Full text: Zeitungsausschnitt über Achim von Arnim

© Hessisches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm Nr. Z 14 
brücke mit dem Brünnelein, das durch die Mühle den 
Schleifstein treibt, an dein der Alte jeden Tag ein 
Heldenschwert am Steine wetzt, und wo ein Löwe des 
letzten erlesenen Hohenstaufen itnd der goldenen Krone in 
kristallener Schale hütet; die Fürstin und der webende 
Gatte; der Baumeister; der Sänger Grünewald; das 
Hausmärchen den gemalten Fensterscheiben nacherzählt: 
das alles gehört der alten Zeit an. Kaiser Mar aber und 
sein Schreiber Treitssauerwein mit ihren Neuerungen 
und reformierenden Plänen, Kurfürst Friedrich mit der 
Laute vor dem Bilde der Schwarzburgerin, Herzog Ulrich 
mit seinem Wesen, der Luther und anderes hingegen 
reicht in die neue Zeit hinüber, während das in eine 
Fabrik umgeschaffene Schloß der Hohenstaufen in Waib 
lingen, die Burg Hohenstock, Frundsberg und der schwä 
bische Bund am Uebergange stehen, und der Doktor Faust 
durch die Transfusion des Blutes in Bertholds Doppel 
leben das Doppelleben der Zeit symbolisiert". — 
llm dieses Werkes willen verdient Achim von Arnim 
den Ehrentitel des deutschesten der deutschen Dichter. — 
Arnim hatte sein Leben lang den sehnlichen Wunsch, 
ein Dichter des Volkes zu sein. Und einmal ist diesem 
Wunsche auch schönste Erfüllung geworden. Mit „D e s 
Knaben Wunder hör n", das er mit Brentano 1806 
erscheinen ließ. „In Jahre der Schmach fällt dieses Buch 
wie eine heilige Mahnung. Denn in ihm sieht das 
deutsche Volk, wie gut und groß es gewesen, findet es sim 
so ganz wieder in seinem Lachen und Weinen, seinem 
Glauben und seiner Liebe, in seinen Fehlern itnd Vor 
zügen, in seinem Leben und Sterben." So sagt Carl 
Busse (in seiner großangelegten und viel zu wenig be 
kannten literarhistorischen Einleitung zu seiner Antholo 
gie „Neuere Deutsche Lvrik" im Verlag Otto Hendel in 
Halle). — Längst ist rühmend anerkannt worden, daß 
Arnim und Brentano mit diesen Volksliedern einen neuen 
Nibelungenschatz gehoben haben, der versunken schien. 
Arnim selbst hat in der Nachschrift zu dem Werke sich so 
gesehen: „den letzten Bienenstock inst zur rechten Zeit auf 
fassend, als er eben wegschwimmen wollte". — „Darum 
haben die Herausgeber des Wunderhorns die Bürgerkrone 
verdient um ihr Volk," schrieb Görres. Goethes freudige 
Begrüßung ist bekannt: „weil sie so etwas Stämmiges, 
Tüchtiges in sich haben und begreifen, daß der Kern- und 
stammhafte Teil der Nationen dergleichen Tinge faßt, 
behält, sich zueignet 'und Mitunter fortpflanzt — der 
gleichen Gedichte sind so wahre Poesie, als sie nur irgend 
sein kann; sie haben einen unglaublichen Reiz". — Noch 
schöner aber hat Heinrich Heine gesagt: „In diesen Lie 
dern fühlt man den Herzschlag des deutschen Volkes. Hier 
offenbart sich alle seine düstere Heiterkeit, alle seine 
närrische Vernunft. Hier trommelt der deutsche Zorn, 
hier pfeift der deittsche Spott, hier küßt die deutsche 
Liebe. Hier perlt der echt deutsche Wein und die echte 
detttsche Träne." — 
Von der selbständigen dichterischen Arbeit Arnims an 
diesem Wunderhorn aber hat uns Josef Görres ein 
Zeugnis abgelegt: „Ich habe ihn hundertmal an seinem 
Pulte gesehen, als er an den letzten Bänden des Wunder- 
Hornes arbeitete und von seinem Rechte Gebrauch machte, 
alte zersungene Lieder, die allen, aber keinem einzelnen 
mehr einzeln angehören, wieder herzustellen; wie schwe 
bend in innerer Lust und Freudigkeit handhabte er überall 
das Wort, wie einer, der mit Fertigkeit den Ball hiuauf- 
geschlagen itnd den Sinkenden wieder aufzufangen weiß, 
und so gelang es auch hier ohne Mühe seiner großen Be 
hendigkeit". — Das ist eine Feststellung, die wir nicht ver 
gessen wollen. — Mit dem „Wunderhorn" hat dieser 
Dichter sich zum zweiten Male das Recht erworben, einer 
der deutschesten der deutschen Dichter zu heißen! 
Eichendorff hat einmal die ganze Romantik mit einer 
Rakete verglichen, die funkensprühend aufrauschte und 
farbenfunkelnd zerplatzte. Der stille Schläfer aber im 
Park neben der alten Kirche von Wiepersdorf in der 
Mark, der Dichter der „Kronenwächter" und der Hüter 
des „Wnnderhorns", hat ein ehrliches Anrecht, im Herzen 
fernes deutschen Volkes weiterzrrleben. — 
2ritz Alfred Zimmer.
	        

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