Full text: Zeitungsausschnitte über Elisabeth von Heyking

© Hessisches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm Nr. Z 20 
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Schließlich war Großmama adrr doch recht fnch. als f« wi^ 
in ihr altes SsRoh heimgekehrt war. Ln der großen Stadr^/- 
ihr manchmal gewesen, als fei sie in einer ungeheuern Werkst j 
p nah; an die zentrale Maschine geraten, die rat ihrer Kraft alle 
Räder, Hödel, Toeidrirmen und BÄzen in Dowe^rng setzt. Kaum 
ru erteager, woeerrdas Schwingen und Bidriervn geweser», zu stark 
da« Dröhnen mrd Siampien. 
Auf dem Lande war. mochte noch Krieg sefti. doch immer ein 
gewisser Friede zu finden. Es schwirrten da nickt beständig 
tausend Gerücht« durch die Lust, die in Atem hielten, und, 
kaum sernonuaen» schon wieder durch neue. oft -Mau entgegen 
gesetzt« Üderholl rvNden. Man hörte wemger von dem, was 
draußen und drinnen auf den vielen Kriegsbühnen und hinter ihren 
Kulissen tatsächlich vorging, aber auch. wenig«? von dem, was 'm 
jedem einzelnen Augenblick vielleicht echofst, vielleicht gefürchtet 
wurde. Und was man vernahm, auch wenn es einmal ungünstig 
lautete, wurde mit größerer Gelasterchstt aufgenommen. Die 
Nerven der Menschen, die fett Generationen xoifchen Feld und 
Duld aus eignem Boden gelebt hatten, war« vielleicht, doch 
bester geblieben als bk der Millionen, die. zwischen den viel« 
freudlosen Mietwohnungen der Großstädte hin unb her wechselnd, 
**i« zu dem beruhigenden Bewußtsein wirklicher Seßhaftigkeit 
i kämmen sondern, mehr noch als ave orfocTit Erdenbewohner chr ! 
lang Ziehende gewesen waren. Etwas Robusteres hatten 
diese ländlichen Manschen. Und gewohnt, die Wechsel'ille der 
Witterung gleichmütig hinzunehmen und bei 5)age!schiag oder 
Wolkknbnrch nur an möglichst rasche Beseitigung der Schäden zu 
deitken, machten sie nicht, wie manche überreizte Groszstädler, ihren 
GeMilen Lust in w'lden Haßgesängen, hielten sich oder auch 
mcht. wie andre überfein Besaitet^, nachträglich mit Spekulationen 
darüber aus, was sich vielleicht hätte vermeiden lassen, und ob 
Deutschlmrd denn auch wirklich im Rechte sei. 
La, wohltätig empfand Großmama die Ruhe, die über dem 
winterlich verschneiten Lande lag, und am wohlsten und zuvor- 
sichtlichst-n fühlte sie sich. als sie wieder unter ihren Genesenden, 
ihren seldgraiten Pfiegebesohlenon. war. Von ihnen, strömte in 
schöner Solbskversimtdlichkeit der ergebene und doch starke Ge.st 
was. .der in dieser Zeit not tat, weil er allem sie richtig zu tragen 
lehrte. — Unter ihnen verlebte auch Großmama ihr Wrchnachkn. 
©** hatte sich vor dem Abend etwas gefürchtet, denn von allen Ge 
denktagen war es derjemg?, durch den die Erinnerung an die drei 
fehlenden Cnki. von'denen der eine nie mehr ein Weihnacht^ 
bäumchen sehen würde, ihr am schmerzlichsten zum Bswußt-ein 
kotrnnen mutzte. Aber dann war es bei diesen grauen Hemden 
Enkeln so rühmend feierlich gewesen, daß sie sich selbst glücklich ge 
fühlt hatte. Glücklich, ihnen dos Fest schon gestalten zu dürfen, 
dankbar für die äußere Unabhängigkeit, die ihr das e"möglichle. und 
für die inner«, durch die sie Freude und Genügen in ihrem Dun 
selbst fand. ohne, wie sie es von manchen Bescherenden in den 
Lazaretten der Großstädte wußte, von der G-egsruvarl irgsndemer 
hochgestellten Persönlichkeit erst die wahr« Weihe zu e rsar«n. 
Und daim waren auch bald Briefe gekommen vom Marineenkel. 
brr den Weihnachtsabend auf der See verlobt hatte, von dem 
jüngsten, der aus einem Schützengraben m Flandern schrieb, wo 
er mit feinen Kameraden nun schon lange, statt zu Pferde, ttes 
in der Erd« dem Vaterland« di-enle. Aber er teilte Großmama 
mrch schon mit. daß er sich zum Fliegn- gemeldet habe, denn di« 
Sehnsucht hinmrf in die Lüfte war eben doch zu stark in ihm. 
und die anfänglich« Sorg«, er könn« durch die Dauer der 
Ausbildungszeit fi'rr Kampf mrd Sieß zu spät kommen, war ja 
lTnsst «rflummt. 
.Denn daß es ein langer Krieg werden würde, daß man mel- 
leicht grlmmor Röt ent-^gen^ng, war allmähLch allen zum Be 
wußtsein gekommen Aber auch dies« Möglichkeiten umrden in den 
kleinen Landgemeinden ruhiger als in den großen Mittelpirnkum 
hingenommen. Wo man der nährenden Mutter Erde fo nahe war 
wld sich jahraus jahrein mit der Heworbringung und Bergung 
Mer Erzeugnisse beschäftigte, schien Aushungerung eine ünsinmge 
Drohung. Und es lag auch darin eine beruhigende 
baß jeder jeden amOrte Sonnte: wenn es einem schacht gftra, w.mdcn 
sich stets andre finden, die aushalfen — und für äußerte 
waren ja von jeher die alte Frau Gräfin auf dem Schlösse, aer 
aftf Herr Pastor im Pfarrhaus« zu finden gewesen. Daß jemand 
rmbemertt z« Tode darbte, war hier undenkbar. 
(Fortsetzung folgt.)
	        

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