Full text: Zeitungsausschnitte über Herman Grimm

ausj Berliner Lokal-Anzeiger,Morgentlatt, 
Nr. 279 1901 , Jun.18 ( S. 3 
# Hermann Grimm f. Einer der liebens 
würdigsten und feinsinnigsten unter den greisen 
Gelehrten Berlins, der frühere Professor der Kunst 
geschichte an der hiesigen Universität, 'Geheimer 
RegierungSrath Hermann Grimm, dessen Bild wir 
hier bringen, ist Sonntag Morgen nach etwa zehn 
tägigem Krankenlager in feiner Wohnung in der 
Matthäikirchstraße 5 verschieden. Mit ihm scheidet 
der letzte Träger des durch seinen Vater Wilhelm 
und leinen Onkel Jakob Grimm auf den: 
Gebiete der Erschließung des deutschen Sprach- 
Sagen- und Mnrchenschatzes für alle Folgezeiten 
berühmt gewordenen Namens ans dem Leben. In 
Kassel, wo sein Vater als Bibliotheksccretär wirlte, 
am 6. Januar 1828 geboren, war Hermann 
Grimm ursprünglich für die juristische Laufbahn 
bestimmt, wendete sich aber nach vollendeten 
Studien, dem Genius des Vaters und Onkels 
folgend, bald dem kunstgeschichtlichen und 
literarischen Gebiete zir. auf dem er es 
zu reichen und wohlverdienten Ehren brachte. 
In seiner Jugend und noch in spätem Alter mit 
der hohen schlanken Figur, dem feingcformten, 
vom Vollbart umrahmten Gesicht, den grund 
gütigen blauen Augen und dem fast schüchtern 
vornehmen Gehaben der schöne Typus des deutschen 
Gelehrten und Denkers, war Hermann Grimm 
einer der lvenigen Epigonen einer großen Zeit und 
eines großen Namens, der unter solchem Epigonen 
thum eigentlich nie zu leiden hatte. Seinen 
ersten dichterischen Arbeiten, den Dramen „Armin" 
(1861) „Demetrius" (1854) und auch seinen er 
zählenden Dichtungen blieb trotz vieler Vorzüge 
feinster Gedantlichleit und Empfindung allerdings | 
1 der El folg versagt. Aber seine „Essays" und 
I Meue Essays", die er erst einzeln m Zeit 
schriften veröffentlichte und dann in mehr- ' 
fach aufgelegten Büchern gesammelt heraus 
gab, schufen ihm als Kunstkritiker und Kunst 
historiker selbstständige Autorität, die er auf 
den für ihn geschaffenen Lehrstuhl der Kunst 
geschichte an der Berliner Universität bei seiner im 
Jahre 1872 erfolgten Berufung mitbrachte. Seine 
beiden großen biographischen Werke über Michel 
Angelo und Goethe sichern seinem Namen ein dauern 
des Andecken. Kam in der Biographie MichelAngelos 
das volle geistige und seelische Erfassen des Titanen 
unter den Meistern der Renaissance zum schönsten 
Ausdruck, so tvar Hermann Grimm durch seine 
Gattin, Gisela v. Arnim, der Tochter Bettinas, 
durch seine Beziehungen zu Clemens Brentano 
gleichsam in der Atmosphäre der Goethetradition 
und in dieser Tradition heimisch, den Olympier 
der Deutschen erfassend wie den großen Italiener. 
Die Fein- und Formfühligkeit des Kunst 
schriftstellers bekundete Hermann Grimm ber 
jeder Neuausgabe seiner Bischer durch ein 
stetes Feilen und Sichten ihres gedanklichen 
und kritischen Ausdrucks. Obwohl ganz in der 
klassischen Schule stehend, in seinem'gleich einem 
Museum mit Werken und Reproduktionen dieser 
Schule geschmückten Arbeitszimmer die Reichthümer 
großer Vergangenheiten hegend, hatte Hermann 
Grimm doch Auge. Verständniß und Theilnahme 
für die moderne'Knnstentwicklung. und so ^konnte 
in der Vorrede zum Katalog der diesjährigen 
SccessionsauSstellung sich Max Liebermann auf 
die Formulirung Grimms vom Kunstausdrucke 
der leidenden Menschheit als auf ein autoritäres 
Zeugniß für die Strebungen der Secession be 
rufen. Der idealische Aesthetiker war Hermann 
Grimm, bescheiden jeder wahren Kunst nach 
spürend , frei von Eigensinn und doctrinärer 
Beschränkung das Schöne suchend, erfassend. So 
starb er. von allen geehrt, ein gütiger Senior 
der Kunstgelehrten, von allen herzlich betrauert, 
die ihn kannten und sein reiches, anregendes 
Schaffen.
	        

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