Full text: Zeitungsausschnitte über Jacob und Wilhelm Grimm

© Hessisches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm Nr. Z4 
aus : Lüneburger Landeszeitung, 1947, Apr. 25, S,3 
Verpflichtung und Aufgabe - 
M AN schrieb das Jahr 1837. Eben war das 
Jubiläum der Göttinger Universität feier 
lich begangen " worden. Da jzogen sich am 
politischen Horizont die dunklen Wolken zu 
einer gewitterschweren schwarzen Wand zu 
sammen. ' * 
In dem Haus Wilhelm Grimms in Göttin 
gen waltete Dorothea, und am Abendbrot 
tisch war der ältere Bruder Jakob Grimm 
(Jer tägliche Gast. 
Die beiden ■ Brüder waren von Kindheit an 
ihren Weg miteinander gegangen durch Freud 
und Leid und Arbeit. Ihr Vater war früh 
gestorben, hinterließ eine Witwe mit sechs 
kleinen Kindern in einer sorgenschweren Zeit 
der Not, Entbehrung, Krieg, Hunger, Krank 
heit und Feindbesetzung. Die Brüder be 
suchten'das Lyzeum in Kassel, dann die Uni 
versität in Marburg, um Rechtswissenschaft 
zu studieren, 1808 stirbt die Mutter. Und 
erst sieben Jahre später finden sie eine An 
stellung an der Landesbibliothek Kassel. Sie 
sammeln in ihren Mußestünden die Kinder- 
und Wausmärch’n. das ^.Geschenk an -die 
Nation“, tragen Sagen und Heldenlieder zu 
sammen und deutsche Rechtsaltertümer und 
Weistümer und Sprachdenkmale wie „Das 
Lied von Hildebrand und Hadubrand“ und 
das „Wessebrunner Gebet". 
Sie arbeiteten am stillen Herd. Hier im 
traulichen Beieinander beschlossen sie eines 
Tages, eine Hausfrau zu nehmen. 
Jakob bat den jüngeren Bruder, für ihn zu 
werben.. Ihre Wahl fiel auf Dorothea Wilc£ 
die Tochter des Apothekers Wild auS, 
der Wildemannsgasse. Wilhelm tat, wie 
ihm geheißen, aber nadf einigen Wochen ge 
stand er seinem Bruder/ daß • er Dorothea so 
sehr liebe, daß er sie ungern einem anderen 
lasse. So wurde Dorothea Wild Wilhelms 
Frau und gebär 1 ihm hach dreijähriger Ehe 
den» Sohn fl.ermapn. 
. ; Hermann Grimm war eben zwei Jahre alt, 
da kam ein Ruf von Göttingen, dem beide 
Brüder Folge leisteten. Es folgten sieben 
schöne Jahre. Doch, wenn die Geige singt 
und diev Flöte schallt, dann — singt die 
Parze — kommt der Jammer bald.. 
Aus jener schwarzen Wand schoß der 
Wetterstrahl. von dem das .Hille Haus ge 
troffen wurde. Sieben Göttinger Professoren:-' 
, >1, u»>, „I,II, 
^än Flüchtling war er auf dem Boden seiner 
Häimat —! In seinem Geburtslande, das 
an dem Abend desselben Tages ungern ihn 
wieder aufnahm. 
Das Jahr 1837 ging traurig und dunkel 
zu Ende. . Die beiden Brüder waren zum 
erstteh Male in ihrem Leben für lange Zeit 
getrennt. Dann kam Wilhelm mit der Familie 
und sie wohnten wieder zusammen, aber in 
Armut, ohne feste' Einnahme. Doch in dieser 
Zeit faßten sie den Plan zu Ihrem größten 
Werk, dem „.Deutschen Wörterbuch“, das auch 
heute noch nicht vollendet ist. 
Aber so schwer die Jahre waren, alles, was 
ihnen in den Düngen des äußeren Lebens je 
an Leid geschah, ist ihnen stets zum Segen 
ausgeschlagen. Es war, wie es am Ende der 
.Josephsgeschichte heißt; Die Menschen ge 
dachten es böse zu machen, Gott gedachte 
es gut zu machen. — 1841 wurden sie auf 
Empfehlung von Alexander von Humboldt 
nach Berlin berufen an die Akademie der 
Wissenschaften mit dem Recht, Vorlesungen 
»n Her Universität. zu halten. 
Sie wohnten in der Sehadowstraße, wenige 
Häuser von einander, und wenn sie sich bei 
ihrem täglichen Morgengang durch den Tier 
garten begegneten, begrüßten sie einander, 
als hätten sie sich efne Ewigkeit nicht, ge-' 
sehen. Wilhelm Grimm schreibt an einem 
Frühlingstag an einen Freund: „Es scheint 
heute eine so milde Frühlingssonne, und der 
liebe Gott ist so gut. Seien Sie es doch auch' 
..von diesem Frühlingstage an., Man kann sich 
daran gewöhnen. Und, glauben Sie mir, es 
ist eine der schönsten Gewohnheiten“. — Ja; 
aber das Privilegium so großartiger Naturen 
wie die Brüder waren und Dorothea 
Grimm. ED
	        

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