Full text: Zeitungsausschnitte über Veröffentlichungen von Herman Grimm: Über Erzählungen und Gedichte

© Hessisches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm Nr. Z 26 
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Gruben ein auf seinen Ufern 
Ihre Keulen, all ihr Kriegszeug. 
Gitche Manito, der Mächt'ge, 
Er, der große Geist, der Schöpfer, 
Sah mit Lächeln seine Kinder! 
Und in Schweigen alle Krieger 
Brachen rothen Steinbruchs Rothstein, 
Formten ihn zu Friedenspfeifen, 
Brachen langes Rohr am Flusse, 
Schmückten es mit schönsten Federn, 
Und verzogen jeder heimwärts, 
Während, in die Höhe steigend, 
Durch den Riß des Wolkenvorhangs 
Ihren aufgehobenen Augen 
Sich entzog der Herr des Lebens 
In dem Rauch, der ihn umrollte, 
Im Pukwana seiner Pfeife. 
m. 
Hiawatha's Kindheit. 
Nieder durch das Abendzwielicht, 
In den Tagen jetzt vergessen, 
In den Zeiten längst verschollen, 
Aus dem Vollmond fiel Nokomis, 
Fiel die reizende Nokomis, 
Sie ein Weib, doch keine Mutter. 
Scherzte sie mit ihren Frauen, 
Schwang sich in der Rebenschaukel, 
Als ihr Mitweib, die Verschmähte, 
Voll von Eifersucht und Hasse, 
Durchschnitt die geflochtne Schaukel, 
Auseinanderschnitt die Ranken, 
Und Nokomis sehr erschrocken 
Niederfiel durch's Abendzwielicht 
Auf die Muskoday, die Wiese, 
Auf die Wiese voll von Blüthen. 
„Seht! ein Stern fällt!" riesen Alle; 
„Niederfällt ein Stern vom Himmel!" 
Dorten, unter Farr'n und Moosen, 
Dorten, bei der Steppe Lilien, 
Auf der Muskoday, der Wiese, 
In dem Mondlicht und dem Sternlicht 
Hat 'ne Tochter sie geboren, 
Und sie hieß das Kind Wenonah, 
Als die erste ihrer Töchter. 
Und die Tochter der Nokomis 
Wuchs gleichwie der Steppe Lilien, 
Wuchs empor ein schlankes Mädchen, 
Voll der Schönheit sie des Mondlichts, 
Voll der Schönheit sie des Sternlichts. 
Und oft warnte sie Nokomis 
Sagt' ihr oft und wiederholt' oft: 
„Hüte dich vor Mudjekeewis, 
Vor dem Westwind, Mudjekeewis; 
Lausche nicht auf seine Worte, 
Nimmer auf die Wiese leg' dich, 
Sitze hin nicht bei den Lilien, 
Daß der Westwind dich nicht schäd'ge!" 
Doch sie gab nichts auf die Warnung, 
Gab nichts auf das Wort der Weisheit, 
Und der Westwind kam am Abend, 
Leichthin wandelnd durch die Steppe, 
Flüsternd leis mit Laub und Blüthen, 
Beugend Blumen so wie Gräser, 
Fand die reizende Wenonah, 
Fand sie liegen bei den Lilien, 
Warb um sie mit süßen Worten, 
Warb mit seinem weichen Schmeicheln, 
Dis sie einen Sohn in Kummer 
Ihm gebar — in Lieb' und Kummer. 
So entstand mein Hiawatha, 
So entstand das Kind des Wunders; 
Doch die Tochter der Nokomis, 
Hiawathas sanfte Mutter, 
Starb in ihrem Gram, verlassen 
Von dem Westwind falsch und treulos, 
Von dem harten Mudjekeewis. 
Lang und laut um ihre Tochter 
Weint' und jammerte Nokomis. 
„Wär' ich todt!" pflag sie zu murmeln, 
„0, wär' ich todt, wie es du bist! 
Was soll Arbeit noch, was Weinen! 
Wahonomin, Wahonomin!" * 
An den Ufern Gitche Gumees, 
An dem blanken Groß-See-Wasser, ** 
Stand der Wigwam der Nokomis, 
Tochter sie des Monds, Nokomis. 
Schwarz dahinter hob der Forst' sich, 
Hoben sich die finstern Tannen 
Und, mit Zapfen drauf, die Föhren; 
Glänzend vor ihm schlug das Wasser, 
Schlug das helle sonnige Wasser, 
Schlug das blanke Groß-See-Wasser. 
Dorten runzlige Nokomis 
Pflegte kleinen Hiawatha, 
Wiegt' ihn in der Lindenwiege, 
Sanft in Moos und Schilf gebettet, 
* Indianischer Klageruf. 
** Lake Superior, der obere See. 
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Fest umstrickt mit Rennthiersehnen; 
Stillte seine Unruh, sprechend: 
„Husch! der Bär, der nackte, holt dich!" 
Lullt' in Schlaf und Traum ihn, singend; 
„Ewa-yea! * mein kleines Eulchen! 
Wer ist dieß, der hell den Wigwam, 
Großen Augs hell macht den Wigwam? 
Ewa-yea! mein kleines Eulchen!" 
Mancherlei lehrt' ihn Nokomis, 
Von den Sternen, hoch am Himmel; 
Wies ihm Jshkoodah, den Bartstern, 
Jshkoodah, mit glüh'nden Locken; 
Wies den Todtentanz der Geister — 
Krieger sie mit Keul' und Federn, 
Nordwärts flackernd weit von dannen 
In des Winters frost'gen Nächten;. 
Wies den weißen Weg am Himmel, 
Ihn den breiten Pfad der Schatten, 
Mitten durch den Himmel laufend, 
Voll von Geistern, voll von Schatten. 
An der Thür am Sommerabend 
Saß der kleine Hiawatha; 
Hörte leis die Tanne flüstern, 
Hörte leis das Wasser branden, 
Wunderbare Tön' und Worte. 
„Minne-wawa!" sprach die Tanne, 
„Mudway-aushka!" sprach das Wasser. 
Sah er auch die Feuerfliege, 
Wah-wah-taysee, sah sie schwirren 
Durch des Abends graue Dämm'rung, 
Mit dem Blinken ihres Lichtchens 
Busch und Dorngestrüpp erhellend. 
Und er sang das Kinderliedchen, 
Sang, was ihn Nokomis lehrte: 
„Wah-wah-taysee, kleine Fliege, 
Feuerfliege, Weißlichtfliege, 
Tänzerchen mein kleines weißes, 
Leuchte mir mit deinem Lichtchen, 
Eh' ich auf mein Bett mich lege, 
Eh' im Schlaf mein Aug' ich schließe!" 
Sah er auch den Mond sich heben 
Aus dem Wasser rund und zitternd, 
Sah die Flecken drauf und Schatten, 
Hauchte: „Was ist das, Nokomis?"^ 
Und Nokomis sprach, die Gute: 
„Nahm ein Krieger einst, sehr zornig, 
Nahm er seine Aeltermutter, 
Warf sie auf bei Nacht zum Himmel, 
Warf sie grade in das Mondrund; 
'S ist ihr Leib, was du erblickst dort!" 
Sah er auch den Regenbogen, 
Ostenwärts, den Regenbogen, 
Hauchte: „Was ist das, Nokomis?" 
Und Nokomis sprach, die Gute: 
„Dieses ist der Blumenhimmel; 
Alle Blumen rings im Forste, 
Alle Lilien auf der Steppe, 
Wenn sie welkten auf der Erde, 
Blüh'n in jenem Himmel ob uns!" 
Hört' er Mitternachts die Eulen, 
Kreischend, lachend tief im Forste, 
„Was ist das?" voll Schreckens rief er; 
„Was ist das?" sagt' er, „Nokomis?" 
Und Nokomis sprach, die Gute: 
„Das ist Eule nur und Eulchen, 
Sprechend in der Eulensprache, 
Sprechend, scheltend mit einander!" 
Lernte drauf von jedem Vogel 
Hiawatha seine Sprache, 
Seinen Namen, sein Geheimniß: 
Wo sie Sommers Nester bauten, 
Wo sie Winters sich versteckten; 
Sprach, wo er sie traf, mit ihnen, 
Hieß sie „Hiawatha's Küchlein." 
Lernt' er auch der Thiere Sprachen, 
Ihre Namen, ihr Geheimniß: 
Wie sein Haus der Biber zimmert, 
Wo das Eichhorn birgt die Eicheln, 
Wie so hurtig rennt das Rennthier, 
Warum das Kaninchen furchtsam; 
Sprach, wo er sie traf, mit ihnen, 
Hieß sie „Hiawatha's Brüder." 
Macht' Jagoo drauf, der Prahler, 
Er der Fabler, der Erzähler, 
Er der Wand'rer und der Schwätzer, 
Er der Freund auch der Nokomis, 
ten Bogen Hiawatha'n; 
rcht' ihn aus dem Ast der Esche, 
rcht' aus Eichenholz die Pfeile, 
ieselftein der Pfeile Spitzen, 
lern bunt der Pfeile Schwingen), 
d die Schnur aus Hirschhaut macht' er. 
Sprach er drauf zu Hiawatha: 
>eh', mein Sohn, hinaus zum Forst nun 
o das Rothwild zieht in Heerden, 
w uns einen tücht'gen Rehbock, 
Alsobald hinaus zum Forste 
Ganz allein ging Hiawatha, 
* Lullaby, Eia popeia.
	        

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