Full text: Zeitungsausschnitte über Jacob Grimm

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aus : Kölnische Zeitung Kr. 126, 1866,Mai 7, 2 
O. ueber die Bekanntmachung einiger Briefe Jakob Grimm's. 
Jakob Grimm lebt in seinen Werken; wer mit diesen im Verkehr steht, 
bleibt ihm, bleibt seinem Geiste nahe; und so bedarf es keines andern 
Denkmals. Dennoch wünscht man — unb wie natürlich ist ein solcher 
Wunsch ! — das; von dein Bilde einer so einzigen Persönlichkeit auch nicht 
der kleinste Zug uns verloren gehe, daß es den Nachkommen gegenwärtig 
bleibe, so lebendig, so deutlich, wie es den Zeitgenossen vor Augen stand. 
Als daher der unvergleichliche Mann von uns gegangen, regte sich viel 
fach die Hoffnung, man werde aus seinem Nachlasse alles das erhalten, 
was nur irgend einigen Bezug hätte auf die Gelchichte seines Lebens, 
das ein ununterbrochenes Wirken war; man äußerte das Verlangen, 
uns nichts entzogen werde, was die scharf ausgeprägte Eigenthümlichkeit > 
seiner Geistes- und Gemüthsart bezeichnete und was geeignet wäre, uns 
von dem Gange seiner Bildung eine klare Anschauung zu verschaffen; 
man wünschte vor Allem die Sammlung und Mittheilung der wichtigsten 
Briese aus den verschiedenen Epochen seines Lebens. Ueber die Person 
dessen, dem das Recht und die Pflicht einer solchen Mittheilung zufiele, 
konnte nicht wohl ein Zweifel entstehen. > Hermann Grimm, der würdige 
Träger des ruhmvollen Namens, schien in jedem Sinne zu einem Unter- 
nehinen berufen, dessen Ausführung eine sichere Hand und die gewissen 
hafteste Umsicht erfordert. Für den Ernst, mit welchem er diese Aufgabe 
ersassen würde, lieferten die biographischen Andeutungen, die er den klei 
neren Schriften Jakob's beifügte, das erfreulichste Zeugniß und die zu 
verlässigste Gewähr^ . . 
Früher jedoch, als man erwarten durste, werden Briese des tzinge- 
schiedenen Meisters dem deutschen Publicum vorgelegt. In der Zeitschrift 
„Germania", im ersten Hefte des eilften Jahrganges, theilt der Heraus 
geber Franz Pfeiffer zwanzig Briefe mit, die Jakob während der letzter; 
Lebensjahre an ihn gerichtet; und er gedenkt mit diesen Mittheilungen 
1 in den folgenden Heften fortzufahren. Was mit dieser Veröffentlichung 
bezweckt wird, läßt sich äüf den ersten Blick schwererkennen. Durch das 
kärgliche Material, welches uns diese Briefe unb Brieschen gewähren, 
wird unsere Kenntniß von der Persönlichkeit, von dem Wesen und Eha- 
rakter des großen Gelehttrn weder erweitert noch näher bestimmt. In 
einer umfangreicheren Sammlung, die sich ttber eine lange Reche von 
Jahren erstreckte, würden manche dieser brieflichen Aeußerungen wohl auch 
ihren schicklichen Platz finden. Aber hier, vereinzelt, wre fie hret' sichen, 
was können sie, was sollen sie bedeuten? War Herr Pfeiffer, alv be 
triebsamer Herausgeber, Nur darauf bedacht, seiner Zeitschrift durch 
lockende Beigaben eine größere Zahl von Leset'ü zuzuführen? Vielleicht 
ist ihm diese Absicht nicht gänzlich fehlgeschlagen. Der Titel ,/Briefs von 
Jakob Grinun" klingt verheißungsvoll. Angezogen durch diesen Titel/ 
mögen Manche, die sonst um das Gedeihen der germanischen Philologie 
von Herzen unbekümmert sind, das Heft zur Hand genommen haben; 
gewiß aber hat Jeder es bald enttäuscht wieder bei Seite gelegt. 
Indeß, wäs Uns iir gewissem Sinne zwecklos erscheint, das könnte Herrn 
Pfeiffer doch immerhin zu mancherlei Zwecken dienlich fein. Voii welcher 
Art diese Zwecke sind, darüber geben uns seine eigerteit Morte .einen 
kaum mißzuversteheuden Wink. Er schickt den Briefen einige einleitende 
Bemerkungen vorauf, aus welchen wir erfahren, daß er „alle vereinzelt 
vorkommenden subjectiven Urtheile, die irgend verletzen könnten, grund- 
'' südlich weggelassen und die Lücken durch Striche bezeichnet hat". — Wir 
1 loben die humane Sorgfalt des rücksichtsvollen Mannes. Aber seien wir 
nicht zu voreilig mit unserem Lobe! Denn er berichtet UNs selbst, daß er 
in einem einzigen Falle diese liebevolle Sorge für die Gemütysrüye fei 
ner Mitmenschen vorsätzlich außer Acht gelassen hat. „Nur ein Mal," — 
fährt er fort — „nur ein Mal bin ich voii meinem Grundsätze abge 
gangen, indem ich im 25. Briefe die den Herrn I. Zacher betreffende 
Melle stehen ließ. Mag er, der, ohne selbst eine nennenswerthe Leistung 
ausweisen zu können, sich berufen glaubt, über Arbeiten und Bestrebungen 
Anderer den Stab zu brechen, und mögen Jene, die ihn öclzU vermocht 
haben, wiffen, welche Meinung Jakob Grimm von ihm hatte". (S. 114.) 
Der unglückselige Herr I. Zächer! Welches Vergehens hat er sich 
schuldig gemacht, daß ihm allein die Wohlthat jener Schonung versagt 
worden, die Herr Pfeiffer so großmüthig allen anderen Wisseitfchasts- 
genossen angedeihen läßt? Wie umständlich, wie feierlich ihm hier Zeine 
Strafe angekündigt wird! Und ivie wird durch die frühzeitige Verkün- 
d'.zung die Bitterkeit der Strafe-»roch geschärft! Jener für das Schicksal 
des Herrn I. Zacher so verhängnisvolle Brief Nr. 25 kommt in dem 
ersten Hefte noch nicht, zmü Vorschein; die Germania ist eine Vierteljährs- 
schrift: drei volle Monate also muß der zitternde Delinquent aüf die 
Vollziehung des Urtheils harren; drei volle Monate hält Herr Pfeiffer 
seinen rächenden Arm hoch emporgehoben, ehe er ihn mit vernichtender 
Wucht auf das Hallpt des Verbrechers niederfahren läßt.
	        

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