Full text: Zeitungsausschnitte über Veröffentlichungen von Herman Grimm: Über Erzählungen und Gedichte

© Hessisches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm Nr. Z 26 
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Dicht neben ihm stand sie. Sein schönes Antlitz 
Küßt' sie mit ihren Blicken nur, denn zitternd 
Wagten's die Lippen nicht. Sie setzt' ein Knie 
Behutsam auf den Boden, stützt' den Arm 
Hinüber — ach, und trank in tausend Zügen 
Das Glück, bei ihm zu weilen. Doch als endlich 
Sich die Gedanken klärten, als sie wieder 
Der Nacht denkt, seines Zorns, und das Bewußtseyn 
Der Schuld sie füllte, beugt sie bebend sich 
Zurück, um zu entflieh'n. Auf ewig würde 
Er sie verstoßen, seine Züge wild seyn, 
Sein Auge blitzen, und sein Mund noch härter, 
Als er gethan, sie nennen — und sie hätte 
Nichts zu erwiedern, weil sie ihn verführte! 
Noch einen Blick, den letzten — da gewahrt sie 
Die Wunde und das Blut. — Was es bedeute, 
Sie weiß es nicht; doch daß in ihren Adern 
Ein Schrecken wühlt, der kalt wie Eis ist, fühlt sie. 
Was ist das? Mit der Hand berührt sie's, wenn auch 
Schaudernd; sie muß es thun. Sie sieht sein Auge 
Sich öffnen, aber furchtlos kniet sie nieder 
Zu seinen Füßen, raust mit ihren Händen 
Das lange Gras vom Boden und umwindet 
Den Fuß, von dem das Blut rinnt. 
Er erblickt sie, 
Er stützt sich auf, auf ihre Schulter legt er 
Die Hand, und ihr gesenktes Antlitz wendet 
Er sanft entgegen sich. „Geliebte, spricht er, 
„Fliehst du nicht mehr?" O welch verklärtes Lächeln 
Um ihre Lippen! — „Stößest du mich nicht mehr 
Zurück? darf ich dir folgen?" schüchtern fragte 
Berlin, am letzten November 1855. 
j Sie so, doch seine Antwort lag im Herzen 
I Ihr, eh' sie fragte, und als er sie aussprach, 
> War nichts mehr da, das ihre Seelen trennte. 
„Was haben wir verloren?" sprach er endlich. 
; „O du! wie hätt' ich jemals fühlen lernen, 
Daß du allein mir mehr als alles werth bist!" 
Sie hört' es nicht. Umschlingend seine Seite 
Stand sie bei ihm, und als sie ihre Augen 
Weit über alle Blumen streifen ließen, 
Flog kein Gedanke mehr in trüber Sehnsucht 
Zum Paradies zurück, das sie verlassen. 
Vergessen war es nicht; doch aus dem ersten 
Verluste stieg daö Glück, das nie gekannte, 
Der Hoffnung auf zum erstenmal. Sie fühlten 
Die ahnungsvolle Kraft, das Leben weiter 
Sich zu erkämpfen, und beim süßen Lächeln 
Der Zukunft floh die Trauer um die Heimath, 
Nach der sie beide nicht zurück begehrten. 
Mit ihnen aber ungesehen wandelt' 
Der Tod, und jeden Schritt, mit dem sie fürder 
Hingingen, zählt' er schweigend, seine Pfeile 
Vollzählig alle, aber unter ihnen 
Der, wohlgespitzt, der ihren Sohn durchbohrtes 
Und um sie her, verdeckt hinschleichend, wälzte 
Die Schlange sich, im Hirne die Gedanken, 
Die den, der ihn erschlug, verführen sollten. 
Sie aber ahnten's nicht. Glücksel'ge Blindheit 
Erfüllt' ihr ganzes Herz, und über ihnen 
Streckte die Hand sich dessen aus allmächtig, 
z Dem Tod und Schlange unterwürfig waren. 
Das Reisen als ethische Kunst. 
11. 
„Der Mensch ist eine ernsthafte Bestie," sagt Fr. 
Schlegel. Das heißt: die übrigen Bestien charakterisirt 
die Heiterkeit der Naivetät, nur der Mensch hat jenen 
fatalen Ernst des reflektirten absichtsvollen Thuns, des 
überlegten Unterlassens im Guten wie im Bösen. So 
bald er jedoch entweder im Stande der Unschuld oder ; 
aber des Tugendkünstlers erscheint, fällt dieser unästhe- i 
tische trübe Schleier hinweg und seine Gebärde schmückt 
selbst in energischen Momenten die heitere Grazie. Denn 
die Schönheit verträgt sich mit jenem trüben Ernste 
durchaus nicht, und deßhalb, wo die Tugend Kunst ge 
worden, wo also das ethische Problem wahrhaft gelöst 
ist, wird sie immer mit offener, heiterer Miene erschei 
nen müssen. Dieß ist nun aber, gleichwie der Kampf
	        

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