Full text: Zeitungsausschnitte über Elisabeth von Heyking

denen, die ihr Teil leisteten. Ein weitläufiges Nebengebäude hatte 
sie gleich zu Lazarettzwecken angeboten, und jetzt, wo die Ve^ 
wunderen sich täglich mehrten, wurde es belegt. Konnte auch 
Großmama nicht mehr selbst pflegen, so saß sie doch täglich cm den 
Betten ihrer Schützlinge und erzählte diesen ihr so plötzlich herein- 
geschneW fremden Enkeln, was sich so m ihrem langen Lebm 
an freundlichen Eindrücken und heitern Ges-chichtchen angesammelt 
hatte. Die eignen Enkel kamen dabei oft vor, und die Verwundeten 
kannten sie bald ganz genau. Der Gedanke an die Enkel, an den 
toten und die lebenden," begleitete Großmama ja auf allen Wegen, 
und bei allem, was sie andern tat, war m ihr selbst kaum gE 
bewußter Versuch, zu paktieren: was ich nur irgend kann, will lch 
diesen Armen hier geben, aber daß -mir dafür meine beiden draußen 
erhalten bleiben. 
Für den Pastor gab es in dieser Zeit viel zu tun. Ei-lüge Lehrer 
der Schule waren einberufen, deren Unterrichtsfächer er Mt über» 
nommen hatte. Und es waren so manche im Dorf zu ermuntern, 
denen die Feldpostbriefe zu spärlich eintrafen, und andere zu 
trösten, für die sie nie mehr anlangen würden. Häufig amh hatte 
er Rat zu erteilen, wo die Noufo-rderungen an der Menschen Krafle 
und Anpassungsfähigkeit gar zu plötzlich und verblüffend schienen. 
Aber neben allem dem fand er doch oftmals Zeit, zu Großmama 
und ihren Verwundeten zu kommen. Großmama gegenüber 
brauchte er auch nicht der immer Gebende zu fein. Bor der so me! 
Ältern konnte er sich selbst einmal ausfprechen über alles, was ihn I 
bedrückte. Seme Kümmernis war der Haß, der durch die Wen 
ging und mit jedem Schritt zu wachsen schien. — Denn die Zeit 
des ersten ungläubigen Erstaunens vor dem, für die Masten 
wenigstens, so plötzlich entstandenen Kriegsphänomen war langst 
vorüber. Zorn und Empörung waren an seine Stelle getreten. 
Zorn, daß es kleinen, aufwiegelnden Rotten in den fsmdlichen 
Ländern wirklich gelungen war, die in HaGschlnmmer hiw 
dämmernde Welt in all diesen Jammer zu zerren; Empörung, daß 
die so lang schon Zwietracht Säenden, Neid und Mißgunst 
Hegenden es nun auch noch verstanden, den überfalleMN als An 
greifer darzustellen, und diesen bei so mancher EelogenlM säum- 
selig Friedfertigen vor der ganzen Welt als hinterlistigen, M 
langem nur des Anlasses zu Raub und Mord Harrenden zu brand 
marken. Der Apparat der Verleumdung hatte ja vom ersten Tags 
an nach bängst erwogenen Plänen und wohlbewährten Methoden 
gearbeitet, denn diese Organisation befand sich offenbar schon an 
dem Kriege in -latent mobilisiertem Zustand. Sie schob sofort chre 
Truppen von Lügen, Verdrehungen und Aufreizungen 
zwischen den zu Vernichtenden und das Urteil der ( 
übrigen Welt, schnitt ihn ab von aller Möglichkeit, j 
appellieren und lehrte dem Eingekreisten die Wahrheit des i 
alten Wortes: Wehe dem, der allein ist. Der Pastor aber, dessen 
freundliche Augen ein Leben damit verbracht hatten, überall das 
Gute zu suchen und zu finden, konnte es nicht verwinden, daß 
in jedem nicht nur den augenblicklichen Gegner, sondern das Bo;e - 
an sich erblickte. Es grämte ihn im tiefsten Herzen, sein DeutschlE>" 
so verleumdet und so verhaßt zu sehen, daß es selbst wieder hassen 
mußte, und er konnte es oft kaum fasten, daß Gott all diese iln- 
gerechtigkeit, diese allgemeine Verbösung der Weit zuließ — um 
doch rettete er sich immer wieder vor den Menschen, bei denen es 
keine Unparteilichkeit mehr gab, zu Gott, dem höchsten Richter. 
, Großmonra staunte nicht weniger über das, was Wort und Feder, 
-eifersüchtig auf das Verheerungswerk von Schwert und Feuer, 
ihrerseits zerstörten, und sie wunderte sich nicht gar so sehr über 
den grimmen Haß, der allerwärts auflohte wie ein seit langem 
glimmendes, nur mühsam unterdrücktes Feuer, dessen flackerndes 
Flammenlicht nun alles entstellte. Zu oft ja hatte sie in ihrem 
langen Leben an den Schicksalen einzelner beobachten können, wie 
sich der Neid besonders gern an jede durch irgendeine Eigenschaft 
p.wtzlich neu hervorragende Menschengestalt heftet, deren Bedeutung 
erne noch nicht ganz in die allgemeine Gewöhnung übergegangene 
m und die daher noch bestritten werden kann. Gegen solche 
-w.esen hatte Großmama den Neid arbeiten sehen mit seiner un 
heimlichen Waffe, der Verdächtigung. Er flüsterte von maßlosen 
Bestrebungen, vom Wunsche, andre aus längst erworbenem An 
sehen zu verdrängen: er weckte das Mißtrauen, mobilisierte überall 
aas Böse, zwang es in seinen Dienst. Und dann war bald die 
Leere um also Betroffene geschaffen. Von argwöhnisch Lauernden 
wurden die oft Ahnungslosen umspäht, und bei erstem günstig 
scheinenden Anlaß fielen die Schadenfrohen wie eine Meute über 
sie her, verfolgten sie, hetzten sie zu Tode. Auch Großmama hatte 
solche zu Tode Gehetzten wohl gekannt. Darum dünkte es sie nicht 
eben sonderbar, daß es im Leben der Völker garrz ähnlich zuging. 
Daß auch da mit verschiedenerlei Maß gemessen wurde und jede 
noch so sinnlose Verdächtigung willige Hörer fand. Daß sich auch 
da alle zusammenscharten, um einen neu Emporstrebenden, sie 
unbequem Dünkenden hintanzuholten, ihm als Habsucht und Macht 
gier anrechnend, was sie sich selbst doch seil Jahrhunderten ge- 
statteten, Haß Agen,hn entfesselnd, Einsamkeit um ibn sckattend. 
tfm dann vernubjpn zu können
	        

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