Full text: Zeitungsausschnitte über Jacob und Wilhelm Grimm

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© Hessisches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm Nr. Z4 
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hinterhaus des rathhauses, ziun ersten bewustsein gekommen, mein 
vater war stadtschreiber beim amt Bücherthal und wurde im sommer 
1791 als amtmann nach Steinau versetzt, wo er frühe schon, jan. 1796, 
starb und sechs waisen hinter- 
liesz. meinefrühestenknaben- 
erinnerungen stehen natür 
lich zu Steinau, doch ist 
mir noch manches aus der 
Hanauer zeit im gedächtnis. 
die Kinderstube war hin 
ten und gieng in den von 
einer nahen mauer beschränk 
ten hof, über die mauer rag 
ten obstbäume aus dem be 
nachbarten garten, wahr 
scheinlich dem rathhausgar 
ten. im rathhaushof spielten 
wir oft, gegenüber auf der 
anderen seife der strasso 
wohnte damals ein hand- 
schuhmacher, dessen namen 
ich lang behalten, doch jetzt, 
vergessen habe. ich wurde 
oft über den paradeplatz in 
die altstadt zum grossvater 
getragen und geführt, müsse 
im letzten jähr, etwa 1790 
in eine schule laufen, die auf 
der entgegengesetzten seite, 
hinter dem Neustädter markt 
am platz der französicheu 
kirche lag. 
wollen Sie wissen, wie ich 
damals aussah, so kann ich 
ein bildchen in den brief 
legen, das nach einem august 1787 von dem mahl er Urlaub ge 
mahlten Ölbild radirt worden ist, ich stehe darauf in violetter jaekc 
und hose mit grüner schärpe, doch gewöhnlich werde ich damals 
noch im blosen kittel herumgelaufen sein. zu der zeit des bildes war 
ich also 2Vs jähr alt. jetzt wäre ich danach nicht wieder zu erkennen. 
Das Geburtshaus der Drüber Grimm in Hanau. 
Nach einer Aufnahme von Hofphotograph Thiele in Hanau. 
aus der zeit, wo wir in der langen gassc wohnten, ist mir 
zufällig etwas in erinnerung geblieben und ich habe später im 
leben daran denken müssen, an einem frühen sommermorgen stand 
ich neben dem vater in der 
wohnstube am fenster, alle 
anderen schliefen noch, da 
sah ich eine magd mit einem 
zuber auf dem köpf über die 
gasse gehen und die sonne 
spiegelte sich hell in dem 
wasser ab. im geist sehe ich 
noch immer das Sonnenlicht 
in dem wasser zittern, das 
wird im jähr 1789 gewe 
sen sein. 
Aber geboren wurden 
wir in diesem hause nicht, 
sondern in einem am parade 
platz, wenn man vom ,wcissen 
löwen‘ an hinaufgeht, etwa 
im zweiten oder dritten haus 
der reihe oben, falls das 
haus noch stehen geblieben 
ist, denn es sind seitdem 
schon 73 j ahre verstri 
chen. ich hörte einmal, in 
diesem haus sei später die 
polizei gewesen, daran kön 
nen Sie sich vielleicht zu 
recht finden. 
gesetzt Sie ermitteln es, 
so bitte ich mir die haus- 
nummer aufzuschreiben, wie 
auch die von Ihrem haus in 
der langen gasse. 
wenigen und mageren naeli- 
Nehmen Sic vor lieb mit diesen 
richten, ich bin mit herzlichem grusz 
Berlin 30 dec. 
Ihr ergebenster 
Jacob Grimm. 
1858." 
Deutsche und holländische Landeroveiungen an der Nordsee. 
Don Dr. Eugen Träger. Mit Kartenskizzen vom Verfasser und Allsichten von Hans Vohrdk. 
ic überaus merkwürdigen und geographisch so interessanten 
Küstenverhältnisse der Nordsee mit ihren Jnseltrümmern 
und Watten haben nicht nachgelassen, die Aufmerksamkeit derer 
zu erregen, die sie aus eigener Anschauung kennenzulernen Ge 
legenheit hatten oder beim Eintritt von Katastrophen Kunde von 
ihnen erhielten. Den Römern waren sie nach den Aufzeich 
nungen des Plinius und Tacitus ein Ort 
des Schreckens, der in gleicher Weise ihr 
Grauen wie ihr Mitleid mit den arm 
seligen Bewohnern erregte, den kirch 
lichen Schriftstellern des Mittelalters nach 
allem, was sie von Zeitgenossen gehört 
hatten, eine Gegend voller Naturwunder, 
den späteren friesischen Chronisten ein 
Schauplatz des Jammers und der strafen 
den Gerechtigkeit Gottes, der Gegenwart 
aber ein Feld wissenschaftlicher Forschung 
in historischer, geographischer und natur 
wissenschaftlicher Hinsicht. - 
Die Nordsee ist eines der sturmreich 
sten Meere der Erde, denn sie nimmt nicht 
allein Teil an den Luftströmungen nach und 
vom nördlichen Polarmcer, sondern seit 
der Zerstörung der alten Landverbindung 
zwischen Dover und Calais, die England 
zur Halbinsel machte, auch noch direkt an 
den meteorologischen Verhältnissen des nord- 
atlantischen Oceans. Er ist die Bahr: für 
die schweren Stürme, die infolge der be 
deutenden Tempcratnrdisferenzen auf dem 
nordamerikanischen Kontinent entstehen und dann beeinflußt durch 
den Golfstrom ihren Weg mit furchtbarer Geschwindigkeit nach 
dem nördlichen Europa nehmen. Hatten sich während des Be 
stehens der britannisch-gallischen Landenge in der ruhigen Nordsee 
Dünen und in den ersten Zeiten nach ihrem Durchbruch noch 
Marschen hinter ihnen bilden können, so änderte sich das, als 
infolge der beständigen Wiederholung wütender Sturmfluten die 
Dünenkette in einzelne Glieder zerrissen und die Marsch hinter 
ihnen von Meeresarmen durchschnitten ward. Die steten Ueber- 
schwemmungen wurden eine ernste Gefahr für die Küstenbewohner 
und ihren Landbesitz, so daß sie endlich daran gehen mußten, 
durch Deiche dem wilden Wasser entgegenzutreten. 
Wann das geschehen sei, entzieht sich 
der sicheren Bestimmung; bei den Batavern 
an den Rheinmündungen fanden die Römer 
bereits Dämme vor, bei den Nordfriesen 
scheint erst lange nach der Einführung 
des Christentums gedeicht worden zu sein, 
bei den Ost- und Wcstfriesen an den 
Südufern der Nordsee schon vorher, doch 
blieben bei allen Stämmen die Deiche 
schwach genug, um die endlose Reihe von 
Unglücksfällen zu ermöglichen, von denen 
historische Quellen und Chronisten zu er 
zählen wissen. Zu den bekanntesten Ereig 
nissen dieser Art gehören die Umwandlung 
des größten norddeutschen Binnensees in 
die heutige Zuidersee am Anfang des drei 
zehnten Jahrhunderts, die zwischen 1277 
und 1287 erfolgte Bildung des Dollart 
und, in demselben Jahrhundert, die Ent 
stehung des Jadehusens, wobei weite Strecken 
reichen Kulturlandes vom Meere verschlun 
gen wurden, und endlich 1634 die Zertrüm 
merung der großen Insel Nordstrand an 
der Küste Schleswigs. Ununterbrochen aber 
nahmen inzwischen die dem Festland vorgelagerten Düneninseln 
und Marschen ab, so sehr, daß heute an den Westgestaden Schleswig- 
Holsteins nur noch rund 500 qkm Landes einer Wasser- und 
Wattenfläche von 2500 qkm gegenüberstehen. Das Land besteht 
aus den größeren Inseln Nordstrand, Pellworm, Amrum, Föhr, 
Sylt, Röm re. und einigen hohen Seefanden, die nur selten überflutet
	        

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