Full text: Zeitungsausschnitte über Herman Grimm

aus 
Berliner Börsen-Oourier» 1901, Jun. 19 
Vermann Grimm als Lehrer. 
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njuter, vsoetoe. 'L)ie>e Menschen und Ihre Werke t 
er nicht nur studiert, er hüt sie erlebt, er trat 
ihnen in ein eigenes, persönliches Verhältniß. Jl 
war die Wissenschaft nicht eine trockene Gelahrth, 
sondern eine Kunst, die Gefühl und Phantasie ford 
zu ihrer Befruchtung. Und keinen Beweis ließ 
gelten, sobald s?in hnnurtun Tsio flsih 
I Vor wenigen Tagen, als die Aufstellung eines 
^Denkmals für Heinrich von Treitschke be- 
Ilprochen wurde, das im Vordergarten der Universität 
feinen Platz finden soll, hieß es, man werde ihm 
später in einem anderen Universitätslehrer em Gegem _____ s sS hpr Sobn u 
über geben. Durch ein schmerzliches Ereigniß ist auch Hermann Grimm war mehr raar c e fl 
einmal die Frage gelöst, wem man diese Ehre er- Neste großer, weltbedeutender M . ^ ^ 
weisen soll: Durch den Tod Hermann Gr imm's. ein Eigner, »seine wistenichaftltch Wahrheit ui 
Wie kein anderer, war er mit Leib und Mklt' Vrkffer unter zwei Sternen, der . Liebe beaeistert 
der akademischen Jugend. Ihr hing er mit eifer- dem Drang nach Schönheit. jj stt 9 „ ß 
süchtiger Treue an. mit einer grenzenlosen Liebe, die Verehrer der großen g .st'gen Her Anschlich, 
voll den Studenten herzlich erwidert wurde, und bei vorzugsweise mit den Bmthepertoden 
seinem siebzigsten Geburtstage zu vollem Durchbruch Cultur, als em glühender ^^irer Ci ! pr ' «rf) m 
kam. Im Gegensatz zu früheren Zeiten, ist heute das in Deutschland bekannt gemacht hat. y > J ed) . 
Verhältniß zwischen Lehrer und Hörer an der Uni- den eigentlichen Repräsentanten des M sch g ^^ 
versität ein recht unpersönliches geworden. Hermamt beschäftigt. ^Nit dem Helleutsmus. Raphat 
Grimm machte eine Ausnahme. Er ge -mit Homer, Dante. Liolmrdo. Nbchelange. - 
hörte darin ganz zur alten Schule, so seh, Dürer, Goethe. Diese Menschen und^chre ^ ^ ^ 
er soirst im Alter seinen jugendlichen Feite». ** ,M,Y * 
steift bewahrt hat. Die Studenten sah er ar 
als seine Familie, von der ersten Stunde an behandeln 
er jeden als seinen persörrlichen Freund. Er konnt, 
sich deshalb auch nicht entschließen, Damen zu seiner ^hiuu;uuui. unu «inen lom'-.- 
Vorlesungen zuzulassen, fo sehr sie ihn quälten unl gelten, sobald sein Gefühl b?Men sprach. JJ 
bestürmten. Er hatte das Gefühl, als kölinte er dann taste hat ihm in seinen wissenschaftlichen ^cortch 
nicht mehr so frei von der Leber weg reden, als trete manchen Streich gespielt, oft genug mußte e , 
etwas Fremdes und Neues zwischen ihn und seine die Unmöglichkeit seiner Combmatwlwn en>seyen. 
Studenten. nur dem Pedanten konnte es emsallen, ihn vcsy 
Von früher Jugend ans kränklich, trug Hermann zu tabeln. Grade die J>;gend, die in anfiettri.■ »* 
Grimm seine Lewen mit geduldiger Gelassenheit. Sein geren Methoden der Wissenschaft ^Mwachs 
größter Schmerz war, daß er zeitweilig seine Vor- wußte genau, daß er ihr das Beste gab, wa ^ 
lesnngen unterbrechen mußte, aber er that es nie dem Schüler zu geben vermag: ^stt > 
ohne die bestimmte Hoffnung auszusprechen, daß er Geiste und Gefühl, das rhm aus dem H 5 
das nächste Semester wieder lesen würde. Ihr Verhältniß zu Hermann Grnnm wa 
So ein Colleg bei Hermann Grimm war ein liches wie das zu Theodor Fontane. „c f 
eigenes Ding. Was inan an positivem Wissen erwarb, den Anschauungen der Vater m offenem W ^ 
was man schwarz auf weiß niederschreiben und stand, so liebte man diese beiden wre ver 
heimtragen kolmte, war kaum der Rede werth. Großvater liebt. Em Menschenalter liegt z 
Er liebte es, von seinem Thema abzuschweifen aber gerade das überbrückt die Kluft . . - . m r : m 
und alle erdenklichen Fragen der Gegenwart In den nächsten Tagen wird man Hermgn x 
zu berühren. Aber was man mitnahm, war mehr als feiern als Dichter, als Historiker, als Gssaym > 
bloßes Misten. Es war die Liebe zur Kunst und die zuletzt als einen Hauptbegruuder der modenun , ' 
Ehrfurcht vor den große» Geistern, in deren Sphäre geschichte, die inzwischen ,o lebhafte Wan 
er aufgewachsen war. die er zum Theil persönlich ge- erfahren hat. Mir kam es darauf an, ihn oo» 
kannt hatte. Man hatte ihm gegenüber ständig das 
Gefühl: Hier spricht ein Mann, der fein Wissen nicht 
nur aus Büchern, innhp™ - - - 
aus der l, 
Ein Mann —u vrum>vunoe»en geistigen Epoche! 
aus der Zeit Goethes, aus der schönheitsdurstigen Zeit' 
der Romantik, der er als Sohn Wilhelm Grimm's und 
mehr noch als Schwiegersohn der Bettina schon durch 
die Familie angehörte.
	        

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