Full text: Zeitungsausschnitte über Veröffentlichungen von Herman Grimm: Über Erzählungen und Gedichte

© Hessisches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm Nr. Z 26 
Selbstverläugnung an diese naiven Stimmungen, an 
diese kindlichen und ursprünglichen Zustände herangetre 
ten und hat sie uns rein und einfach vermittelt. Auch 
in der Wahl des Metrums ist er mit richtigem Takt 
zu Werk gegangen. Indianische Versmaße gibt es 
nicht. Ein Maß, das der Simplicität des Stoffs ent 
spräche, mußte also erst zur Stelle geschafft werden; 
und so finden wir denn, daß Longfellow mit eben so 
großer Belesenheit als feinem Gefühl und sicherer Hand 
des trochäischen Metrums der finnischen Runen sich be 
mächtigt hat, wie wir dasselbe durch die Uebersetzungen 
von Platen („Wäinämöinens Harfe," in den Gedichten), 
Schröter („Finnische Runen," Stuttgart und Tübingen, 
1834), und Schiefner („Kalewala, das Nationalepos 
der Finnen," Helsingfors, 1852) kennen gelernt haben. 
Er deutet dieß zwar nicht an, aber der Habitus seiner 
Trochäen, namentlich die consequente Anwendung des 
finnischen Parallelismus (der den Runen eigenthümli- 
lichen Alliteration hat er sich natürlich enthalten), be 
weist es unwiderleglich. 
Das Schweigen des Dichters über diesen Punkt 
hat übrigens schon einen lebhaften Streit in der eng 
lischen Presse veranlaßt. DaS Londoner „Athenäum," 
in einer anerkennenden Beurtheilung des „Hiawatha" 
in seiner Nummer vom 10. November, pries auch das 
Metrum des Gedichts. Der Vers sey neu wie der 
Stoff. Er habe einen nationalen, einen durchaus ei 
genthümlichen Tonfall. Dagegen trat in der folgenden 
Nummer William Howitt auf und vindicirte die Tro 
chäen des „Hiawatha" ganz richtig den Finnen. Gegen 
Howitt ist nun aber wieder ein Mr. Mac Carthy, ein 
Uebersetzer Calderons, aufgetreten, der nachzuweisen 
bemüht ist, daß Longfellow sein Hiawathamaß den 
Spaniern abgesehen habe. — Als ob nicht die trochäi- 
Ichen Dialogassonanzen der Spanier (in Mr. MacCar- 
thys Uebersetzungen wird freilich auf die Assonanz keine 
Rücksicht genommen) von den alliterirenden Vierfüßlern 
der Finnen, in denen zur Alliteration sogar noch der 
Parallelismuö kommt, wesentlich verschieden wären! 
Tiefer gehende Kenntniß der fremden Literaturen ist 
nicht eben die starke Seite der Engländer, sonst wür 
den Controversen wie diese wohl kaum noch eine Spalte 
füllen. 
Aber geben wir lieber, statt weiterer Besprechung, 
einige Proben in möglichst treuer Uebersetzung. Es 
Icheint uns wohl der Mühe werth, dieser „Völkerstimme" 
zu lauschen; um so mehr, als es die Stimme eines 
"löschenden, eines seinem Untergange rasch und un- 
aushaltsam entgegen eilenden Geschlechts ist. 
Ferdinand Freiligrath. 
Die Friedenspfeife. 
Auf den Bergeshöh'n der Steppe, 
Auf dem großen rothen Steinbruch, 
Großen rothen Pfeifensteinbruch, 
Gitche Manito, der Mächt'ge, 
Er, des Lebens Herr, sich senkend, 
Auf des Steinbruchs rothen Klippen 
Aufrecht stand er, rief die Völker, 
Rief die Stämme rings der Menschen. 
Floß ein Fluß aus seinen Stapfen, 
Sprang hinaus in's Licht des Morgens, 
Glomm, sich über'n Abhang stürzend, 
Gleichwie Jshkoodah, der Bartstern. 
Und der Geist, sich erdwärts neigend, 
Auf der Wiese mit dem Finger 
Zog er ihm gewund'nen Pfadweg, 
Sprechend: „Den Weg sollst du laufen!" 
Aus dem rothen Stein des Steinbruchs 
Mit der Hand brach er ein Stück sich, 
Formt' es um zum Pfeifenkopse, 
Schmückt' es bildend mit Gestalten; 
Nahm zum Pfeifenschaft ein langes 
Schilfrohr sich vom Rand des Flusses, 
Mit den grünen Blättern dran noch; 
Füllete sodann die Pfeife 
Mit des Weidenbaumes Barke, 
Mit dem Bast der rothen Weide; 
Hauchte auf den Forst, den nahen, 
Ließ sich reiben seine Aeste, 
Bis in lichte Flamm' er ausbrach; 
Und aus den Gebirgen, aufrecht, 
Gitche Manito, der Mächt'ge, 
Rauchte nun das Calumet, die 
Friedenspfeife, als ein Zeichen 
Rings den Stämmen, rings den Völkern. 
Hub der Rauch sich langsam, langsam, 
Durch die stille Luft des Morgens, 
Erst ein einz'ger Strich, ein dunkler, 
Dann ein Dampfer, dichter, blauer, 
Dann schneeweiße Wölk' entfaltend, 
Wie des Forstes Baumeswipfel, 
Immer steigend, steigend, steigend, 
Bis den Himmel er berührte, 
Bis am Himmel er sich brach, und 
Rund umrollend ihn, hinausfloß. 
Von dem Thal von Tawasentha, 
Von dem Thale von Wyonning, 
Von den Hainen Tuscaloosa's, 
Von dem Felsgebirg, dem fernen, 
Von des Nordens Seen und Strömen 
Sah'n die Stämme rings das Zeichen, 
Sah'n den Rauch sich heben, ihn der 
Friedenspfeife Rauch, Pukwana. 
Und die Seher rings der Völker 
Sagten: „Seht ihn, den Pukwana! 
Durch dieß Zeichen aus der Ferne, 
Biegsam es wie Weidengerte, 
Wallend es wie Hand, die winket, 
Ruft den Stämmen, sich zu sammeln, 
Ruft in seinen Rath die Krieger 
Gitche Manito, der Mächt'ge!" 
Ab die Flüsse, durch die Steppen 
Kamen da der Stämme Krieger, 
Kamen Delawaren, Mohawks, 
Kamen Choctaws und Camanchen, 
Kamen Shoshonies und Schwarzsüß', 
Kamen Pawnees und Omawhaws, 
Kamen Mandans und Dacotahs, 
Tschippewäer und Huronen, 
Alle, alle sie gerufen 
Durch der Friedenspfeife Zeichen 
Zu den Bergeshöh'n der Steppe, 
Zu dem rothen Pfeifenfteinbruch. 
Standen sie dort auf der Wiese, 
Angethan mit ihren Waffen, 
Bunt gemalt wie Laub im Herbste, 
Bunt gemalt wie Morgenhimmel, 
Grimmig auf einander starrend; 
Im Gesichte Trotz und Ford'rung, 
In der Brust die alten Fehden, 
In der Brust den alten Erbhaß, 
Angestammten Durst nach Rache. 
Gitche Manito, der Mächt'ge, 
Er, der Schöpfer aller Völker, 
Blickt' auf sie herab mit Mitleid, 
Väterlich mit Lieb' und Mitleid;' 
Blickt' auf ihren Grimm, ihr Hadern, 
Wie auf Zank nur zwischen Kindern/ 
Wie auf Streiten nur von Kindern/ 
Ueber sie die Rechte streckt' er, 
Ihren Starrsinn zu bewält'gen, 
Ihren Fieberdurst zu lindern 
Mit dem Schatten seiner Rechten; 
Sprach mit majestät'scher Stimme', 
Wie das Brausen ferner Wasser,' 
Niederfallend in den Abgrund, 
Warnte, schalt, sprach solchermaßen: 
„O ihr meine armen Kinder! 
Lauschet nun dem Wort der Weisheit, 
Lauschet nun dem Wort der Warnung 
Von des großen Geistes Lippen, 
Der euch schuf, vom Herrn des Lebens! 
„Gab ich Land euch, drauf zu jagen, 
Gab ich Ström' euch, drin zu fischen, 
Gab ich euch den Bär, den Bison, 
Gab ich euch das Reh, das Rennthier, 
Gab ich Biber euch und Schneegans, ' 
Füllt' ich euch den Sumpf mit Vögeln, 
Füllt' ich euch den Strom mit Fischen: 
Was denn seyd ihr nicht zufrieden? 
Was denn jagen wollt ihr selbst euch? 
„Müde bin ich eurer Fehden, 
Müde eures Blutvergießens, 
Müde eures Fleh'ns um Rache, 
Eures Haders, eurer Zwiste. 
Eure Stärke ist die Eintracht, 
Was euch fährdet, ist die Zwietracht; 
Haltet Friede drum von nun an, 
Und als Brüder lebt zusammen! 
„Will ich senden euch 'nen Seher, 
Einen, der die Völker rettet, 
Der euch führen soll und lehren, 
Für euch schaffen, mit euch leiden. 
Wenn ihr hört aus seinen Rathschlag, 
Sollt ihr fruchtbar seyn und glücklich; 
Wenn sein Waruwort ihr nicht achtet, 
Schwinden sollt ihr und zu Grund gch'n 
„Badet nun im Strome vor euch; 
Kriegessarbe nun vom Antlitz, 
Tropfen Bluts wascht von den Fingern; 
Keulen nun begrabt und Waffen; 
Brecht im Steinbruch hier den Rothstein, 
Formt ihn um zu Friedenspfeifen; 
Nehmt das Schilf, am Flusse wachsend, 
Schmückt's mit euren schönsten Federn; 
Raucht das Calumet zusammen, 
Und als Brüder lebt von nun an!" 
Warfen von sich da die Krieger 
Ihre zottigen Hirschfellmäntel, 
Ihre Waffen und ihr Kriegszeug, 
Sprangen in des Flusses Rauschen, 
Wuschen ab die Kriegesfarbe. 
Ueber ihnen floß das Wasser 
Klar und lauter von den Stapfen 
Niederwärts des Herrn des Lebens; 
Unter ihnen floß das Wasser 
Trüb und schmutzig, purpurstreifig, 
Als ob Blut sich mit ihm mischte. 
Kamen aus dem Fluß die Krieger, 
Rein von aller Kriegessarbe;
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.