Full text: Zeitungsausschnitte über Veröffentlichungen von Herman Grimm: Über Erzählungen und Gedichte

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fte wetteiferten, ihr den unendlichen Vorrath der Dinge 
zu erklären, jedes liebliche Bild strahlte aus ihr zurück, 
und ihre Augen lernten allmählig das Richtige finden. 
Das dauerte vom Morgen bis zum Abend. Wie 
rollte es fich leicht in den Wagen durch die Campagna, 
wie ritt es sich lustig durch die gebirgigen Wege, wie 
ging eS sich leicht in den Garten, und Abends, welch 
ein Leben! Man sprach, man hörte Musik, man tanzte, 
oder die Sale mit den Statuen wurden bei Fackellichte 
betrachtet, und dann die Stadt selbst im Mondschein, 
und am andern Tage sprangen schon früh Morgenö 
die unermüdlichen Fontänen im Sonnenlichte und lockten 
sie, ihrem Rauschen zuzuhören. 
Der Winter ging so hin, er war ungewöhnlich 
milde gewesen. Sie dachten, seine Strenge würde erst 
in vollem Maße eintreten, als schon überall die Knospen 
wieder sprangen und die Warme zunahm. 
Man war eines Abends in der Soiree bei einer 
französischen Familie, welche an bestimmten Tagen offe 
nes Haus hielt, und zu der sich die Welt drängte. ! 
Plötzlich sah Heinrich seine Schwester durch die Menge ! 
auf sich zukommen und still neben sich setzen. Er hatte 
ein geräuschloses Zimmer aufgesucht, wie das seine 
Art war. Emma drückte sich schweigend an ihn und 
legte ihre Hand in die seine; sie war eiskalt. Sie 
lehnte den Kopf an seine Schulter und sah zu Boden, 
aber sie sprach kein Wort. 
„Kind," rief er, „bist du krank?" — „Ja," ant 
wortete leise das Mädchen, „ich glaube mir ist nicht 
ganz wohl; geh' mit mir nach Hause. Aber sag' den 
andern nichts. Laß' uns so fortgehen." — „Ich will'ö 
nur irgend jemand sagen, damit sie sich nicht ängsti 
gen." Er verließ sie, kam sogleich wieder und ging 
bald mit ihr allein durch die dunkle Nacht. Ihre Woh 
nung war auf dem Capitol; als sie die Stufen hinan 
stiegen, hielt Emma in ihrer Mitte inne und sezte sich 
auf einen Stein. „Ich bin so müde," sagte sie, „als 
hätte ich Blei in den Knien." Er nahm ihre Hand 
und fühlte den Puls. „Fieber hast du nicht, Kind; 
ist dir sonst etwas zugestoßen?" — „Ach, Heinrich," 
sagte sie, „ich wollte, wir drei Geschwister waren noch 
bei uns auf dem Lande, und du wärst nicht fortgegan 
gen, und es wäre nichts vorgefallen. Wir waren da 
so glücklich!" Sie fing bitterlich an zu weinen. 
(Schluß 
„Bist du's jezt nicht, Kind? Ich dachte doch, du 
wärest es?" — „Komm," sagte sie, „wir wollen hinauf 
gehen." Sie stiegen die lezten Stufen hinan. Es 
dauerte nicht lange, so erschienen Albert und der Va 
ter, ein Arzt mit ihnen. Es ward eraminirt und be 
rathen, irgend etwas Unbedeutendes verordnet, und man 
beruhigte sich vorläufig. 
Andern Tags kam Emma wie gewöhnlich zum 
Frühstück. Es hatten sich schon einige Bekannte einge 
funden. Sie sezte sich still hin/ihre Augenlieder sa 
hen matt aus und waren leise geröthet, die Wangen 
ein wenig blässer, und es schien, als wäre sie größer 
geworden. Aber sie aß und trank wie sonst, sezte sich 
dann auf den sonnigen Balkon und sah hinab in die 
Orangen, die unter ihm in dichten Blättern wuchsen. 
Albert ging ihr nach und lehnte sich neben ihr auf 
die Balustrade. „Du bist nicht wohl, Emma?" sagte 
er. Sie sah ihn an, ganz fremd und kalt. „O ja, 
ich bin ganz wohl." — „Dann ist dir vielleicht etwas 
Trauriges begegnet?" — „Nein." — Sie erhob sich 
langsam, ging in's Zimmer zurück und stellte sich an'ö 
Fenster. Wiederum ging er ihr nach und stand neben 
ihr. Sie steckte die Hand in die Tasche ihres Kleides 
und ergriff ein gefaltetes Papier darin, aber sie zog 
eS nickt heraus; dann, nach einer Weile, ging sie auf 
den Balkon zu ihrem alten Sitze zurück; dießmal blieb 
Albert am Fenster stehen. 
„Was hat das Kind?" fragte Heinrich. Der 
Vater trat zu ihnen und alle drei blickten vom Fenster 
aus nach dem Balkon und sahen das lichtbraune Haar 
und die Hand, auf die sie den Kopf stüzte, unbe 
weglich. „Geh du zu ihr," sagte endlich Albert zu 
Heinrich. — „Lassen wir sie lieber," erwiederte dieser, 
„es läge auch in meiner Natur, mir nichts abdringen 
zu lassen, das ich nicht ungefragt ausspreche." 
Zwei Tage gingen so hin; wie ein ermattender 
Wind flogen sie über Emma, die keiner fragte. Am 
Nachmittag des dritten trat Albert in daö gemein 
schaftliche große Zimmer. Es war leer; nein, er hörte 
athmen, sie lag auf dem Sopha und schlief. Er trat 
näher, die eine Hand lag unter ihrer Wange, die an 
dere lang ausgestreckt; aber sie hielt etwas, etwas 
Weißes, Gefaltetes. Albert sah schärfer hin: sie hielt 
einen Brief, 
folgt.) 
Die politische Kochkunst. 
Der größte Mann in England ist in diesem Au 
genblick ein französischer Koch, So per mit Namen. 
Die Zeitungen können nicht laut genug das Lob dieses 
Mannes verkünden, der durch sein Talent in der 
Kochkunst die Kranken in Scutari gesund zu machen 
scheint. Die Minister taugen nichts, die Generale 
taugen nichts, das Commissariat läßt die Soldaten in 
der Krimm verhungern, und die Aerzte lassen die 
Kranken in den Hospitälern umkommen; aber seit Soyer, 
der Koch, auf dem Schauplatz des Kriegs erschienen, 
hat alles eine andere Wendung genommen. Warum 
sind so viele Tausende von Soldaten umgekommen? 
weil sie nicht zu kochen verstanden. Warum starben so 
viele Tausende in den Hospitälern? weil die Englän 
der nichts als Pudding zu machen wissen. Soyer hat 
dem Pudding den Krieg erklärt, und überall hört man 
das Triumphgeschrei: es lebe der pot-au-feu! es lebe 
Soyer, der den pot-au-teu den Engländern zugänglich 
gemacht! Soyer ist mit Einem Wort der große Re 
formator, der den Engländern Noth that. Die Times 
stellt ihn in einem Leitartikel als den Retter Englands 
hin, und kann nicht Worte genug finden, um den 
Engländern zu beweisen, daß sie, bevor sie sich mit 
der Errichtung von Kriegsschulen beschäftigen, vor 
allen Dingen darauf bedacht seyn müßten, Kochschulen 
zu errichten, einerseits damit die Soldaten, so lange 
sie im Dienst sind, nicht wie die Thiere von halb 
rohem Schweinefleisch zu leben brauchen, andererseits 
aber, damit später, wenn sie aus dem Kriegsdienst in's 
bürgerliche Leben zurückgetreten, sie die nützlichste Kunst 
des Friedens, die Kochkunst in ihren Familien einfüh 
ren und weiter verbreiten könnten. So nur könne das 
Kriegshandwerk auch bürgerlich nützlich und segensreich 
gemacht werden, namentlich für die Miliz, die größten- 
theils verheirathet ist. 
Was unterscheidet den Menschen vom Thiere? 
fragt die Times sehr ernsthaft. Die Vernunft? Dem 
großen Journal zufolge ist in den niedersten Ständen 
Englands die Vernunft in Allem, was das Leben und 
die Vorkehrungen zur Erhaltung desselben angeht, so 
wenig entwickelt, daß die höher organisirten Thierklassen 
über diese niedern Vclksklaffen gestellt werden müssen. 
Auch die Sprache, so wie die Fähigkeit zum Lachen 
und Weinen kann keineswegs als das charakteristische 
Unterscheidungsmerkmal deS Menschen vom Thiere gelten. 
Die Times in ihrer Begeisterung für Soyer und die 
Wunder seiner Kunst erklärt für den edelsten Vorzug 
des Menschen die Gabe, ein rohes Stück Fleisch 
in einen Leckerbissen a la sauce piquante umzu 
wandeln. 
Die Küche gilt in diesem Augenblicke in England 
für den wahren, für den einzigen Maßstab der Kultur, 
und in der Küche haben fortan die jungen Soldaten 
ihre Kriegsstudien zu beginnen. Und das Alles haben 
wir der geistreichen Times und dem geschickten Koch 
Soyer zu verdanken. Kein Wunder, daß sein Bildniß 
in allen illustrirten Zeitungen figurirt, und daß die rüh 
rendsten Auftritte seines Handelns und Wirkens bildlich 
dargestellt werden. In den Illustrated London News 
sehen wir Soyer dargestellt, wie er im Hospital von 
Scutari seine eben fertig gewordenen Suppen und Ra 
gouts den Ladies und Gentlemen und Offizieren zu kosten 
gibt, die sich alle nicht genug wundern können, wie 
man mit denselben Rohstoffen, aus denen der Englän 
der bisher nur unverdauliche Puddinge und Beef 
steaks zu bereiten wußte, so köstliche Gerichte, und für 
einen weit geringeren Preis herstellen kann. Punch 
behauptet, wenn der Lordmayor für das Mittagessen, 
das er Napoleon III. in Guildhall gegeben, in einen 
Baron umgeschaffen worden, könne man für den Koch 
von Scutari nicht weniger thun, als ihn zum Earl 
oder gar zum Ritter vom Hosenband machen. Daö 
Kreuz der Ehrenlegion soll ihm bereits von französischer 
Seite verliehen worden seyn. 
Soyer begann seine Laufbahn in England damit, 
daß er als Koch im Reformclub die ehrenwerthen Par 
lamentsglieder, die sich dort zu versammeln pflegen, 
durch die Wunder seiner Kunst und die Köstlichkeit 
seiner für den englischen Geschmack eigens erfundenen 
anglo- französischen Gerichte entzückte, und die reichsten 
unter den Lords und Peers machten ihm die glänzend, 
sten Anerbietungen, um ihn als Koch für sich zu wer 
ben. Aber Soyer hatte von jeher Neigung für das 
öffentliche, ja man könnte sagen für das politische Le 
ben, und all die glänzenden Aussichten abweisend wußte 
er es durch seine Verbindungen dahin zu bringen, daß 
die Regierung ihn mit einer Mission nach Irland be 
traute. Es war dieß im Jahr 1846 — 47. Die Kar 
toffelernte hatte fehlgeschlagen und die Hungersnoth 
wüthete in Irland. Die Irländer leben bekanntlich fast 
ausschließlich von Kartoffeln, und Soyer wollte sie von
	        

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