weimar nicht nur aber 
zur Centralstelle der Goethe sich zuwendenden Forschung, 
sondern zum Vororte für die gesammte neuerer deutscher 
Litteratur gewidmete gelehrte Arbeit erhoben. Goethes 
seit einem halben Jahrhundert verschlossenes Hans, mit 
allen Schätzen und Erinnerungen darin, steht, dem deut 
schen Volke neu geschenkt, nun offen wieder da. Die 
Räume, in denen er lebte und arbeitete, können betreten 
werden, unberührt, als habe er sie eben verlassen. Die 
Herausgabe seiner Werke, die ihn bis zu den letzten 
Augenblicken erfüllte, ist wieder aufgenommen. Diese 
Arbeit, die endlich wieder lebendig^ frische Triebe schlägt,, 
kann zu einer Höhe und Breite sich entwickeln, deren 
möglicher Umfang heute auch nur sich erst ahnen läßt. 
Allgemeinem Gefühle nach wird der neueren Deutschen 
Litteratur der ihr gebührende Antheil an der Erziehung 
unseres Volkes nicht mehr lange versagt bleiben. Die 
diesem Gebiete des Wissens sich zuwendende Arbeit wird 
dann zu höherer Wichtigkeit aufsteigen. Als Dichter und 
als Schriftsteller wird Goethe dann einen Rang bei uns 
einnehmen, wie er ihn zuvor nicht inne hatte. Die neue 
Ausgabe seiner Werke, die Stiftung des Goethearchives 
• und des Goethenationalmuseums werden dann als Merk 
male eines, geistigen Umschwunges gelten, von dem heute 
nur als etwas Zukünftigem die Rede sein kann, von dem 
die Zukunft aber als von etwas Vollbrachtem sprechen 
wird. Mögen Goethes Enkel durch Zögern und Zurück 
haltung sich Tadel zugezogen haben: neben dem Namen 
der Großherzogin Sophie von Sachsen werden Walter 
und Wolfgang von Goethe dann als die genannt 
werden, von betjt letztes Willen ab ein neues Aufblühen 
der litterarischen Bewegung in Deutschland gerechnet wird. 
Herman Grimm. 
'/ 
J H 'VH-' 
Im Namen der Direction. 
Hüf-ßuchdr 
r 
V 
) 
Diese Fahnen wollen Sie mit Ihren Randbemerkungen 
versehen binnen 24 Stunden nach Empfang gefälligst senden an 
Herrn 
Geheimen Regierungsrath Dr. Herman Grimm 
in 
Flims 
Waldhaus 
bei Chur (Schweiz).
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.