Full text: Zeitungsausschnitte über Jacob und Wilhelm Grimm

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graben. Man wollte uns hier ein ruhiges und glück 
liches Verhältniß bereiten . . . aber der Wille eines 
Einzigen, Lessen Lehrer ich drei Jahre lang war, war 
dagegen; und ich muß meine Heimath zum zweiten 
Male verlassen." Der „Einzige" war der Regent 
Friedrich Wilhelm, der spätere Kurfürst, dessen Herr 
lichkeit im Jahre 1866 ein Ende fand. 
Ein wichtiges Ereigniß für die Freunde, das noch 
in die Zeit des Kasseler Aufenthalts fällt, ist der Tod 
Otsried Müllers, der aus alle Drei einen starken Eindruck 
macht. Der Alterthumsforscher war, angeekelt von den 
Göttinger Verhältnissen, nach Griechenland gegangen und 
starb Plötzlich in Athen. Ein Brief Lückes an Wilhelm schil 
dert anschaulich die entsetzliche Wirkung, die diese Nachricht 
in der Familie des großen Philologen zu Göttingen 
macht. Sein Schwiegervater, der Göttinger Jurist 
Hugo, tröstet sich schließlich gewaltsam mit Wallen 
steins Rede über den Tod des Max. Lücke selbst 
schreibt eine Gedächtnißschrift, und die Grimms geben 
in ihren Briefen aus dieser Zeit an Lücke eine so feine 
Charakteristik Otsried Müllers mit zahlreichen intimen 
Einzelheiten, daß ein künftiger Biograph Otsried 
Müllers an diesen Quellen nicht wird vorübergehen 
dürfen. Wilhelm insbesondere kennzeichnet vortrefflich 
seine kindliche Neigung, die Gegenwart mit den Augen 
eines Griechen anzusehen, die ihn in modernen 
Menschen Barbaren erblicken ließ und ihn von der 
nationalen Tagesgeschichte, von der Malerei, der 
Musik eigensinnig fernhielt; er erzählt, wie dieser ver 
spätete Hellene vor Michel Angelo in Rom erklärt: 
„Davor können wir uns nicht aufhalten", und wie er 
von Rafaels „Madonna als Jardiniöre" behauptet, 
sie sehe „ein wenig wie eine Gans" aus. Jakob 
schildert sein persönliches Wesen, daS in seiner an 
genehmen Lebendigkeit ihm als ein Gegensatz zu seiner 
eignen „gesellschaftscheuen" Art erscheint. 
Als die Grimms in Berlin die neue Heimath 
gefunden haben, fließen die Briese spärlicher. Die 
Brüder sind in die „unabsehbare, wahrhaft 
grundlose Arbeit des Wörterbuches" versenkt, 
und Lücke hat harte Prüflingen zu bestehen, die 
ihn daS Briefschreiben vergessen lassen: weder zu dem 
rationalistischen Baur stehend noch zu dem orthodoxen 
Hengstenberg, und im Gegensatz zur Landeskirche be 
findlich, muß er den Abfall,fast aller seiner Schüler 
erleben; dazu kommt körperliches schweres Siechthum. 
Noch einmal, nach fast zehnjähriger Pause, wird der 
Briefwechsel wieder aufgenommen, als Lachmann, der 
gemeinsame Freund, stirbt. Schon früher einmal hatte 
Lachmann in die Beziehungen Lückes zu dem Brüder 
paar hineingespielt; die Sammlung enthält drei präch 
tige Briefe von ihm, die er nach der Krisis an den 
verzweifelten Lücke richtet, als die Grimms verbannt 
waren: ein stürmisches, frisches Temperament mit einem 
Zusatz von Burschikosität spricht darin in gutherzig- 
tröstlichen Worten. Jetzt, wo er todt ist, sprechen die 
Freunde noch einmal über den früheren Kameraden in 
Briefen zu einander, und die novellistisch breite Schil 
derung seiner Krankheit und der letzten Stunden, die 
Wilhelm Grimm entwirft, ist ergreifend. Jakob 
Grimm aber vergleicht auch hier wieder das Wesen 
des Verstorbenen mit seinem eigenen, ruhig und durch 
keine Sentimentalität beirrt, aber zuletzt mit durch 
brechender herzlicher Rührung. Noch ein paar Mal 
dann werden Briefe gewechselt. Eine leise weh 
müthige Stimmung schwebt über ihnen. Das 
Greisenalter ist an die Freunde herangetreten, 
und Jakob Grimm schaut mit ernstem Auge auf Ver 
gangenes und Erreichtes zurück. Berlin ist für ihn 
in manchem Betracht „eine neue Welt" geworden, aber 
die Stadt konnte ihm das nicht werden, waS ihm in 
seinen besten Tagen jene beiden anderen Städte waren. 
Er gesteht es dem Freunde und fügt hinzu, daß er 
„je alter desto stiller und eingezogener" werde. Die 
alten Zeiten sind vorbei. Von jener Frische der 
Göttinger und Kasseler Tage ist nichts mehr zu spüren. 
Entsagungsvoll und müde ist der Ton dieser letzten 
Briefe. Die politischen Verhältnisse, unter denen das 
Vaterland in den fünfziger Jahren zu leiden hat, 
drücken auch schwer auf Jakob Grimm; und ergreifend, 
wie der letzte Lebenöwunsch eines Scheidenden, klingt 
es, wenn der alte Forscher am Schluß des vorletzten 
Briefs die sehnsüchtigen Worte rüst: „Es wird und 
muß wieder einmal reiner Himmel stehn über unserm 
Vaterland, und bekäme ich nur noch eine kleine Ecke 
davon am Horizont zu sehn, eh' ich sterbe!" 
Der Freund starb früher, als er. Lücke, dem die 
letzten Lebensjahre die Ernennung zum Abt von 
DurSfelde gebracht hatten, erlag im Jahre 1355 einem 
alten Leiden, daS weniger an ihm gezehrt hatte, als 
der Gram über die religiösen Spaltungen und seine 
Vereinsamung. „Da scheint mir das alte Güttingen, 
wie wir es gekannt haben, ganz untergegangen", 
schreibt Wilhelm Grimm mit der Todesnachricht an 
eine Freundin. Er selbst war der nächste, der weg 
gerafft wurde; und ein Jahr nach ihm begrub man, 
im letzten Monat des Jahres 1860, auch Dahlmann. 
So blieb Jakob Grimm einsam übrig; aber von 
ferne wenigstens konnte der herrliche Mann noch jene 
„kleine Ecke" reinen Himmels vor seinem Heimgang 
sehn, nach der er sich gesehnt hatte. 
A. K. 
Aus Kunst, Wissenschaft und Leben. 
Wir erhalten folgende Zuschrift, der wir gern Raum 
geben: Die Mittheilungen, welche ich im Berliner 
Rathhause über das Leben der Studentinnen 
machen durfte, wurzeln in der Erfahrung und den 
gewissenhaften Beobachtungen eines fünfjährigen 
Aufenthaltes in Zürich. Der Angriff auf etliche 
dieser Mittheilungen in Nr. 114 Ihres Blattes ist 
anonym; der Verfasser, ein Deutscher, erklärt jedoch, 
in Zürich studirt zu haben. Die Regel ist, daß 
deutsche Herren ein Semester, wenns hoch kommt, zwei 
Semester an schweizerischen Universitäten sich auf 
halten; ihre Beobachtung kann, weil nach vielen 
Seiten zielend, darum keine vertiefte sein. Das 
Schlimmste aber ist, daß der Herr, seinen Aufstellungen 
zufolge, meinen kleinen Vortrag nicht selbst gehört 
hat, sondern ihn nur aus dem Zeitungsbericht kennt, 
worin sich unwillkürlich leichte Verschiebungen und 
kleine Ungenauigkeiten einstellen. 
Ich habe es ausdrücklich hervorgehoben, daß im 
Leben der russischen Studentinnen nicht Alles klipp 
und klar ist, aber ich durfte hinzufügen, daß die Kunst 
des Multiplizirens auch in diesem Falle geübt wurde 
— so schlimm, wies gemacht wird, ists eben nicht. 
In der „Braunschweigischen Landeszeitung" (219, 
Morgenausgabe) veröffentlicht dieser Tage ein Herr, 
der gleichfalls in Zürich studirt hat, einen Artikel iiber 
weibliche Studenten, in dem er u. A. sagt: „Die 
Russen, ob es männliche oder weibliche Studenten 
sind, müssen wir nun einmal für sich lassen. Als 
Schreiber dieses in Zürich studirte, hatte der aka 
demische Senat die weiblichen russischen Studenten 
grade von allen Fakultäten ausgeschlossen, weil die 
Russen überhaupt Anstoß erregt hatten; daß der weib 
liche Theil büßen mußte, war nur in der Ordnung, 
denn die geringe Verletzung der Sitte wirkt beim 
Weibe schwerer, als die große beim Manne. Aber 
die übrigen Studentinnen blieben nach wie vor 
unbehelligt. In mehr als einem Kolleg hat 
Schreiber mit Studentinnen zusammengesessen und 
mit ihnen sogar lebhaft disputirt. Der gegen 
seitige Verkehr war d^r höflichste von der 
Welt, und man kann entschieden mit mehr Recht be 
haupten, daß das weibliche Element einen wohlthätigen 
Einfluß auf das studentische Leben haben werde, als 
umgekehrt. Oder glaubt man wirklich, daß dem Ernst 
der Wissenschaft gegenüber der Umgang der beiden 
Geschlechter freier sein werde, als in der erhitzenden 
Fröhlichkeit des Ballsaals?" — 
Wir deutschen Studentinnen haben die Russinnen 
stets ein wenig gemieden; aber auch unter ihnen giebt 
es hochgebildete, von sozialistischen Umtrieben weit ent 
fernte. Ich weiß nicht, worauf mein Herr Angreifer 
die Behauptung basirt, die deutschen Studentinnen 
hätten mit den russischen die sozialdemokratischen Ideen 
gemein. Ich kann nur bezeugen, daß in den Jahren 
84 und 85 (den letzten meines dortigen Aufenthaltes) 
die deutschen Studentinnen in lebhaftem Anschluß 
an ihr Heimathland standen, daß Sammlungen 
zu patriorischen Zwecken 4 mehrfach mit gutem 
Erfolge unter uns veranstaltet wurden, daß Leid und 
Glück des Vaterlandes vön uns besprochen, mit 
empfunden, eventuell gefeiert wurde. Die Dankbarkeit 
gegen das Land, das uns Frauen gewährt, was die 
Heimath bisher versagte, äußert sich vielleicht hier und 
da etwas überschwänglich und führt zu falschen 
Schlüssen — sollte das nicht Alles sein? 
Unendlich bedaure ich, daß der Herr Verfasser mit 
helfen will, die stolze und sittlich reine Kollegin, welche 
die Gattin eines Professors der Universität war — 
von der ich in meinem Vortrag aber gar nicht sprach 
— herabzusetzen. Er urtheilt nach den vor drei bis 
vier Jahren absichtlich ausgestreut gewesenen Berichten, 
die der Wahrheit ganz und gar nicht entsprechen. Ich 
bin in der Lage, ihm eine Abschrift des Ehescheidungs 
Erkenntnisses vorzulegen, das völlig andern Sach 
verhalt enthüllt.' Sie brannte nicht durch — sie ging, 
weil sie cs sich selber schuldig war. 
Was nun die Behauptung anlangt, schweizerische 
Damen studirten fast gar nicht, so ist sie irrig. Im 
letzten Semester allein waren zehn Schweizerinnen 
immatrikulirt, d. h. da im Ganzen 67 Damen studirten, etwa 
15v.H.; Russinnen waren 26, also etwa 39v.H., Deutsche 
16, also etwa 24 v. H. Uüd ungefähr dies Verhält 
niß bestand auch zu meink Zeit und dürfte daS 
ixxi rnde sein. 
Jubeln werden wir deutschen Frauen, dankba 
und erkenntlich sein, wenn das deutsche Vaterland unS 
gestatten wird, an seinen Hochschulen Fachbildung zu 
erwerben — (um der gegenseitigen Achtung und 
Schätzung willen Plaidire ich immer wieder für ge 
meinsames Studium mit den männlichen Kollegen, 
nur besonders heikle Themata des jeweiligen Faches 
ausnehmend) —, so lange wir aber genöthigt sind, 
nach der Schweiz zu ziehen, verarge man uns auch 
das Gefühl der Dankbarkeit nicht, das uns beseelt 
gegenüber den humanen Einrichtungen dieses Landes. 
Cläre Schubert-Feder, Dr. phil. 
* 4 
Man schreibt uns: „Von Alters her aalt daS Laub 
des Maulbeerbaumes als die Hauptnahrung 
der Seidenraupe. Wie bekannt, war es Kaiser 
Justinian, der, als infolge der persischen Fehden die 
bis dahin über Persien führende Seideneinfuhr ab 
geschnitten war, durch zwei Mönche im Jahre 555 n. Chr. 
eine Anzahl Eier der Raupe, die von den Mönchen in 
ausgehöhlten Stöcken von Indien her über die Grenze 
geschmuggelt wurden, einführen ließ, welche mit 
sofortigem Erfolg durch MaulbeerblÜtter ernährt 
wurden. Von demselben Kaiser wurde die Seidcn- 
zucht in Griechenland eingebürgert, und die Griechen, 
schon damals Männer des Profits, hüteten die 
Zucht aufs Sorgsamste als Geheimniß, so daß 
z. B. Karl der Große noch seinen Bedarf an 
Seide von dort beziehen mußte. Erst König Roger 
gelang es, den Seidenbau nach Sizilien und Kalabrien 
zu verpflanzen; er siedelte kurzweg nach Eroberung 
der griechischen Seidenstädte verschiedene tausend 
griechischer Seidenfabrikanten nach Italien über. Das 
war im Jahre 1130. Nun verbreitete sich die Kultur 
nach Spanien, Frankreich und England. Hier, in 
England, ließ zuerst der schottische Jakob I. 1406, 
Seidenwürmer ziehen und Maulbeerbaume pflanzen. 
Nothgcdrungen, kann man sagen; denn als er einmal 
fremde Gesandte zu empfangen hatte, mußte er erst 
ein Paar seidene Strümpfe borgen, um mit zeitgemäßem 
Anstand auftreten zu können. 
Der Maulbeerbaum warS also, der bei 
der Einführung des Seidenbaus als der 
unentbehrliche Nährvater der Raupe galt. Diese 
Meinung stand eigentlich fest bis in die neueste 
Zeit, und die verschiedenen Versuche, die Naupenzucht in 
Preußen, Württemberg und andern Ländern einheimisch 
zu machen, sind sämmtlich mehr oder weniger an der 
Schwierigkeit gescheitert, den Maubeerbaum dem 
deutschen Klima anzupassen. 
Hätte man also einen unserem Klima entsprechenden 
Ernährer der Seidenraupe, so stände, unmaßgeblich 
gesprochen, der Einführung des. Seidenbaues bei uns 
nichts im Weg. 
Nun konnte man schon in den ältesten Quellen, 
bei Aristoteles, Plinius, bei den Chinesen (merk 
würdigerweise gilt sowohl diesem Volk als jenen beiden 
Gelehrten eine Frau — bei PliniuS die Pamphila, 
die Tochter des Latous — als Entdeckerin der 
Seidenzucht) die Thatsache aufgezeichnet finden, 
daß die Seidenmotte auch anderweitiges Laub 
nicht verschmäht, demnach nicht besonders auf 
den Maulbeerbaum angewiesen ist. Plinius spricht 
von Zypressen, Terebinthen, Eschen, Eichen, ja sogar 
von Kleie; französische Reisende berichteten vom 
chinesischen Pfefferbaum, vom Wunderbaum (Rhicinus), 
auch von einer Eichenart, als Wohn- und Nahrungs 
stätten der begehrten Raupe, und man wollte beob 
achtet haben, daß wenigstens für einen Theil des 
Jahres Ahorn, Birnbaum, selbst Himbeeren und 
Hundsrosen in Betracht kämen. Doch ist von Ver 
suchen, die in dieser Richtung bei uns gemacht worden 
waren, nichts Näheres und Zuverlässiges bekannt. 
Erst ganz neuestens ist man der Sache 
näher getreten und wie 
raschendem Erfolg. Zwar 
nicht um die von den Alten 
aber der Ersatz dürfte als 
quemerer zu betrachten sein. 
Prosesser Dr. Harz-München hat nach verschie 
denen Versuchen als ausgiebige Nährpflanze für die 
Seidenraupe die jeder Leserin und jedem Gemüsegärtner 
wohlbekannte Schwarzwurzel entdeckt. ES handelt 
sich dabei nicht mehr um einen zufälligen Versuch, 
sondern um das zuverlässige Ergebniß sechsjähriger 
Studien. Vor 6 Jahren begann Dr. Harz seine Rauj 
mit den Blättern der Schwarzwurzel zu füttern, 
erste Erfolg war kein ermuthigender. Die Raupen 
wiesen die Nahrung zurück und verendeten massenhaft. 
Bloß i v.H. spannen sich ein. Mit diesem Iv.H.aber setzte 
Dr. Harz seine Versuche fort und erhielt sofort 7 v. H. 
Schwarzwurzelfresser, dann zweimal 34 und zuletzt 85 
v. H. Genau dieselbe Zahl erzielte man bei den ent 
sprechenden, von Harz veranlaßten Versuchen bei Karls 
ruhe. Die Hauptsache ist, daß die auf diesem Weg 
gewonnenen Kokons sowohl in Größe als in Gewicht 
und Fadenstärke den Maulbeersprößlingen durchaus 
entsprechen und man geht nicht zu weit, wenn man 
annimmt, daß jetzt eine neue Rasse der Seiden 
raupe gezüchtet ist, die sich ohne jeden Nachtheil mit 
den Blättern unserer Schwarzwurzel füttern läßt. 
A 
es scheint, mit über 
handelt es sich dabei 
erwähnten Nährpflanzen, 
ein weit sicherer und be-
	        

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