Full text: Zeitungsausschnitte über Ludwig Emil Grimm

© Hessisches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm Nr. Z 7 
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halten, wiewohl auch sie nicht für wesentlich erklärt 
werden. — Soll ich mich nun über die Leistungen 
dieser Schule aussprechen, so waren allerdings die 
Kenntnisse, welche die Kinder an den Tag legten, 
mittelmäßig. Ts konnte dies unter den oben angege 
benen Umständen, namentlich bei der Nachwirkung 
des früheren schlechten Unterrichts, nicht anders erwar 
tet werden. Das Erfreuliche übrigens war — ^ die 
Festigkeit und Sicherheit des erworbenen Wissens 
und die augenfällige Bemerkung, daß die ganze 
Schule in einem günstigen Wachstum begriffen war. 
Was mich jedoch mehr, als alles dies, interessierte, 
ja mein Staunen hervorrief, war, daß ich hier in 
einem Grade, wie noch nirgends — den so wohl 
tuenden Unblick des Bildes eines in sich wohlorgani- 
sierten, kleinen Schulstaates und, was noch mehr 
heißen will, einer wahrhaften Erziehungsschule er 
hielt. Ich habe noch in keiner ungeteilten Volks 
schule alle einzelnen Schüler in einer so lebendigen, 
angestrengten Tätigkeit gesehen, wie hier. Neberall 
Uusmerksamkeit, Fleiß, Emsigkeit, überall eine für 
die Kräfte eines jeden berechnete Selbstbeschäftigung. 
Und nicht als ob die Tätigkeit der Einzelnen und 
namentlich auch der einzelnen Gehilfen auf das Ganze 
einen nachteiligen Einfluß geäußert hätte. Es herrschte 
in der Schule eine wahrhafte musterhafte Nuhe und 
Stille, und es hatte sich filier ein Ordnungsgeist be 
mächtigt, der nicht bloß im Ueußeren des Lehrzim 
mers, der Unordnung der Lehrapparate, der geord 
neten Aufbewahrung der Schulbücher des Kindes 
sich zeigte, sondern noch mehr beim Wechsel der Un 
terrichtsfächer in den verschiedenen Ubteilungen ins 
Licht trat. Während meiner mehrstündigen Anwe 
senheit wurde rasch hintereinander, um mir die ver 
schiedenen Ubteilungen in verschiedenartiger Unter 
richtstätigkeit, im Schreiben, Lesen, Rechnen, im un 
mittelbaren Unterricht, in der Ueligion zu zeigen, 
mit den Lehrfächern, die jedesmal andere Lehrmittel 
und andere Stellung der Kinder, andere Untergehilfen 
erforderten, gewechselt, und siehe da, ohne viel Worte 
war dies immer nur das Werk weniger Minuten. 
Mochte man nun auch alles dies etwas Ueußerliches 
nennen, so war doch der Einfluß dieser Disziplin, die 
in zwar bestimmten, aber nichts weniger als in 
rauhen, militärischen Formen und Worten sich beweg 
te, auch auf das sittliche Leben der Kinder von einer 
so sichtlichen Wirkung, daß er selbst dem oberfläch 
lichen Beobachter in die Uugen fallen mußte. Ich 
habe die Schar der Kinder in der Schule und auf dem 
Spielplatz, ich habe Gehilfen und Schüler genau und 
unbefangen beobachtet, überall drang sich mir die 
Bemerkung auf, daß diese Ordnung, natürlich 
beseelt durch die Liebe und die geistige Kraft des 
Lehrers — einen wahrhaft erziehenden Einfluß aus 
übe. Ich habe namentlich diese Bemerkung bei dem 
Gehilfenwesen gemacht. Die Einwendung, daß das 
selbe Nebermut, Unbescheidenheit, Stolz ziehe, hat 
sich mir, wenn ich hier in den Blicken der Gehilfen 
las, ihre Urt und Weise beobachtete, nicht nur nicht 
bestätigt, sondern ich konnte mich über das gefällige, 
herablassende, freundlich tätige wesen derselben, dane 
ben über ihre Selbständigkeit im Urteilen und Be 
nehmen, ihre Freimütigkeit usw. nur freuen. 
In Folge dieser Beobachtungen mußte ich dem 
Urteile des Seminardirektors Bang (denn ein siche 
res eigenes Urteil möchte ich in Folge meiner allzu 
kurzen Beobachtungen nicht fällen) beipflichten. Es 
lautete auf meine Frage, ob wohl der neue Geist der 
Schule nicht wohl hauptsächlich dem persönlichen Ein 
fluß des neuen Lehrers zuzuschreiben sei? dahin: 
Es sei allerdings natürlich, daß die Persönlichkeit 
desselben hauptsächlich einen wohltätigen Einfluß auf 
die Schule geäußert habe, aber er sei ebensosehr 
überzeugt, daß es demselben ohne die Hilfe dieser 
Einrichtungen nicht möglich gewesen wäre, in den 
verschiedenen Beziehungen des Unterrichts und der 
Erziehung d i e Erfolge zu erzielen, welche hier offen 
kundig vorliegen und besonders auch von den Mit 
gliedern der für die Sache nun gewonnenen Dorfge 
meinde anerkannt werden." 
Diakonus Eisenlohr in den „Blättern aus Süddeutsch 
land . . . 1840." 1 ' 
3>ns „geistige Ungeheuer" aus Steinau 
„hier sin Lübeck) führte uns eine Einladung näher 
als dies am vormittag nach seiner predigt (IN 
Upril 1819) geschehen, mit Geibel zusammen, die- 
\cwi treuen tictusfyctiter im Huuse (Bottes, öqs er 
aus den lebendigen Steinen seiner Gemeinde seinem 
Herrn zu Ehren in Lübeck, erbaut hatte. Es waren da 
wieder mehrere dieser lebendigen Bausteine um ihn 
versammelt, außer dem Baron Udereaß [russischer 
Konsul), welcher den Wirth machte, der mir theuer 
werthe Pauli, eine Frau von Platzmann, so wie die 
edle Tlaudiustochter aus wandsbeck. [Zu dem Kreise 
gehörte auch noch der Vater des Malers Overbeck.) 
Uuch mein Freund Zahn war mit zu der Gesellschaft 
geladen, von welcher ich hier, weil mich die sichere 
Erinnerung daran verlassen, nicht alle Namen nennen 
konnte. Einer aber der Gäste mit Namen. Gestalt 
und ganzem Wesen, ist mir so fest in der Erinnerung 
geblieben, daß ich, wenn ich ein Maler wäre sein 
leibliches Bild malen wollte, so wie ich dies an einem 
andern Orte mit seinem geistigen zu thun gedenke. 
Dieses war der höchst originelle I o h a n n e s M e n - 
ge'), seiner wissenschastlichen Profession nach Mine 
ralog, dabei nicht nur ein Jünger, sondern ein Mei 
ster in der Erkenntniß göttlicher Dinge,- der ganzen 
That seines Lebens nach, wie Zahn mit Recht von 
ihm sagt: ein glaubensstarker, inniger Thrist. Vieser 
wunderseltsam geartete Mensch, dem der geniale Gei- 
bel, wenn er ihm zuweilen auf seinen kühnen Phan 
tasieflügen nicht folgen konnte oder wollte, in scherz 
haftem Nnmuthe zurief: „du bist ein geistiges 
Ungeheuer", konnte es nicht lassen, jene Flüge 
durch „Sonne, Mond und Sterne, ja zu den Thronen 
der Mächte der Geisterwelt", schon im voraus, bei 
Leibesleben, statt mit den Flügeln des Geistes, die 
ihm noch nicht gewachsen waren, in den Bewegungen 
der Hände und Füße zu antizipiren [vorauszuneh- 
menj. Er wird wohl jetzt noch, als „Vater Men 
ge" allen dort lebenden Deutschen bekannt, auf Uu- 
straliens Eontinent umherwandeln, wohin er vor meh 
reren Jahren, um auch dieses fünfte Nad am Wagen 
der Erdtheile zu sehen, geschifft ist. Damals stand 
er eben im Begriffe, nach Island zu reisen, um 
daselbst der vulkanischen Gestaltung der Felsenberge 
und Iokuls [Gletscher) nachzuspüren. Seine originellen 
Unsichten, die er zunächst nur aus jenem Lichte ge 
wonnen, welches ihm das tägliche Forschen in der 
*) „U. h." 1927, Nr. 1/2 bis 1928, Nr. 1/2 
Nr. 25/26 
Unsere Heimat OOEtzOOOHZGMxJtzOtztztzGDOtzGDH Seite 209 
Bibel über sein eigenes wesen, so wie über die Natur 
der sichtbaren Dinge, und selbst des Steinreiches gege 
ben: Unsichten, mit denen er das Ull der geschaffenen 
leiblichen wie geistigen Weiten zu umfassen strebte, 
würden wohl den meisten Lesern dieses Luches nicht 
nur neu, sondern unverständlich sein. Ich hoffe, sie 
jedoch durch die Züge aus der Lebensgeschichte des 
merkwürdigen Mannes, die ich noch anderswo mitzu 
theilen gedenke, vielen verständlich zu machen. 
hätten an diesem Übende Geibel und abwechselnd 
mit ihm Menge das Wort geführt, dann wäre dieses 
für mich und die anderen Gäste gar wohlgethan ge 
wesen. Geibel aber. . . [folgt eine EharakteristiK 
des Nedners Geibelj. Bei Menge dagegen verließ sich 
die gehaltvolle Nede wie eine schüchterne. Heerde die 
ohne Hirten zerstreut war, bald wieder in das DiK- 
kicht, das sie verbarg." 
flus: Der Erwerb aus einem vergangenen und die Er 
wartungen von einem zukünftigen Leber. Eine Selbstbio 
graphie^ von G. h. von Schubert. 3. Land, Erlangen 18o6. 
<§m Spiritist aus Salmünster 
Ein seltsamer Mensch lebte damals in Sonders 
hausen, der Dichter Gustav Kastropp') Er hatte 
ein episches Gedicht „Kain" veröffentlicht, das nach 
meinem damaligen Urteil große Schönheiten enthielt. 
Ruch seine lyrischen Gedichte zogen mich an. Ich Kom 
ponierte zwei davon und sandte sie an Paul Voigt, 
der sie druckte. Diese und einer meiner früheren Ge 
sänge aus Wolfs „Nattenfänger" waren die ersten 
Lieder von mir, die veröffentlicht wurden Kä 
st ropp war fast täglich in unserer Gesellschaft. 
Sein starkes künstlerisches Empfinden machte ihn 
bald bei uns heimisch und seine anfangs durchaus 
nicht einnehmende äußere Erscheinung verlor das 
Ubftoßende, wenn man ihn näher kannte. Er schien 
Sckweres in seinem Leben durchgemacht zu Haben und 
hegte eine nervöse Scheu vor großen Menschenan 
sammlungen wie auch vor neuen Bekanntschaften. 
5o war er anfangs sehr zurückhaltend gegen mich 
und gewann erst allmählich den Boden eines unge 
zwungenen geistigen Verkehrs, der eine besondere 
Farbe gewann, als ich durch Zufall erfuhr, daß er 
überzeugter Spiritist sei. Ich hielt mich niemals be 
rechtigt über Dinge zu lächeln, die ich nicht kannte; 
darum ließ ich mich von ihm belehren. In der Urt, 
wie er über seinen Verkehr mit entkörperten Wesen 
*) Geb. 1844 in Salmünster * 
<Duellen und Verzeichnisse zum Leben und zu den Werken 
von Petrus Lotichius Seeundus 
sprach, lag weder Irrsinn noch Schwindel. Er war 
äußerst zurückhaltend, sprach nie über derartige Din 
ge, wenn gleichgültige Personen dabei waren. Der 
Verdacht, daß er etwa nach Urt gewisser Medien 
einen Erwerb mit seinen Kenntnissen und Fähigkeiten 
trieb, war ausgeschlossen. Uuch hatte er ersichtlich 
nicht das Streben, sich interessant zu machen. Er 
sprach sachlich, ruhig, objektiv, so wie ich etwa im 
stande wäre, mit einem Fachkollegen über eine Par 
titur zu sprechen, und belegte seine Ausführungen mit 
Zitaten aus Autoren, dis mir damals bis auf den 
Namen des jüngst verstorbenen Leipziger vierdimen- 
sionalisten Zöllner unbekannt waren. 
Wir beschlossen, eine Sitzung in seinem Sinne zu 
versuchen und fanden uns, fünf oder sechs Personen, 
in unserer Wohnung zusammen. Der Kreis um einen 
Tisch, auf den man die Hände legte, wurde geschlossen, 
aber nichts Bemerkenswertes ereignete sich, so daß. 
wir die Sitzung aufhoben. K a st r o p p schlug vor, 
daß. wir nur zu drei, er, Neisenauer und ich, zusam 
menkommen sollten, ohne sonst irgend jemand etwas 
zu sagen, damit störende Einflüsse vermieden würden. 
Wir trafen uns wieder in unserer Wohnung, die wir 
abgesperrt hatten, so daß keinerlei Vorbereitungen 
stattfinden konnten. Diesmal wurden allerdings im 
Tische, an dem wir saßen, merkwürdige, trockene 
Klopflaute hörbar, die sich wie Mörses Telegraphen 
zeichen zu einem Alphabet zusammenreihen ließen, 
aus dem man Namen und kurze Sätze herauslesen 
konnte. Uuch sahen wir übereinstimmend eine auf 
dem Tische stehende metallene Schüssel regelmäßige 
wellenförmige Bewegungen machen, so daß sie in kur 
zen Zwischenräumen etwas über der Tischplatte 
schwebte, um sich lautlos immer wieder auf sie zurück 
zusenken. Eine in unserem Sinne natürliche Erklä 
rung dieser Erscheinungen zu geben, war einfach un 
möglich. Neisenauer, realistischer angelegt als ich, 
war unheimlich, berührt und wollte von einer Wie 
derholung der versuche nichts wissen. Er ahnte ihre 
Gefährlichkeit." „Der Wiener Uufenthalt hatte 
mich musikalisch angeregt. Ich komponierte einen 
Zyklus von neun Liedern, „Harold" betitelt, nach 
Gedichten des mir von Sondershausen her bekann 
ten Gustav Käst ropp." 
Aus: Felix Weingartner, Lebenserinnerung., Wien, Lpzg.1923 
Mitget. von w. Pr. 
von Uugust heimpe 
1. Biographien nnb Erwähnungen. 
Geordnet nach den Jahren ihrer Entstehung. 
Zu vergleichen Übt. 0 Uebersetzungen. 
Johannes Hagen, Vita Petri Lotichii secundi, zwi 
schen 1560 und 1584 versaßt, erstmals in der „ha- 
giana" Opera omnia Leipzig 1586, als Unhang 
herausgegeben und Erasmus. Neustetter gewidmet. 
Gilt, als von Zeitgenossen, intimstem Freund, Reye- 
und Studiengenossen in Italien verfaßt, als zuver 
lässigste und ausführlichste Biographie, die aber aus 
Zeiten, in denen Hagen und Lotichius Nicht beisam- 
l, Königstein im Taunus (14. Fortsetzung) 
enthält. Hagen nennt Wittenberg — Leucorea, Mag 
deburg — Parthenopolis, Montpellier — Ugatho- 
polis. Uns ihr schöpfen fast alle späteren Biogra 
phen häufig allein. Kommt auch allein als Einzel 
druck vor, ist aber dann ein Teil der 1609 er Uus- 
gabe, wenn mit selbstständiger Seitennumerierung 
1—95, der Ausgaben 1586 oder 1594, wenn mit 
Seiten 584—584. 
In „Furiere Petri Lotichii secundi", Heidelberg o. I.; 
von Johann posthius ohne Namensnennung 1560 
herausgegeben,- siehe Übt- D. Keine eigentliche Bio 
graphie.
	        

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