Full text: Zeitungsausschnitte über Veröffentlichungen von Herman Grimm: Über Erzählungen und Gedichte

Stolz mit Bogen und mit Pfeilen; 
Und die Vögel rundum sangen: 
„Schieß uns nicht, o Hiawatha!" 
Sangen Opechee, die Rothbrust, 
Blauer Vogel auch, Owaissa: 
„Schieß uns nicht, o Hiawatha!" 
Auf der Eiche, dicht zur Seit' ihm, 
Sprang das Eichhorn, Adjidaumo, 
Auf und ab die Zweige sprang es, 
Schwatzt' und hustete vom Eichbaum, 
Lachte laut, und sprach dazwischen: 
„Schieß mich nicht, o Hiawatha!" 
Und vom Pfad zur Seite hüpfte 
Das Kaninchen; in der Ferne 
Aufrecht saß es auf den Schenkeln, 
Halb in Furcht und halb auch scherzend, 
Sprechend zu dem kleinen Jäger: 
„Schieß mich nicht, o Hiawatha!" 
Doch er gab nicht Acht, noch hört' er, 
Denn er dachte nur des Rothwilds; 
Fest das Aug' auf dessen Spuren, 
Wie hinab zum Fluß sie führten, 
Zu der Furth hinab des Flusses, 
Ging er, wie wer geht im Schlummer. 
In den Erlen tief verborgen, 
Harrt' er, bis die Hirsche kamen, 
Bis er sah zwei Hörner ragen, 
Sah zwei Augen späh'n durch's Dickicht, 
Sah zwei Nüstern weisen windwärts, 
Und ein Hirsch den Pfad herabkam, 
Schön gesprenkelt, hell und dunkel 
Von des Laubes runden Schatten. 
Und sein Herz begann zu pochen, 
Flog, wie über ihm die Blatter, 
Bebte wie das Blatt der Birke, 
Als der Hirsch den Pfad herabkam. 
Dann, auf Einem Knie sich hebend, 
Zielend stand mein Hiawatha; 
Kaum ein Reislein bog und knickt' er, 
Kaum ein Blättchen macht' er rauschen; 
Doch der kluge Rehbock stutzte, 
Stampfte auf mit gleichen Hufen, 
Stand, den Einen Fuß gehoben, 
Sprang, gleichwie dem Pfeil entgegen. 
O der Pfeil, der siegende, böse! 
Wie 'ne Wespe summt' er, stach ihn! 
Todt nun lag er da im Forste, 
Bei der Furth, die über'n Fluß führt; 
Schlug sein banges Herz nicht länger, 
Doch das Herz des Hiawatha 
Pochte, jubelte und jauchzte, 
Wie den rothen Hirsch er heimtrug, 
Und Jagoo und Nokomis 
Grüßten ihn mit Beifallsworten. 
Schnitt Nokomis aus des Hirschen 
Haut ein Kleid für Hiawatha, 
Trug sie auf das Fleisch des Hirschen 
Als ein Mahl zu seiner Ehre. 
Kam das ganze Dorf und schmauste, 
Priesen Alle Hiawatha, 
Hießen ihn Starkherz, Soange-taha; 
Hießen ihn Bravherz, Mahngo-taysee! 
V. 
Hiawatha's Fasten. 
Höret nun, wie Hiawatha 
Fleht' und fastete im Forste, 
Nicht um mehr Geschick km Jagen, 
Nicht um größ're Kunst im Fischen, 
Nicht um Siege, nicht um Skalpe, 
Noch um Anseh'n bei den Kriegern, — 
Nein, zum Besten nur der Menschen, 
Für die Wohlfahrt nur der Völker. 
Baut' er erst ein Haus zum Fasten, 
Einen Wigwam sich im Forste; 
Bei dem blanken Groß-See-Wasser, 
In der lust'gen schönen Lenzzeit, 
In dem Blättermonde baut' er's; 
Fastete, versenkt in Träume, 
Sieben Tage, sieben Nächte. 
Wanderte am ersten Tage 
Seines Fastens durch den Wald er; 
Sah den Hirsch durch's Dickicht brechen, 
Sah zum Bau flieh'n das Kaninchen, 
Hörte trommeln den Fasanen, 
Trommeln den Fasanen, Bena, 
Sah das Eichhorn, Adjidaumo, 
Rasselnd zählen seine Eicheln, 
Sah die Taube, die Omeme, 
Bau'n ihr Nest auf hoher Fichte, 
Und die Wildgans, Wawa, zugweis 
Fliegen in das Moorland nordwärts, 
Schwirrend, klagend hoch in Lüsten. 
„Herr des Lebens!" ries er zagend, 
„Muß denn unser Leben, muß eS 
Hangen ab von diesen Dingen?" 
Wanderte am andern Tage 
Seines Fastens er am Flusse, 
Durch die Muskoday, die Wiese; 
Sah den Wildreis, Mahnomonee, 
Sah die Heidelbeer, Meenahga, 
Xj0) die Erdbeer auch, Odahmin, 
Und die Stachelbeer, Shahbomin, 
Und den Traubenwein, Bemahgut, 
Kletternd um die Erlenzweige, 
Füllend rings die Luft mit Wohlduft. 
„Herr des Lebens!" rief er zagend, 
„Muß denn unser Leben, muß es 
Hangen ab von diesen Dingen?" 
Und am dritten Fasttag saß er 
Hin am See, tief in Gedanken, 
An dem stillen, klaren Wasser; 
Sah den Hausen, Nahma, springen, 
Tropfen sprüh'nd wie Wampumperlen, 
Sah den gelben Barsch, den Sahwa, 
Wie 'nen Sonnenstrahl im Wasier, 
Sah den Hecht, den Maskenozha, 
Und den Häring, Okahahwis, 
Und den Shawgashee, den Krebs auch. 
„Herr des Lebens!" rief er zagend, 
„Muß denn unser Leben, muß es 
Hangen ab von diesen Dingen?" 
Und am vierten Tage lag er, 
Kraftlos da in seiner Hütte, 
Auf von seinem Blätterlager, 
Starrend mit halboffnen Lidern, 
(Voll von Träumen, schattenhaften) 
Auf die dreh'nde, schwimmende Landschaft, 
Auf den blanken Glanz des Wassers, 
Auf die Gluth der sinkenden Sonne. 
Und er sah 'nen Jüngling nahen, 
Tragend grün und gelbe Kleider, 
Kommend durch das Purpurzwielicht, 
Durch die Gluth der sinkenden Sonne, 
Grüne Federn auf der Stirne, 
Und sein Haar war weich und golden. 
Stehend da im off'nen Thürweg, 
Lang auf Hiawatha blickt' er, 
Blickte mitleidsvoll auf seine 
Bleichen, abgezehrten Züge, 
Und in Tönen, wie des Südwinds 
Seufzer in den Baumeswipfeln, 
Sagt' er: „O mein Hiawatha! 
All dein Feh'n vernimmt der Himmel, 
Denn du flehst nicht wie die Andern, 
Nicht um mehr Geschick im Jagen, 
Nicht um größ're Kunst im Fischen, 
Nicht um Siege, nicht um Skalpe, 
Noch um Anseh'n bei den Kriegern, — 
Nein, zum Besten nur der Menschen, 
Für die Wohlfahrt nur der Völker. 
„Ich, gesandt vom Herrn des Lebens, 
Ich, der Menschen Freund, Mondamin, 
Komme, warnend dich zu lehren, 
Wie durch Kampf und wie durch Arbeit 
Du gewinnst, was du erflehtest! 
Auf von deinem Blätterlager! 
Jüngling, auf! und ringe mit mir!" 
Matt von Hunger, auf von seinem 
Neisigbett fuhr Hiawatha; 
Aus dem Zwielicht seines Wigwams 
In des Sonnenunterganges 
Prächt'ge Gluthen trat hervor er, 
Trat und rang er mit Mondamin; 
Fühlte, wie er ihn berührte, 
Neuen Muth sein Herz durcbpochen; 
Neues Leben, neue Hoffnung, 
Neue Kraft durchströmen fühlt' er 
Jeden Nerv und jede Fiber. 
Also rangen sie zusammen 
In der Gluth der sinkenden Sonne, 
Und mit jedem neuen Gange 
Stärker ward mein Hiawatha, 
Bis die Dunkelheit hereinbrach, 
Und der Reiher, der Shuh-shuh-gah, 
Schrill aus seinem Nest im Moorland 
Ruf der Klage ließ erschallen, 
Schrei des Schmerzes und des Hungers 
„'S ist genug!" sprach da Mondamin 
Lächelnd schau'nd auf Hiawatha; 
„Aber morgen, sinkt die Sonne, 
Komm' ich wieder, dich zu prüfen!" 
Und mit diesem Wort verschwand er, 
Schwand und ward nicht mehr gesehen; 
Ob nun sinkend, wie der Regen, 
Ob nun steigend, wie der Nebel, 
Dieß nicht wußte Hiawatha, 
Sah nur, daß er war verschwunden, 
Daß er einsam ihn zurückließ, 
Einsam und der Ohnmacht nahe, 
Unter sich den See voll Nebel, 
Ueber sich die dreh'nden Sterne. 
Andern Tages, als die Sonne, 
Niedersinkend durch den Himmel, 
Wie 'ne rothe heiße Kohle 
Von dem Herd des großen Geistes 
In des Westens Wasser zischte, 
Wieder kam zum Kampf Mondamin, 
Kam zum Streit mit Hiawatha; 
Kam so leise, wie der Thau kommt, 
Der aus leerer Luft herabsinkt, 
Der in leere Luft zurückkehrt, 
Der Gestalt annimmt, sobald er
	        

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