Full text: Zeitungsausschnitte über Herman Grimm

den frühesten Zeiten der Florentiner Geschichte aus. Er schildert die 
innere Entwicklung der Stadt und ihres Staatswesens und die rrsten 
Zeiten ihrer Kunst, Dante und Giotto. Dann führt er das H^Us der 
Medici vor, das über die Bürgerschaft hinweg zur Tyrannis gelangt. 
1 Und nachdem er über seine Quellen die Leser unterrichtet, beginnt er 
mit der Schilderung des Lorenzo Magnifico, unter dem Michel Angelo 
emporkommt. Die herrlichen Schilderungen von der Wiederaufrächtung 
der Republik nach Vertreibung der Medici's, von dem Wirken und 
Untergang Savonarola's schließen mit der Mittheilung, daß damals 
Michel Angelo seine Pietü vollendet habe. Mit den florentinischen Be 
gebenheiten verknüpfen sich allmälig römische, neben dem Freistaat am 
Arno erscheinen Alexander Borgia und Julius Rovere neben Lionardo 
Rafael. Nun steigert sich die Erzählung bis zu Höhepunkten, wie das 
Schaffen in der Sistina, die Thätigkeit neben Rafael und die Belmgerung 
von Florenz. Wir vernehmen von dem Eingreifen der Franzosen, 
Deutschen und Spanier, die mächtige Gestalt Karl V. erscheint am 
Horizont, die Erscheinung Dürer's gleitet vorüber, die venezianische 
Kunst wird in den Kreis der Betrachtung gezogen und auch der 
Lästerer Aretin kommt ;um Wort. In den Vatikan zieht ein neuer 
Geist ein. Die Gegenreformation hebt an und mit ihr eine strenge 
weltabgewandte Richtung in der öffentlichen Kunst. Und um d«n greisen 
Künstler wird es einsam und einsamer ... die Geschichte d«r großen 
Zeit ist zu Ende. 
Den Abschluß des Leben? des Michel Angelo bildet eha Ausblick 
bis ins 19. Jahrhundert. Die sterblichen Ueberreste mögen in Santa 
Croce am Arno ruhen, sein Genius hat weiter und weiter gewirkt, über 
den Realismus Caravaggio's wird noch gesprochen, dann heißt es 
einen Flug nach dem Norden thun. wo der Friese'Rembranüt eine auf 
sich selbst beruhende Kunst im großen Style darstellt und dann läßt 
. Grimm den Stendaler Konrektor Winkelmann wiederum nach dem 
> Süden wandern und auf Winkelmann folgen Carstens und Cornelius. 
! Die Antike und die Renaissance sind den Deutschen durch den schönheits 
hungrigen altmärkischen Philologen und durch Goethe wiclaernm 'ver 
mittelt worden. Wiederholt ist Hermann Grimm in seinen Essais-auf 
diese Beziehungen zurückgekommen. Michel Angelo und Raphael, Florenz 
und Rom, die Verfallszeit mit ihren merkwürdigen Tyipen (Carlo 
Saraceni) und das Leben und Walten Goethe's in Jtalwn und für 
antike und italienische Kunst erscheinen fast in jedem der sieben 
Bände, in die gegenwärtig Grimm's Aufsätze vereinigt sind. Ter Antike 
sind neben seinen wunderbar lebendigen Untersuchungen über Homer, 
für dessen Kompositionsweise er neue Gesichtspunkte aufgefunden, 
einige Studien gewidmet, die zumeist jedoch wiederum ihren Bezug auf 
die Gegenwart haben. Denn Grimm, als Lehrer und Erzieher der 
Deutschen, als kritischer Referent der gegenwärtigen und der komuien- 
den Generation — zu den Jüngeren spreche ich, erklärte er im vorigen 
Jahre — steht der Welt des Alterthums mit einer gewissen abweisen 
den Entschlossenheit gegenüber. Er selbst ist Zeit seines Lebens von 
ihrem Geist durchdrungen gewesen, nicht blos Homer, auch die 
Tragiker und ferner ihre bildende Kunst bedeuten ihm Erlebnisse und 
mit welchem Gefühle er Tacltus lese, davon hat er noch vor Kurzem 
gesprochen, aber dem Geschlecht von heute sagt nach seiner Ueder- 
zeugung die Antike nur wenig mehr zu; Homer allerdings will er aus 
genommen wissen. Und schon im „Michel Angelo" hält er den 
künstlerischen Gebilden des Alterthums vor, daß sie aus todten'Augen 
verständnißlos uns anstarrten, erst die Menschen der Renaissance, seien 
von unserem Fleisch und Blut. Später hat er noch strenger aus- 
geschieden Da sprach er über die heutige Jugend und meinte, 
Homer, Rafael, Shakespeare und Goethe, die sollten neben der Bibel von 
einstiger geistiger Entwicklung übrig bleiben. Goethe freilich bedeutete 
ihm eine ganze Welt, Schiller und Herder gehörten da hinein, das 
deutsche Theater, das deutsche Lied von den ältesten Ansängen ge 
nommen, die deutsche Lebensauffassung seit der Reformation. Grimm's 
Vorträge über Goethe (sie sind in den Siebziger-Jahren an der 
Berliner Universität gehalten worden) sind ein stark verbreitetes Buch. 
Die zwei ausführlichen Biographien, die seither erschienen, können sich 
an buchhändlerischem Erfolg mit ihnen wohl nicht messen. Sie besitzen 
alle Vorzüge der Grimmischen Darstellungsweise. Was die Romantiker 
für die Kunst als Höchstes forderten, das persönliche Erlebniß, die 
persönliche Stellungnahme, das durchdringt auch die Kritik Grimm's. 
Er erzählt seinen Hörern, was ihm Goethe darstelle, und das schildert 
er von Vortrag zu Vortrag. Wie er das Frankfurter Patrizierkind in 
den Straßen mit neugierigem Auge herumzieben sieht,wie derStraßbnrger 
Student zu Friederiken stürmt u. s.w. GanzeJahre gehcn für den Annalisten 
verloren, ganze Bände der sämmtlichen Werke für den Literaturkenner, 
aber ein leuchtendes Bild des wunderbaren Mannes gestaltet sich für 
Hörer und Leser heraus, dessen Züge sich nicht leicht verwischen lassen. 
Die persönliche Empfindung fügt ein sinnliches Moment in die Charakteristik, 
das sich durch nichts Anderes ersetzen läßt. Wie rasch und sicher ist 
Grimm mit einem zwingenden Vergleich oder einem Hinweis da, 
der genügend erklären sott! Man erinnere sich an die Stelle, da er 
. Goethe's Verhältniß zu Spuwza schildert. Zuerst die brünstige Sehnsucht 
! Goethe's nach einem feine Geisel beruhigenden Denker. Und nun
	        
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