Full text: Zeitungsausschnitte über Veröffentlichungen von Herman Grimm: Über Erzählungen und Gedichte

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Ergriffen hätt' er's gern, von da hinab 
Als die Geliebte. — Horch! da rauscht es wieder! 
Weit hinter die Gebirge niederwärts 
Ein Thier? kein Thier! —Es wandelt durch die Stämme, 
Gesehn, was da geschähe; doch empfand er", 
Sein Herz erstickt — war sie's? war's eine And're, 
Als wär' es da nicht anders. — Horch, da rauscht es 
Ihr ähnlich? — Nein! sie ging, langsam, betrübt 
Ganz nah! Es kam ein Reh; schlank setzt' es über 
Hin durch die dunkeln Stämme, sah zu Boden, 
Den Boden hin und stand, und beide blickten 
Sah auf, sah ihn und stockte. Rufen wollt' er, 
Sich an. Von denen kein's, mit denen ehmals 
Er konnt' es nicht, weil ihm-der Laut versagte, 
Er so vertraut gewesen; denn es scheute 
Den Arm nicht heben, weil sie's schrecken könnte. 
Zurück, als er die Hand entgegenstreckte, 
Er sah sie an, sie ihn; sie lehnte sanft 
Es kam nicht. Und er rief, er sprang empor 
An eine Zeder sich; es floß ihr Haar 
Und auf es zu; da eilt' es von ihm. — Thränen 
Lang über ihre Schultern; lange stand sie 
Entfloßen seinen Wimpern: er gedachte 
So da, dann einen Schritt zu ihm, noch einen — 
Der strafenden Gestalt und ihrer Worte, 
Und wieder Furcht! — Da warf er alle Schmerzen 
Die aus dem Paradies ihn fortgewiesen. 
Von sich, sprang aus und ihr entgegen; sie, 
Allein stand er. Fremd war ihm Alles; Alles 
Mit einem Todesschrei zur Flucht sich wendend, 
Floh, wenn er näher kam — wo war sein Weib, 
Eilt' durch das Dickicht, wie durch Dorn und Gräser 
Das er verstoßen? Noch den Zorn im Busen 
Sich eine Schlange windet; aber er, 
Rief er doch unwillkürlich — langsam sterbend 
Hintaumelnd, fiel, und ihm im Herzen war eö 
Gab ihm das Echo ihren Namen wieder, 
Wie Feuer, das sich nicht befreien sonnte. 
Sie aber nicht. Nun ward der Zorn zur Wuth, 
Geh'n konnt' er nicht, so schlich er auf den Knien, 
Daß ste ihm nicht gehorchte; donnernd ließ er 
Wie in der Nacht sein Weib. Und lichter wurden 
Die Stimme lauter schallen, donnernd warf sie 
Die Bäume, eine grüne, blumenbunte 
Der Widerhall zurück. Er rief und rief, 
Eb'ne that sich ihm auf. Da stand sie ferne 
Und aus der Wuth ward Wunsch, ihr zu verzeih'n, 
Mitten darin, und er sich vorwärts windend 
llnd aus dem Wunsche Sehnsucht, die heranwuchs 
Hob tausendmal das Haupt, um zu gewahren, 
Zu brennendem Verlangen. — Welche Richtung, 
Wie weit zu ihr noch wäre. Aber wieder 
In der er sie verloren? — Ueber Felsen 
Ein Schrei, und wilde Flucht, und Einsamkeit 
Klomm er, durch Bäche watet' er, durch Wiesen 
Um ihn, und dann Verzweiflung. 
Und Dickicht riß er sich hindurch, laut rufend 
Schlummer drückte 
Den Namen seines Weibes, das er liebte. 
Ihm seine Augen zu, entführte zögernd 
Der Tag stieg an. Die Sonne brannte glühend; 
All die Gedanken, und die Blumen nickten, 
Verschmachtend dacht' er nicht daran zu trinken, 
In die sein Haupt hinabsank, und die Träume 
Nur sie zu finden. Immer drückender 
Schenkten mildthätig trügerisch noch einmal 
Ward ihm die Einsamkeit und immer stärker 
Ihm die verlorne Heimath und die Unschuld. — 
Die Angst, daß er sie nicht mehr wiederfände. 
Lang lag er da, tief athmend. Sieh, da nahte 
Da riß ein Stein den Fuß ihm auf, er dennoch 
Sich die Verstoßne dennoch, vorgebeugt 
Vorwärts. Er sah das Blut: nie sah er's fließen, 
Den schönen Hals, und ihre thränenfeuchten 
Doch seine Sehnsucht tödtete Verwund'rung 
Wimpern halb niedersenkend auf die Augen, 
Und Schrecken; aber Schwachheit legt' ihn endlich 
Die rings umher nach ihrem Gatten suchten. 
In Fesseln, er sank nieder. Hingeworfen 
Sie naht sich; sie entdeckt ihn. Aus den Spitzen 
Am Rande eines Zedernwaldes schaut' er 
Der Füße kam ste näher, legt' die Finger 
Umher nach ihr, und weil die Stimme nicht mehr 
Behutsam auf die Lippen, kreuzt' die Arme 
R Gehorchte, flüstert' er den Namen leise. 
So ängstlich, strich das Haar von ihren Schultern 
■ \ Er dachte seines Glückes: — gern verloren 
Und Brüsten, daß es in den Nacken rollte, 
1 Gab er das Alles, wenn er sie besäße. 
Und seufzte. Furcht und Sehnsucht stritten wechselnd 
1 Er dachte, wie sie ihm den Apfel reichte: 
Um ihre Seele. — Nur ihn seh'n! — Fast lag er 
> \ Zum zweitenmale wollt' er aus den Händen 
Verdeckt von Gras und Blumen. — Nur ihn sehn! 
> Ihn nehmen, wenn es ihre Hände wären. 
Und leise drückte sie mit ihren Sohlen 
1 \ Er dachte, wie er sie hinweggeschleudert, 
Die schlanken Halme nieder, ihre Arme 
Und schlug sich vor die Stirn, als hält' er nichts 
Halb ausgebreitet, wie aus Furcht zur Abwehr, 
1 Besessen, als sie einzig, nichts verloren, 
M \ 
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Und doch aus Sehnsucht, ihn an's Herz zu schließen. 
J
	        

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