Full text: Zeitungsausschnitte über Ludwig Emil Grimm

© Hessisches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm Nr. Z 7 
Seite 58Z. 
Beilage zur Allgemeinen Zeitung. 
Nr. 73. 
die ja, abgesehen von den polnahen Gegenden, fast . aus 
schließlich in sehr großen Höhen (200 bis 900 Kilometer), 
also in einer aufs äußerste verdünnten Atmosphäre sich ent 
falten. nichts anderes sind als Kathodenstrahlen — die sicht 
bar gewordenen Strahlen also der in den höchsten Atmo 
sphärenschichten vorhandenen negattven Elektrizität. Es 
ist bekannt, daß Kathodenstrahlen durch einen Magnet ab 
gelenkt werden. Die Wahrnehmung, daß die Strahlen der 
Polarlichter parallel zu den magnetischen Kraftlinien der 
Erde gerichtet sind. steht also mit Paulsens ebenso wichtiger 
wie.interessanter Feststellung im besten Einklang. 
. Wie innig die Polarlichter mit. dem magnetischen Zu 
stand der Erde, bezw. mit den Störungen der magneti 
schen Elemente einerseits, mit dem elektrischen Zustand 
der Erde und ihrer Atmosphäre andrerseits zusammen 
hängen, geht ferner daraus hervor, daß ihre Häufigkeit — 
namentlich wenn man nur die glänzenderen, auch in 
weniger hohen Breiten sichtbaren Polarlichter ins Auge 
faßt — fast genau in den gleichen Perioden zu- und ab 
nimmt wie die Aenderungen des Erdmagnetismus, die 
Schwankungen des Potentialgefälles der Luftelektrizität 
und die Häufigkeit der Gewitter. Denn wie bei diesen 
ist nach neuesten Untersuchungen von Ekholm und Arrhenius 
die Häufigkeit ihres Vorkommens an eine tägliche, eine 
nahezu 26tägige, eine monatliche, jährliche und elfjährige 
Periode gebunden. 
So sehen wir also, wie in der Tat die von Zeit zu Zeit 
eintretenden gewaltigen Störungen des elektromagnetischen 
Gleichgewichts der Sonne, die sich uns durch das Auftreten 
ungewöhnlich großer Sonnenflecken kundgeben, eine Reihe 
von Folgeerscheinungen auf der Erde auslösen. Gesicherte 
Vorstellungen über das eigentliche Wesen dieser terrestri 
schen Erscheinungen besitzen wir gegenwärtig allerdings 
ebensowenig wie eine solche über Ursache und Art der Zu- 
standsän-' gen auf der Sonne, denen sie ohne Zweifel 
ihre Entstehung verdanken. Die gewaltigen Anstrengungen, 
die in neuester Zeit diesseit wie jenseit des Ozeans auf 
die weitere Erforschung der Konstitution der Sonne und 
im Zusammenhang damit auf die völlige Aufklärung der 
zeitenweiie auf ihrer Oberfläche wahrnehmbaren Erschei 
nungen gerichtet sind, lasten uns im Verein mit den be 
ständig sich mehrenden Erfolgen der geophysikalischen For- 
schling hoffen, daß es in nicht allzuferner Zeit gelingen 
werde, über alle diese Fragen in befriedigender Weise Aus 
schluß zu geben. 
München. 
K. O e r t e l. 
Küchen und Zeitschriften. 
HEhholländer in Italien. Von Franz Dülberg. 
Haarlem 1906. 
b^ite Abteilung seiner hier bereits angezeigten Publi- 
katlon althollandrscher Gemälde, gab Dülberg nunmehr in zwei 
Lieferungen aus 45 Tafeln die Frühholländer in Italien heraus. 
, l l* UOsl ) immer eine stattliche Anzahl von Gemälden dieser erst 
"E nurl wenigsten durch Dülbergs Forschungen 
^ lD f r ^ encn Schule, die sich in Italien nachweisen lassen. 
J l ^ so manches der hierher gehörigen Werke in den 
letzten Jahren aus Italien geholt worden ist. Wie immer hat 
w r in ausführlicher Einleitung seine in den Unterschriften 
lüL * oaaehebene Meinung sorgfältig begründet und nicht 
nur die kunsthlstorlsche Stellung, sondern auch die künstlerische 
^aoeutung der einzelnen Meister charakterisiert. Da er nicht nur 
über die Kenntnis des vollständigen Materials. sondern auch 
über eine ausgebreitete Literaturkenntnis verfügt, so hat er 
Zusammenfassendes gegeben, das mit großem Dank auf- 
genüMmen werden muß. Eigens sei aber auch hier wieder die 
äroßL^Vorsicht hervorgehoben, mit der sich Dülberg hütet, be- 
Wssate. Mersternämen anzugeben, wo wir zurzeit noch nicht in der 
Lage sind, das zu tun. ' 
Die Publikation umfaßt gut ein Jahrhundert holländischer 
Malerei. Sie beginnt mit dem rätselhaften Fresko vom Triumpf 
des Todes im Palazzo Sclafani in Palermo, das um 1450 ge 
malt wurde und zwar nach alten Nachrichten von einem Nieder 
länder in Gemeinschaft mit einem italienischen Künstler. Solche 
Arbeitsteilung spricht sich in dem hybriden Charakter des Freskos 
deutlich aus, wo sich Anklänge an italienische Kunst wie die des 
Vittore Pisano neben ausgesprochen deutlichen niederländischen 
Elementen finden. Auf welche Rechnung allerdings die über 
raschend große Energie der Auffastung zu sehen ist, kann nicht 
gesagt werden. Lang genug, noch bei Brueghel, kehrt im Norden 
das Thema wieder, daß der Tod in eine Gesellschaft fröhlicher 
Zecher und Liebespaare einbricht. 
Die übrigen Tafeln gelten alle der absterbenden Quattro 
cento- und der beginnenden Renaissancemalerei. Um das Jahr 
1500 war vielleicht der einflußreichste holländische Maler jener 
Geertgen, der im Hause der Iohannesritter von Haarlem wohnte 
und für sie den großen Altar malte, von dem das Wiener Hof 
museum zwei Tafeln besitzt. Ihm. der so liebenswürdig malte 
und dann wieder so echt holländisch derb charakterisierte, stehen 
mehrere Bilder nahe: die Kleine Madonna der Ambrosiana und 
der Stammbaum Christi in der Sammlung Stroganoff, die ihm 
beide auch zugeschrieben wurden. Dülberg nimmt sie mit Recht 
nur als Schulwerke. Etwas weiter vom Meister steht die be 
kannte Kreuzigung der Uffizien. 
In der Sammlung Layard zu Venedig befindet sich eine 
Kreuznagelung, die gemeinhin der Jugendzeit des Gerard David 
zugewiesen wird. Es ist ein schönes Verdienst, daß Dülberg 
darauf hinweist, wie schwer diese Zuschreibung zu beweisen ist. 
Das Bild gehört nur im allgemeinen zur David-Gruppe. Ebenso 
lehnt Dülberg mit Recht die dem Hieronymus Bosch nachge 
ahmten Bilder der Akademie Venedig ab. Wenn diese aber nicht 
eigenhändig sind. so besitzt Italien doch wenigstens das einzige 
signierte Bild des Jan Mandijn von Haarlem, der den Bosch so 
vielfach, allerdings etwas trivial, imitiert. Mit Bosch brachte 
man auch gewöhnlich die kleinen zierlichen Landschaftsbildchen 
mit dem betenden heiligen Antonius in Verbindung, die aber 
doch wohl näher bei Patimi stehen, wenn man nach den Bildern 
rn Antwerpen und Brüstel schließen darf. Ein dazu gehöriges 
veröffentlicht Dülberg als ..der Art des Cornelis Engelbrechts" 
verwandt : es befindet sich in der Casa Vorromeo in Mailand. Ich 
glaube nicht, daß es sich unter dieser Bezeichnung halten lauen 
kann. 
Vom klassischen Hauptmeister der holländischen Malerei im 
beginnenden 16. Jahrhundert, von Lukas van Leiden, besitzt 
Italien kein Gemälde tnebr: auch an sicheren Zeichnungen ist 
wenig nicht vorhanden. Sebr interessant aber ist es. daß Dül 
berg im Museo Correr ein Exemplar eines sonst unbekannten, 
'ehr geschmackvollen Ornamenistiches von Lucas aufgefunden 
hat. Jacob Cornelisz v. Oostzanen ist in der Neapolitaner 
Galerie durch ein berühmtes, 1512 datiertes Hauptwerk, die An 
betung des Kindes, vertreten, wo bereits der Einfluß der 
Renaissance nicht nur wie sonst so oft in den Schmuckformen der 
Architektur, sondern in der sehr klaren Komposition deutlich zu 
beobachten ist. 
Sehr auffallende Stücke sind die drei kleinen, um 1500 ge 
malten Tafeln, die mit der Sammlung Tücher aus Rom nach 
Wien gekommen sind. Sie stellen die Geißelung, Kreuzigung und 
Beweinung Christi in sehr hellen Farben dar, die man erst seit 
einigen Jahren bei den Altniederländern beachtet, und früher 
qar nicht bei ihnen gesucht hätte. Merkwürdig ist gerade ange 
sichts des kleinen Formats die große Raumwirkung, besonders bei 
derGeißelung. Dülberg setzt die Tafeln versuchsweise undnichtohne 
Fragezeichen in die Leidener Schute. Für die Geschichte der Ent 
wicklung des altniederländischen Kolorits haben die drei Bildchen 
große Bedeutung und darum sei hier ausdrücklich auf sie auf 
merksam gemacht. 
Einen schönen Abschluß hat die Publikation in den zwei 
Bildnissen von Jan van Scorel in der Galerie Doria und der 
Galerie Lochis. 
München. Karl Voll. 
Die Boheme. Szenen aus bcm Pariser Künstlerleben von 
Henri M u r g e r. Leipzig im Jnselverlag 1906. 280 S. 
Der Jnselverlag schenkt uns Murgers köstliches und liebens 
wertes Buch in Felix Paul Ereves ausgezeichneter, flüssiger 
Uebersetzung. geschmückt durch Bilder von Franz v. Bayros, die 
durch ihre Feinheit entzücken. Man wird nicht «lüde, in dem 
locker zu einem Ganzen gefügten Buche zu lesen, über die bur 
lesken Einfälle herzlich zu lachen und bei den traurigen Be- 
Eemeinfchaftj auch Sorgen» Krankheit.und Hunger klimmen-die 
steilen Stiegen bis in die engen Mansarden hinan, und auch hier 
Nr. 73. 
Beilage zur Allgemeinen Zeitung. 
Seite 583.-. 
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antwortet bitterster Not das dustere Reimwort: der Tod ..Die 
Boheme ist die Vorstufe des Kunstlerlebens. siehst die Vorrede 
zur Akademie, zum Hospital oder zur Mormre. Man konnte 
diese Worte aus Murgers Einleitung dem Buch als Motto voran 
setzen. Hat doch Murger selbst alle Freuden und Note des 
Bohemiens kennen gelernt, Sorgen und Entbehrungen, bis ihn 
im Hospital zu Paris der Tod in die Arme nahm. 
Aber im Gegensatz zur Schwermut seiner Gedichte hat er das 
Duck seiner Jugendzeit, die Bcenes de la vie de Boheme, rn denen 
er selbst als Dichter !stodolphe auftritt nebst seinen nur leicht 
maskierten Freunden, dem Philosophen Jean Wallon und dem 
Schauspieler Alexandre Schaune. desto freier und froher gestaltet. 
Und wenn den prächtig gelungenen männlichen Gestalten Des 
Buches Freunde Modell standen so haben wohl auch. all lene 
leichtfertigen, koketten, flatterhaften und lustigen Musetten und 
Minus und Francinen und Euphemias ihrereizenden l^bllder 
unb 69 ist fiüfifd) /tu beofmdjtcn, tote 69 9Jiütß6t9 Uljsticti' 
terisierungskunst gelingt, diese kleinen Pariser Mädchen soieln zu 
individualisieren. Nur eures haben sie alle gemein. Treue ist 
ihnen durchaus ein leerer Wahii. und orthographisch zu schreiben 
eine Kunst über alle Künste. Dafür muß ihre natürliche Gut- 
mütigkeit entschädigen und ihre eigenartige Anhänglichkeit wie 
sie aus dem hübschen Wort Musettes spricht, die aus den Armen 
ihrer reichen Liebhaber immer wieder nach den Hungerszeiten und 
der Liebe des Malers Marcel heimverlangt. - Mein wildes 
Dasein ist wie ein Lied,' jede Liebe ist eine Strophe, aber Marcel 
ist der Refrain." , , < 
Voll Liebe weiß das Buch vieles zu erzählen, dazu von 
frischer Jugend und köstlichen Streichen und von einer grausamen 
Jagd. die'tagtäglich vom Morgen bis zum Abend wahrt: von 
der Jaad auf das reißende Tier. das man Taler nennte Ein 
Erlebnis löst 'das andere ab, Frohstes geht neben Bitterstem 
aber doch nicht so. als ob das Eine ohne das Andere wäre; es ist 
Vielmehr eine Gleichzeitigkeit von Lachen und Wernen, die den 
eigentümlichen Reiz dieser wunderhübschen Erzählungen aus 
macht: es sind Augen, die fröhlich lachen, wahrend sie sich mrt 
Tränen füllen, und Lippen, die ern Lächeln umspielt, da sie schon 
in tiefem Schluchzen zucken. 
Schlachtensee bei Berlin. A u g u st L e f f s o n. 
llllgcmcfne Rundschau. 
Uebersicht über die seismischen Registrierungen an den Erdbeben 
stationen Mitteleuropas. 
Allwöchentlich geben eine Reihe von Erdbebenstationen 
Mitteleuropas einen vorläuft ge n Bericht heraus, welcher in 
tabellarischer Anordnung die wichtigsten Ergebnisse über die im 
Laufe der Berichtswoche gewonnenen instrumentalen Erdbeben 
registrierungen enthält. In Deutschland sind es zurzeit 
allein die Erdbebenstationen Göttingen und Straßburg. 
welche uns in dieser Hinsicht stets auf dem Laufenden erhalten, 
während in den österreichischen K r o n l a n d e r n. sowie 
in Ungarn und Kroatien sämtliche Stationen rn dieser 
Weise vorgehen, also einerseits die Erdbebenstationen in Graz. 
51 r a k a u, K r e m s m ü n st e r. Laibach. Lemberg. P o l a, 
Sarajevo. Triest. Wien, und andrerseits diejenigen 
Agram, Budapest, Fiume, Ogyalla und Temes- 
v a r. Da seitens der weitesten Kreise die Erdbebennachrichten 
mit besonderem Interesse verfolgt werden, so durfte es wohl ange 
zeigt erscheinen, in monatlichen, Berichten dre instrumentellen 
Erdbebenregistrierungen, soweit sie auf Mitteleuropa entfallen, 
hier kurz zu besprechen' daran anknüpfend sollen bann Streif 
lichter auf solche Tatsachen geworfen werden, welche sich aus der 
weiteren Bearbeitung der Institutsberichte ergeben. Auf einen 
Punkt sei aber gleich hier ein für allemal hingewiesen: L>on den 
verschiedensten Seiten ist in der Tagespresse darauf aufmerksam 
gemacht worden, daß selbst bei dem heutigen noch sehr lücken 
haften Erdbebennachrichtendienst fast für jede Stunde des Tages 
irgendwo in den Kulturländern der Erde ein Erdbeben nachweis 
bar ist. Die meisten Leser würden deshalb erwarten, mindestens 
ebenso vielen instrumentellen Registrierungen an jeder Station zu 
begegnen. Diese Annahme entspricht aber nicht den Tatsachen, 
und zwar aus sehr naheliegenden Gründen. Denn einmal besitzen 
die zunächst benachbarten Seismographen zum Registrieren 
bringen können. Schließlich gilt noch der allgemeine Grundsatz, 
daß ein Erdbeben seine Wellen um so weiter entsendet, je tiefer 
sein Erregungsherd unter der Erdoberfläche gelegen ist. 
Im Monat Januar 1907 brachte gleich der Anbruch des 
neuen Jahres die Registrierung eines schwachen, sehr weit ent 
fernten Erdbebens, die erst gegen 1% Uhr morgens ihr Ende er 
reichte. Für den 2. Januar wurden von den Tonga-Inseln 
(Ozeanien) heftige Erdstöße gemeldet, und trotzdem nähere Zeit 
angaben fehlen, deutet doch manches darauf hin, daß die gegen 
11 Vt Uhr morgens an sämtlichen Stationen Mitteleuropas ein 
setzende Registrierung eines starken Fernlebens hiermit in Zu 
sammenhang zu bringen ist; in Straßburg ließ sich noch ein kleines 
Erdbeben nachweisen, dessen Wellen dem Schlußteile der vorbe- 
sprochenen Registrierung aufgelagert und deshalb nicht naher zu 
deuten waren. Ein weiteres Fernbeben von ganz bedeutender 
Stärke brachte der 4. in der Zeit von ca. 4Ms bis 8 Uhr morgens ; 
dieses Beben hat auf der Insel Rias und den benachbarten Teilen 
von Sumatra (Niederländifch-Ostindien) erhebliche Verwüstungen 
angerichtet. Mit den zahlreichen Nachbeben dieser Katastrophe 
hängen wahrscheinlich die schwachen Registrierungen zusammen 
vom gleichen Tage gegen 12 Uhr mittags und vom 7. gegen 
2 Uhr nachmittags. Nachdem noch am 5. mittags ein schwaches 
Erdbeben in Bosnien-Herzegowina gefühlt und ausschließlich an 
den benachbarten Stationen registriert worden war, folgten auf 
zahlreicheren Stationen schwächere Fernbebenaufzeichnungen un 
bestimmten Ursprunges am 8. gegen 4Ys, am 10. gegen 5 und am 
12. gegen 7 Uhr morgens, sowie am gleichen Tage gegen 7 Uhr 
abends. Der 14. brachte zunächst kurz nach Mittag in ganz Mittel 
europa eine charakteristische Aufzeichnung, von einem Erdbeben 
mäßiger Stärke in der Gegend von Tronthjem, also im mittleren 
Norwegen, herrührend. Um 7 Uhr 50 Min. abends desselben 
Tages langten dann auf unseren Stationen die ersten Wellen 
züge an, welche das verheerende Erdbeben in Kingston auf der 
Antilleninsel Jamaika entsandt hatte und die Instrumente etwa 
V/z bis 2 Stunden in Tätigkeit hielt. Nachdem die Zeitungen 
fo viele Schilderungen des menschlichen Elends gebracht haben, 
welche dieses Erdbeben im Gefolge hatte, dürfte es nicht unan 
gebracht sein, dasselbe auch einmal vom naturwissenschaftlichen 
Standpunkte aus zu beleuchten. Da zeigt sich denn die auf den 
ersten Blick befremdlich erscheinende Tatsache, daß dieses Beben 
,ar kein so besonders heftiges gewesen ist; zum Beweise möge 
olgendes dienen: In Göttingen belief sich der größte Betrag 
der wirklichen Bodenbewegung gelegentlich der beiden Kata 
strophenerdbeben zu San Francisco am 18. April 1906 auf 3500 
Mikrons und zu Valparaiso am 16. August 1906 auf 1150 
Mikrons, während des vorliegenden Iamaikabebens aber auf 
kaum 12 Mikrons. Hieraus ergibt sich, daß die wirkliche 
Vodenbewegung, gemesien in Mikrons (1 Mikron — 1 Tau 
sendstel-Millimeter). während des Kingstonbebens eine ver 
schwindend kleine war im Vergleich zu den Zahlen, welche die 
beiden letztjährigen Erdbebenkatastrophen geliefert haben, trotz 
dem Jamaika um mehrere tausend Kilometer näher an Mittel 
europa liegt: diese Zahlen dürften wohl den Leser ohne weiteres 
von der Richtigkeit des obigen Ausspruches überzeugen. (Neben 
bei sei übrigens bemerkt, daß diese Zahlen noch einer kleinen, 
dem Laien unverständlichen Umformung bedürfen, um für den 
Fachmann strenge Beweiskraft zu besitzen; wie aber die Jnftituts- 
berichte zeigen, ändert diese Umformung nichts an der gezogener: 
Schlußfolgerung.) Dieser Nachweis setzt aber den Fachmann 
nicht weiter in Erstaunen; ist es ihm doch eine bekannte Tatsache, 
daß verhältnismäßig leichte Beben großes Unheil nach sich zu 
ziehen vermögen, wenn nur infolge ungeeigneter Bauart der 
Häuser oder durch ungünstige Bodenbeschaffenheit die Gebäude 
zum Einsturz gebracht werden, wohingegen erheblich stärkere 
Beben, in deren Wirkungskreis diese ungünstigen Verhältniße 
nicht vorliegen, an den Baulichkeiten und damit den Bewohnern 
vomöglich schadlos vorüberziehen. In Kingston lagen nun die 
Verhältnisse besonders ungünstig. Der Untergrund besteht aus 
porösem weißen Kalkstein, der sich unter dem Einflüße häufiger 
und ergiebiger Regenfälle auflöst; so siebt inan denn zahlreiche 
Flüsse der Insel plötzlich im Erdboden verschwinden und rn weiter 
Entfernung hiervon wieder ans Tageslicht kommen. Wenn nun 
dieser Boden durch ein Erdbeben erschüttert wird, brechen die 
unterirdischen. Hohlräume zusammen, das Erdreich sinkt nach und 
die darauf befindlichen Gebäude stürzen ein. So recht bezeichnend 
für die geringen Stücke des vorliegenden Erdbebens ist dann auch 
der Umstand, daß es auf der Nordseite der doch verhältnismäßig 
kleinen Insel kaum gefühlt worden ist. Registrierungen weiterer 
schwacher Beben mehr oder minder entfernten Ursprungs brachten 
der 19. und 21. kurz nach Mittag, sowie der 22. gegen 2 Uhr früh 
und um die Mittagszeit. Ein Erdbeben in den italienischen 
Marken und Abruzzen, namentlich in Chieti, Fermo und Reca- 
näti gegen 11 Uhr 20 Min. abends desselben Tages gelangte m 
ganz Mitteleuropa zur Aufzeichnung, während ein in Jemtland 
(Schweden) gefühltes Erdbeben nur oie Göttinger Seismographen
	        

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