Full text: Zeitungsausschnitte über Ludwig Emil Grimm

© Hessisches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm Nr. Z 7 
Seite 134 AsGAAMGAAKHZAAGAAKGHHGHtz Unsere Heimat 
§ Nr. 17/18 
Das alte Gymnasium M Schlüchtern 
OueUenstücke und Berichte aus seiner Geschichte 
von Med.-Rat Dr. Tauer, Schlüchtern 
V. Oie Klosterschule des H b t s L 0 tichius 
ein Gymnasium. 
am 24. Oktober 1648 zu Münster unter- 
zeichnete sog. „Westfälische Frieden", der den 
fast 30 Jahre währenden Kriegswirren in 
Deutschland ein Ende bereitete, hatte, nicht zur Folge, 
daß durck ihn auch der Streit zwischen dem Bischof 
von Würzburg und dem Grafen von Hanau um das 
Kloster Schlüchtern seine endgültige Lösung fand. Ls 
wurden durch ihn zwar alle Säkularisationen, d. h. 
Einziehungen von geistlichen Gütern in staatlichen 
Besitz, die vor dem 1. Januar 1624 erfolgt waren, 
bestätigt, doch bestritt Würzburg energisch, daß diese 
Friedensbestimmung auch auf das Kloster Schlüch 
tern in Anwendung komme, weil der Prozeß um 
seinen Besitz an diesem Stichtage noch unentschieden 
und seine Eigenschaft als weltliches Gut daher noch 
strittig gewesen sei. Es bedurfte deshalb noch wei 
terer Verhandlungen, um diese Streitfrage zu be 
gleichen. Sie fanden im Schlosse zu Steinheim statt 
und endeten am 26. Juni 1649 mit d§m beiderseitigen 
Uebereinkommen, daß Hanau gegen Zahlung einer 
Summe von 5 000 fl. an Würzburg endgültig in den 
Besitz des Klosters Schlüchtern kommen sollte. 
Doch das durch den Krieg geschwächte Sand Ha 
nau konnte diese Summe nicht aufbringen. Es muß 
ten erneute Verhandlungen geführt werden, die erst 
im Januar 1656 dadurch zum Ziele führten, daß 
Hanau an Stelle der von ihm zu zahlenden 5 000 fl. 
für das Kloster Schlüchtern seinen Rnteil an den 
Orber Salzpfannen und das Grber Reisig, einen 
bei Orb liegenden großen Wald, an Würzbura 
abtrat. 
Tine Folge dieser Vorgänge war es, daß das 
Jahr 1658 herankam, ehe an eine Wiedereröffnung 
des Gymnasiums in Schlüchtern hatte gedacht wer 
den können. 
Erst in diesem Jahre ließ Graf Friedrich Casi 
mir von Hanau das Gymnasium in Schlüchtern, in 
dem seit dem Unglücksjahr 1654 kein Unterricht mehr 
erteilt worden war, wieder eröffnen, nachdem in der 
Person des Pfarrers Heinrich Rppelius zu Gundhelm, 
eines seiner früheren Schüler, ein geeigneter Leiter 
und Lehrer dafür gefunden war. 
Die dem Pfarrer Nppelius gestellte Rufgabe, in 
einer Zeit, in der die furchtbaren Wunden, die der 
fast ein Menschenalter währende entsetzliche Krieg und 
die in seinem Gefolge aufgetretenen Seuchen der 
Bevölkerung Schlüchterns und seiner weiteren Um 
gebung geschlagen hatten, noch bluteten, den Schulbe 
trieb im Kloster zu Schlüchtern wieder in Gang zu 
setzen, war nicht leicht. 
Doch es gelang ihm, sie zu erfüllen. 
Der Schüler freilich, die sich nach Wiedereröffnung 
der Schule im Kloster einstellten, waren es zunächst 
nicht allzuviele, sodaß er Prorektor Rppelius, wie 
er sich selbst damals vielleicht im Hinblick auf die 
noch sehr unvollkommene Beschaffenheit seiner Schule 
und ihres Lehrer-Kollegiums zu bezeichnen pflegte, 
möglich war, mit Hilfe eines einzigen Präceptors die 
(Fortsetzung) 
S 'r£!+ .^Eigkeit m seiner Schul: zu bestreiten, 
aelebrknsaT“ ^ ma . n al[es daran, der alten 
standI sichet " aUfäU ’ :elfen und ihren Be- 
Wie sehr diese Rufgabe dem dortigen Konsistorium 
damals und auch später noch am herzen geleg'n hat 
beweist uns em Erlaß von ihm aus dem Jahre 1674 
der hier wörtlich wiedergegeben werden mag. Er lau- 
tet. „Demnach dem hochgeborenen Graffen und Herrn 
Herrn Friedrich Kasimirn, Graffen zu banau Rimeck 
Zweibrucken Herrn zu Müntzenberg, Lichtern und 
Ochsen stein, Erbmarschallen und Gbervogten zu 5traß- 
burg etc von seiner hochgräflichen Gnaden refo Wir 
ten Tonsytono nicht allein unterthänia reterirt wa 
cher gestalten zu besserer aufnahm- und restabiir^na 
der klösterlichen Schul zu Schlüchtern höchst nötig 
erachtet wurde wegen entlegenheit hiesigen (Lol 
ftcrn daselbst ab-interim Tinen gewissen Zchul-Rah 
anzuordnen, welcher sowohl auf das Schulw sen und 
was dem anhängig em wachendes äuge haben als 
auch zu dessen wahrer Beförderung nach und 'nach 
die Gecononne *) m dem Tloster wiederum anrichten 
konnte sondern auch zu solcher funktion gewisse ver- 
sonen, benandtlich Karl Otto Jacobi Keller 5obann 
vusius Pfarrer, Johann Balthasars 
Ztadtschreiber, Nikolaus Schmidt Rathsverwandter 
allesambt m Stetnau; sodann Johannes Weikelius 
Pfarrer, , Peter Schäffer Nikolaus Schultheiß und 
Hans Heinrich Baist Rathsverwandte zu Schlüchtern 
vorgeschlagen worden,- Rlso haben mehr besorgt- Seine 
hochgräfliche Gnaden sich sothane Unordnung nicht 
allein gnädig gefallen lassen, sondern auch obgemNte 
Personen zu Scholarchen gnädig confirmirt und bestä 
tigt und ihnen diesen Schein inmittelst und bis -ine 
gewisse Instruktion verfaßt und angefertigt werdm 
mochte, zu ertheilen gnädigst befohlen,- urkundlich des 
hierbei gedruckten hochgräflich reformirten Tonsistorii 
Insiegels. So geschehen Hanau, den 24. Septr. 1674 " 
Vas Tonsistorium in Hanau hat hiernach damals 
dem Gymnasium in Schlüchtern eine Rrt von örtlichem 
Kuratorium, wie man heute sagen würde vorge 
setzt, von dessen Tätigkeit es sich wohl nicht nur 
eine Hebung des allgemeinen Interesses für die Schule 
sondern offenbar auch eine Verbesserung ihres Lehr 
betriebs und vor allen Dingen die wiedereinrich- 
tung des Schülerheims im Kloster und dadurch den 
erneuten Zuzug von auswärtigen Schülern verspro 
chen haben mag. 
Doch die vom Tonsistorium beabsichtigte wndermn- 
richtung der Oekonomie im Kloster kam nicht zu 
stande. Die Folge davon war eine völlige Um 
wälzung der Verhältnisse für die sogen. Stipendia 
ten des Klosters, denn an Stelle der freien Station 
im Kloster, die ihnen früher gewährt worden war 
erhielt ein jeder von ihnen dir jährliche Summe 
von 52 fl. aus der Klosterkasse ausgezahlt, wo 
für die auswärtigen von ihnen Rufnahme in Schlüch- 
terner Familien zu finden versuchen mußten. Die 
*) Gemeint ist damit das frühere Munmat für zahlende 
L"d°7b°st°7d w°"°r.S,p°ndiä.-„. da'- „Lch" „ich. 
Nr. 17/18 ZsSsZsZZssGsssZZZsZHZsZZ Unsere Heimat tztztzGE-HtztztzOODtzOtzHEOOHGOOH Leite 133 
höhe dieser Summe blieb bis zur Schließung des 
Gymnasiums unverändert, trotz der im Laufe der 
Zeit immer stärker werdenden Entwertung des Geldes, 
was hier gleich im voraus bemerkt sein möge. 
Nichtsdestoweniger scheint der Tonsistorialerlaß auf 
den Besuch des Gymnasiums nicht ungünstig gewirkt 
zu haben, denn wir erfahren, daß Rektor Rppelius 
bereits im Jahre 1675 in dem Konrektor Gramer 
einen weiteren Gehilfen im Unterricht am Gymnasium 
erhalten hat, was wohl kaum der Fall gewesen 
sein würde, wenn sich nicht die Zahl seiner Schüler 
wesentlich vermehrt hätte. 
Die Tätigkeit des Rektor Rppelius in Schlüchtern 
war nicht mehr von längerer Dauer. Der Rektor, 
der außer seiner amtlichen Tätigkeit als Leiter und 
Lehrer dss Gymnasiums auch noch die Oberaufsicht 
über die klösterlichen Beamten und Bediensteten, eine 
bei der nicht geringen Zahl und der verschiedenartigen 
Tätigkeit dieser Leute keineswegs leichte Rufgabe, 
zu erfüllen hatte, sehnte sich schon längst nach dem 
etwas geruhsameren Tätigkeitsfeld, wie es ein dörf 
liches Pfarramt bot. Jm Jahre 1682 bot sich ihm 
die erwünschte Gelegenheit, den anstrengenden Schul 
dienst in Schlüchtern mit dem Rmte des Pfarrers in 
Hintersteinau zu vertauschen. Dort hat er noch einige 
Jahre als Pfarrer gewirkt, bis ihn am 15. Juli 
1685 der Tod abgerufen hat. 
Rls Rachfolger des Rektors Rppelius in der Lei 
tung des Gymnasiums zu Schlüchtern wurde 1682 
ein Schulmann von auswärts berufen. Er hieß Jo 
hannes Valentin Kersten und kam aus Homberg in 
der Landgrafschaft Hessen. Mitarbeiter dieses Rek 
tors in den 10 Jahren seiner Tätigkeit am Zchlüch- 
terner Gymnasium waren zuerst noch Konrektor Gra 
mer, nach ihm ein Konrektor namens Staffelius, 
sowie der Präceptor Johann Georg Diener. 
Rus der Zeit des Rektors Kersten liegt eine Nach 
richt über die höhe der Besoldungen der Lehrer des 
Gymnasiums an barem Gelde vor. Danach erhielten 
damals der Rektor 70 fl., der Konrektor 60 fl. und 
der Kantor 50 fl. Rußerdem genossen sie freie Be 
hausung und Brand und den Bezug einer Reihe 
von Naturalien aus der Klosterwirtschaft, die es 
den verheirateten von ihnen ermöglichten, das für 
die Führung eines Haushalts damals noch nötige 
Vieh zu halten. 
Dis Berufung des Rektors Kersten an das Gymna 
sium stellte sich als ein Fehlgriff heraus, nicht nur 
in bezug auf seine berufliche Tätigkeit als Lehrer 
und Rektor, sondern vor allen Dingen auch wegen 
seines nicht einwandfreien Lebenswandels außerhalb 
der Zchule. Rektor Kersten war offenbar ein aus 
gesprochener Liebhaber starker alkoholischer Getränke, 
sodaß schon bald in einer Presbyterial-Zitzung die 
Klage erhoben werden konnte, „die Zchule im Klo 
ster käme ganz in verfall, weil der Herr Rektor 
mehr in der Gbergasse,.als in der Zchule sei, alle 
Wirtshäuser durchstreife und sich wie ein Zchwein 
[sic] vollsaufe." 
Das Tonsistorium zu Hanau sah sich daher genötigt, 
dafür Zorge zu tragen, daß dem Rektor noch eine tüch 
tige Lehrkraft zur Leite gestellt wurde, die auch die 
Leitung der Zchule in die Hand nehmen konnte/. 
Rls solche wurde im Jahre 1689 ein erprobter Lehrer, 
der bereits zu Mannheim eine gelehrte Zchule mit 
Erfolg geleistet hatte, namens Johann Heinrich Bür 
ger nach Zchlüchtern berufen. Bürger, der als ge 
borener Kilianstädtener ein Zehn des Hanauer Landes 
war, findet sich in den alten Zchriftstücken aus seiner 
Zeit als Pädagogiarcha bezeichnet. Diese Bezeich 
nung läßt darauf.schließen, daß er als eigentlicher 
Leiter und Hauptlehrer im wesentlichen die Last des 
Zchlüchterner Rektorats getragen haben wird, ob 
wohl Rektor Kersten im Rmte verblieb und den 
Titel Rektor beibehielt. Rls Bürger bereits nach 2 
Jahren einem Ruf als Rektor an das Gymnasium 
in Bremen Folge leistete, wurde statt seiner der aus 
Herborn gebürtige Konrektor des Gymnasiums zu 
Vietz Johann Heinrich Wiesenbach zum pädagogiar- 
chen des Zchlüchterner Gymnasiums berufen. Dieser, 
anscheinend von Natur nicht so friedfertig veranlagt, 
wie sein Vorgänger Bürger, geriet bald mit Rektor 
Kersten in Streitigkeiten, die erst im Jahre 1692 
durch die Berufung des letzteren als Pfarrer nach 
Marjoß ihr Ende fanden. Pfarrer Kersten bekleidete 
das dortige Pfarramt bis zum Jahre 1698, in dem 
er seine Versetzung in das Pfarramt zu Gberkalbach 
erhielt. Rm 15. Mai 1705 ist er daselbst gestorben. 
In das durch den Fortgang Kerstens nunmehr frei 
gewordene Rektorat des Gymnasiums in Zchlüchtern 
rückte nun der bis dahin als pädagogiarch an ihm 
tätig gewesene und als solcher erprobte Johann Rein 
hard Wiesenbach nach. 
Rektor Wiesenbach scheint ein tüchtiger Zchulmann 
gewesen zu sein, dem es mit Hilfe seiner Kollegen, 
dem aus Kreuznach stammenden Konrektor Kasimir 
Ludwig Winold und den beiden Präceptoren Johann 
Heinrich Zchlemmer und Johann Daniel vaupel ge 
lang, die Klosterschule in gutem Ztande zu erhalten. 
Rls Beweis dafür, daß damals auch wieder junge 
Leute aus auswärtigen Rdelskreisen zu ihren Zchülern 
gehört haben, kann ein Eintrag in das Zchlüchterner 
Kirchenbuch gelten, der deshalb hier wörtlich wieder 
gegeben werden mag. Er lautet: „1695 den 31. 
Januar ist Junker Moritz von Topes gestorben, Ztu- 
diosus allhier. Tr hatte den „Grätz", den er mit einer 
merkurialischen Zalbe in den Leib getrieben, davon 
er angeschwollen, die fallende Zucht bekommen und 
in 28 Ztunden gestorben, aetatis Heines Rltersj 16 
Jahre, 9 Monate, 5 Wochen". 
Während gegen Rektor Wiesenbachs Lehrtätigkeit 
anscheinend nichts eingewendet werden konnte, gab 
die auffallende Begehrlichkeit, die er und seine Lehrer 
während seiner Rmtstätigkeit an den Tag legten, 
Rnlaß zu Klagen. Zo wird über ihn in einem pres- 
byterial-protokoll geäußert, „daß er zuviel Geld, 
wie Mai-, Namenstags-, Fastnachts-, Martini-Geld 
wie auch Geld für Brezeln u. s. w. von den Zchü 
lern erhebe. Manche reformierte Eltern hätten bereits 
ihre Kinder in die lutherische Zchule geschickt, weil 
man in der Klosterschule den Präceptoribus allzuviel 
Geld geben müsse". 
Besonders behaglich wird sich daher Rektor Wiesen 
bach in seiner Zchlüchterner Ztellung nicht gefühlt 
haben und herzlich gern würde er wahrscheinlich 
den an ihn ergangenen Ruf in Heidelberg, das Rek 
torat der dortigen Lateinschule zu übernehmen, gefolgt 
sein, wenn ihn nicht der sich damals noch in der Ge 
gend von Heidelberg abspielende dritte Troberungs-
	        

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