Full text: Zeitungsausschnitte über Jacob und Wilhelm Grimm

© Hessisches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm Nr. Z4 
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ich es nächst Gott. Du warst stets bei mir — ich habe Dich immer 
gesehen, am Tage und in der Nacht, und Deine Gegenwart gab 
mir die Ruhe." 
Sie langte nach der Hand der Freundin und hielt sie mit 
ihren blassen, abgezehrten Händen fest, während sie still vor sich 
hin sann. 
„War ich sehr krank, Lisbeth?" 
„Ja, Trudchen, recht sehr, aber denke nicht mehr daran, das 
ist ja nun vorbei!" 
„Habe ich sehr gefiebert und phantasiert?" fragte sie weiter, 
während eine hohe Röte über ihr Gesicht zog und ihre Augen mit 
forschendem Ausdruck auf Lisbeths Antlitz hafteten. 
„Nur eine Nacht, und schon gegen Morgen kam die Wendung 
zum Besseren." 
„Und es hat niemand gehört, was ich phantasierte?" 
„Niemand sonst, wir waren allein — und ich weiß es auch 
nicht mehr, womit sich Dein Geist beschäftigte. Wer kann die un- 
zusammenhängenden Worte eines Fieberkranken festhalten?" 
Die Spannung auf dem blassen Gesicht verschwand, ein 
Lächeln fand darauf Platz: „Du Gute, Liebe — wir wollen nie 
mehr von diesem bösen Tage reden. Nun hole mir meinen Mann 
und mein Kind!" 
Von dieser Stunde an ging es sichtlich vorwärts. Bald stand 
die Wiege neben ihrem Bette, Arnold durfte die ganze Zeit, die 
er seinen Amtsgeschäften abnrüßigen konnte, bei ihr zubringen, 
und sogar die alte Frau Rektor wurde an jedem Morgen, in 
einem Lehnstuhl sitzend, in dieses Zimmer gerollt und auf dem 
Sopha gebettet, denn auch bei ihr hatten diese Wochen so günstig 
gewirkt, daß sich in nicht ferner Zeit eine völlige Geitesung er 
warten ließ. 
Mittlerweile waren die Briefe von Haust, die an Lisbeth 
kamen, von Mal zu Mal dringlicher geworden und verlangten 
immer stürmischer ihre Rückkehr. Die Frau Geheimrätin schrieb, 
Leos Examen stünde in allernächster Zeit bevor, und sobald er 
wieder zu Hause sei, sollte der große Ball zur Eröffnung der Saison 
vom Stapel gehen, der nur wegen seiner Abreise aufgeschoben 
worden sei. Von ihrem Vater erhielt sie einen Brief mit allerlei An 
deutungen, die sie sich nur so zu erklären wußte, daß der Berliner- 
Aufenthalt ihres Bruders den Vater mit außergewöhnlichen Sor 
gen belastet haben müsse, und Elfe würzte die Briefchen, die sie nur 
in den seltensten Fällen zu verfassen Pflegte, so sehr mit geheim 
nisvollen Hinweisen auf ein kommendes wichtiges Ereignis, daß 
Lisbeth sich schließlich völlig beunruhigt fühlte und selbst dringend 
heim verlangte. 
Im Hause ihrer Freunde war sie ja wohl nun abkömmlich, 
da die junge Hausfrau wieder auf ihren Füßen stand und auch 
die alte Frau Römer mit Hilfe eines Stockes im Zimmer zu gehen 
vermochte. 
Es war aber doch ein schweres Scheiden. Solche in Angst 
und Schmerzen verlebten Zeiten ketten die Herzen fester anein 
ander als jedes andere gemeinsame Erlebnis. Sie liebte ihre 
Eltern und Geschwister zärtlich, aber Rat -oder Stütze würde sie 
nicht von ihnen verlangt haben. Desto mehr davon erwartete dort 
jeder von ihr, immer war sie die Gebende, die nicht Zeit finden 
konnte, an sich selbst zu denken. Welch' ein Segen, neben einem 
Manne wie Arnold zu stehen, der das Bewußtsein des Rechts so 
unerschütterlich fest in sich trug und dein das Gute und Rechte immer 
das Selbstverständliche war — neben einer Frau wie seine Mutter 
zu leben, die so viel Milde mit Klugheit verband und stets das 
richtige Wort fand, um das verzagte Herz aufzurichten und auf 
den rechten Weg zu führen! Und dann das Kleine, ihrer lieben 
Gertrud süßes Baby — gewiß, dem galten iir erster Reihe die 
Thränen, die bei der Rückreise unaufhörlich ihr Gesicht befeuchteten 
und sich gar nicht stillen lassen wollten. Wie lieblich es war, wie 
rund und zart und rosig! Wie wohlig es sich streckte und dehnte, 
wenn sie es in das warme Wasser gelegt und dann frisch gebettet 
hatte! Und wie das Mündchen sich schon zum Lächeln verzogen 
und die Händchen, die winzigen, weichen Händchen so sanft über 
ihr Gesicht gestreift hatten! Ach, die Händchen — die Kinderhänd 
chen — wie fest sie halten, was sie ergreifen, am festesten wohl 
das Frauenherz! Ob das ihre noch einmal aufhören würde, so zu 
schmerzen, ob wohl einmal die Sehnsucht nach diesem kleinen 
Wesen, welches sie mit seines Vaters Augen angesehen hatte, 
sich mildern würde? 
Die Ihrigen empfingen sie nicht am Bahnhof, aber Schuüdt 
war da, in Livree, besorgte den Wagen und brachte sie mit einer 
strahlenden Triumphmiene nach Hause. „Endlich — endlich!" 
scholl es ihr dort von allen Seiten entgegen, geöffnete Arme streckten 
sich nach ihr aus, und als sie, gehätschelt und geliebkost, von einem 
zum andern ging, empfand sie eine drückende Reue darüber, daß 
> nicht die gleiche Sehnsucht, die man hier nach ihr empfunden, sie 
zurückgeführt hatte ins Elternhaus. (Fortsetzung folgt.) 
Die Wettsucht in England. 
Von Kngc» Wöderr. 
Nachdruck verboten. 
Alle Rechte vorbehalieu. 
as Lotteriespiel, wie es iu Deutschland gang und gäbe ist, 
kennt nran nicht in England. Das Gesetz unterdrückt jedes 
Glücksspiel mit eiserner Faust und verbietet selbst Lotterien für 
wohlthätige Zwecke. Der Engländer, der wie jedes Menschenkind 
in sich den Drang fühlt, das Glück zu versuchen, bemüht sich 
daher auf anderem Wege dies Ziel zu erreichen, und wirft sich 
mit ganzer Seele aufs Wetten. Er kommt dabei aus dem Regen 
in die Traufe; wie ein Krebsschaden zehrt dieses Laster am Körper 
der Nation, und Tausende beendigen ihre Laufbahn im Bank 
bruchshofe, im Armenhause, oder durch Selbstmord, als^Opfer des 
Wettens. Im Unterhause hat sich eine besondere Partei gebildet, 
die sich die Aufgabe stellt, die Zusendung der Cirkulare der deutschen 
Lotterien, die in England massenhaft durch die Post verbreitet 
lverden, zu unterdrücken. Der bedauernswerte Oberpostmeister soll 
alle Cirkulare durchsehen und, falls sie von einem deutschen Lotterie 
agenten kommen, sie allesamt in den Papierkorb wandern lassen! 
Bis jetzt aber hat sich noch keine Partei im Parlamente gebildet, 
um den „Buchmachern" auf den Sportplätzen den Krieg zu er 
klären, denn die Herren Gesetzgeber wetten ja selbst. Und so be 
währt sich wieder das Sprichwort: „Die kleinen Diebe hängt man, 
die großen läßt man laufen." 
Schlecht ergeht es auch dem englischen Händler, der aus der 
Gewinnsucht des Volkes Nutzen zu ziehen sucht, indem er die 
Käufer mit einem Gewiltne anlockt; schnell faßt ihn die Polizei 
beim Kragen und legt ihm das Handwerk. Hier einige Bei 
spiele! Ein Theekrämcr in Birmingham war auf den gescheiten 
Gedanken gekommen, mit jedem Pfunde Thee dem Kunden eine 
Anweisung auf 10 Pfund Sterling zu verabreichen, die er ein 
zulösen versprach, sobald er 100 000 Kisten Thee verkauft hätte. 
Großartig war der Erfolg dieser Reklame; ganz Birmingham 
eilte zu dem Laden des unternehmenden Geschäftsinannes, dessen 
Theeumsatz von 7 Pfund wöchentlich auf 33 000 Pfund stieg. 
Der Spaß währte aber nicht lange; die Polizei belangte den 
Händler gerichtlich, wegen Uebertretung des Lotteriegesetzes; und 
er wurde mit 30 Pfund Sterling Geldstrafe belegt, nachdem 
der Richter sorgfältig berechnet, die stipulierte Anzahl von Kisten 
Thee könne erst in etwa 100 Jahren abgesetzt werden, und die 
Nachkommen des pfiffigen Krämers würden dann Anweisungen 
einzulösen haben, deren Wert den der englischen Nationalschuld 
überstiege! 
Monatelang vermehrte eine Londoner Wochenschrift die Zahl 
ihrer Leser und ihr Einkomnten in: großartigsten Maßstabe, indem 
sie eine sogenannte „missing word eompetition“ (d. h. „die Suche 
nach dem fehlenden Worte") veranstaltete. Die Regeln dieses 
Glücksspiels waren im höchsten Grade einfach. Dem Leser wurde 
ein Satz vorgelegt, der etwa folgendermaßen lautete: „Herr Glad- 
ftone ist ein — Mann"; sein Ziel ward es nun, den Gedanken 
strich durch das richtige Wort zu ersetzen, denn die richtige Lösung 
brachte dein Glücklichen 200—300 Pfund Sterling ein. Die Mit 
bewerber sandten das von ihnen gewählte Wort mit einer Post 
anweisung auf einen Schilling an den Redakteur des Blattes, und 
das auf diese Weise gesammelte Geld wurde darauf an den Finder
	        

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