Full text: Zeitungsausschnitte über Jacob und Wilhelm Grimm

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© Hessisches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm Nr. Z4 
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Wenn der ehrwürdige Greis hätte erleben müsse» daß man semem Hessen- 
volke, das seit zweitausend Jahren mit uraltem Namen auf uralten Sitzen 
haftet, mit einem Federstriche sein selbständiges Dasein vernichten durfte, ihm 
waredasHerzgebrochenvorJammer! Ja er muß sich — umvon dem großen 
Mythologen in einem mythischen Bilde zu redm—er muß sich im Grab um 
gedreht haben über die Abgestorbenheit alles Volksgefühls, über die stumpfe 
aller geschichtlichen Erinnerung bare Gleichgültigkeit mit der man inDeutsch- 
land dieses Ereigniß, und die anderen die es begleiteten, hingenommen, 
ja selbst jubelnd als Vorzeichen einer glorreichen Zukunft begrüßt hat — 
als ob aus dem Tode der letzten deutschen Stämme das Leben des deut 
schen Volks erstehen werde! 
Jacob Grimm war ein Föderalist aus der Kraft der Natur, wie es 
Wenige sind. Dem geschichtlichen Forscher und politischen Denker Dahl- 
mann war diese unbeirrte Sicherheit nicht verstattet. Er war in seiner 
Jugend zweifellos föderalistisch gewesen, wie eS noch 50 Jahre später so 
gut wie jeder unter unS war. Einmal in der Kraft seiner Jahre schrieb 
er ein echtestes Programm des durchgohrensten föderalistischen Bekennt 
nisses, indem er sich über den recht eigentlich fragentscheidenden Moment 
in der deutschen Geschichte erklärte: als er, die Spaltung Deutschlands be 
klagend, die durch die Reformation noch Zuwachs bekommen, doch den Geist 
aus dem die Reformation hervorgieng werther und theurer nannte als 
schmerzlich selbst die Uebel der Spaltung. Ueber den Erlebnissen von 1837 
und den Hoffnungen von 1848 aber war Dahlmann unitarisch geworden. 
In Frankfurt, wo 1848 jede, auch die kühnste, Meinung den ungehemmte 
sten Lauf, wo die republikanische Meinung eine offene starke Vertretung 
hatte, fand er niemanden der seine Gedanken und Wünsche auf etwas an 
deres als eine Bundesreform gerichtet hätte, keinen gewiß der für einen 
Einheitstaat geredet hätte; denn sowie heute die föderalistische, so war 
damals die unitarische Meinung kaum bei irgend jemandem, kaum mit be 
waffnetem Auge zu entdecken. Auch selbst Dahlmann, der feiner politi 
schen Ansichten wahrlich sonst kein Hehl zu haben pflegte, selbst ihm wäre 
das Gefländniß seines zeitweiligen UnitariSmuS kaum abzuringen gewesen. 
Als er nicht viel später, im Berliner Herrenhaufe fitzend, die Hebel der preu 
ßischen StaatSkunst in der Nähe kennen lernte, begann er getäuscht wieder 
„im ParticularismuS Studien zu machen." Im Jahr 1866 hätte er 
seinen UnitariSmuS verwünscht, und wäre zu sich selbst und seiner ersten 
natürlichen Sinnesart zurückgekehrt. Er hatte 1648 — nur wenige mö 
gen davon wiffen — den Fürsten von Hohenzollern zugerathen ihre Länd- 
chen von Preußen annectiren zu laffen; wenn er später die Spekulationen 
der depoffedirten Herren auf Rumänien und Spanien erlebt hätte, wie 
möchte er sich auf die Zunge gebiffen haben! Kein vaterländischer Mann 
War je für Deutschlands Größe und Macht in so verdichteter Gluth ent 
brannt wie dieser. Aber schon von den allerersten Zettelungen zum Raube 
der Elbherzogthümer an hätte er sich von der Machtpolitik der neuen Aera 
innerlichst losgesagt, und wäre durch keine militärischen Glorien mit ihr aus 
gesöhnt worden. Ich habe die volle Ueberzeugung daß Dahlmanns Bio 
graph, der zwar mit seinen Hoffnungen zu dieser neuen Aera steht, aus den 
Urkunden und Thatsachen in deffe» Leben zu keinem andern als diesem 
meinem Urtheil kommt; von Dahlmanns einem nächsten Angehörigen 
„glaube ich, ja weiß ich," daß er ihm nicht widersprechen wird. Ich habe 
mit den zwei einzigen deutschen Historikern der vorigen Generation, die 
eine lebendige Beziehung zu der politischen Gegenwart Deutschlands hatten, 
in gleich intimem Austausch politischer Gedanken gestanden, mit Dahlmann 
und Schlosser. Der letztere hatte sich in politische Praxis niemals eingemischt, 
weil er Machiavelli's Anficht war daß, wer sich sittlich rein erhalten wolle, 
sich ganz von ihr fern halten müsse; des ersteren Ehrgeiz war durch sein gan 
zes Leben den Geschichtforscher mit dem praktischen Staatsmann zu vereini 
gen: denn er widersprach Machiavelli's politischen Maximen in dem stärksten 
Gegensatze. Erhalte zu jeder Zeit in den schneidendsten Bekenntniffen alle 
Trennung von Sittlichkeit und Politik verschworen ; er hatte den Staat 
„als eine Erfindung des Verderbens für die Menschheit ansehen wollen" 
wenn er in seinem Glauben an die Möglichkeit einer ethisch zu rechtfertigenden 
StaatSkunst je beirrt werden sollte. Der weiß von Grundsätzen nichts der 
diesen charakterstarken Mann für fähig hielte sich den Chören der abge 
fallenen politischen Lichtträger und Freiheitshelden zugesellt zu haben, die 
1866 plötzlich, zum Wohlgefallen ihrer kaum bekämpften Gewalthaber, zum 
Theilsitz auf dem Herrscherthron der Machtpartei h i n a u f f i e l e n! Der weiß 
nichts von Selbsttreue der diesen in sich gewiß höchst einheitlichen Mann 
für fähig hielte sich einer Staatskunst je zur Seite gestellt zu haben, neben 
deren Zwecken und Mitteln die verrufensten Theorien deS Italieners, der 
die Politik grundsätzlich von den Gesetzen der Sittlichkeit frei sprach, wieder 
sittlich erscheinen! 
Aber schon wieder bin ich dabei von einem großen Todten in seiner 
Zusammenstellung mit den großen Lebenden die paradoxesten Dinge 
auszusagen, denen andere „vielleicht denn doch" näher Kundige gleich 
falls, offen und öffentlich, widersprechen werben. Man würde gerade 
nicht viel Herausforderung nöthig haben um mich auch darüber zur Rede 
zu bringen. Nur müßte das siegprangende Deutschland erst so viel Rehe« 
Freiheit und Möglichkeit haben, wie das verzweifelte und niedergeworfene 
Frankreich. GervinusT' 
Franz Grillparzer. 
Ein Bild aus Oesterreich. 
I. 
* Seit den Wiener Vorbereitungen zu Franz Grillporters achtzig 
stem Geburtstage wird dieser Dichtername auch außerhalb Oesterreichs öfter 
denn je genannt. Daß aber der Antheil an Grillparzer wirklich ein all 
gemeiner in Deutschland sei, wäre eine mehr als gewagte Behauptung. 
Zwar zählt der greise Dichter in dem großen gemeinsamen Vaterland der 
Sprache und Bildung andächtige Verehrer genug, und gewiß werden die 
Schriftstellerverbindungen und Theater der hervorragendsten deutschen 
Städte zum 15 Jan. 1871 es nicht an Ehrenbezeugungen für Grillparzer 
fehlen laffen. Gleichwohl ist er den Deutschen im gan en ein fremder 
Poet, ein Haupt das ihnen durch die Weihe des Alters bedeutsamer gewor 
den als durch die lang' erprobte Wirkung seiner dichterischen Kraft. Die 
Zeit liegt nicht sehr ferne da man sich in Deutschland, sobald von Grill 
parzers Poesie die Rede war, nur zu leeren Schlagworten aufgefordert 
fab, darunter man ihren Charakter am leichtesten unterzubringen suchte, 
und da die tonangebenden Literarhistoriker meinten ihre Schuldigkeit ge 
than zu haben wenn sie neben Müllner und Houwald ihn als Dritten im 
verrufenen Bunde aufführten. Ein Schicksalstragöde! ein Nachzügler 
der Romantiker! fo raffelte es in den tauben Gängen der alten Mühle, 
und da nicht lesen können und das flüchtig Gelesene recenfiren in gewiffen 
fingerfertigen Compendienschreibern zusammenfällt, so pflanzte sich da« 
Geraffel durch die Jahrzehnte fort, und Deutschland war somit vorläufig 
um eine Begnffsanwendung reicher und um einen edlen Dichter ärmer. 
Als im Verlaufe der Zeit die politischen Gegensätze zwischen dem Süden 
und Norden sich zuspitzten, und sogar unpolitische Fragen in den politi 
schen Kampf hineingezogen wurden, da war man heimlich zufrieden daß die 
literarische Würdigung Grillparzers in Deutschland von Haus auS eine be 
scheidene sei, daß man also im Hinblick auf das verfehmte Oesterreich auch 
diesen Posten benützen könne das Land auf die Fallitenliste zu setzen. Lo- 
cakgröße nannte den Dichter der eine, secundärer Poet schalt ihn ein an 
derer, und daß der Norden nun einmal kein Verständniß für diese Wiener 
Begeißerung habe! drang eS von den Ufern der Spree herunter. Kein 
einsichtiger Mann in Oesterreich hatte Grillparzer jemals mit den führen 
den Geistern der deutschen Dichtung auf ebne Linie gestellt: dieß jedoch 
wollte man absichtlich nicht wiffen, um der fürnehmen Abweisung nicht den 
Boden zu entziehen; wollte man dort nicht wiffen wo man die Prosa Gu 
stav FreytagS anstandslos zuweilen mit Goethes Styl Hand in Hand 
gehen läßt, und wo man kein Aergerniß daran nimmt von der an Homer 
erinnernden Darstellung Fritz Reuters sprechen zu hören. Nichtsdestomin- 
der wäre es ungerecht diese schiefe Stellung Grillparzers zu Deutschland 
aus Ursachen allein erklären zu wollen welche in ererbten Vorurtheilen 
oder in künstlich erzeugten Gehässigkeiten der Deutschen wurzeln. Etwas 
in Grillparzer ist allerdings geeignet außerhalb feiner engern Heimath, 
namentlich im straffen Norden, mißlich zu berühren, und ein nicht gerin 
ges Theil der Gleichgültigkeit Deutschlands gegen Grillparzers Leistungen 
hat die österreichische, die Wiener Schlaffheit selbst zu verantworten. Wir 
in Oesterreich haben den uns offenbar überlegenen Brüdern in keinem 
Zweige der Literatur die nöthigen Vorarbeiten geliefert, wo eS die Schilde 
rung der Heimath galt. Nicht in Briefwechseln, nicht in Memoiren, nicht 
in Biographien und Monographien haben wir etwas nennenswerthes ge 
than. Wer ein Gemälde der Josephmischen Epoche bei uns suchen wollte, 
ein Gemälde auch nur im Umriß, der würde auf ungeordnetes, nicht ein 
mal roh ausgebeutetes Material stoßen; wer die wiffenschaftlichen, die gei 
stigen Vorgänge Oesterreichs oder Wiens in der zweiten Hälfte des acht- 
zehntenJahrhundertS gesammelt betrachten wollte, der müßte sich mit elende« 
Trümmern begnügen, mit Collectaneen, die schon wegen ihrer Lückenhaftig 
keit werthlos oder doch wenig belangreich sind. Ja nicht einmal die vor 
handenen wohl kümmerlich beschaffene«, aber dem kundigen Geist Rede 
stehenden Memorialen Aufzeichnungen über Personen und Zustände i» den 
ersten Jahrzehnten dieses Jahrhunderts sind Gegenstand einer zusammen- 
fastenden Darstellung geworden. Wir haben kein Bild der Wiener G<- 
: sellschaftSkreise aus jener Zeit, kein Bild SchreyvoglS, kein Bild der lusti 
gen Musikanten Lanner und Strauß, wie wir kein Bild aufzuwehen haben 
da- uns Mozart oder Schubert inmitten des Wiener Lebens veranschau 
lichte. Mancher vielleicht unschätzbare Beitrag zur Kenntniß interessanter 
Köpfe ist durch Fahrlässigkeit verloren gegangen, z. B. der Nachlaß Zacha 
rias Werners, worin die Briefe aus Italien und der zweite Theil der
	        
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