Full text: Zeitungsausschnitte über Jacob und Wilhelm Grimm

© Hessisches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm Nr. Z 4 
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Zeugnisse welche wir auS der Epoche seiner männlichen Jugend habe«, 
stimmen in der Zeichnung eines fchwermüthigen Geistes und eines unfreien 
Benehmen- überein. Persönliche Schicksale trugen da- ihrige bei das Licht 
seiner Jugend zu trüben. Achtzehnjährig verlor er den Vater und war 
nun durch Ertheilung von Privatunterricht darauf angewiesen sich selbst 
zu erhalten und seine Geschwister zn unterstützen. Im Jahre 1811, nach 
beendeten RechtLstudien, kam er als Erzieher in das Haus eines Grafen 
SeiLern, wo er etwa zwei Jahre blieb, um dann als kleiner Beamter in 
den Staatsdienst zu trete», im Kriegs- und Befreiung-jahre 1813. 
Der Krieg« 
H. Versailles, 13 Januar, Morgens. Zwischen achtzehn, 
hundert und zweitausend Schüsse fallen täglich au- deutschen Feuer 
schlünden auf die Forts und gegen die belagerte Stadt. In den ersten 
Tagen der Beschießung, wo der herrschende.Südwest die Schallwellen 
nach entgegengesetzter Richtung ableitete, fühlte man sich hier einiger 
maßen enttäuscht. Man hatte einen Höllenlärm erwartet wenn die 
deutschen Kanonen ihre eherne Stimme erheben würden, hatte diese 
Musik den Bürgern von Versailles und St. Germain, die noch immer 
glauben daß die Forts von Paris gegen den deutschen Kugelregen gefeit 
seien, gegönnt ; statt dessen hörte man fast nichts, und wenn nicht jeden 
Abend die inhaltreichen telegraphischen Berichte von den Batterien einge 
laufen wären oder in den Clubs und sonstigen Gesellschaften die Glück 
lichen, denen erlaubt war sich den Batterien zu nähern, von ihren Beob 
achtungen vor den begierig lauschenden Zuhörern erzählt hätten, man 
würde das „Bombardement von Paris" noch immer für eine Mythe ge 
halten haben. Seit dem 10 Abends jedoch, wo der Wind in scharfen 
Nordost umsetzte, und uns noch einmal jenes harte Winterwetter mit 
brachte, von dem die Franzosen sagen es sei mit den deutschen Kriegs 
mänteln in ihr milde- Klima eingezogen, bleibt auch für die Entfernteren 
kein Zweifel mehr. Nur die Bürger von Versailles sträubten sich noch 
den Umschwung der Dinge anzuerkennen. Wir würden darüber kein 
Wort verlieren wenn er nicht — wunderbarer Weise — in der deutschen 
Presse Mode geworden wäre auf die Stimmung der 30- oder 35,000 Men 
schen die im Umkreis der großen Hauptquartiere leben, die zarteste Rück 
sicht zu nehmen. Die Bevölkerung von Versailles verhält sich zur franzö 
sischen Nation wie 1:1500. Da man von den großen Städten, wie Bor 
deaux, Lyon, Marseille, Toulouse, wenig weiß, auch von Paris selten 
etwas zuverlässiges erfährt, studiert man, wie uns scheint, mit über 
flüssigem Scharfsinn — den öffentlichen Geist des gegenwärtigen Fran- 
zosenthumS an diesen 30,000, die keine- der großen städtebildenden Cul 
turinteressen wie Handel, Industrie oder umfassende Institutionen des geisti 
gen LebenS, sondern die Accidentien der zufälligsten Art zusammengeführt 
haben, und die daher der Einheit eines geschlossene» Gemeinwesens voll- 
ständig^entbehren. Da sind zunächst ausgediente höhere Militärs, deren 
Vergangenheit meist mit dem Jahr 1648 abschließt, darunter Officiere die 
schon in den letzten Feldzügen deS ersten Napoleon thätig gewesen find. Sie 
pflegen die legitimistischen oder orleanistischen Erinnerungen, und unter den 
Porttäten, welche die Wände ihrer mit altväterlichem Hausrath ausgestat 
teten Wohnungen schmücken, wird man nicht leicht irgendein Mitglied der 
allen König-familien vermissen. Kein neuerer deutscher Geschichtschreiber 
kann die Moral des dritten Kaiserthums heftiger angreifen und keiner 
unserer erfahrenen Militärschriftsteller an den Zuständen deS kaiserlichen 
Heere- eine schwierigere Kritik üben als sie: ehrenwerthe Männer, aber ab 
gelebte, abgethane Mensche». Dann kommen die kaiserlichen Beamten, 
denen man zum Ruhm nachsagen muß daß sie den Muth gehabt haben, 
auch trotz deS 1 Sept. fast sämmtlich zurückzubleiben. Sie gehen wenig 
auf die Straße, sonder» leben zurückgezogen, meist in der Nähe des Schlos 
se-, in ihren Amtswohnungen, welche die Munificenz der kaiserlichen Re 
gierung mit allem Luxus ausgerüstet hat. Wenn man Abends bei ihnen 
eintrüt, findet man sie in zahlreicher aber cliquenartig abgeschlossener Ge 
sellschaft mit ihren in Trauer gekleideten Frauen Piquet oder Patience 
spielend. Sie fragen begierig nach politischen Neuigkeiten, obgleich sie 
alle auf den „Moniteur officiel" abonnirt sind. Sie zweifeln nicht 
daß das officiöse Blatt die Wahrheit sagt, aber sie find überzeugt daß 
es nicht alles sagt. Nach dem Gefangenen von Sedan ftagen sie wenig, 
denn auch sie hallen ihn für abgethan : „ü n’a pos faifc de mal, 
mais il e»t impossible,“ ist ihre Rede über den Kaiser. Dennoch freuen 
sie sich, wenn man ihnen mittheilt daß wir auch unsererseits die Regierung 
vom 4 Sept. für unhaltbar ansehen. „Cesjuifs, ces fläbustlers, ces bavards 41 
nennen sie Gambeita, Crömieux, Rochefort und Consorten. „Wenn uns 
der König von Preußen gestatten würde eine politische Versammlung 
abzuhalten, wir würden ihm sagen: Sire, Frankreich wünscht den Friede», 
und kein einsichtsvoller, kein angesehener Mensch hält es mit den Herrscher» 
von Paris." „Die sollten baS versuchen, und man gibt Ihnen vielleicht die 
Erlaubniß." „Ah mein Herr, wenn man nur wüßte daß eS wirklich zum 
sonst ." „Nun sonst?" „Man ist Familienvater und möchte sich nicht 
exponiren. Wer schützt uns vor Verfolgungen, wenn die Preuße» einmal 
fort find ? Das ist das Unglück unseres Landes, daß die Besonnenen und 
Vernünftigen sich so oft in ihren Winkel zurückziehen müssen!" So die 
zweite Classe der Bevölkerung von Versailles. Sie hat die Hoffnung auf 
eine Zukunft noch nicht aufgegeben, aber Unsicherheit und Zagen beraube» 
sie ;jeder Thatkraft. Gr folgt der wohlhabendere Theil der Bourgeoisie. 
Er bezieht seine Renten aus Paris; allein schon Grund genug für ihn, 
die Widerspänstigkeit deS Pariser Gouvernement- thöricht zu finden, da 
diese daran Schuld ist daß er seit 3 bis 4 Monaten feine Zinsen nicht 
mehr beziehen kann—rin Uebelstand den unfehlbar jeder deutscher Krieger 
zu hören bekommt, wenn er mit einem Quartierzettel erscheint. Es muß 
wieder Friede werden, sonst verhungern wir, sagen die Wohlhabenden, 
und weil die Regierung deS Staatsstreichs den Frieden nicht will, ist sie 
schlecht. Da» Gesicht dieser Classe von Menschen verklärt sich, wenn man 
von den Orleans spricht. „Bonne famille, bonne famille,“ sagen sie 
und klopfen sich an- Herz. Man fragt sie, warum sie denn bei dieser 
Einsicht die Orleans im Jahre 48 hätten zu Falle kommen lassen. „Lud» 
wig Philipp war ein schwacher Mann," lautet ihre Antwort. „Und wer 
steht Ihnen für die Klugheit seiner Söhne?" „Wir hoffen daß sie im 
Unglück regieren gelernt haben!" Aber auch diese Pattei wartet unthätig- 
ab wie Tag auf Tag de- nutzlosen Widerstandes verrinnt und keiner hat 
die Energie gegen eine verhaßte Entwicklung der Dinge das Wort zu er 
greifen. Denn auch sie fühlen sich terrorifirt von einer anderen Anficht, 
die in der Masse vertteten ist. Es handelt sich um den kleines Bürger 
stand. Was Versailles anbetrifft, so hat er lange genug seine „chamdres 
oder quartier» meubl6ä“ an Engländer, Amerikaner und weiß Gott was 
für Nattoncnvermiethet,und lebt so sehr vom Erwerb des Fremdenbesuches 
daß man eigentlich bei ihm gar keine polittsche Gesinnung vermuthen sollte. 
Allein man weiß daß die niederen Stände in Frankreich immer der Herd- 
der Opposition waren, und daß sie, mit keiner Regierung zufrieden, stets an 
die neu entstehende übertriebene, fchantastische Hoffnungen knüpften. 
Außerdem empfinden sie hier an Ort und Stelle zum ersten» 
mal seit langer Zeit den verführerischen Genuß des Retzierens. 
Aus ihrer Mitte ist die Stadtverwaltung besetzt. Darum huldigt 
der kleine Mann augenblicklich der Republik. Sein republicani- 
scher Verstand zeichnet sich durch ein Minimum von Einsicht aus: 
wenn man ihn fragt, was wird aus Frankreich nach dem Frieden? — zuckt 
er verlegen die Achseln, aber er hat ein sicheres Zeichen, ein Idol, daS er 
sich nicht entteißen läßt: es ist der Glaube an die Unbesiegbarkeit deS 
gegenwärtigen Regime'S. Daran hält er fest, ttotz der officiellen Tele» 
gramme, und trotz der Nachrichten aus Pariser Zeitungen, die ihm ohne 
jede Entstellung vom „Moniteur" gebracht werden. Der Republicaner glaubt 
Paris uneinnehmbar. Als wir am 11 Jan. über Chaville gegen SövreS 
fuhren, fiel uns auf dieser großen, gegen Paris führenden Straße eine 
Lebhaftigkeit auf, der wir nie vorher begegnet waren. Vom Getöse der 
Kanonen angelockt, war der Bürger von Versailles ins Freie geeilt. 
Wir konnten unS nicht enthalten unserm Wagen vor einer Menschengruppe, 
die eifrig discutirte, Stillstand zu gebieten. „WaS haben Sie denn?" 
fragte sich. „Älals, Llonsieur, il a y une sortie! Trochu va parattre. 
N’entendez vous pas le canon de Paris ?“ Das war es: man er» 
wartete einen Ausfall, den lang ersehnten Ausfall nach der Seite von 
Versailles. Ich bat die Herren um sich zu schauen und zu beachten, woher 
der Pulverdampf komme: von Meudon und von St. Cloud, wo, wie sie 
wußten, die Preußen stehen; also sei das deutsches Feuer. Einige 
Soldaten, denen diese Unterredung ungeheures Vergnügen machte, be- 
Üätigten meinen Ausspruch. Also war es doch geschehen: „on bombard« 
Ja ville! oh quelle barbarie! u Trochu kann stolz fein auf die Ausdauer 
seiner republicanischen Anhänger, aber wenn er selbst in der Lage isein 
wird seine» Stab zu zerbrechen, was dann ? 
Neueste Post e tt. 
X München, 16 Jan. Sitzung der Kammer der Abgeord 
neten. Am Ministertifch sämmtliche Minister. Die Gallerien wieder 
überfüllt. Abg. v. Stauffenberg spielt zuerst auf dar Gerücht an daß; 
die Gegner der Verträge sich durch Unterzeichnung eine- Schriftstücks be 
züglich ihre« Votums schon gebunden hätten, wonach das weitere Rede» 
freilich überflüssig würde. Er glaubt jedoch nicht an eine solche Monstro 
sität, und gibt deßhalb die Hoffnung nicht auf auch seinerseits etwas bei 
tragen zu können die Voreingenommenheit der Gegner durch Gründe zn 
beseitigen. Er wendet sich sodann zu dem vielgehörten Einwand des söge» 
Nannten eisernen Militäretats. Dieser Einwand leite sich vornehmlich auS 
dem Art. 5 ab, vermöge dessen, nach Ansicht der Gegner, die Krone Preu»
	        

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