Full text: Zeitungsausschnitte über Veröffentlichungen von Herman Grimm: Über Personen, ihr Leben und Werk

© Hessisches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm N 
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fein fielen,vct'nfcpmoiu. .^mersons Essaytz sind gedruckte 
PrediftenZgleichsam, die sämmtlich denselben Text haben. 
* Der Uebergang vom Prediger zum freien Heetnrer war 
an fick ein natürlicher in Amerika, wo die Produktion an 
bedanken hinter der' unsrigen zurücksteht, der Austausch der 
Gedanken aber ein intensiverer ist als bei uns. Emerson hatte 
einen großen Vorgänger gehabt, den ich auch deshalb nenne, 
weil sich hierbei zeigt, worauf Emerson sich bei seiner Wirk 
samkeit doch wieder beschränkte. Channing, der „Apostel der 
Unitarier", war wie Emerson zuerst nur Prediger gewesen. 
Channing aber wußte Volksversammlungen unter stciem 
Himmel zu bewältigen, während Emerson am liebsten wohl 
vor Zuhörern in geschloffenen Räumen sprach oder Vor 
lesungen hielt. Sein Wort übertönte die Unruhe der Hörenden 
nicht/ sondern bedurfte andächtiger Stille. Er hatte nichts in 
seinen Worten wie in seiner Erscheinung, das erregte und 
direkt zu bestimmten Gedanken begeistert hätte. Es'deutete 
nur die Richtung an, in der man gehen müsse. 
Von dem Beglückenden seiner Erscheinung erzählen jetzt 
Manche. Carlyle habe gesagt als er Emerson kennen lernte: 
„er sei wie eine himmlische Vision zu ihm herabgestiegen." 
Jemand berichtet, wie er mit anderen Knaben einst Emerson 
unwillkürlich gegrüßt, als dieser die Straße herabgekommen, 
und wie freundlich er dafür gedankt. „Sagt Emerson, ich liebte 
und verehrte ihn", verlangte Sumner als er im Sterben lag. 
Die frühesten Erinnerungen an Emerson fand ich in den 
Reisebriescn der Friderica Bremer, die ihn zn Anfang der 
dreißiger Jahre in Concord aussuchte. Sie giebt zu, daß 
er ihr problematisch geblieben sei. Sie hielt seine ruhige, 
scharfe Art, die Dinge zu beurtheilen, Anfangs für Hochmuth 
und gesteht zugleich ein, sein Wesen habe einen Eindruck aus 
sie gemacht, ganz verschieden von dem, den andere hochmüthigc 
Naturen auf sie gemacht hätten. „Es wohnt in diesem Manne 
ein höherer Geist" schließt sie. Das war noch vor den Zeiten, 
an die heute erinnert wird als die, wo Emerson's Schriften 
„den jungen Leuten schlaflose Nächte bereiteten", wie Emerson 
selbst in seiner Einleitung von denen Carlyle's gesagt hatte. Seine 
Sätze legen sich in der That wie Ketten um uns; sie scheinen nicht 
geschrieben, sondern in Erz gegraben sein, als habe 
Emerson eine Ahnung gehabt, daß sie für viele Jahrhunderte 
bestimmt seien. Man pflegt von Unsterblichkeit nicht zn 
reden, so lange Menschen noch leben, Whittier aber, der 
amerikanische Dichter, sprach vor Jahren bereits aus: kein 
lebender Dichter von allen, die in englischer Sprache schrieben, 
habe Verse gedichtet, denen so deutlich der Stempel unsterb 
licher Dauer ausgeprägt sei, als denen Emersons. Tyndall 
sagt, wenn er von irgend jemand sagen könne, daß er seinem 
Geiste Anstoß und Richtung gegeben, so sei es Emerson; was 
irgend von ihm geleistet worden sei, verdanke die Welt Emerson.*) 
In ähnlicher Weise, fügt der Verfasser des Artikels, dem 
diese Aeußerung des berühmten Physikers entnommen ist, 
hinzu, würdeU-Hnndertc in 'England und Amerika sich aus 
sprechen können, die alle Emerson die anfängliche geistige 
Anregung, das, woraus es Zm Leben zumeist ankommt, zu 
verdanken gehabt. Höheres kann ein Mann von einem 
anderen nicht ^igen. Danach hat es nichts Erstaunliches, 
wenn wir Hentern jenen Zeitungen einfach, als werde eine 
feste historische Thatsache mitgetheilt, lesen, Emerson sei es ge 
wesen, von dem die heutige Epoche geistigen Daseins in 
Amerika geformt worden sei. 
Ich lernte Emersons Schriften vor langen Jahren kennen 
als ich noch jung war und kaum so viel Englisch verstand, 
um in sie einzudringen. Nie habe ich so eifrig eine Sprache 
studirt als damals. Es schien mir oft unmöglich, aus den 
Grund der Sätze zu kommen. Ich kann nicht wissen, welchen 
Eindruck mir diese Schriften jetzt, 30 Jahre später, machen 
würden, wenn sie mir heute zum ersteumale in die Hände 
kämen. Man verhärtet mit der Zeit und befaßt sich weniger 
freiwillig mit Fremdem. Damals hatte ich das Gefühl, als 
wisse so weit meine Blicke reichten Niemand solche Drnge zu 
sagen und die Dinge so zu sagen wie Emerson. Es ging 
eine sonnige Weltanschauung von ihm aus, einen Ver 
gleich, den ich jetzt oft wiederholt finde. Er schien mir die 
höchste Anschauung des Vergangenen und Gegenwärtigen aus 
zusprechen. Ich suchte Emerson kritisch zu nnter- 
suchen. Aber eS gelang mir nie. Es wohnte ihm 
eine Kraft inne, die er mit Niemand gemein hatte. 
Ein Gemälde Giotto's in Assist zeigt den h. Franziskus, 
wie er eine Frau, die ohne Beichte gestorben war, zum Leben 
wiedererweckt, nur auf so lange als es bedurfte, um ihm zu 
beichten. Die Frau richtet sich von der Bahre auf und er 
beugt sich zu ihr herab. So schien mir, als habe Emerson 
die 'Dinge erweckt und mit Stimme begabt, um ihre Geheim 
nisse zu beichten, und er wisse noch viel mehr davon als er 
ausspreche. Emerson hat eine unbegreifliche Art, den Leser 
in das Gefühl der Dinge hineinzuversetzen, ohne daß er sie 
beschreibt oder darstellt und ohne daß eine irgendwie sicht 
bare Kunst, wie er dies vollbringe, zu erkennen ist. Man 
gestatte mir noch einen Vergleich. Wie der Wind, der Nachts 
durch den Wald oder über eine Wiese geflogen ist, uns den 
Athem der Bänme und Gräser und Blumen zuträgt, die wir 
nicht mit Augen sehen, hüllt Emerspn uns in ein Gefühl 
der Dinge ein, als umgäben sie uns. Was ich damals in 
der Stille dachte, höre 'ich heute als die Empfindung Vieler 
aussprechen, als habe man von Ansang an überall nicht 
anders gedacht. Goethe sagt: „unmöglich ist's, dein Tag den 
Tag zu zeigen". Et meint, das Geheimniß der Gegenwart 
sei der Gegenwart selbst nicht klar zu legen, der Zusammen 
hang der in unendlichen Verschlingungen sich fortentwickelnden 
Erlebnisse der Menschheit, die wie eine unübersehbare Heerde 
von der Vorsehung Tag und Nacht weitergetrieben wird. 
Wir fühlen den Zwang und gehorchen. Wir fragen schüchtern, 
wohin und woher? Neberall )vird geschrien, man wisse es: 
Keiner aber glaubt diesen Stimmen. Emerson hat nie be 
hauptet, er wisse mehr als Anbete, aber seine Sätze flößen 
das Gefühl ein, als sei dem dock. so. Als könne man aus 
ihnen vielleicht eine Antwort x«ehen, ohne daß er selber 
darum wisse. Seine Worte schönen mir zu verschiedenen 
1 fähig. Seine Gedanken kamen 
geflammt 
?n Jstöczff 
mir manchmal vor wie die einzelnen Verse eines endlosen 
Gedichtes, dessen Plan sich ihm selber erst einmal enthüllen 
werde. Ich hatte lange keinen Blick in Emerson's Schriften 
gethan: als das Telegramm kam mit der Todesnachricht, nahin 
ich die zweibändige Ausgabe seiner Werke von 1871 herab, 
die Georg Bancroft mir einmal geschenkt, schlug auf und las. 
Der Reichthum und die Harmonie dieser Sprache umfingen 
und überwältigten mich aufs Neue. Ich wüßte auch heute 
nicht zu sagen, worin das Geheimniß seines Einflusses liege. 
Es ist ganz persönlicher Art. 
Was er geschrieben hat, gleicht dem nicht abbrechenden 
Lebew deö -tages selber, wie cs sich.in ewig neu anschießen 
den Atomen von Ereignissen fortsetzt. Emersons Säfte fließen 
?lt monoton und accentlos. Es sind Gedankenreihen. Er 
Annt, wo er anhebt, nur wie nach einer Pause in einer 
^oee fortzufahren, deren Anfang wir nicht hörten, und, wo 
er schließt, nur eure Pause machen zu wollen, um dann weiter 
zu reden, jemand berichtet, wie er Emerson einmal am Tage 
vor eurer Vorlesung besucht und umgeben gefunden habe von 
Papieren, ^nus denen er seinen Stoff zusammenlas. Das Zu- 
eine einzige lange Spalte bildeten, so würde man Absätze 
weeer luchen noch vermessen. Es wäre wie das fortlaufen 
Gedankenpanorama eines Menschen. Jede Minute scheint bei 
ihm ihre besonrere Frucht getragen zu haben. Emerson scheint 
me wehr geben zu wollen, als was ihm im Moment vor die 
Seele tntt. Er hat nie ein System aufgestellt. Er hat sich 
uw vertheidigt. Er spricht, als wäre er nie ange 
griffen woiten und seren alle Menschen seine Freunde 
j* 1 ! 1 J eu ] cr Einung. Er ist uie hastig oder giebt 
Wbnd etwas den Vorzug. Er macht nie stylistische Effekte, 
v! ^det gelassen, als übersetzte er aus einer fremden Sprache, 
insu-? 1 ^ü".^annt sei. Er wendet sich stets an das gleiche 
'f tC ""^kannte Masse derer, die ihn kaufen und 
e n vrer ihm zuhören wollen. Immer redet er ihr mit der- 
sro viannlichenFreundlichkeit zu. Nichts leichter, alseinen 
2' 1 ' te . r für einen hohlen Idealisten zu er- 
i e l!! C p Atlanten, der nur deshalb so über allem 
Welt beherbergt, weil er eben nirgends 
Hau'e fer. Vorwurfe dieser Art sind Emerson nicht 
geblieben, denn gegen Niemand ist die Welt mit Recht 
»-iir , und unbarmherzig, als gegen den, der den Anspruch 
! ! 11,au /olle ihm m een höchsten Gedanken einfach Glauben 
INkcn. Heute scheint man aufgehört zu haben, die Ueber- 
L^L^uutniß ieder Art die Emerson verwerthet, für 
Apparat anzusehen, mrt dem ein eitler Redner das Publi- 
tuin zu überraschen und anzuziehen sucht. Man hat entdeckt daß 
wenn Emerson Gegensätze aufstellt, in der That Gegensätze vor- 
hanren find. Auch die Natur überrascht uns durch blendende 
Lichter und Beleuchtungen. Man sieht, um auch dies zu er 
wähnen. ber Emerson, wie man bei Channing gethan, als Nebei - 
Ke an, daß er Unstarrer war. In seiner Jugend zeigt sich dies 
scharfer und daß er sich früh zurückzog und zu predigen aufhörte, 
hing mit femen reUgwsen Ueberzeugungen zusammen In 
feinen Schriften aber tritt nichts Religiöses hervor daS 
kamen anders Glaubenden Anstoß erregen vermöchte, oder das — 
Hause vergönnt gewesen, daß sich an einem folcheW,o->"-»e uic r 
wenn man nicht absichtlich danach suchen will — an die 
Lehren der Unitarier erinnerte. 
Emerson hat nun abgeschlossen. Der Versuch, ihn zu 
klassifiziren, wird doch immer wieder gemacht werden müssen. 
Einstweilen empfindet man in Amerika nur den Verlust. 
Emerson war einer der Repräsentanten des Volksgewissens. 
Die heutigen Verkehrsmittel rücken die Bürger eines Landes 
so nahe zusammen, daß sie sich näher fühlen als ehedem die 
von denselben engen Mauern zufamm engehegten Bürger 'einer 
Stadt. Man verschwieg in den alten Städten mehr und 
verfolgte sich mehr als heute wegen abweichender Meinungen. 
Emerson war eine moralische höchste Instanz für Viele und 
seine Existenz eine Beruhigung für das Land. Bei seinem 
Tode fühlt Amerika jetzt nicht nur, daß es umseinen „besten 
Mann" ärmer geworden sei, sondern zugleich, daß Emerson 
der letzte einer Reihe von Männern war, die mit ihm aus 
gestorben zu sein scheinen. Er und Longsellow werden als 
die letzten Theilhaber an einer großen geistigen Bewegung 
angesehen, die nun ihren Abschluß gefunden habe. Emerson 
selbst bereits bildete den Uebergang aber zu dem, was heute 
an die Stelle des Früheren getreten ist. Er wendet sich schon 
nicht mehr vorzugsweise an die, welche lesen oder gelesen 
haben, sondern an die, die nur Ohren haben, um zu 
hören. Brct Harte beschreibt in einer seiner Novellen 
das Häuschen eines Ansiedlers im fernen Westen: 
von geistigem F>ausrath finden sich da nur Shakespeare s Werke 
und Emerson's Portrait an der Wand. Emerson, sahen war, 
Wird neben Shakespeare gestellt: er gleicht ihm auch bann, 
daß er ohne Vorbereitung verstanden werden kann. ^n rresem 
Sinne wohl wird von Emerson, obgleich er verhaltmßmafng 
wenig Verse geschrieben hat, heute gesagt, er seh eigentlich 
kein Philosoph, sondern ein Dichter gewesen. Wollte man 
den Vergleich mit Shakespeare aufnehmen, so konnte auf, das 
Emvorauellende und den Gedankeureichthum hingewiesen 
werden, auch aus die Genauigkeit, mit,der er überall, wo er 
einen Vergleich gebraucht, ihn aus eigener Ersahiniig ge 
geben zu haben scheint, und auf den Mangel an Vorliebe für 
irgend etwas. Goethe würde er gleichen m dem Bestreben, 
Alles im Bereiche der Wissenschaft sich anzueignen, und 
in der Neigung, sich trotzdem den Vereinigungen 
der Gelehrteii ‘ fern zu halten, zugleich aber dennoch wieder, 
ohne sich zu ihnen in Gegensatz zu bringen. An Schiller 
würde der ästhetisch-politische Sinn seiner Schroten erinnern, 
aus dem, wie bei Schiller, seine demokratische Gesinnung 
hcrausleuchtct. Emerson glaubte gleich Schüler die Ueber- 
legcnheit des unschuldig ideal oenkeni.cn Menschen rwer 
Staatskunst und Ränke. Tie Ahnung einer großen Zukunst 
empfangen auch wir jetzt noch durch Schiller, die,0ow.ßhelt 
vom endlichen Erscheinen eines einfacheren, heiostchen^oltc^, 
in dem jeder wie Wattenstein's Max. auf unsere heutigen 
Schleichwege herabblicken wird. Diese Natron der Zukunft, 
an die wir alle glauben, verkündigte auch Emerson fernen 
Amerikanern. Emerson gliche auch dann Schiller dag er 
unmittelbar zu wirken suchte und ohne werteres Attco aufaß 
sobald nöthig war, daß davon dre Rede fer, wahrend Goethe 
nur annahm was feiner Natur zusagte, und dar, ftlebrrge 
zurückscheb. »Emerson spricht, was auch Augristmiw so gut 
verstand über die heikelsten Dinge ohne die Stimme zn 
Außer den als Taufzeugen geleibt 
■'•V ö?® y»ocr znhörcn 
er die ver 
mäßigen, sondern frei und unbes 
können. Mit wunderbarem Schar * 
wrckeltsten Fragen auf einfache Formet - J 
Dies tritt besonders bei feiiien Englisli Trats hervor, die 
er erst verfaßt hat, nachdem er zweimal in England gewesen 
war. Auf den Charakter,der Rare und die Beschaffenheit des 
Landes werden die Erscheinungen,,des englischen Lebens zurück 
geführt. Ich habe me einfacher über Land und Leute sprechen 
hören und der Werth des Buches ist auf beiden Seiten des 
Oceanö anerkannt. Man weiß, mit welcher Geringschätzung 
die Engländer Fremdes beurtheilen: sie scheinen mit Emerson 
eine Ausnahme zn machen. Emersons Wahrheitsliebe klingt 
aus jcdcin Urtheil heraus. (He tvas invested witli tlie ligiit 
of Iruth beginnt ein ihm gewidmeter Artikel in Harpen 
Weekly, englische Zeitungen sprechen sich ähnlich aus.) 
Er nennt die Engländer daö erste Volk der Welt, stellt 
die Deutschen aber höher. „Die Engländer, sagt er, sehen 
nur das Einzelne und wissen die Menschheit nicht nach höheren 
Gesetzen als ein Ganzes aufzufassen." „Die Deutschen, sagt 
er, denken für Europa." „Die Engländer ermessen die Tiefe 
des Deutschen Geistes nicht." Das, was Engländer, Amerikaner 
und Deutsche unterscheidet, die drei Völker, denen gemeinsam 
so große Ausgaben bevorstehen, ist oft der Gegenstand feiner 
Darlegungen. 
Hier muß Carlyle noch einmal erwähnt werden, für dessen 
Nachahmer sogar Emerson gehalten worden ist. 
Die Heroworship, die Verehrung der großen Männer, ist 
weder von Earlysle noch von Emerson erfunden worden. Sie 
»liegt Engländern und Amerikanern im Blute, als eine ihrer 
' edelsten Fähigkeiten. Möglich, daß Emerson durch Carlyle 
den Anstoß zu den ,,Repre8entative men" empfing, sein Buch 
aber ist ein ganz anders gedachtes Werk, als Carlyle's 
,,IIeroe8". Carlyle's mühevoller, unseren Blicken oft absicht 
lich seltsam erscheinender Styl kann mit dem Emerson's nicht 
verglichen werden. Ueberhaupt diese von mir versuchten 
Vergleiche Emerson's mit Anderen betreffen Aeußerlicheö, 
Zufälliges. Er stellt noch allein und braucht ein besonderes 
Kapitel in der Geschichte. In der Einleitung zn den Re- 
presentative men rühmt Emerson den „großen Männern" 
nach, jeder sei schon deshalb seinem Volke nützlich, weil er 
durch seinen Namen den Vorrath der Sprache um ein Wort 
bereichere. Emerson in diesem Sinne als „Wort" umschließt 
einen Begriff, der mit nichts Anderem erklärt werden kann. 
Emerson bewohnte in Concord ein kleines Haus, das 
einstöckig und, wie cs scheint, meist aus Holz gebaut, mitten 
in einem Garten lag. In einer Nacht käm Feuer ans und 
cs brannte ab. Emerson, als bald siebzigjähriger Mann, 
plötzlich in die kalte Nachtlust hinausgctrieben, erkrankte zum 
ersten Male in feinem Leben. Jetzt traten feine Freunde 
zusammen und deuteten ihm an, er möge eine längere Reise 
unternehmen, um seine Gesundheit wieder zu befestigen; 
die Absicht war, während seiner Abwesenheit das Haus neu 
aufzubauen. 
Emerson ging über Kalifornien nach Indien, um über 
Aegypten und Europa nach HIife zurückzukehren. So ge 
langte er nach Italien, im Kphjahr 187o sah ich ihn'in 
Florenz. Eine hohe schmale Gestalt, mit dem unschuldigen 
Lächeln um den Mund, das Kmdern und Männern höchsten 
Ranges eigen ist. ^Ctnc Teurer Ellen begleitete ihn, die für 
ihn sorgte. Die höchste Kultur- erhebt den Menschen über 
das Nationale und macht ihn ganz einfach. Emerson hatte 
eine anspruchslose Würde im Benehmen, ich glaubte ihn von 
Jugend auf gekannt zu haben. 
Vor einem Jahre etwa wurden uns die letzten Photo 
graphien aus Concord gesandt, Ansichten des neuen Hanfes, 
das Emerson bei feiner Rückkehr genau in der Form des 
alten an der alten Stelle vorgefunden hatte. Die Schul 
kinder der Stadt waren ihm entgegen gezogen, um ihn zn 
bewillkommnen. Drei Blätter waren es, die wir empfingen: 
einmal das ganze Haus von mächtigen Bäumen beschattet, 
unter denen es fast wie eine Hütte erscheint. Dann Emer- 
fon'ö Studirstnbe, fein Schreibtisch mitten darin; die Sonne 
scheint durch die Fenster hinein;, jedes Stück, von den Bil 
dern an den Wänden und der Tapete bis zu den Büchern genau 
kenntlich; man glaubt sich an etwas zn erinnern, das man 
doch nie gesehen hat. Endlich die Hausthür, das Portal: 
und in ihr und ans ihren Stufen die gesammtc Familie bis 
zu den kleinsten herab. 
Damals war Emerson noch frisch und konnte arbeiten. 
Bald darauf befiel ihn eine Schwäche; er hatte völlig sein 
Gedächtniß verloren. Einer meiner ehemaligen Zuhörer 
schrieb mir von einem Besuch,, den er bei ihm gemacht. 
„Emerson faß da, heißt es in dem Briefe, wie ein alter Adler 
auf feinem Aste. Er sprach freundlich und liebevoll zu 
mir, aber vermochte sich der Dinge und der Menschen nicht 
mehr zu erinnern." An Longfellows Leichenbegängnis nahm 
er dann noch Theil, erkältete sich bald darauf und starb an 
der Lungenentzündung, zu der sich das Leiden rasch ent 
wickelte. Die Zeitungen berichten nun ausführlich. Wer bei 
ihm war, was feine letzten Worte waren. Wie er den 27. April 
10 Minuten vor 9 Uhr Abends, ruhig einschlief. De» 
30. wurde er begraben. Sein Sohn, fein Schwieger 
sohn und feine Enkel trugen den Sarg aus ihren Schultern. 
Von allen Seiten, von Boston zumal, waren die Menschen 
herbeigeströmt. Alle Kirchenglocken läuteten. Die Stadt hatte 
Trauer angelegt. 
„Es ist natürlich, an große Männer zn glauben," 
beginnt die Einleitung zn Emerson's Representative men. 
„Die Natur scheint gemacht zu fein für den, der hervorragt. 
Die Welt wird aufrecht erhalten durch die wahrhaftige Rede 
tüchtiger Männer. Sie machen die Welt gesund; die, die mit 
ihnen lebten, fanden das Leben schön und voller Nahrung. 
Das Leben ist süß und erträglich allein im Glauben an solche 
Gemeinschaft, und wie wir leben, sei es in der Idee oder in 
der Wirklichkeit, wir leben zusammen mit denen, die größer 
sind als wir. Wir nennen unsere Kinder und unsere Länder 
nach ihrem Namen; ihre Werke und Bilder schmücken unsere 
Wände, und. jedes Erlebnis; des Tages erinnert uns an einen 
Ausspruch aus ihrem Munde oder an eine ihrer Thaten. 
Den großen . Männern nachzugehen, ist der Traum unserer 
Jugend, es ist die ernsteste Beschäftigung des männlichen 
Alters. Wir machen Reisen, um ihre Werke zu finden, oder, 
wenn es möglich ist, einen Blick von ihnen zu erhaschen." 
Die Worte klingen heute wie eine Grabschrift, die 
Emerson sich selber verfaßte. 
Mai 1882. Herman Grimm.
	        

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