Full text: Zeitungsausschnitte über Jacob und Wilhelm Grimm

eS fmb aber eine Menge werthvoller Zugaben darin 
enthalten, die das Vrüderpaar auch in ihrem Ver 
hältniß zu den anderen Freunden zeigen und in die 
Seelenkämpfe ehrenwerther Männer zur Zeit der be- 
^hmten akademischen Krisis hineinleuchten. 
Am schärfsten umrissen tritt die Gestalt Friedrich 
Lückes in dem Buch hervor; die anderen Freunde der 
Grimms sind naturgemäß nicht so vollständig ge 
zeichnet. Lücke, der spätere Abt von Bursfelde, ver 
kehrte als Fünfundzwanzigjähriger zu Berlin mit 
Schleiermacher, Neander und de Wette, als er nach 
dreijähriger Repetententhätigkeit in Göttingen dorthin 
im Jahre 1816 als Privatdozent kam. Bald 
wurde er Extraordinarius in Berlin, kam dann 
nach Bonn und von 1827 ab an seinen Ausgangs 
punkt, die Georgia Augusta. Er gehörte zu 
denjenigen jüngeren Theologen, die in Schleiermacher- 
schem Sinne für einen lebendigen Verkehr ihrer 
Wissenschaft mit den Nachbarfakultäten eintraten und 
„den göttlichen Kern des Evangeliums und der Re 
formation gegen die herrschende rationalistische Ver 
fassung wieder ans Licht ziehen, aber dabei auch dem 
begründeten Ansprüche gesunder Kritik aufrichtig 
gerecht werden wollten." In Göttingen schloß sich 
Lücke an den Philologen und Archäologen Otfried 
Müller aufs Innigste an, und der Dritte im Bunde 
wurde zunächst Dahlmann, der zwei Jahre nach Lückes 
Niederlassung in Göttingen von Kiel auS dorthin be 
rufen wurde. Die Briefe, die Dahlmann noch von 
Kiel aus an Lücke richtet und die in 'der Sammlung 
mitgetheilt werden, sind herzlich unbedeutend: sie be 
schränken sich auf den Austausch gewisser Höflichkeiten, 
auf Mittheilungen über die künftigen Vorlesungen, 
Wohnungsangelegenheiten und die Bitte seiner Frau, 
„eine geschickte Köchinn für uns miethen zu wollen". 
Dahlmann lebt sich, im steten Verkehr mit Otfried 
Müller und Lücke, bald in die Göttinger Verhältnisse 
ein, und noch in demselben Jahre werden aus Kassel 
auch die Brüder Grimm an die hannöversche Uni 
versität berufen. Sie wohnen mit Otfried Müller 
unter einem Dach und werden so auch mit Lücke eng 
befreundet. 
Zunächst ist eS ein wissenschaftlicher Verkehr, der 
in den Briefen LückeS an die Brüder sich äußert. Es 
ist wunderlich, daß rn einem so kleinen Ort ^wie 
Göttingen nicht das bequemere mündliche Verfahren 
eingeschlagen wurde. Aber die Fragen, welche die 
befreundeten Männer an einander stellten, waren nicht 
eben aus dem Stegreif zu beantworten. Der Theologe 
erholt sich bei Jakob Grimm Raths über die Etymologie 
gewiffer bei Luther vorkommender Worte; Jakob 
Grimm ertheilt bündige Auskunft, und Lücke kann die 
neu gewonnene Kenntniß in einem Aufsatz seiner 
„Theologischen Studien und Kritiken" verwerthen. 
Bald ist es wieder Jakob Grimm, der, mit der Ab 
fassung seiner „Deutschen Mythologie" beschäftigt, 
Lückes theologisches Wissen in Anspruch nimmt; cs 
interessirt ihn, Lucifer, den „abgefallenen Lichtgeist, 
der sich wider Gott vermaß", auf seine Ursprünge 
zurückzuverfolgen, und Lückes Auskunft ist seinem 
mythologischen Werk zu statten gekommen.*) Die Brüder, 
namentlich der freundliche, gemüthliche Wilhelm, ver 
sorgen Tücke auch mit nicbtwissenschaftlicher Lektüre: 
Der Konsistorialrath muß anerkennen, daß in Bettinas 
herrlichem Goethebuch, — dem Briefwechsel mit 
einem Kinde, der eben erschienen und von 
Wilhelm Grimm ihm zugesandt war, — etwas 
„Wunderbares" liege, und er muß ihr dankbar 
sein für ihre „dämonische Kühnheit." So besteht 
dieser geistige Verkehr sieben Jahre lang ungetrübt, 
obgleich Lücke weiß, daß den beiden Germanisten die 
theologischen und kirchlichen Angelegenheiten im Wesent 
lichen nur vom geschichtlichen und nationalen Gesichts 
punkt aus interessant sind, während ihm das Christen 
thum vollkommen Selbstzweck ist. Das böse Jahr 
1837 aber bringt ihre Freundschaft ins Wanken. 
Am 1. November erscheint das verhängnißvolle 
Patent des Königs Ernst August. Dahlmann, sicherlich 
der Haupturheber der Gegenagitation, ückt in einigen 
Zeilen an Jakob Grimm noch die Hoffnung aus, daß 
auch Lücke mit seiner Unterschrift dem geplanten 
öffentlichen Einspruch gegen den Verfassungsbruch bei 
treten wird. Aber Lücke schließt sich den Freunden 
diesmal nicht au: sein Name ist unter der mannhaften 
Erklärung der wackeren Sieben nicht zu finden. Als 
das Gewitter sich über dem Haupte der Grimms nach 
der Erklärung zusammenzieht, kommt Lücke mit den 
Freunden nicht zusammen. Die Grimms äußern sich 
unverhohlen, daß er sich jetzt von ihnen zurückziehen 
wolle, und in einem Briefe, der die arge Ver 
wirrung im Innern des schwächlichen Mannes 
wiederspiegelt, vertheidigt sich Lücke gegen diesen 
Vorwurf: er sagt, er habe außerordentlich viel 
zu thun und er brauche in diesen aufgeregten 
politischen Zeiten Ruhe, um mit sich einig zu werden; 
sein Gnmdsatz in den Tagen der Freiheitskrisis ist, 
sich „soviel als möglich von Gesprächen darüber zurück 
zuziehen". Er betheuert im Uebrigen, daß er an dem 
Schicksal der „geliebten Freunde" nach wie vor innigen 
Antheil nehme. Die Grimms scheinen auf diesen Brief 
nicht geantwortet zu haben; die Sammlung wenigstens 
enthält kein Erwiderungsschreiben. Am 14. Dezember 
erhielten sie von Hannover aus die Verbannungs 
urkunde. Zusammen mit Dahlmann müssen sie 
Göttingen verlassen, wahrscheinlich ohne mit dem 
einstigen Freunde noch eine Begegnung gehabt zu 
haben; sie hegen um so stärkeren Zorn gegen ihn, als 
er auch einer zweiten gemäßigteren Kundgebung von 
sechs Professoren sich ferngehalten hat. 
Ein halbes Jahr verfließt, da richtet Lücke zuerst 
wieder ein Schreiben an den entfernten Jakob Grimm. 
Lücke hatte gegen den VersassungSbruch auf seine Art 
protestirt, indem er, mit der Versicherung, „ohne alle 
Oeffentlichkeit" zu reden, dem Königlichen Kuratorium 
der Universität sein „theologisches Bedenken" über die 
Krisis mittheilte. Die verbannten Freunde wußten 
hiervon nichts. Dahlmann und Jakob Grimm erließen 
vier Wochen nach ihrer Maßregelung Flugschriften „Zur 
Verständigung" und „Meine Entlassung", in denen auch 
Lücke, ohne daß sein Name genannt war, mit 
genommen wurde. Insbesondere Jakob Grimm hatte 
mit deutlichem Wink geschrieben: „Von den Theologen, 
den Bewahrern des Glaubens und der Gewissen, wäre 
am allerersten zu erwarten'gewesen, daß sie, eingedenk 
lutherischer Freimüthigkeit und Standhaftigkeit, ihre 
Zornschalen kräftig ausgeschüttet und alle Blödigkeit 
deö Zweifels dahingeworsen hätten. Es fehlte nicht 
an Beistimmung, aber an der Entschlossenheit, sie 
öffentlich zu bekennen." Lücke hatte die Absicht, gegen 
Jakob Grimm und Dahlmann wegen dieser Schriften 
angreifend aufzutreten; er äußert daS in einem Briefe 
der Sammlung an Otfried Müllers Bruder Julius, 
den Marburger Theologen; der aber bringt ihn durch 
ein eindringliches Schreiben von diesem Vorhaben ab. 
"Wollen Mäuncr'^bekarüpscn,^ UT 
auf die unverantwortlichste Weise mit Füßen getreten 
worden sind?" fragt er, und es ist ein interessantes 
Zeichen für die Stimmung, die damals gegen die 
Grimms herrschte, wenn wir auö diesem Briefe er 
fahren, daß der Präsident deS Staatscaths von ihnen 
„geradezu wie von Verbrechern redet". Statt einer 
Gegenschrift richtet Lücke daher an Jakob Grimm einen 
langen Brief, in warmem, herzlichem Tone gehalten, 
voll echten Schmerzes über die Trübung ihres 
früheren schönen Verhältnisses. DerZwiespalt imJnnern 
des Mannes tritt deutlich hervor; halb ist der Brief 
eine Vertheidigung der Berechtigung seines unthätigen 
Verhaltens, halb eine kindliche, bescheidene Bitte um Ent 
schuldigung an den Freund. Er gesteht, daß er das 
„Edle und Großartige" in Jakobs Schritt erkenne; 
er klagt, daß er es sich jetzt gefallen lassen müsse, von 
ihm „vor ganz Deutschland, ja vor Europa" der 
mangelnden Pflichterfüllung als Theologe bezichtigt zu 
werden; aber er betheuert, daß ihn die Unterschrift 
unter die Kundgebung in „bodenlose sittliche Melancholie" 
versetzt haben würde, weil er immer noch Zweifel 
hatte. Er habe vor Allem keine größere Verwirrung 
in den Verhältnissen der Universität einreißen lassen 
wollen. Er beschwört den Freund, das Recht in 
dividueller Verschiedenheit gelten zu lassen, — „es gab 
neben Luther einen Melanchthon und zu allen Zeiten 
neben der Luther- eine Melanchthon-Art, zu denken." 
Mit tiefer Wehmuth ruft er die Erinnerung an die 
„glückliche Zeit, wo wir harmlos und herzlich zusammen 
lebten", zurück und wirft schließlich überwältigt die 
Feder weg, da er vor Erschütterung und Schmerz 
nicht weiter schreiben kann. 
Wie antwortet Jakob Grimm auf diesen Brief? 
ES ist eins der theuersten Zeugnisse von dem Wesen 
des herrlichen Mannes, welches die Sammlung in 
diesem Antwortschreiben bietet. Streng und unerbitt 
lich im Festhalten an der Sache, herzenömild und 
freundlich gegen den Menschen, selbstlos und 
unerschttttert, erscheint er in stiller Größe wie 
die Gestalt eines Mannes der Vorzeit. Von sich 
und Wilhelm berichtet er nur, daß sie durch ihren 
Schritt Gewiffensruhe erlangt haben; — „wir schwe 
ben bloß in äußerer Pein und Noth, die vorüber 
gehen wird." Ihm sei die Tyrannei von Anfang 
an so außerordentlich und gewaltig erschienen, daß 
dadurch alle Wege und Gänge des gewöhnlichen 
Lebens abgeschnitten wurden. Es galt ihm, „die 
rein menschliche Scheu vor Unterdrückung und Bos 
heit nicht zu verhalten; wer in die Bresche treten 
will, der kann nicht hinter der Mauer stehn bleiben." 
Er laßt sich durch den herzlichen und liebreichen Brief 
des Freundes nicht abhalten, ihm die bittere Wahrheit 
offen zu sagen. „Schwäche" wirft er ihm vor: — 
„warum soll oder wie kann ich, wenn ich von Herzen 
reden will, das Wort zurückweisen, das freilich theolo 
gischem Stolz, von dem auch Sie einen Theil haben, 
härter klingt? Ich bin mir mancher Schwäche und 
manches Fehltritts in meinem Leben bewußt . . . ." 
Daß Lücke in einem Schreiben an die Regierung Ein 
spruch erhoben hatte (was er jetzt erst erfuhr), findet 
seine Billigung; aber er verlangt, daß dieser Schritt 
öffentlich hätte geschehen sollen. „Gleich uns", ruft 
er, „halten Sie die Aufhebung der Verfassung für ein 
Unrecht, für Gewissenszwang, allein Sie wollen 
es den Ministern nur inS Ohr sagen." Er 
fragt, waS es genützt hätte, wenn Martin Luther 
das, was er gegen Rom im Herzen trug, sud 
sigülo an einen Kardinal oder den Papst selbst ent 
sandt hätte. Er gesteht zu, daß der Freund noch 
einige Zweifel gehabt haben mag, glaubt aber, „daß 
der Muthige, wenn er in der Hauptsache feststeht, ein 
paar Zweifelsknoten, die ihm noch im Halse stecken, 
niederzuschlucken vermag." Ueberall tritt die feste, 
knorrige Natur Jakob Grimms, die keinen Zug gemein 
hat mit der schwächlichen Magisterhaftigkeit landes 
üblichen Gelehrtenthums, wundervoll zu Tage; seine 
Art ist die „Luther-Art". Edel und mild aber wendet 
er sich gegen die Person Lückes. „Geliebter Freund" 
redet er ihn an. Er sagt ihm, wie dankbar er ihm 
für seinen Brief sei, den er als Unterpfand seines 
HerzenS, als Abbild seines WesenS bewahren will. 
Er versichert ihm, daß seine Liebe zu ihm trotz aller 
Zwischenfälle nicht zum Wanken gebracht worden sei, 
und voll adliger Gesinnung erklärt er, daß zwischen 
ihnen von Irrthümern wohl die Rede sein kann, daß 
aber Unredlichkeit oder Unwahrheit Keiner dem Andern 
zutraut. So spricht er zu dem Mann, der, wie er 
selbst in jenem Briefe erklärt, durch ein einziges 
offenes Wort die Verbannung hätte fernhalten und 
Alles retten ^nnen. Und nicht die politische Rolle, 
oie Jak«LMWüm in ber ganzen Krisis spielt, nicht 
die furchtlose Offenheit, mit der er an einer anderen 
Stelle darüber schilt, „daß man so unnatürlich . . . 
den Abstand und die Unnahbarkeit aller irdischen 
Majestät gesteigert hat", machen diese Briefe uns 
werthvoll, sondern die menschliche Größe und die 
schlichte Innigkeit dieses vornehmen Herzens. 
Nach der Aussöhnung findet ein Besuch Lückes mit 
seiner Familie in Kassel statt, wo die GrimmS jetzt 
leben, und Jakob berichtet darüber in einem Briefe 
an Dahlmann. „Er ist und bleibt ein rechtschaffener 
Mann, dem sogar seine Schwächen zuweilen liebens 
würdig lassen", sagt er von dem geistlichen' Freunde, 
den Dahlmann selbst in seinem Antwortschreiben we 
niger nachsichtig beurtheilt: Lücke werde wohl selbst 
eingesehen haben „wie sehr es ihm an rechter Klarheit 
gebricht.... er hat keine einsachen Ueberzeugungen." 
Bald ist der alte gelehrte Austausch zwischen dem 
Vrüderpaar und Lücke wiederhergestellt, Jakob richtet 
wieder seine Fragen an Lücke, Wilhelm zieht ihn zur 
Mitarbeiterschast an dem deutschen Wörterbuch heran, 
auch die Freundschaft der beiderseitigen Familien findet 
herzlichen Ausdruck in den Briefen. Ueber die poli 
tischen Verhältnisse, mit denen die Lage der Brüder in 
so engem Zusammenhang steht, äußert sich jetzt vor 
nehmlich Wilhelm. Er klagt über das allmähliche 
Herabglciten der inS Herz geschloffenen Georgia 
Augusta, auf der Geschichte, deutsches StaatSrecht und 
alles Andere, was die Nation und die Gegen 
wart angeht, nicht mehr mit freiem Munde ge 
lehrt werden kann. „Nur bei der Beschreibung 
der leblosen Natur und der leiblichen Krank 
heiten wird man so unerschrocken reden dürfen wie zu 
Napoleons Zeiten." Auch die traurigen Aussichten 
der anderen deutschen Universitäten beklagt er, er sieht 
sie voll innerem Schmerz unter den jetzigen Verhält 
nissen zu «bloßen Lehranstalten" herabsinken, — „hier 
und da vielleicht mit glänzender Livree". Und nicht 
ohne Bewegung kann man eö lesen, wenn er nach 
dreijährigem Aufenthalt in Kassel in schmerzlich-herben 
Worten dem Freunde mittheilt, daß er wiederum ge 
zwungen wird, eine trübe und einschneidende Ver 
änderung in seinem Leben vorzunehmen: die Brüder 
Müssen Kassel verlassen. „Hier habe ich", schreibt er 
i bewegt, „lange Zeit, die längste Zeit meine- Lebens 
zugebracht: Mutter, Schwester, Kind liegen hier be- 
*) Seit« 650 der ersten Ausgabe. (1835.)
	        

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