Full text: Zeitungsausschnitte über Herman Grimm

! 
© Hessisches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm N 
, Schließlich erwähnt die „Pol. Korr.", daß Msgr. Anzer bei 
seiner Rückkehr nach Ostasien mit dem Prinzen Heinrich 
noch vor besten Ankunft in China zusammentreffen wird. 
* » * 
* Ueber die Ermordung der beiden Siedler Missio 
nare Henle und NieS in Südschantrrng veröffentlicht jetzt 
die „K. D.-Z.' den Bericht des derzeitigen Vorstehers der 
Mission. Provikars Freinademetz. an den Generalsuperior der 
Gesellschaft. SBtr entnehmen diesem Bericht noch folgende 
interestante Einzelheiten: 
„Ich möchte Thränen weinen, indem ich genöthigt bin, folgende 
Zeilen an Sie zu richten. Der Drahtbericht vom 3. November 
meldete nämlich Ew. Hochwürden das traurige Slbleben unserer 
theueren Mitbrüder, der Herren P. Nies und P. Henle. Anbei das 
Wichtigste nur über das höchst traurige Ereigniß. 
Am 31. Oktober besuchten die beiden Missionare P. Henle und 
I*. Stenz, von der Stadt Tjüje kommend, die Christengemeinde 
Tschang-tja-tschuang,*) vielleicht wohl die schönste Gemeinde von Süd- 
schaMnng. Am 1. November Vormittags traf vom benachbarten 
Li-tja-tschuang, 27 Li (drei Wcgcstunden) von Tschang-tja-tschuang ent 
fernt, zum Bezirke Uinschang gehörig, Herr Nies ein. Er hatte in 
Litja das Allerheiligste gefeiert und wollte in Tschangtja mit den 
Herren Henle und Stenz den Allerseclentag feiern. Sie legten sich 
gegen 10 Uhr zur Ruhe, und zwar schliefen P. Nies und P. Henle 
tn einem (eben fertig gebauten) Hause zusammen, während P. Stenz 
ans Mangel an einenr Bettschragen sich im Pförtnerzimmer zur 
Ruhe legte. 
Die Herren mochten eben eingeschlummert sein, als gegen 11 Uhr 
«ine bis auf die Zähne bewaffnete Rotte von 20 bis 30 
Mann in den Hof hineinstürzte und durch das gewaltsam erbrochene 
Fenster in das Zimmer der beiden Missionare eindrang. In Zeit 
von etwa vier Minuten wurde alles, was nicht nagel- und nietfest 
war, geplündert, und die Beiden röchelten bereits m ihrem Blute. 
Rach weiteren sechs Minuten etwa machte der Tod ihrem gräßlichen 
Leiden ein Ende. P. N i e s hatte dreizehn Stichwunden, 
P. Henle hatte neun erhalten. Ersterer lag auf seinem 
Angesichte hingestreckt, letzterer auf dem Rücken liegend ausgestreckt, 
neben ihnen eine furchtbare Blutlache am Boden. Namentlich sieht 
das H^nid des armen Herrn Nies aus, als wäre es in Blut getaucht 
worden. Wir schicken die blutgetränkten Kleidungsstücke als Andenken 
mit nach Steyl. 
Nachdem die Unmenschen dieses ihr mörderisches Handwerk beendet, 
räumten sie das Zimmer, rannten im Hofranm umher und riesen: 
Wir haben dem Langbarte (P. Stenz) noch nicht den Garaus 
gemacht. Wo ist der Langbart ?" Der arme P. Stenz lag in seinem 
Zimmerchen an der Pforte. Sein Leben hing also an einen: Faden. 
Die Unholde fanden ihn nicht und zogen ab. 
Kaum hatten sie der: Hof geräumt, als H. Stenz aus seinem 
verstecke hervorkroch, um nach den beiden Mitbrüderu zu sehen. 
P. Henle wär noch bei Bewußtsein, erhielt rasch die Absolution und 
die letzte Oelung und war dann todt. P. Nies gab kein Lebens 
zeichen mehr. Dom Ueberfatte bis zum Tode der beiden Missionare 
mögen zehn Minuten oder eine Viertelstunde verstrichen sein. 
Noch dieselbe Nacht brachte ein Bote die schreckliche Nachricht nach 
Zining. und ich eilte mit Herrn Dilstermanu sogleich nach Tschang- 
tia-tschuang, besichtigte die schaurige Szene und besuchte rasch den 
Mandarin. Dann tele grap Hirte ich an den deutschen 
G e s a n d t e N u N d n a ch S t e h l, ordnete darauf den Ankauf zweier 
Sarge die Beschaffung der beiden Leichen nach Tä-tja-tschuang an. 
wo an: 16. November die feierliche Beerdigung stattfinden wird. 
Das bereits telegraphisch gemeldete Interview eines Ver 
treters des „Newyork Herold" mit dem BizekSttig Li'Hmig- 
Tschanft liegt jetzt in der „Fr. Z." ausführlich vor. Danach 
hat sich der chinesische Staatsmanll, besten Weisheit man erst 
vor Kurzem in Deutschland so sehr gepriesen hat, noch folgen 
dermaßen ausgesprochen: . . 
Verbrecher giebt es cjtcsi m China wie m aller: Landern. Weder 
durch Verträge, Gesetz oM^ieligion kann irgendwo das Verbrechen 
«atu unterdrückt mau e§ verurthcilt und bestraft. 
ux jcfcciu wo Gesetzlosigkeit herrscht. Nach 
einen: solchen Orte n^^^^rtuiig begaben sich die d e u t s ch e u 
Missionare, obwcfMfkg wußten, daß die Einwohner selbst oft 
Opfer vor: Banditen Mrden. Unglücklicherweise hat Ehirra sich 
*) Auch Tschangkia geschrieben. Es ist nämlich Ki für den Laut 
Tj zu schreiben, die Schreibweise der Franzosen in vielen chinesischen 
Wörtern, da sie kein Mittel haben, den Laut Tj in ihrer Sprache 
auszudrücken. So ist Peking zu sprechen Petjing. Nanking — Nantjing. 
Kiao = Tjau, Tschankia — Tschantja. Kiüje — Tjüje. In Wörtern, 
wo eS noch angeht, sollte nach unserem mimaßgeblicheu Dafürhalten 
eigentlich die deutsche Schreibweise Anwendung finden." 
Epigone Goethes, wie eS wieder zu einem Ehrentitel zu werden 
beginnt. Den Namen Grirnm umranschen aber die deutschen 
Märchenwälder. In den Kinder- nnd Hausmärchen haben 
Jakob Grimm nnd Hermaims Vater Witheln: Grimur sich 
eine Unsterblichkeit gegrü'ldet, die in jeder Weihnachts- 
zeit sich erneut. Bon diesem naiven epischei: Geist ist 
ul die Schriftstellerei von Herman Grinutl nichts überge 
gangen, er hat den klare»» bestimmten Zug der Antike :,nd 
der Renaissance. Daran hat auch ::ichl8 geändert, daß ih»n 
die wullderbarste Non,antik a,lS der Familie seiner Frau, der 
Tochter DettinenS, entgegeublühte' und lachte. Bergebe»:s hat 
sich da- literarische Philisterthnm in Deutschland unb der 
Berliner Geheiinerathsklatsch durch Jahrzehnte bemüht, bcn 
herrlichen Schah, den wir in Bettinens Briefen eines Kindes 
an Goethe besitzen, und die prächtige Figur dieser Frau selbst 
unter thörichten Kritiken und albernen Erfindnngen wie unter 
eineltt Schutthaufen zu vergraben und zu ersticken. Er 
glänzt iiub strahlt in immer stärkerem Licht, das Buch 
wird alS dauernder Bestarid in unsere klassische Literatur 
eingehen. (Als bescheidenes Zeichen des Dankes haben wir 
im Grunrwald eine schöne Gartenstraße mit dein Namen 
Bettinens geschmückt.) Aber Herman Grinrm ist auch durch 
so nahe Einflüsse nicht au§ seinem fest gezoge»:en Kreise ge 
drängt worden. 
Wer solche Götter hat wie die, die Herman Grimm sich 
erwählt hat. an denen er fest sein Leberr lang hing, der kam» 
nicht fehl gehen. Er hat sein gesichertes geistiges Einkomruen 
und kann ruhig dern Tag seine literarischen nrrd künstlerischen 
Sorgen überlassen. Er rvird zun: geistigen Aristokraten, nnd 
daS ist Herman Grimm in: besten Sinne. Eine gewisse Ein 
seitigkeit muß der heutige Mensch besitzen, wenn er sich er 
halten will. Es giebt Menschen, die stets überraschen, weil inan 
nie weiß, wo n,an sie zu suchen hat. Bei Herman Griniln 
sann man im Voraus berechnen, wie seine Ansicht fallen 
wird. Das wendet ihr Vertrauen und Autorität zu. Er hat 
eine Gemeinde, die er durch den tief unter ihm rauschenden 
Lärm der modernen Stürmer und Dränger, sicher und un 
entwegt den alten Göttern zuführt. . . 
Begegnet man der hohen Gestalt Herlnan Grnnms nn 
Thiergarten, so scheint etwas EinsarneS über ihm zn schweben. 
Auch hat ihn das Schicksal, indem es ihm die geliebte Gattm 
nährn, äußerlich einsam gemacht. Aber ich stelle mir vor. 
daß es in seinem Inneren doch warm und wohnlich auslieht 
Daß er durch die Säulenhallen des Teuipels. den er innerlich 
bewohnt, auch Ausblicke hat auf den Märchenwald, den „seine 
Bäter" gepflanzt, und auf die Nheinnixen. die sich nach 
Bettina? Zauberstab heben und regen. Bei der Ansprache, 
die er jüngst an Frenzel hielt, erklärte er, daß die Aera der 
ans die Postille gebückten Siebziger mit Kaiser Wilhelm best- 
mtiv zu Ende gegangen sei. und Mancher noch im achten 
Dezennium seinen besten Feldzug mache. Für diese neue Ge-1 
noch nicht von den Folgen des letzten Krieges erholt, und es bedarf 
einer Periode des Friedens, um die jüngst begonnenen Refornien 
durchzuführen. In den letzten Jahren sind die C h i n e f e n dazu 
gelangt. die Länder des Westens als noch 
größere Muster in Ungerechtigkeit denn in Bezug 
auf Waffen zu betrachten. Ist es gerecht, uns zu unterdrücken, 
während wir unS bemühen, aus dem Zwange unserer alten Civili 
sation herauszukommen, und während stetig Verbefferungen und 
Fortschritte gemacht werden? Soll ein Angriff aus die Küsten Chinas 
erfolgen und sein Gebiet beseht werden wegen eines Ereignisses, das 
alle westlichen Länder durch Gesetz, nicht durch Krieg regeln würden? 
Dem unerwarteten Zwischenfall (Ermordung der deutschen Missionare. 
Red.), den meine Regierung bedauert, wird volle Genug thu u n g 
folgen. Unser Wunsch ist. unser Gebiet unverletzt zu erhalten und es 
zu verbessern, da ein Feld gleichmäßig offen ist für alle Länder zur 
Entwickelung des Handels. 
• • 
London» 5. Januar. (W. T. %.) Den Morgenblättern zufolge 
wird der neue Kreuzer „Arrogant" Ende des Monats zur 
Verstärkung des britischen Geschwaders nach China in See gehen. 
Fürst Uruffoiv i« französischer Beleuchtung. 
Unsere lieben Nachbarn jenseits der Vorgesen scheinen mit 
ihren: russischen Botschafterwechsel nicht sehr zufrieden zu sein. 
An Stelle des katholischen und überaus frankophilen Barons 
Mohrenheün schickt man ihnen jetzt den Fürsten Urussow. Der 
Aerger der Franzose»» versteigt sich sogar zu der rmsinnigen 
Behauptung, daß Fürst Uruffow seine Instruktionen in 
Berlin empfange. 
„Ueber Berlin" lautet der Titel eines Leitartikels 
des orleanistischen „Soleil". Der Chefredakteur Herv 6 de 
K e r o h a n t geht von der Meldung italienischer Blätter aus. 
daß der Nachfolger des russischen Botschafters Barons 
v. Mohrenheim in Paris, Fürst Urussow, von 
dem Zaren Befehl erhalten hat, über Berlin 
nach Paris zu reisen, um mit dem deutschen 
Reichskanzler F ü r ste n H o h e i: l o h e Rücksprache zu 
halten und „ D eu t s ch l a u d zu b e »v e i s e n, daß es 
von der französisch-russischen Allianz nie 
mals etwas z u befürchten h a b e n werd e." 
Danach hätte es den Anschein, schreibt de Kerohant, daß 
die Verhaltullgslinie des neucll russischen Botschafters zu 
Paris in Berlin festgesetzt werden soll. Ein solcher Um 
stand würde ernstliche Beachtung verdienen und wäre viel 
bedentsamer als die NcujahrSwünsche, welche Kaiser- 
Nikolaus uiid Präsident Faure ausgetauscht haben. 
Die französisch-russische Allianz, fährt der 
Monarchist fort. besteht nun schon seit mehreren 
Jahren. Es ist leicht ersichtlich, daß sie Rußland 
materielle Vortheile eingetragen hat. Dageger: 
forscht man vergeblich nach dem Nutzen, den Frauf« 
reich bisher daraus zog. Nach einem glaubwürdigen Börsen 
berichte hat Frankreich seinen lieben russischen Freunden über 
zwölf Milliarden geliehen, batuit sie Eisenbahnen an 
legen und ihre Maschinen für Judustriezwecke vervoll 
ständigen können. Wenn wenigstens Rußland als Gegen- 
leistimg Erzeugnisse der französischen Industrie kaufte! 
Aber es kauft lieber deutsche und englische Produkte 
als fralizösische. Frankreich mag in der: Herzen bet 
Russen als Bundesgenosse deu ersten Rang einnehmen, 
als Lieferant (!) steht es jedoch weit hinter Deutschland 
und Englaiid zurück, »velche jährlich für je 175 Millionen 
Franke»: ihrer Produkte irr Rußland einführen, »vährend 
Frankreich sich mit einem Absätze von 25 Millionen begnügen 
muß. Der frühere Generaldirektor der französischen Zölle 
und nunmehrige Direktor- der Bank von Frankreich, 
Palla in, hat eine höchst interessante Tabelle der Pro» 
dritte, welche Nußlaiid a»:s Frankreich bezieht, haupt 
sächlich aber derer, die es beziehen könnte und 
anderswo kauft, aufgestellt und der französischen Ver» 
waltung sowie deu Transportgesellschaften die Pflicht 
nahe gelegt, „alles ai,fzubieten. un: der französischen 
Ausfuhr nach Rußland den Airtheil zu sichern, ans den sie 
infolge der Allianz auf den: Gebiete der Politik und der 
Finarkz rechtmäßige Ansprüche hat. 
Sehr schön gesagt, benrerkt dazu de Kerohant, aber es 
neration von Siebzigern ist Herrnan Grirnm eil» leuchtender 
Vertreter und hoffentlich auch ein siegreicher. 
Friedrich Dernhnrir. 
» 
Herman Grimm wurde als ältester Sohn Wilhelu: Grimms 
am 6. Januar 1828 in Kassel geboren, studirte in den Jahren 1846 
bis 1849 in Berlin und Baun Jurisprudenz, trieb dann philosophische, 
historische und kunstgefchichtliche Studien. Letztere vervollständigte er 
namentlich in Italien. Nach Berlin zurückgekehrt, beschäftigte er sich mit 
literarischen, vornehinlich knnsthistorischen Arbeiten, bis er sich 1870 als 
Privatdozent der neueren Kunstgeschichte an der Berliner Universität 
habilitirte. Er vermählte sich mit Gisela v. Arrlim, einer Tochter 
von Bettina Brentano nnd Achim v. Ar»»ir»i. Ordentlicher Professor 
wurde Grinnn dann in: Jahre 1873, erhielt 1384 den Titel 
Geheimer Regierungsrath ,n:d 1896 den Orden pour le meriU. 
An die Oeffentlichkeit »var der Jubilar zuerst mit poetischen 
Werken, einigen Dramen (Armin 1851, Deliietrius 1853/4, Rotrndis 
1854) und epischen Dichtungen (Traun: und Erivachcn 1854, Ein ewiges 
Geheimniß,, Novellen) getreten. Nus Vorlesungen an der Universität 
erwuchsen seine Effays (1859—1890), in denen er sich über eine Reihe 
vor» Personen und Gegenständen der Literatur und Kunst verbreitet, 
sowie das ausgezeichnete Buch „Goethe" (1877). 
Grimnis Hauptwerke sind literarisch der Roman „Unüberwindliche 
Mächte" (1867), kunstgeschichtlich das in den Jahren 1860-1863 er 
schienene, bis jetzt siebenmal aufgelegte „Leben Michelangelos" und 
„Das Leben Raphaels" (3. Auflage 1872). Sein letztes größeres Buch 
behandelt Homers Ilias. 
Feuilleton. 
—ir. DaS Geschlecht Ver Keimlinge. Von unserem 
Wiener Korrespondenten geht uns die nachfolgende Mit 
theilung telegraphisch zu: Den» Vorsteher des Institutes für 
Er»t>vickelitngsgeschichte a»r der Universität Wien, Herr»» Pro 
fessor Dr. S. L. Schenk, ist es gelungen, die geschlecht 
liche Entwickelung des Keimlings »villkttrlich zu 
bestimmen, so daß man es in der Gewalt hat. mä»»nliche. oder- 
weibliche Individuen entstehen zu lassen. Professor Sche»»k, der sich 
»nit dieser Frage seit inehr als 20 Jahren beschäftigt u»»d wieder 
holt Gelegenheit hatte, seine Anirahmer» praktisch zur Geltung 
zu bringen, erklärte, der betreffellde „differenzirende" Vorgang 
sei ein Stoffwechselresultat und von jedem medikamentösen 
oder operativen Eingriffe »»»abhängig. (Wir geben diese Nach 
richt mit der derrkbar größten Reserve. Schon zu oft ist bie 
gleiche, angeblich „wissenschaftliche" Elltdecknng ge»»»acht 
ivorden, als daß sie durch eine nochmalige Wiederholung an 
Wahrscheinlichkeit gewinnen könnte.) 
* * 
Mit der gleichen Vorsicht rathen wir, die Nachricht von der Ent 
deckung eines Mittels gegen Seekrankheit auszuliehmen. Wie uns 
ein Privat-Telegramm unseres Rö»nischen tqd-Korrespondenten mcl- 
det, will der Turnier Arzt Dr. C a l l i a n o, der im Aufträge der 
Nangazioa« Italiana ein Mittel gegen die Seekrankheit suchte. 
wird nicht viel nützen, wenn die Rliffen t te deutschen 
und englischen Produkte den unsrigen vorziehen. Steht 
es in politischer Beziehung besser als in kommerzieller? 
Nicht doch! Rußland hat es bisher verstanden. den 
Vortheil an sich zu reißen. Frankreich hat Rußland 
und Deutschland geholfen, als eS galt, das siegreiche Heer des 
Mikado auf dem Wege nach Peking aufzuhalten. Dafür finb 
Rußl a nd und Deutschland jetzt die Herren 
des Golfs von Petschili, Frankreich aber ist 
leer ausgegangen. 
Und jetzt kündigt man unS an,Fürst Uruffow werde über 
Berlin nach Paris reisen, um sich mit dem deutschen 
Reichskanzler ins Einvernehmen zu setzen. Der Hauptcharakter 
zug der französisch-russischen Allianz ist also, daß dieFrank- 
reich und Rußland nahe angehenden An 
gelegenheiten in Petersburg und Berlin 
geregelt »verden. Darauf »varen »vir nicht gefaßt, als »vir 
»nit anderen guten Franzosen die T r i n k s p r ü ch e. »velche 
zivischen dem Zaren u»»d dem Präsidenten der Republik ans- 
getauscht worden waren, freudig begrüßten. Wir »varen so 
naiv, zu glauben. eS handle sich un» eine A l l i a n z zwischen 
t rairkreich u»»d Rußland. Statt dessen scheint die 
l l i a n z zwischen Ru ß l a n d u n d D e n t s ch l a n d zu 
bestehen und Frankreich nur dazu da. zu sein, um für die 
Kosten aufzukommen. Fürst Uri»sso»v reist also d»»rch 
Berlin, um De»»tschla»»d die Versicherung zu gebe»», 
daß es von der französisch-russischer» Allianz, deren 
friedliche Absichle»» bekannt s»»»d, jetzt und künftighin »»ichts zu 
befürchten hat. In diesem Falle, und »venu die Deutschen 
unsere Freunde sind, »veil sie die Freu»»de der Russen si»»d, 
so ist nicht abzusehen, w c» r u m w »r n o ch j ü h r l i ch 7 0 0 
Millionen für ein Heer von 3 M »l l i o n e n 
Manu ausgeben. Rußland will nicht und würde es 
nicht erlauben, daß »vir uns mit D e»»t s ch l a n d in eine»» 
Krieg verwickeln? Wozu dan»» noch unsere Arrnee? Die 
srallzösische Republik lvird doch nicht das Fürstenthun» Monaco 
befehden »vollen!" 
* Zum haitianische» Zwischenfall werden noch einige 
hübsche Episoden beka»»nt. Beiläufig sei zunächst erivähnt, 
daß der „F. Z." zufolge das de»»tsche Reich dabei für beinahe 
20,000 Mark v ertele g raph irt hat. Sodann er- 
schemt der deutsche Geschäftsträger Graf Schrverinff als 
Lebe»»sretter eines fanatisch deutschfeindlichen schwarze» 
Kollegen von der Feder in Haiti. Pierre Frede riq ne. 
der Redakteur de8 chairvinistischen Blattes „L'Jmpartial", der 
vor allen die bösartigsten Beschuldigungen und gemeinsten 
Beschilnpfungen gege»» den Grafe»» Schlverin und die 
beutfdje Kolonie geschlendert hatte, »vnrde eines Tages 
verhaftet und unter polizeilicher Bedeckung an Bord 
eines haitianischen Kriegsschiffes gebracht, alllvo er ohne un»» 
stündliche Rechtsprechung ans ganz diskrete Art ans diesem 
Jammerthals in eine bessere Welt hinübergeschmuggelt »verden 
sollte. Da der Betreffenoe aber doch viele Verlvandte »»nd 
Fre»»nde besitzt, so entstand nach dem Bekan»»twerden seiner 
Verhaftung eine wahre Panik, ein soge»»a»»ntes Courrie (»veil 
alles rennet, rettet, flüchtet). u»»d man befürchtete ganz ernstlich 
den A»»sbrnch einer Revolution. Da fuhr am Abend des ge- 
nailnten Tages Gras S ch »v e r i n selbst zum Präsidenten 
und bat ihr», den Mann nicht feinet- oder der Kolonie »vegen 
zn bestrafe»». Und Frederigue »var gerettet. Aus feinem 
dünnen Lebensfädchen wird wieder der alte, kräftige, freche 
Strick. So sagt sich nun der Neger am Ende all dieser Ge 
schichten : „Der erste, der brutale Schlag, den die 
Ntacht gegen uns führte, müßte ertragen werde»: »vegen 
unserer Heirnstätten »mb unserer Familien; la. force 
prime le droii. Daß aber danach ein zrveiter, ein 
»noralischer Schlag folgen mußte, daß uns ein deutscher 
Gentlen»a»» zeigen nnißte, was Kultur und anstä»»dige Gest,»- 
nmig ist — das ist hart, und bitter." 
* Kleine politische Nachrichten. Nrntlich wird aus Cetinje 
bestätiat, daß der Fürst von Montenegro sich der Verivirklichung der 
Kandrdatnr Bozo Petrowitschs für den Posten des Gouver- 
i»eurs von Kreta widersetzte, weil der Fürst als Souverän eines 
dieses in einer A^t elastischer Magenbinde entdeckt haben. 
Die norditalienschen Blätter behaupten, das Mittel hätte sich bei 
aller» Patienten als unfehlbar erwiesen. 
L „Der Prinz wider Willen." Aus K ö l n schreibt uns 
unser Korrespondent: Meine»»» telegraphischen Bericht über Otto 
LohsesOper „Der Prinz wider Willen" möchte ich einiges 
Wesentliche hinzufügen. Der Text des Rigaer Librettisten Rudolf 
G e u b e r l i ch hat die zum Theil sehr komischen und mit anmutheu- 
>ven Liebesgeschichten durchflochtenen Verwickelungen zmn Gegenstände, 
die sich ergeben, da der Prinz He»»rh von Böarn im Jahre 1570 aus 
den Hugenottenkälnpfen heiinkehrt, »vobei einer von seinen Offizieren 
sich für den Prinzen ausgiebt und von diesem dann ge 
zwungen wird, die Rolle sehr tvider seinen Willen und 
zum ba»»gen Zweifel eines hübsöhen jungen Mädchens noch 
eine Zeit lang weiter zu spielen. Die Bersarbeit des 
Herrn Se»»berlich bietet ihr Bestes im Lyrischen, schafft aber auch mit 
vielem Geschick behagliche und theilwcise drastische Komik. Ein Fehlev 
des Buches ist der Mangel an einer einheitlich knappen Handlung. 
In der Physiognornie von Lohses Musik treten als Hauptmomente 
reiche inelodische Erfindimg und vornehm-geläuterte Ausgestaltung 
hinsichtlich der vokalen nnd instrumeiitalen Kombination hervor. 
Das moderne Zuviel zeigt sich nur hier und da im »notivischen 
Gewoge bei den großer» Ensernblesätzen; er weiß sonst trefflich 
mit seinen: Orchester Maß zu halten und läßt den Sing- 
stimrnen, die er auch in: Ensemble charakteristisch führt, ihr gutes Recht. 
Wo der Textautor der Komik Spielramn giebt, greift Lohse deren Wesen 
in stets frischen und vielfach geistreichen Zügen auf. wobei die kleinen 
Gloffen inr Orchester ebenso leichtflüssig gebracht werden »vie im 
hmnorvollen Pathos der Sänger. Des Komponisten größte Be- 
deutling aber basirt in seinem l»)rischÄ: Ernpfinden und Ausdrucks- 
verrnögen. 
9 
§Q Ein Streik im Bndapefter iOpernhause. Am Neujahrs 
abend sollte in Budapest eine Königshhmne von Geza Allaga zum 
Vortrage gebracht werden, und zwar hatte man. obgleich gar kein be 
sonders festlicher Anlaß vorlag, auch die Solistinnen des Theaters zur 
Mitivirkung im Chore beordert. Ein Theil der Solistinnen verweigerte 
nun den Gehorsam, .nahm an den Proben nicht Theil, und mehrere 
Dainen erschienen auch zur Vorstellung nicht.. FrauDiosh ka»n zwar, 
betrat auch kostümirt die Bühne, machte aber Kehrt, als sie sah, daß 
keine der vorhin genannten Dainen sich eingefunden habe. 
e 
Cg} Theaterchronik. Sudermanns „I ohannes" wird 
numnehr au: Sonnabend, den 15. d. M.. im Deutschen Theater 
zum ersten Mal in Szene gehen. Kainz giebt den Johannes, Agnes 
Sorma die Salorne. Am nämlichen Abend wird das Stück a,n 
Dresdener Hoftheater gegeben. Die ersten Wiederholungen des „Io- 
Hannes" finden am „Deutschen Theater" ain Sonntag, 16. und Montag, 
17. d. M. statt. 
Ais Nachfolger Krolops ist jetzt der Kammersänger Karl Nebe 
aus Karlsruhe ab 1900 für das B e r l i n e r Opernhaus ver 
pflichtet worden. 
Aus München schreibt man uns: Der jugendliche Held unseres 
Hosschauspiels, Herr R e m o n d. geht zur Oper über und wird 
dernnächst in Bremen den .Max", Lohengrin" und .Faust" singen.
	        

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