Full text: Zeitungsausschnitt über Marie Rehsener

© Hessisches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm Nr. Z 22 
^ .. Wie die Farben des Regenbogens lagen die Anlagen in dieser 
schürten Seele nebeneinander. Eine ganz eigens Gabe war ihr 
eigen — die Kunst, mit der Schere auszuschneiden. In wunder 
barster Feinheit hat sie Pflanzen, Blumen, Menschen und Dinge 
aus schwarzem Papier hervorgezaubert. Die Schere mußte den 
beseelten Fingern folgen und verrichtete manches Wunder. In 
phantasievoller Weise verstand sie Dichtungen mit ihren Silhouetten 
zu beleben. Das erste dieser Werke war „Sakuntala" von Kalidasa, 
die zarte altindische Märchendichtung. Später hat sie neben 
kleineren Sachen F. Grcgvrovius' erzählende Dichtung „Euphorion", 
die rat antiken Pompeji spielt, mit seinempfundenen Silhouetten 
illustriert. An immer höhere Aufgaben konnte sie gehen, bis sie 
sich entschloß, zu Goethes „Iphigenie" Illustrationen zu schaffen. Bor 
einigen Jahren hat Professor Heuer in Frankfurt a. M. dieses 
feine Kunstwerk durch Vervielfältigung der Allgemeinheit zugänglich 
gemach! (Verlag des Frankfurter Goethemuseums). Es sind Blätter 
feinsten Kunstempfindens, sich einfühlend in das große Dichterwerk. 
Dis Iphigenie Marie Rehseners ist keine heroische Frau von mächti 
gen Körperformen, wie sie Feuerbach geschaffen hat. Eine bei aller 
Würde zarte und jungfräuliche Gestalt hat Marie vor uns hingestellt. 
Einer der feinsten Goethekenner, Herman Grimm, hat in seinem 
geistvollen Essay über Iphigenie gesagt, daß seinem Ideal der 
Iphigenie diese am nächsten käme. Zart beseelt sind auch die 
übrigen Gestalten der Dichtung-, man könnte sie musikalisch emp 
funden nennen. Marie hat der Technik des Scherenbildes mit diesem 
Werk neue Bohnen gewiesen. Früher standen die Gebilde der 
Scheere unvermittelt da, ohne Hintergrund. Sie hat mit feinem 
Stilgefühl durch Tönung des Papiers, durch zarte Schraffierung, 
einen Raum für die Gestalten geschaffen, und ihnen dadurch Licht, 
Luft und Perspektive ermöglicht. Die Szenen die sie darstellt, 
sind meist durch Bäume und Pflanzen belebt. Mit unendlicher 
Liebe und feinem Ncüurempfinden hat sie die zarten Gebilde 
wiedergegeben, in denen die dichterische Empfindung leise ausklingt. 
Dieses Werk bildet wohl den Höhepunkt ihres Schaffens. 
In Gossensaß war es, wo sie die Nachricht vom Tode ihres 
verehrten Freundes Grsgorovius erhielt. Der Schmerz reift in 
Marie eilten Entwurf zu einem Grabdenkmal für ihn. Diese ihre 
Zeichnung bekundet nach dem Urteil eines dort anwesenden Bild 
hauers ein so bedeutendes plastisches Talent, daß er sie veranlaßte, 
in Ton zu arbeiten. Eine ganze Reihe anmutiger, liebenswürdig 
empfundener Figuren bezeugt die Richtigkeit dieses Urteils. Eine 
Anzahl dieser kleinen Kunstwerke war ttft Sommer 1906 mit den 
Silhouettenschöpfungen in einer Sonderausstellung des Frankfurter 
Kmlstvereins zur Anschauung gebracht. Es konnte nicht fehlen, 
daß Maries Talente überall Beachtung und Aufmerksamkeit er 
regten. Aber bei all ihren Anlagen fehlte ihr ein Talent völlig, 
cvas sonst nur zu weit verbreitet ist, die Kunst, sich in den Vorder 
grund zu stellen und von sich reden zu machen. Vor allem, was nur 
im entferntesten nach Reklame aussah, schreckte ihre vornehme 
Natur zurück. Daß einer solchen Persönlichkeit der Beifall der 
Menge nicht zuteil wurde, läßt sich denken. Aber sie verstand, sich 
einen edlen Freundeskreis zu erwerben, der ihren Wert voll er 
kannte. Mt Herman Grimm verband sie bis zu seinem Tode 
herzliche Freundschaft. Wie schon erwähnt, gehörte F. Gregorovius, 
Roms Geschichtschreiber, zu ihren nahen Freunden. Ludwig Knaus 
stand ihr nahe und der römische Bildhauer Josef v. Kops, um nur 
die klangvollsten Namen zu nennen. Und neben ihr darf man ihre 
treue Schwester Johanna nicht vergessen, die stets ihre verständnis 
vollste Mitarbeiterin gewesen fft. Das Schwesternpaar gehörte 
der engeren Gemeinde derer atr, die sich an Goethes klassisches 
Kunftldeal angeschlossen hatten. ^ Der Höhepunkt ihres Kunst 
empfindens bildete Italien, das seit so vielen Jahrhunderten das 
Ziel der germanischen Sehnsucht gewesen ist. Jetzt sehen wir mit 
tiefem Schmerz diesem reichen deutschen Kunstleben noch, das in 
Rom seinen Mittelpunkt hatte und dort in fruchtbarer Arbeit reiche 
Schätze der Kunst schuf und' durch wissenschaftliche Arbeit Ver 
ständnis für die Werke der Vergangenheit erweckte. Durch den 
Treubruch Italiens ist all dies fruchtbare Leben vernichtet worden. 
3n Freiburg fand Marie Rehfener, die durch schmerzliche 
gichtische Leiden ihrer Bewegungsfreiheit beraubt war, ein freund 
liches Asyl. Auch hier hat sie treue Freunde gefunden, die gern 
an ihrem Bett saßen und ihren immer anregenden Erzählungen 
lauschten. Sie verstand, anmutig zu erzählen. und wie ein Friedens 
port in schwerer Zeit wirkte das stille Krankenzimmer mit seinen 
beiden Bewohnerinnen. Alle, die die feinsinnige Persönlichkeit 
Maries gekannt haben, werden ihrer stets -in Liebe rmd Treue 
gedenken. ■
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.