Full text: Zeitungsausschnitt über Clemens Brentano und Ferdinand Freiligrath

© Hessisches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm Nr. Z 17 
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Jllustrirte Deutsche Monatshefte. 
decken, sondern so gar reihend trapiren, 
ein mächtiges schier am Boden schleifen 
des goldenes Vlies über dem jungen Schä 
ferhund, in dem sich ein Wolf und ein 
Hund gekreuzt zu haben scheinen; in Wien 
schnurrte die Fülle des Costümes zwar 
nicht zussammcn, aber entweder wuchs die 
Armuth und Blöße, oder Vieles von dem 
Vlies fiel in die Hölle des Schneiders, 
alles sieht sich noch herrlich vom Stephans 
thurm herab au, aber ich möchte hören, 
was dieser Thurm von dem talentvollen 
tragischen grimmigen Dichter sagen dürfte, 
wenn ihm Gott eine Stimme verlieh; 
ein Mensch von zwanzig Jahren, der so 
in die Welt hinein singt, wie er sagt, nach 
Freiheit verschmachtend, und der am Ende 
in keiner Sklaverei ist, als in der ganz 
freiwilligen seiner Leidenschafften, wäre 
nicht gewissenhafter zu belohnen, als wenn 
man ihm nur auf ein paar Monate ein 
Freibillet in die Große Oper seiner Frei 
heit, und ein ad libitum libidinis zu allen 
ihren ausgerenckten und eingeränckten 
Tanzgöttinnen geben könnte — ich zweifle 
nicht, es dürste bald eine Polizeiwache 
nöthig seyn, damit dieser Dilletant, unver 
mögend das Abonnement suspendu länger 
zu erwarten, sich nicht selbst aufhängte, 
um seiner ersehnten Freiheit los zu wer 
den. Mir füllt hiebei eine neue Wiener 
Anecktode ein, ein ungarischer Grenadier 
stand Wache an der Donau, ein Diletant 
des Selbstmords will sich ertränken, tappt 
hin und her iin Strom, findet keine gehö 
rige Tiefe und verläßt geärgert durch diese 
Seichtigkeit bett Fluß und hängt sich dicht 
neben der Schildwache an den Palisaden 
auf; als der ablösende Corporal den 
Soldaten fragt: Wos ist dos, do hangt 
aner dicht neben Deiner, ist dos Schild- 
woch gstonden? da antwortet dieser, no, 
dos is neben der Schildwoch ghanga — 
is seiner int Wosser um me putscht, Hot 
seiner gonz noß gmocht, Hot si dann auf- 
ghanga, hob i maint, wollt seiner wieder 
trocknn. — Jetzt aber geht der arme 
Libertomane wallfahrten nach Weimar 
in Göthens Haus, der alleitt grad und 
seine Zeit überragend war, durch Maas, 
Gesetz, Ordnung und Beherrschung der 
unendlichen Idee, er kannte keine Freiheit, 
als das strenge Gesetz der Kristalisation. 
— Dort in Weimar singt der begabte 
Verschwender immer noch' schön 
München 3. September 1839. 
Lieber Herr Freiligrath! 
Vor ungefähr einem halben Jahr 
schrieb ich Ihnen das (Vertatur) antipo- 
dische Fragment und brach ab und ließ 
es liegen. Ich hielt dies für weiße, denn 
ich dachte, du plauderst so ungar und un 
gründlich deine augenblicklichen Einfälle 
hinaus und urtheilst so schonungslos über 
Andre, was kann deine Erwartung recht 
fertigen, schonender von dem dir unbe 
kannten Mamte beurtheilt zu werden, wie 
leicht kann er seinen Freunden diesen 
Brief vorlesen, diese sich daran ärgern 
und ein Geschwätz in irgend einem öffent 
lichen Blatte darüber erregen. Da brach 
ich ab und ließ den Brief liegen. 
— Am 1. September brachte mir der 
gesunde, tüchtige, gleichgewichtig beladene 
Carriere einen Brief meiner Schwester 
Arnim aus Berlin, die mir ihn als einen 
Freund Freiligraths und als eine gesunde 
reinliche Natur empfahl, ich nahm ihn 
gleich in Beschlag und lief einen halben 
Tag mit ihm durch Berg und Thal und 
ließ mir von Ihnen erzählen, Alles was 
er wußte. Das machte mir nun Alles 
Freude und vor Allem, daß Sie diesem 
einfachen anspruchslosen sinnvollen Men 
schen sich vertraut fühlen. Ich sagte ihm, 
warum ich den Brief an Sie nicht aus 
geschrieben und er bat Ihrer Diskretion 
ganz zu trauen, er garautire mir, wenn 
ich Sie darum dringend bäte, daß Sie 
meine schnellen Aeußerungen über die 
Poesie der Zeit für sich allein behalten 
würden. Dies sey hiemit gethan. Theilen 
Sie meinen Brief Niemanden mit, es 
kann nur falsches Urtheil und Verdruß 
daraus entstehn und kein Nutzen irgend 
einer Art. Ich bitte Sie herzlich darum. 
Eine große Freude sönnen Sie mir machen, 
wenn Sie mir sobald als möglich einen 
Abguß des Gypsreliefs zusenden, welches 
Sie Carriere von Ihrem Portrait geschenckt 
haben, oder schreiben Sie mir bald, wo 
ich es mir verschaffen kann. Es ist mir 
selbst seltsam, ich habe von keinem Dichter 
irgend ein Bild, aber das Ihrige machte 
mir sehr große Freude. Außer dem wage 
ich noch eine Bitte an Sie, es ist die um 
irgend ein Gedicht, das sich auf Palästina 
als ein Land christlicher Sehnsucht bezieht, 
von Ihrer Hand geschrieben; könnte Sie 
ein aufgegebener Stoff bewegen, mit großer
	        

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