Full text: Zeitungsausschnitte über Jacob Grimm

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— 1866. — Literar i s §es Centralblatt. — «4216. April 14. — 
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in. Wien hat im 
Erklärung 
Äakob Grimm's betreffend. 
Herr Professor Franz Pfeiffer in Wien hat im ersten Hefte 1866 seiner 6ermunia damit begonnen, an ihn gerichtete Briefe 
Jacob Grimm's zum Abdrucke zu bringen. Die Fortsetzung wird verheißen. 
Professor Pfeiffer giebt in einleitenden Worten, welche sein persönliches Verhältniß zu Jacob Grimm darstellen, das Versprechen, 
„alle subjectiven Urtheile, die irgendwie verletzen könnten", fortzulassen. Nur eine Ausnahme solle gemacht werden jedoch, und zwar in 
Betreff des „Herrn I. Zacher", damit man wisse, „welche Meinung Jacob Grimm von ihm hatte". Professor Zacher nämlich habe „ohne 
„selbst eine nennenswerthe Leistung ausweisen zu können, sich berufen geglaubt, über Arbeiten und Bestrebungen Anderer den Stab zu 
„brechen" und so möchten er und „Jene die ihn dazu vermocht" erfahren, wie Jacob Grimm über ihn geurtheilt. 
Ich bin weder mit Herrn Profeffor Zacher, noch mit Professor Pfeiffer persönlich bekannt, auch haben meine eigenen wissenschaft 
lichen Bestrebungen mit dem, was die germanistische Sprachforschung heute bewegt, wenig zu thun, so daß ich von der angedeuteten 
Kränkung, die Profeffor Pfeiffer, seiner Angabe nach, erlitten hat, erst aus dem vorliegenden Hefte der Lermania Kenntniß erhalte. 
Was ich hier zu sagen habe, spreche ich aus als Rechtsnachfolger Jacob und Wilhelm Grimm's, dem nach ihrem Tode die Fürsorge für 
ihren Nachlaß zugefallen ist. 
Ueber die Art und Weise wie Briefe Verstorbener buchhändlerisch zu betrachten seien, gehen die Meinungen bekanntlich auseinander. 
Die bedeutenderen deutschen Juristen neigen der Ansicht zu: Briefe seien Manuscript wie alles andere, und das Recht der Veröffent 
lichung gehe auf die Rechtsnachfolger über. Das Gesetz stellt bei uns in das Belieben des Richters, zu erkennen: in welchen Fällen 
Briefe anderem Manuscripte gleichzuachten seien. Dieser Spielraum ist ohne Zweifel nothwendig.- Im Ausderhandgeben eines Briefes 
von Seiten seines Autors liegt zuweilen ein Aufgeben aller Rechte auf ihn, zuweilen aber ebenso entschieden nicht. Ich habe kein 
Bedenken getragen z. B., in den Zusätzen zu dem ersten Bande der kleineren Schriften Briefe Otfried Müller's und Benecke's ohne 
weiteres abdrucken zu lassen. Es kann Fälle geben, in denen es wahrhaft sündlich wäre sich Scrupel zu machen. Kaum wird man es einem 
Gelehrten verargen, wenn er inhaltreiche Briefe eines Freundes, mit dem er in wissenschaftlichem Verkehre stand und auf deren allge. 
meinen Besitz es ankommt, drucken läßt, statt den Erben, die vielleicht gar nicht im Stande sind die Wichtigkeit der Sache zu begreifen, 
die Entscheidung darüber zu überlassen, ob die kostbaren Blätter ans Tageslicht kommen sollen. 
Liegt ein solcher Fall aber hier vor? Hätte sich Profeffor Pfeiffer nicht mit einem Worte wenigstens zuerst an mich wenden können? 
Aber das gehe hin: ich rede hier zunächst nicht von dem Abdrucke der ganzen Reihe Briefe Jacob Grimm's an ihn (obgleich in denselben, 
dem gegebenen Versprechen zuwider, eine Anzahl Stellen stehen geblieben sind, die, wie mir jeder unbefangene Mann zugeben wird, 
nicht gedruckt werden sollten), ich rede von dem einen Briefe mit dem Urtheile über Profeffor Zacher. An diesem will Professor Pfeiffer 
sich rächen eines literarischen Angriffes wegen. Nicht die eigenen Kräfte aber will er gebrauchen, sondern die im Vertrauen gemachten, 
verletzenden Aeußerungen eines Todten. Professor Pfeiffer weiß recht gut, daß was er thun will der Mißbrauch des Vertrauens 
sei, aber es soll so sein, der Mißbrauch soll begangen werden weil dadurch eine Rache möglich wird. Ist dergleichen erhört in 
Deutschland? 
In dem einleitenden Berichte über seinen Verkehr mit Jacob Grimm schreibt Professor Pfeiffer: „Ueberhaupt war seinem Wesen 
„alles Bittere, Schroffe fremd und für jedes ernstliche Streben hatte er ein Herz voll Milde und Wärme. Von diesen Charaktereigen, 
„schäften werden auch die folgenden Briefe vielfach Zeugniß geben. Hätte in der deutschen Philologie statt des herzlosen Spottes, der 
„herben Abweisung gegen Alle, die sich nicht „willig ergaben", die Art Jacob Grimm's vorgewaltet, diese innige Güte und das herz. 
„liche Wohlwollen, wie ganz anders stünde es mit unserer Wissenschaft, wo statt des einträchtigen Zusammenwirkens auf ein großes 
„Ziel Haß und Zwietracht die Zügel führen." 
Und dieselbe Feder die das schreibt, schreibt nicht weit danach die drohende Ankündigung jenes Briefes desselben Mannes, von dem 
in so heilig klingenden Worten gesagt wird, wie milde er dachte und wirkte! Ich lege hiermit Protest ein gegen den Abdruck dieser 
Correspondenz. Herr Professor Pfeiffer hat kein Recht dazu, sie in dieser Weise zu benutzen. 
Herrn Profeffor Zacher persönlich zu kennen, habe ich, wie gesagt, die Ehre nicht, stand auch und stehe nicht mit ihm im Verkehr, 
weder in direktem noch indirectem, und fühle mich nicht berufen ihm in seinen literarischen Fehden beizuspringen. Das ist seine Sache. 
So ganz unbekannt aber ist er mir dennoch nicht, denn ich erinnere inich sehr wohl seinen Namen öfter aus dem Munde meines Vaters 
sowohl als meines Onkels gehört zu haben, die niemals ohne die freundschaftlichste Gesinnung von ihm sprachen. Er selbst muß Beweise 
dieser Theilnahme brieflich in Händen haben. 
Was Herrn Profeffor Pfeiffer anlangt dagegen, so spricht er in jenen Einleitungsworten von Wilhelm Grimm's „vornehm ab. 
wehrender Art." Wer meinen Vater gekannt hat, der die Herzlichkeit und das Entgegenkommen selbst war, weiß, daß diese „Art" nur in 
sehr seltenen Fällen hervortrat, dann aber nie ohne die triftigsten Gründe. Wilhelm Grimm hatte ein sehr feines Gefühl für den 
Charakter der Menschen. Jacob gab sich leichter hin, und wo ihn sachlich etwas interessierte, war er in manchen Fällen äußerst unem 
pfindlich gegen das Persönliche. Er war arglos. Er urtheilte scharf, und wenn ihm eine Bemerkung auf der Zunge saß, sprach er sie im 
vertraulichen Verkehre rücksichtslos aus. Er sagte mir einmal: „Ich weiß nicht warum sie den ersten Theil der Grammatik wieder abge- 
druckt haben, es stehen lauter Fehler und falsche Behauptungen darin." Wäre das so buchstäblich seine Meinung gewesen, er würde den 
Abdruck doch wohl kaum gestattet haben. Ich könnte viel dergleichen noch anführen und Andere mögen mehr wissen. 
Glaubt Herr Profeffor Pfeiffer, Jacob Grimm würde ihm nur eine Sylbe solcher Mittheilungen gemacht, ihn seinen „werthesten; 
hochgeehrten; lieben Freund" genannt haben, wenn er sich der Möglichkeit versehen, es könnte, nachdem er die Augen geschloffen, ein 
so skandalöser Mißbrauch mit seinem Vertrauen getrieben werden wie ihm Professor Pfeiffer jetzt androht? Meint dieser, weil er in den 
bereits gedruckten Briefen eine Anzahl Stellen unterdrückt, diese Selbstbeschränkung habe ihm das Recht erworben, in einem Falle eine 
Ausnahme zu machen? Wer wird diese Moral gutheißen? 
Mein Onkel pflegte mir zuweilen seine Briefe zu zeigen; was würde er mir geantwortet haben, wenn ich ihm bei einem jener 
Blätter gesagt: „Höre, ich würde dem Manne dergleichen nicht schreiben; der wartet nur auf deinen Tod um es drucken zu lassen!" Auf 
das heftigste hätte er das in Abrede gestellt. Prof. Pfeiffer stelle sich einmal vor: an dem Morgen, oder Abend, wo er eben dabeisitzt, 
jenen Brief mit der Stelle über Professor Zacher in der Correctur durchzusehen, rühre plötzlich ein leiser Finger seine Schulter und 
Jacob Grimm stände hinter ihm! Der Mann, den er ja gesehen hat, der ihn „mit Kuß und Umarmung" entließ, dem alles „Bittere und
	        

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