Full text: Zeitungsausschnitte über Ludwig Emil Grimm

© Hessisches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm Nr. Z 7 
GRIMM (LUDWIG EMIL) — 309 — GRIMM (LUDWIG EMIL) 
Die meisten dieser Blätter, und zwar seine geschätztesten, 
betrachtete er damals offenbar nur als Studien. Bon 
gleichnckißig-wotlenderen, für das Publicum gearbeiteten 
Platten n'enue^ich Jas Porträt des Missionar Bock aus 
dem .Jahre IS 11, das Grimm nach äußerst sorgfältiger 
Kreidezeichnung durchführte. Zu derselben Zeit wol 
zeichnete er das unter dem Namen Bindo Altoviti ge 
hende Porträt Raphael's der Münchener Galerie, das er 
jedoch nicht ausgeführt hat, so wenig als anderes, was 
er zu gleichem Zwecke in der Galerie zeichnete. Ruch 
fremden Zeichnungen hat Grimm selten gearbeitet. Eini 
ges, was er in Cartonmanier nach Langer und Heß 
rabirtJiaL ist-steif und unbedeutend. 
"'"Im Januar 1814 verließ Grimm München, um bei 
der allgemeinen Volkserhebung in Cassel als Officier ein 
zutreten. Eine Zeichnung vom 31. Jan. dieses Jahres 
stellt Wilhelm Grimm en face dar. „Ich habe den, 
Lui", schreibt dieser damals an den jüngsten BrudE 
Ferdinand, „mitten im Glied begleitet, bei der Pappelalle'e 
haben wir uns geküßt und Abschied genommen; vom 
Carl (dem andern Bruder, welcher als freiwilliger Jäger 
mitging) auf dem Friedrichsplatz, er mußte vor dem 
Prinzen voranreiten. Es waren alle Glocken geläutet, 
vor dem Philippsth. Haus, wo die Kurfürstin logirt, 
stand unten der Kurfürst, da hat ihn der Lui auch recht 
schön salutirt. Gott erhalte sie, er weiß wie es mir 
Angst und Freude macht daß sie mit sind." 
Der Feldzug dauerte nicht lange. In den kurzen 
Notizen, welche'Grimm über seine Arbeiten aufgezeichnet 
hat, finden wir „bei Metz und in der Umgegend in Stand 
quartieren, nach der Natur gez. Verschiedenes in den Garni 
sonen Wolfhagen uud Carlshafen. Officier- und andere 
Bildnisse gez." Als er zurückkam, blieb er zuerst in Cassel. 
Jacob (der als Legationssecretär ebenfalls in Frankreich 
gewesen war) und Wilhelm arbeiteten damals am zwei 
ten Theile der Märchen, und sGrimrn radirte (30. Aug. 
1814) die alte Bauersfrau aus Zwehren, welche für die 
Märchen eine so vorzügliche Quelle war. Das Porträt 
ist später (1819) verkleinert dem zweiten Theile der neuen 
Auflage beigegeben worden. Vom 16. Oct. des Jahres 
ist eine schöne Zeichnung, den Bruder Carl als frei 
willigen Jäger darstellend, mit dem Säbel zwischen den 
Knien, auf dessen Griff die Hände gelegt sind. Der Kopf 
allein ist später radirt worden. Von 1814 ist auch ein 
Baschkirenkopf, das Original gehörte offenbar der russi 
schen Armee an. Von 1815 sind spielende Kinder in 
Kurhessen, Negergesichter, Mäuse, und eine Reihe Por 
träts, darunter in Bleistift das Ludwig Hassenpflug's, 
welcher in der Folge sdie- Schwester heirathete und den 
Grimm später lebensgroß in Oel malte. Aus dem Juli 
1815 ist auch die Zeichnung des 1817 radirtcn Porträts 
von Jacob. Er sitzt da in einen Mantel gehüllt, der 
Kopf ist beinahe im Profil gehalten, während die Augen 
sich dem Betrachtenden zuwenden. Im selben Monat 
machte ff sich Grinun wieder nach München auf. In 
Steinau, unterwegs, zeichnete er eines seiner besten 
Blätter: „das Preusje", einen steinauer Handelsjuden; 
im September porträtirt er Görres in Cobleuz, im Oktober 
Scharff, Stein unb Thomas in Frankfurt auf ein Blatt, 
auch Savigny • dort wiederum. In Frankfurt durfte er 
Goethe seine Zeichnungen vorlegen, über dessen Urtheil 
diesmal jedoch nichts Näheres bekannt ist; auch hat die 
Begegnung keine weiteren Folgen gehabt. 
In München blieb!Grimm nicht lange. Im Februar 
1816 arbeitet er wieder in Cassel, im Juli ging er mit 
Georg Brentano, dem jüngsten Bruder der Familie, 
nach Italien. Die Reise dauerte nur zwei Monate, 
ward aber sehr arbeitsam ausgenutzt. Da haben wir 
das feine radirte Köpfchen „Annunciata", datirt „Cam- 
uzzi 17. Mai". In Bologna zeichnet er das Porträt 
F. Francia's nach dem Original der Galerie Ercolani. 
Aus Nom liegen eine ganze Reihe Köpfe und Ansichten 
vor. Dort (28. Mai) entstand das Porträt des Malers 
Müller, der als Schriftsteller so bedeutend dasteht. Eine 
Ansicht von Raphael's jetzt zerstörter Villa im Garten 
Borghese hat mehr historischen Werth. Ansichten des 
Meeres bei Terracina folgen, dann, sehr geschmackvoll 
radirt, Posilippo. Carluccio (Neapel), Noesel der Land 
schaftsmaler (Salerno), Nicoletti (Pästum, 18. Juli), 
lauter charakteristische, leicht und geistreich radirte Blätter, 
besonders das letztere ein Meisterstück. Dahin gehören, 
um fernere Stationen zu bezeichnen, die Bäckerin von 
Gaeta (20. Juli) und drei Köpfe von Negern und 
Griechen (Hafen von Livorno, 2. Aug.). Im September 
radirt Grimm schon wieder in München. Damals ent 
stand das anmuthige kleine Blatt: ein Mädchen, die 
Arme vor sich auf den Tisch gelegt. 
Im Oktober 1817 in Cassel eingetroffen, radirt 
Grimm eine Reihe von Platten als Ausbeute der Reise, 
die er mit dem die Dedikation tragenden Titelkupfer 
(antikes Ornament im Basrelief) George Brentano zu 
eignete. Die Blätter sind nicht alle mit der gleichen 
Sorgfalt ausgeführt. Dann sollten die Märchen illustrirt 
werden, doch kam es nur zu dem einen Blatte: „Brü 
derchen und Schwesterchen". Erst später zeichnete Grimm 
eine Reihe sehr anmuthiger Illustrationen zur kleinen 
Ausgabe der Märchen, die von Loedel in Göttingen in 
Kupfer gestochen worden sind. 
Grimm mußte sich jetzt als längst ausgelernt be 
trachten und eine dauernden Unterhalt gewährende Stel 
lung zu gewinnen trachten. Um als Kupferstecher un 
abhängig zu arbeiten, hätte es einer großen Stadt 
bedurft. Auf gut Glück sich diese Eristeuz nun aber in 
der Fremde, d. h. außerhalb Hessens, zu suchen, lag 
weder in seiner Natur, noch entsprach es Jacob's und 
Wilhelm's Anschauungen. Diesen erschien Leben und 
Arbeiten in Hessen als das Natürlichste, ja als eine 
Pflicht, auf deren Erfüllung allein der rechte Segen 
ruhen werde. Dazu entsprach es Grimm's Neigungen 
schondamals, zurückgezogen unb auf die Seinigen be 
schränkt mehr abseits vom großen Wege ein beschauliches 
Leben zu führen. Die Möglichkeit einer Stellung in 
Cassel eröffnete sich durch die Aussicht auf einen Posten 
als Lehrer an der Akademie. Doch bedurfte es hier eines 
Malers, i,Grimm mußte ein Bild aufweisen können, 
bisher war nur vom Kupferstechen in erster Linie die Rede 
ißt
	        

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