Full text: Zeitungsausschnitte über Wilhelm Grimm

© Hessisches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm Nr. Z 6 
aus: Generalanzeiger für Köln und Umgebung , Nr. 7080, 1909» Dez.16 
S. 2 
Wilhelm Grimm. 
Zu fernem tünfziqsten Todestage. 
(16. Dezember 1859.) 
= Zwei Persönlichkeiten stehen der deutschen Gelehrten- 
toelt leuchtend vor: Jakob und Wilhelm Grimm. 
Und wie sich auch die Zeiten wenden mögen, sie sind und 
bleiben ein idealer Höhepunkt im deutschen Geistesleben. 
Aber nicht allein die altdeutsche Philologie hat von diesen 
beiden in höchstem Matze — ame nie zuvor und nie nach« 
her — profitiert, liegt doch für das deutsche Volk ihr 
Ruhm darin begründet, daß sie die Sammler und Her 
ausgeber der Haus- und Kindermärchen sind. Was 
sie uns damit erhalten haben, ist auch nicht annähernd zu 
sagen und wenn man in diesen Tagen lesen konnte, datz. 
wenn es nach Recht und Gerechtigkeit zuginge, alle Kin 
der Deutschlands am 16. Dezember ds. Js. dem Andenken 
Grimms zu Ehren Trauerflor tragen mutzten, so war da 
mit nicht zu viel gesagt. Nicht geringer ist die Geistestat 
dieser beiden Brüder, als durch diese gedachte Ehrung 
ausgedrückt werden soll. Zudem fällt noch dev Hauptver- 
dienst dieser Arbeit Wilhelm Grimm zu. 
Wilhelm Grimm ist der etwas über ein Jahr jüngere 
der Brüder Grimm und wurde am 24. Februar 1786 in 
Hanau geboren. Erzogert wurde er in Steinau, wohin 
der Vater als Amtmann versetzt ward, kam ein Jahr 
später als Jakob (1798) aus das Lyzeum nach Kasiel und 
bezog im Frühling 1803 die Universität Biarburg. Wie 
sein Bruder studierte auch er zuerst Jurisprudenz, wie ja 
k-uch sein Hauptlehver der berühmte Sarigny wurde. 
.Nach erledigtem Studium folgten für ihn Jahre dev 
Krankheiten, weshalb er sich nach Halle begab, um in tüch 
tiger Behandlung Gesmtdung seines Herzleidens nnd 
seiner asthmatischen Beschwerden zu finden. So mutzte er 
lange ohne Amt bleiben und erst zu Ansang des Jahres 
1814 sehen wir ihn als Bibliotheksekretär in Kassel. wo 1 
sein Bruder nach einer kurzen, bald erledigten juristischen j 
Laufbahn im Staatsdienste, inzwischen Bibliothekar ge 
worden war. Im Mai 1825 vermählte er sich mit Doro- j 
1hea W i ld, dev Urenkelin des Philologen Johann Ma- ! 
thias GeSner. Da sich die beiden Brüder nach dem Tode 
des Oberbibliothekars Völker nicht in der Beförderung be- ■ 
rücksichtigt sahen, folgten sie im - gleichen Jahre (1830) 
hinein Ruse nach Göttingen, woselbst Wilhelm neben 
seinem Bruder Unterbibliothekar wurde. 1831 wird er! 
zum außerordentlichen, 1835 zum ordentlichen Professor' 
ernannt und hält seine erste Vorlesung über das Nibc- 
brngenlied. Jakob und Wilhelm gehörten dann den sieben 
Göttinger Professoren an, die 1837 gegen daS hannoversche 
Sbaatsgrundgesetz von 1833 protestierten, weshalb beide 
ihres Amtes entsetzt wurden. Sie lebten sodann in Kassel 
und wurden gleichzeitig im Jahre 1840 Mitglieder der 
Akademie der Wissenschaften in Berlin. Dort starb auch 
Wilhelm Grimm am 16. Dezeurber 1859. Sein Bruder 
überlebte ihn um vier Jahre. 
So sehen wir die Lebenswege Beider von frühester Ju 
gend an eng nebeneinander herlaufen. Nicht allein den 
rohesten, ersten Unterricht haben sie gemeinsam, sondern 
auch Lyzeum und Universität und später die Aemter gar. 
Selbst ihre Lebenswerke verteilen sich auf Beide. Eo 
wuchsen sie empor, lehnten sich im Leben und im Schassen 
aneütander an und werden von uns heute als eine große 
Einheit genommen. Nur war Wilhelm der körperlich 
schwächere; häufige Krankheiten behinderten ihn und leg 
ten ihm bei seiner wissenschaftlichen Tätigkeit große 
Mäßigung auf. Und auch im Wesen war er derselbe wie 
Jakob. Folgertüermatzen charakterisiert ihn sein Sohn 
Hermann: «Ein Optimismus von edelster Art war ihm 
eigen; überall, auch in der größten Verwirrung der Dinge, 
suchte und entdeckte er die Richtung zum Guten, die sie 
nehmen müßten. Er verneinte das Schlechte, so lang er 
tonnte. Erkannte er es offenbar, dann bemäntelte er es 
nicht, aber er wandte sich fest ab, wenn es ihm entgegen 
trat. Mit einer wunderbaren Geduld schickte er sich in das 
Unabänderliche. Das Gefühl des Glückes wuchs bei ihm 
mit den Jähret:; immer heiterer, zufriedener fühlte er 
sich; bis in seine letzten Tage, ja Stunden reichte das hin 
ein." Das einzig dastehende innige Verhältnis der Brü 
der mag ein Ausdruck Jakobs beleuchten, als einmal in 
seinem Vortrage eine Stockung eintrat. Er faßte sich und 
entschuldigt« sich mit idem Wort: /.Mein Bruder ist er 
krankt." 
Nicht des großen monumentalen Werkes der Beiden, 
des «Deutschen Wörterbuches", noch der aitdcven hervor- 
ragenden wisienschaftlichen Arbeiten sei hier gedacht. Be 
scheidener wollen wir unser Auge ruhen lassen aus den 
».M ä r ch e n". die uns die Mutter erzählte im Zwielicht 
des scheidenden Tages. Ihm, dessen wir heute gedenken, 
war ja. weil sein Bruder zu sehr in die Grammatik ver 
lest war. die Hauptcedaktion der Sammlung zugefallen, 
nnd deshalb begehen wir sein Gedächtnis wohl besonders 
pietätvoll, verweilen wir bei ihnen mehr als bei den großen 
wissenschaftlichen Werken. Wenn schon auch da Wilhelm 
Grimm den gleichen Anteil hat. 
Wenn sein Brücher an ihm die „aufmerksame Anmut" 
seiner Art. sich auszusprechen rühmt und gesteht, daß er in 
»milder. gefallender Darstellung" in Allem, was sie taten, 
chm überlegen gewesen sei, so ist wohl der Zufall 
ein günstiger zu nennen, der ihm die hauptsächliche ArbRt 
hei den Märchen zuwies. Er war eiu feiner Erzähler im 
Leben, aber auch ein Dichter in seinem Schassen. Denn 
bi« Kunstsorm der Kindermärchen, wie wir sie heute be 
sitzen. rührt von ihm her. Er hat die vorhandenen Er 
zählungen idealisiert. vermittels seines eigenen Gemüts 
den Kindern mund- oder besser hörgerccht gemacht. Er hat 
den Glanz und den Zauber seiner eigenen, feinen Per 
sönlichkeit über diese Märchen gegossen, er hat mit kindlich 
reinen Augen die Märchengcstalten neu geschaut, er hat 
mit kindlich naivem Herzen sie neu geschaffen. 
Sie sind uns allen in der Jugend erzählt worden, jene 
Märchen. Unsere Wangen haben geglüht, unser« Augen 
haben geglänzt und unser kleines Herz hat damals rascher 
geschlagen. Wir sind älter und ernster geworden, aber die 
Märchengestalten sind doch unsere Weggenossen geblieben. 
Oftmals in stillen glücklichen Stunden, oder gar in recht 
unglückseligen, da kommt uns die Erinnerung an unsere 
Kindertage zurück urch im treuen Gefolge all die Märchen, 
wie sie uns Grimm erzählte. Und erst in diesen Dezem 
bernächten hocken sie hinter jedem deutschen Herd im trau* 
wichen Schein, 
@3 wivd so bleiben, in Deutschland und über seine Gren-' 
3en hinaus. Zu jeder Stunde sitzt irgendwo ein« Mutter 
und erzählt ihren Kindern ein solches Märchen und den 
Kleinen ergeht es, wie an uns geschehen ist. Darum darf 
gesagt sein: niemand, selbst Goethe nicht, erfährt fort 
während solche Ehrungen wie Wilhelm G r i m in, der 
liebenswürdige Mensch und große Gelehrte.
	        
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