Full text: Zeitungsausschnitte über Ludwig Emil Grimm

© Hessisches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm Nr. Z 7 
Seite 214 
Unsere Heimat ttr. 27/29 
Das alte Gymnasium zu Schlüchtern 
Onelleustücke und Verichte aus seiner Geschichte 
von Med.-Bat Dr. Tauer, Schlüchtern 
V. Die Blosterschule des Bbts Lotichius 
ein Gymnasium. (Fortsetzung) 
Mit welchen Gefühlen das Konsistorium zu Hanau 
diese Denkschrift der Lehrer des Gymnasiums aufge 
nommen hat, geht aus den uns zur Verfügung ste 
henden Bkten nicht unmittelbar hervor. IDir ver 
mögen ihnen nur zu entnehmen, daß es den Pfarrer 
Wolf zu Schlüchtern zur Erstattung eines Berichtes 
darüber aufgefordert hat, ob die in der Lingabe der 
Lehrer vorgebrachten Beschwerden begründet seien 
und wie ihnen abgeholfen werden könne, wenn dies 
zu bejahen wäre. 
Pfarrer Wolf zu Schlüchtern hat den von ihm 
eingeforderten Bericht am 14. Februar 1771 er 
stattet. Er lautete wörtlich: 
Beichsfrey-hochwohlgeborener Freyherr! 
Hochwohl- Wohl- und Edelgebornene, hochedelgestren- 
ge auch Hochwohl- und hochgelehrter zum hochfürstlich 
hessischen Evangelisch-reformirten Lonsistorio hochver 
ordneten Herrn Präsident, Vize-Canzler und Bäthe! 
und hochverehrte Herrn! 
Ueber die Vorstellung und Anmerkungen derer 
Praeceptoren des hiesigen Gymnasii, der ahnen von 
Ew. hochfürstlichen Tonsistorio zugegangene Verord 
nung, die Verbesserung dieses Schulwesens 'betref 
fende ist mir aufgegeben worden, zu berichten, ob 
und wie weit die vorgegebenen Hindernisse und ge 
machten Busstände begründet seyen und wie am 
füglichsten solche gehoben werden können? > 
Ich will derowegen auf alle .Punkten nach der 
Beihe antworten und zwaren in Bnsehung des Un 
terrichts: 
Erstlich legen die Praeceptores den >heidelber- 
ger Catechismum zum Grunde, lassen ihn auswendig 
lernen und geben den discipuln jSchülernj gute 
Erläuterung desselben. Daß sie wünschen, > einen klei 
nen Catechismum eingeführt zu haben ivor diesen, hat 
zweifelsohne seine Bbsicht auf des ehemaligen Herrn 
Inspectoris Grimms kleinen Latechismum, welcher 
freylich denen kleinen Bindern oder Bnfängern leicht 
beizubringen wäre und wie noch verschiedene densel 
ben besitzen, wie ich oft wahrgenommen habe, indem 
sie nach demselben mehrenteils antworten, so glaube 
wohl, daß die kleinste Binder auch solchen durch 
bloßes Zuhören lernen können, ehe sie zum aus 
wendig lernen kommen, sodann Ihnen desto leichter 
fället. Dies aber gehöret nur in die untersten Schu 
len (Llassenj; wäre solcher noch zu haben, würde 
es allen eine große Erleichterung [fein], indeme er 
nach dem Heidelbergischen Tatechismur eingerichtet 
und die fragen ziemlich, doch .... zerschnitten und 
begreiflich eingerichtet sind, auch die Eltern, so solches 
erlernet, zu Hause nach solchem ihre Binder fragen, 
sonderlich zu der Zeit, wenn sie bald sollen konfir- 
mirt werden, welches die Prediger gar leicht mer 
ken und wissen können. 
2) Zur Erlernung der Sprachen hat es seine 
Nichtigkeit, ist also nichts zu erinnern. 
3) Bus allerhand Gegenden kommen Schüler an, 
die auch anderswo und nach verschiedenen und hier 
nicht üblichen Büchern unterrichtet sind und also solche 
mitbringen, wie aus der Schulvisitation ersehen. 
Meine ohnmaßgebliche Meinung wäre, daß man 
eine Bestimmung derer Bücher täte, die da einge 
führt werden müssen,' und wie unter andern Iu- 
stinus üblich bißhero gewesen, so könnte auch solcher 
hier am leichtesten angeschafft werden und zwar 
um geringes Geld, indem von den Schülern, so ad 
lectiones publicas promovirt worden, solche oft um 
ein geringes Geld weggegeben werden. Gleiche Be- 
wandniß hat es mit den Grationibus et Epistolis 
Ciceronis p. p. 
4) Uebergehe den Gehorsam der Praeceptorum 
und deren corrigirte exercitia, indeme mir ohne 
hin bewußt, daß sie solche auch uncorrigirt werden 
einsenden müssen. 
b und <5. Hübners Historien sind überhaupt jeder 
Zeit hier eingeführt gewesen und aus diesem Grund 
wohl auch noch bei dem einen oder anderen zu 
haben. Ls kommt aber in diesem Stück darauf an, 
ob solche fernerhin bleiben, oder was sonsten hoch- 
fürstliches Tonsistorium als besser befundenes will 
eingeführt haben. 
7. werden der Catechismus, die vocabula (wör- 
ler] und phrasei Grammatici (wissenschaftliche Bede- 
wendungenj tractiret, auch wohl definitiones (Lr- 
klärungenj anderer Wissenschaften. 
8. Ist schon im 3. Posten gemeldet und halte 
davor, daß diejenige Eltern, welche ihre Binder stu- 
diren lassen wollen, die nötigen Bücher werden an 
schaffen können und wollen. 
9) Ist es wahr, daß die Schüler zu Schreib- und 
Bechenstunden angehalten werden. 
10) wäre es gut, wenn die Praeceptores die 
Zeitung bei den ersten Classen zu dem Ende haben 
könnten, zu welchem sie eigentlich angewendet werden 
soll. Ls folgt dann noch ein die Bufnahme von 
Stadtschülern in das Gymnasium betreffender Punkt 
10, der als nebensächlich hier übergangen werden 
kann. 
was nun die Disziplin im Gymnasium betrifft: 
Erstlich: Eltern, die ihre Binder zum Bckerbau etc. 
den Sommer durch brauchen, müssen doch in der 
Schule die Disciplin und einen guten 'Grund der 
Sitten und christlichen Betragens gelernt haben. 
Zweitens: Die procession nach der Birche geschieht 
vorgeschriebener Maßen, wie es vor alters auch ge 
wesen,' jedoch nicht mehr mit solcher Lomodität (Be- 
quemlichkeitj, in deme die Blosterkirche nicht mehr 
im Stande und brauchbar ist, worüber wohl viel 
Lärmens in der Stadt gewesen, guch noch ist, in deme 
die mehrsten Gottesdienste und Bctus darinnen ver 
richtet werden, und also nicht mehr zu dem Ende 
gebraucht werden kann, wie die Praeceptores gern 
wollen. Doch was die Morgenpredigt in der Stadt- 
kirche angehet, hat man auch schon vor alten Zei 
ten die procession, doch nicht in dem Breuzgang, 
sondern unter der Linde auf dem Blosterkirchhof 
dahin formiret und gehalten, dergleichen auch ge 
schehen, wie noch, wenn die Schüler zur Leiche be- 
Nr. 27/29 SAOAAAGsZsZAsZZZAAZsEOtzO Unsere 
stellet werden. Daß der weg über diesen Birchhof 
nunmehro wässrig und kotig geworden, sonderlich 
herbst- und Frühlingszeit, und den Praeceptoribus 
mit denen Schülern nicht allein, sondern auch andern 
Birchgängern sehr beschwerlich falle, ja wohl gar 
inpracticabel (unbrauchbar) ist, da sonsten solcher 
das ganze Iahr durch trocken gewesen, hat seine 
völlige Bichtigkeit und wollte man nach der Ursache 
fragen, so wäre solche etwa diese: weilen gar viele 
beladene wagen und Fuhren, so sonst nicht hat sein 
dürfen, über solchen und durch das Clofter gelassen 
Gischof Lorenz von Gibra 74^5—151^ 
Das Grabmal des auch in unserer Heimatgeschichte bekannten 
Bischofs stammt von dem Bildhauer Tilman Riemen 
schneider, dessen 400jähr. Todestag die Stadt Ivürzburg 
im Suli festlich begeht. Stufn. Gundermann, Würzburg 
werden und manchmal wohl auch die Bürger sich 
dieser Fahrt bedienen, wodurch notwendig der sonst 
feste Grund verschlappet und in feuchten und nassen 
Zeiten inpassabel junwegsamj gemacht wird. Daß 
aber das unrichtige Geläut an der Unordnung schuld 
sei, ist grundfalsch, u. s. w. 
was die Ferien- wie auch die Mittwoch- und Sonn 
abendschule betrifft, so sehe ich nicht ein, wie da 
durch der Haushaltung und Landesbestellung dersel 
ben Schaden zugefügt werden kann, da die Gärten 
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der Lehrer sehr nahe der Stadt liegen und sie selbst 
vermutlich nicht Heu machen oder Bartoffeln ausma-, 
chen werden. 
was aber die deutsche Schüler betrifft — denn 
in der Vorstellung der Praeceptores sind sie alle 
mit Fleiß untereinander gemischet — so ist es den 
Sommer und Herbst durch mit solchen gleich, ob sie 
einmal oder keinmal in die Schule gehen, maßen 
solche, wie allezeit, um geringer Ursachen willen 
solche zu versäumen kein Bedenken tragen, woran 
allein die Schuld an Busbleibung der gesetzten Strafe 
lieget. 
Bis das Bonsistorium zu Hanau endgültig über die 
Lingabe der Schlüchterner Lehrer seinen Entscheid 
getroffen hatte, vergingen einige Monate. Endlich 
im Sommer 1771 erfolgte seine Bntwort. Sie lautete 
in Bezug auf die Schülerarbeit: 
„Ls sollen vorerst und besonders in prima Classe 
der Iustinus und die leichten Epistolae Ciceroni 
(Briefe Cicerosj, desgleichen Gvidii libri tristium und 
ex ponto (Gvids Blagelieder und Briefe vom Schwar 
zen Meerj, ferner der vergilius und sonderlich dessen 
Eclogae (ländliche Gedichtes, sodann auch Gvidii me- 
tamorphoses (Gvids verwandlungenj und zwar der 
Iustinus und die leichten Epistolae Ciceronis bestän 
dig und bis auf weitere Verordnung, vorgedachte 
Poeten aber wechselweise von halb zu halb Iahr 
tractiret werden. Dahingegen in Secunda Classe son 
derlich Cornelius Uepos und die leichtesten Epi 
stolae Ciceronis, auch allenfalls Laugii Colloquia 
tractiret und mit denen Poeten, besonders den ver- 
gilianischen Cclogen oder denen Elegien des Gvidii 
der Bnfang gemacht, sofort in denen übrigen Classen 
bei denen Schülern der Grbis pictus fleißig und 
dergestalt getrieben werden, daß die Schüler darin 
nen nicht nur zum Tonstruiren und analysiren (Satz- 
Bufbauen und -Zergliedern), sondern auch zur Er 
lernung derer Wörter in ihrer Tonnexion (verbin- 
dungj, vor allen Dingen aber dabey zum decliniren 
und conjugiren fleißig angeführet werden. 
In der Geschichte sind zur Busfüllung der Tabellen 
und zu weiterem Nachschlagen besonders für die Schü 
ler keineswegs Hübners Historie, weil dieselbe in 
zu vielen Stücken unrichtig und allzu fabelhaft ist, 
wohl aber Lßigs Historie, wenn auch gleich die Zeit 
einteilung nicht allemal mit gedachter Tabelle über 
einstimmt, desgl. Bergers Synchronistische historische 
Tabellen (das Gleichzeitige zusammenstellende Ge 
schichtstafeln) vorzüglich zu gebrauchen; Gestalten, 
was die Lehrer angehet, denenfelben Bollins Werke, 
sowohl im großen als im kleinen, Gatterers Univer 
salhistorie, der größere Freyer und andere historische 
Werke nicht unbekannt sein können. 
' was die Geographie betrifft, so haben sich die 
Praeceptores bey Unterweisung derselben Schützens 
Bnfangsgründe der Geographie vorzüglich vor des 
Hübners Einleitung zu bedienen. 
Daß die Schüler mit solchen, die bloß in spem 
futurae oblivionis (in Hoffnung auf baldiges ver 
gessen) gelernt werden, nicht beschweret werden, ver 
stehet sich von selbsten. 
Das Bechnen und Schreiben soll sowohl von denen 
großen, als kleinen Schülern und von allen, soviel 
nur immer möglich, alltäglich getrieben werden,' auch 
sind die Schüler dazu anzuhalten, daß, sie allerhand
	        

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