Full text: Zeitungsausschnitte über Jacob Grimm

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Märchen, wodurch die nur noch in den niederen Volksschichten 
lebende Dichtungsgattung dem ganzen Volke wieder geschenkt 
werden soll. Die Brüder beabsichtigen damit eine Erneuerung 
des deutschen Schrifttums, das in den Tagen, da es kein Deut 
sches Reich gab und da Preußen, die Hoffnung aller Patrioten, 
am Boden lag, seine Tiefe und seinen reichen Schatz, sowie die 
Schönheit seiner Sprache allen Deutschen zeigen sollte. 18*2 
erscheint der erste Band, zwei Jahre später ein zweiter, die 
beide in musterhafter Weise den in sechs Jahren gesammelten 
Stoff ganz schlicht und genau wiedergaben, wie die Ueberliefe 
rung mündlicher oder schriftlicher Art ihn erhalten hatte. Die 
ehrfürchtige Treue vor der Stimme des Volkes führte die 
Brüder dahin, in den über lso Märchen nicht willkürliche 
Aenderungen vorzunehmen, sondern durch sie den wahren Geist 
des deutschen Volkes sprechen zu lassen. Und darin liegt für 
uns alle ihr tiefer Wert. 
Die nächsten Jahre gemeinsamen Schaffens brachten die 
Uebersetzung von verschiedenen großen Gedichten der deutschen 
Vergangenheit hervor, so auch der Edda, bis in den Jahren 
*8J6—j8K8 die „Deutschen Sagen", 600 an der Zahl veröf 
fentlicht werden konnten. Sie ergänzten die Märchen, aber sie 
konnten nicht den gleichen Erfolg erringen wie diese, obwohl 
auch in ihnen viel Wertvolles enthalten ist, das der Vergessen 
heit entrissen zu werden sehr wohl verdiente. 
von nun an gingen die Brüder in ihrer Arbeit getrennte 
Wege, um nur noch ein großes Werk mit vereinigten Kräften 
ins Leben zu rufen, das hier genannt sein soll: das „Deutsche 
Wörterbuch", dessen erster Band *854 gedruckt wurde. Was 
diese Tat bedeutet, ist daraus zu erkennen, daß noch jetzt das 
riesige Werk, zu dem die Brüder selber die ersten vier Bände 
lieferten, trotz unermüdlicher Arbeit vieler Gelehrter, nicht ab 
geschlossen ist mit seinen \6 Bänden, die in zahlreiche Unter 
bände zerfallen. Es war eine Schöpfung ohnegleichen, die von 
dem überragenden Können der beiden Geisteshelden das glän 
zendste Zeugnis ablegt und die ihre Namen in unserem Volke 
unvergessen macht, soweit es noch seine Sprache liebt als heili 
ges Besitztum. Für alle Kultursprachen gaben die Brüder 
Grimm damit ein bewundernswertes Vorbild, dessen Auswir 
kungen seit jenen Tagen überall zu verspüren sind. Das Werk 
wollte sein eine Sammlung des Sprachschatzes der letzten vier 
' Jahrhunderte unserer Geschichte, zugleich aber auch eine Deu 
tung der unzähligen Wörter bringen, die darin Aufnahme ge 
funden halten. So wurde mit ihm geplant und auch erreicht, 
ein gewaltiges Denkmal unseres Schrifttums zu errichten, das 
im selben Augenblick zu einem Denkmal unserer Kultur wurde, 
wie es großartiger bis dahin nicht vorhanden war. 
Kleine Schriften füllten die Zeit aus bis zum Erscheinen 
der „Deutschen Grammatik", deren bleibende Größe bereits be 
leuchtet wurde. An ihr hatte Jakob Grimm über 20 Jahre 
gearbeitet, die besten Jahre seines Lebens. Er war bei ihrer 
Vollendung 52 Jahre alt. Aber zwischen ihrem ersten und letz 
ten Bande schuf er neben vielen kleinen Abhandlungen noch 
seine bedeutsamsten Werke auf anderen Gebieten. Als solches
	        

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