Full text: Zeitungsausschnitte über Herman Grimm

A 
aus : 
gremdenblatt, 
1901, «Tun. 22 
Nr. 169, S. 1 
Wien 
Hermann Grimm. 
Der würdige Erbe eines großen Namens, der Sohn Wilhelm 
Grimm's, der Eidam Bettinens, ist nun dahingeschieden. Als er ge- 
boren ward, lebte und schuf Goethe noch. Ich zehnten Lebensjahre 
stand er, als sein Vater und Oheim Jakob, den er wie den „Doppel 
gänger" fernes Vaters ansah, ihrer Professur verlustig gingen und aus 
dem Königreich Hannover verwiesen wurden, denn sie gehörten zu jenen 
berühmten ^.Sieben von Göttingen", die den Eid auf die neue Ver 
fassung verweigert hatten, eine schlichte That, deren mächtige Wirkung 
ein eigenes Kapitel in der Geschichte des deutschen Einheitsgedankens 
darstellt. Auf den Knaben machte, wie Hermann Grimm vor zwei 
Jahren erzählt hat, die Vertreibung der Seinen einen unauslöschlichen 
Eindruck, fortan fühlte er sich mit den politischen und nationalen Vor 
gängen gleichsam persönlich verbunden. Mit deutscher Wissenschaft und 
Kunst wußte er sich von frühester Kindheit an in innigem Zusammen- 
^ng. Die Gebrüder Grimm wirkten inmitten der romantischen Schule. 
Goethe und Arnim waren Wilhelm Grimm „die höchsten Erinnerungen". 
Die großartige Auffassung der Weltliteratur, die den Deutschen eine 
stolze Reihe herrlicher Uebersetzungswerke schenkte, ward von 
den beiben Forschern entscheidend gefördert und in wichtige 
wissenschaftliche Ergebnisse umgewendet: es war die Zeit, da der 
Römer Niebuhr in Bonn lehrte und Ranke's „Fürsten und Völker in Süd- 
europa" entstanden. Und von jener Zeit nun bis auf den heutigen Tag ist 
Hermann Grimm der Entwicklung Europas gefolgt, immer frisch und 
aufnahmsfähig, enthusiastisch die Größen der Vergangenheit schildernd 
und voll froher Anerkennung und unbefangener Würdigung der Gegen 
wart. Von Ranke und Curtius wandelte er bis zu Heinrich v. Treitschke, 
von Cornelius bis zu Böcklin. Die Welt der Antike und der 
italienischen Renaissance boten sich seinem Seherauge in ungebrochener 
Farbenpracht dar, doch sein Blick und sein Urtheil erhielten sich hell 
und verständnißvoll für alle moderne Entwicklung bis zu den märchen 
haften Großbetrieben Nordamerikas. Er sah, hörte, forschte, genoß und 
berichtete. Er ergriff das Wort, stets gleichsam in persönlicher Sache 
und aus einem Schatze von Anschauungen, Wissen und Ergebnissen 
heraus. Als Greis hat er erzählt, daß er immer an eine geschichtliche 
Darstellung der europäischen Völker gedacht habe. Man empfängt den 
Eindruck davon in Allem, was er geschrieben, überall, in den kleinsten 
Aufsätzen wie in den umfangreicheren Büchern. Die Beziehungen deS 
einzelnen, eben vorliegenden Objekts zum großen, erhabenen Ganzen 
werden gesucht, aufgespürt und abgeschätzt Zu den großen Meistern 
der Kritik, die das 19. Jahrhundert hervorgebracht, muß er gezählt 
werden. 
Ein einzigesmal hat Herrmann Grimm es unternommen, in 
großer Anlage etwas zu erzählen, nicht zu untersuchen. Das ist das 
Leben Michel Angelo's, dessen zwei Bände in den Sechziger-Jahren 
geschrieben worden sind. Das Buch ist über den ganzen Erdkreis ver 
breitet, d eS wurde vielfach übersetzt, ihm verdankt der Autor die Be 
rühmtheit seines NamenS. Heute wird es wohl von jedem Jüngling, 
der in einem kunsthistorischen Seminar den üblichen technischen Drill 
für Einzelforschung erhält, mit bösem Lächeln zur Seite oder gar seinem 
fünfzehnjährigen Schwesterlein neben den Baumbach'scben Liedern auf 
den Weihnachtstisch gelegt. Denn seit mehr als einem Menschewrlter ist 
unsere Historie in emsige Detailforschung aufgelöst, von geschichtlichen 
Kunstwerken, wie etwa Treitschke's deutsche Geschichte und Mommsen's 
fünften Band haben wir nur einige wenige zu verzeichnen. Ein.' Fülle 
von neu gewonnenem oder auf's Neue durchgeprüften Quellen- und 
thatsächlichem Material harrt des künstlerisch formenden Geistes und eS 
gibt genug selbstzufriedene Gelehrsamkeit, die über solch angehäuften Roh- 
stoff hinaus keine Wünsche mehr hegt. Der sachliche Inhalt deS „Michel 
Angela" dürfte heute nur schlecht vor der gegenwärtigen kunstwissen 
schaftlichen Forschung bestehen, darin liegt auch sicher nicht der Werth 
deS Buches» wenn es auch zur Zeit seines Erscheinens auf der Höhe der 
damaligen Forschung gehalten hat. Seine verdient starke Wirkung ist 
m der großartigen Auffassung zu suchen, die den gewaltigen Florentiner 
als den Träger de- gesammten italienischen Kunsttebens der Renaissance 
nimmt und um die Riesengestalt nun alle Kunstentwicklung zu 
gruppiren sucht, und die Kunst wiederum wird als das höchste Er 
gebniß, als das bedeutendste Vermächtniß der kulturellen Blüthe dar 
gestellt. „Kunstwerke sind die feinsten historischen Quellen" ^ 
Schinkel gemeint. Diese monumentale Auffassung zu vollem Ausdruc 
zu bringen, ist Gnmm nicht immer geglückt, namentlich in den spaterer 
Thei en des Werkes mcht, obwohl auch dort Kapitel wie „DaL 
jüngste Gericht" und „Vittorm Colonna" den besten Partien des 
Buches gleichkommen, ^rotzdem jedoch wird demselben in aller kunft - 
kulturhis orlschen L'eraturem Ehrenplatz gesichert und der Ruhm er- 
halten bleiben, kunsthistorische Betrachtung auf mächtigen allgemeinen 
Grundlagen aufgebaut und durcbgeführt zu haben. Grimm geht von
	        
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