Full text: Zeitungsausschnitte über Jacob Grimm

nun mit größter Sorgfalt und Liebe auch meine Erziehung. Er 
wünschte mich gänzlich als eigenen Sohn zu adoptieren, und 
legte mir daher, als ich in die erste Schule aufgenommen ward, 
seinen Namen bei, so daß ich meinen Dresdener Jugendgenossen 
bis in mein vierzehntes Jahr als Richard Geyer bekannt gewesen 
bin. Erst als meine Familie, längere Jahre nach dem Tode meines 
Stiefvaters, sich wieder nach Leipzig wandte, nahm ich dort, 
am Sitz meiner ursprünglichen Verwandtschaft, den Namen Wagner 
wieder an." An einer anderen Stelle führt Wagner dann noch aus, 
daß der Hanptcharakterzug seiner Mutter ein drolliger Humor und 
gute Laune gewesen zn sein schiene, und daß der treffliche Ludwig 
Geyer nicht nur durch das Pflichtgefühl gegen die Familie eines 
hir.terlaffenen Freundes, sondern auch durch eine wirklich herzliche 
Neigung bewogen worden sei, die nicht mehr ganz jugendliche Frau 
zu ehelichen. Es geht ans allen diesen Mitteilungen znm mindesten 
hervor, daß Wagner die Frage, wer sein Vater gewesen sei, ob 
Friedrich Wagner oder Ludwig Geyer, hat offen lassen wollen. 
In dem Kapitel Kinder- und Schuljahre berichtet Wagner viel 
von seiner zu allerlei Ekstasen veranlagten Gemütsart. Von 
zartester Kindheit an hätten gewisse unerklärliche und unheimliche 
Vorgänge auf ihn einen übermäßigen Eindruck ausgeübt. Er 
entsinnt sich, daß er aus Furcht vor leblosen Gegenständen wie 
Möbeln, wenn er längere Zeit im Zimmer allein war und seine 
Aufmerksamkeit auf sie heftete, plötzlich laut aufgeschrien hat, weil 
sie ihm bewegt schienen. „Keine Nacht verging, bis in meine 
spätesten Knabenjahre, ohne daß ich aus irgend einem Ge 
spenstertraum mit fürchterlichem Geschrei erwachte, welches nie 
eher endete, als bis mir eine Menschenstimme Ruhe gebot. 
Das heftigste Schelten, ja selbst körperliche Züchtigung, erschienen 
mir dann als erlösende Wohlthat. Keines meiner Geschwister wollte 
mehr in meiner Nähe schlafen; man suchte mich so fern wie möglich 
von den übrigen zu betten und bedachte nicht, daß meine Gespenster 
hilferuse nur desto lauter und anhaltender wurden, bis man sich 
endlich an diese nächtliche Kalamität gewöhnte." Erst die Schule 
und der Verkehr mit Lehrern und Jngendgenossen bewirkten, daß 
diese „von dem Grauenhaften bis in das Weichliche sich verlierende 
phantastischen Stimmungen" mildere Formen annahmen. Aber 
das Phantastische war es auch hier, das ihn zu reger Teilnahme 
bestimmte. Die alten Sprachen interessierten ihn wenig, und das 
Griechische zog ihn nur deswegen an, weil es ihn reizte, sich die 
Helden der griechischen Mythologie in ihrer Ursprache sprechend vor 
zuführen. Von der Mathematik wollte er schon gar nichts wissen. 
Eine starke Sensibilität behauptete sich auch weiter. Die erste Reise 
nach Prag bringt ihm die „aufregendsten Abenteuer". „Die fremd 
artige Nationalität, das aebrochene Deutsch der Bevölkerung, gewisse 
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Kvpftrachten der Frauen, der heimische Wein, die Harfenmädchen nud 
Musikanten, endlich die überall wahrnehmbaren Merkmale des Katholi 
zismus, die vielen Kapellen und Heiligenbilder, machten stets einen 
seltsam berauschenden Eindruck, der vielleicht an die Bedeutung sich 
anknüpfte, welche bei mir, der bürgerlichen Lebensgewohnheit gegen 
über, das Theatralische gewonnen hatte. Vor allen übte die alter 
tümliche Pracht und Schönheit der unvergleichlichen Stadt Prag auf 
meine Phantasie einen nnverlöschlichen Eindruck." Als er nach 
seiner zweiten Prager Reise von einer Anhöhe auf die Stadt zurück 
blickte, zerfloß er in Tränen, warf sich zur Erde und, war von seinen 
staunenden Freunden lange nicht zum Weiterwandern zu bewegen. 
Daß der junge Wagner in Tränen zerfloß, kam übrigens öfter vor. 
In dem Kapitel „Studiosus nmsieae“ schildert Wagner, ohne sich 
im geringsten zn schonen, die studentischen Ausschweifungen, denen 
er sich hingegeben hatte, bis zu dem Erlebnis, das ihn für immer 
von Trink- und Rauflust und von einer unheimlichen Spielwut 
kurierte. Das nächste Kapitel „Wanderjahre durch Deutschland" 
bringt die Geschichte seiner Ehe mit Minna Planer, wo 
durch seine Briefe an seine erste Frau eine reiche Ergänzung 
finden. Mit der Pariser Zeit (1839 bis 1842) schließt das 
erue der vier Bücher, die eine wahrhaft imposante Fülle wert 
vollsten Materials zur Kenntnis des Menschen und Künstlers 
Richard Wagner bringen. Wo man die beiden stattlichen Bände 
auch aufschlägt: überall wird mau gefesselt durch die so sonderbar 
schmucklose und lapidare Art der Darstellung. Es liegt hier ein 
Werk vor uns, das nicht nur Freunde und Verehrer des Meisters im 
besonderen, die musikalischen Kreise im allgemeinen interessiert, 
sondern das jeden gebildeten und denkenden Menschen angeht. 
Denn e8 sind nicht nur Kunst und Künstler, die Wagner in den 
Bereich seiner Darstellung zieht, sondern sein reicher Geist, seine 
universale Bildung werfen auch Streiflichter auf alle Kulturfragen 
der Menschheit. M. M. ~ J. 
§acoß Krimms erstes öffentliches Austreten in 
Berlin vor steözig Iayren. 
Zur Geschichte des geistigen Berlins gehört die Erinnerung daran» 
daß heute vor siebzig Jahren (am 30. April 1841) Jacob Grimm seine 
erste öffentliche Vorlesung in der Universität Berlin gehalten hat, ein 
Ereignis, das nicht so sehr wegen des vorgetragenen Stoffes, als wegen 
der politischen Geschicke, durch die sich die Brüder Grimm durch, 
gekämpft hatten, die weiteste Teilnahme aufrief: weswegen es sich 
verlohuen dürfte, die entscheidenden Vorgänge, teilweise auf Grund neuen 
Materials, zu wiederhole». Die Brüder Grimm hatten 183? Göttinaerr
	        

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