Full text: Zeitungsausschnitte über Jacob und Wilhelm Grimm

T 
© Hessisches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm Nr. Z4 
Las auf die Fortsetzung der bi, j tzt beobachteten Taktik 
schließen läßt. 
Der hier erscheinende „Moniteur osstciel* hat seinem 
Titel heute die Namen „du gouvernement dn Nord de la 
France et de la prdfecture de Seine et Oise“ hinzuge 
fügt. Der Generslgouverneur von VersMeS, General von 
Fabrice, publizttt einen Erlaß, nach welchem er zu» Gou 
verneur de- Departements der Seine und Oise, der nörd 
lichen Departements, sowie folgerst er: Somme, Oise, Seine- 
Jnferimre, Eure und Loire und Loiret ernannt worden ist. 
Herr von Fabrice fordert die Munizipalbehörden auf, strikte 
seinen Befehlen Ordre zu leisten. 
G. Versailles, 9. Januar. Die hier eingelaufenen 
Nachrichten aus Paris schildern die durch das Bombarde 
ment hervorgebrachte Bestürzung und die damit im Zusam 
menhange stehenden Unruhen, welche einen stark demonstra 
tiven Charakter gegen die Person Trechu's cm sich tragen. 
Man ergebt sich in Paris in den bittersten Lästerungen ge 
gen die „PrufstenS", welche ihren schamlosen Barbarismus 
so weit treiben, daß dieselben sich nicht scheuen, die „ville 
des villes", um mit Hugo zu reden, die heilige Stadt, die an 
der Spitze der Civilisation marschirt, zu bombardiren. Die Fran 
zosen scheinen ein sehr kurze-Gedächtniß zu haben; muß man 
denselben ihren „glorreichen" Trg von Saarbrücken immerin die 
Erinnerung zurückrufen, wo alle Pariser Journals ihren Jub l 
laut kundgaben, daß man eine offene Stadt bombardüt 
hatte. In der Masse der Pariser Bevölkerung hat die Be 
schießung der FottS und theilweife auch der Stadt den 
größten Eindruck hlnterlaffcn. Man drängt Trochu hin, 
große MaffrnauSfäüe zu versuchen, um mit einem glücklichen 
Handstreiche unsere Linien zu durchbrechen. Der der großen 
Masse überlegene, intelligente Trochu sieht die Unmöglich 
keit dieses Planes ein und weigert sich, dem ungestümen 
Verlangen r achzugeben. Es ist ein öffentliches Geheimniß, daß 
General Vinoy gegen Trochu agitirt und die Volksmaffm 
gegen denselben aufhetzt, um durch ihre Hülfe an die Spitze 
der Truppen gestellt zu werden. — Die Beschießung der 
Süd-, Ost- und Nordsorts hat auch gestern seinen Fortgang 
genommen. Während die nördliche und östliche Front fast 
gänzlich schweigt und ihre Geschütze in bombenfest" Räume 
sicher untergebracht hat, wurde gestern auf der Südseite, 
namentlich von Fort Jsiy, daS Feuer stark erwidert. DaS 
Fort Jffy ist am stärksten bedroht und in Anspruch 
genommen, da eS von der bei der berühmten Diogeneslaterne 
bei St. Cloud aufacstelltrn Batterie ur.d von derjenigen bei 
Mludon kreuzweise Feuer empfängt. Die französtsch en Batterien 
feuerten gestern zwar heftig, aber nicht mit genügender 
Präzision, um uns auch nur den entferntesten Schaden zu 
zufügen, während wir ihnen abermals starke Verschanzungen 
sntzweischcssen. Die Thatsache bestätigt ftch vollkommen, 
daß cS in Folge der nach Paris binetngesarrdten Brand 
raketen, welche aus 24-Psündern geschossen werden, gestern 
und vorgestern an mehreren Stellen in Paris gebran t hat. 
Von de» Höben bei Sevres wurde gestern von unseren 
Offizieren auf das Genaueste die Beobachtung wahrge 
nommen, daß unsere Geschosse mehrere Häuser links vom Jn- 
v.tlidendom demolirthatten, welche vollständiginBrandstanden. 
Mittelst Fernrohres konnte man deutlich sehen, daßdiePompierS 
mit dem Löschen der Häuser in Paris auf daS Eifrigste beschäftigt, 
waren. Wie ich höre, war der Befthl ausgegeben, daß die 
vier bei Et. Cloud, Meudon und Sevres pofiirten Batte 
rien vorgestern Abend um 10 Uhr und die Nacht bindutch 
1600 Brandraketen nach Daris hineinsckleudern sollten, so 
daß auf ftde der Batterien 400 Geschosse kommen sollten. 
Ä&- dtt'S Artillerie« növer vor sich gegangen ist, -Z nn ich 
' Ihnen in diesem Augenblicke noch nicht speziell mittheilen. 
Sowohl der Pariser Bevölkerung, welche wohl bald müde 
fein wird, den wahnsinnigen Widerstand k cxitrance 
zu predigen, als auch der in den Forts liegenden 
Truppen hat fich in Folge der veränderten Situation eine 
wahre Panik bemächttgt. Seit zwei Tagen schickt der 
Feind keine Pat ouillen mehr aus und unsere Soldaten 
gehen ruhig und harmlos bis zu den französischen Feld 
wachen. Ein höherer Jngenirur-Ojfizier ritt gestern allein 
durch mehrere Dörfer, die noch vor einigen Tagen von fran 
zösischen Posten besetzt waren; die dort zurückgebliebenen 
Einwohner konnten ihr Erstaunen nicht unterdrücken, plötz 
lich einen Preußen vor Augen zu haben. — Ja der Nacht 
vom 6. zum 7. kamen mehrere Bataillone Linien- und Mobil- 
foldaten auS dem Fort Valerien hervor, dieselben waren in 
völlig angetrunkenem Zustande und trieben bei anhaltendem 
ES fei zwischen Deutschen bei Kriegsbeil auf ewig begra 
ben; sogar mit Inbegriff der „nächtlichen Axt* dcS Stutt 
garter „Beobachter-*. 
Das lang erstrebte Ideal ist Realität geworden. Die 
letztere entspricht nicht in Allem dem ersteren. Die Freiheit, 
die man täglich und stündlich erkämpfen muß, gleicht aller 
dings nicht jener ätherischen Freiheit, von welcher Max von 
Schenckendorf fingt: 
„Freiheit, die ich meine, 
Die mein Herz erfüllt, 
Komm' mit Deinem Scheine, 
SüßeS Engelsbild.* 
Aber, wo in aller Welt, hat sich jemals Idee und Er 
scheinungsform vollständig gedeckt? Sollen wir uns deshalb 
von der Freiheit wieder scheiden laffen, weil bei ihr a S F au 
einige kleine Mängel zu Tage treten, welche bei der Braut 
nicht bemerklich waren? GervinuS will, daß wir da wieder 
anfangen, wo wir 1849 aufgehört habe^. Seltsame Menschen, 
diese „legitimistifchen" Liberalen! Als wir damals an die 
entscheidende Strecke des Wegs kamen, dg hatte der Sturm 
und der Regen dieselbe weggeschwemmt. Wir standen vor 
einem Abgrund, wir mußten umkchten. Jetzt hat ein kühner 
Ingenieur mit einem enormen Aufwand an Arbeit, an That 
kraft, an Genie, den Abgrund überbrückt; und nun sollen 
wir sagen: „Nein, auf diese Brücke trete ich nicht, ich stelle 
mich an den abgeschwemmten Weg und warte, bis ihn der 
Sturm wieder anschwemmt?* 
Bet einem Manne von der Größe und dem Geiste 
eine- GervinuS würde man eine solche Erscheinung geradezu 
für unmöglich halten, wenn man fich nicht an die Vorge 
schichte verdeutschen Gelehrsamkeit erinnerte, welche während 
unserer theologisch-scholastischen Periode großentheilS aus 
eitel Streitsucht und Klcpffcchterci bestand. Nieder 
schläge davon rxlstiren auch heut noch. Wenn man in 
England sagt: Der König kann nicht Unrecht thun, so könnte 
man tn Deutschland sagen: Der Gelehrte kann nicht Unrecht 
haben. 
Der„seelige" Stahl sagte: „Die Wiffenschast bedarf der 
Umkehr.* GerotnuS sagt: „Die Weltgeschichte bedarf der 
Umkehr.* Und Unrecht haben fie Beide. 
Karl Braun-Wieöbaden. 
G-johle den größten Unsuq. Nachdem sie bis auf 3000 
Schritt vorgegangen und MitraMeusenftuer geg-ben hatten 
zogen fie sich wieder zurück. — Vorgestern wurde ei« bai 
rischer Arttüeriemajor von einer feindlichen Granate der 
maßen zerschmettert, daß der Körper nach allen vier Winden 
aufgelöst wurde; unter den Todten befindet sich auch der 
Rrtillerichauptmann von Waldau. — An der Loire wird für 
heute ein entscheiden! er Schlag erwartet, der mit der Armee 
des Generals Chanzy aufräumen wird; man hat hier die 
günstigsten Depeschen erhalten, die eine große Niederlage 
der Loirearmee in Aussicht stellen. 
Aus dem Hauptquartier deS 12. Armeekorps geht urs 
folgende Korrespondenz zu: 
J Clichy, 9. Januar. Wir staben heute wieder 
Cchneefall und sie Beschießung von Paris wird dadurch 
erschwert. A^f tausend Schritt Entfernung ist in diesem 
Augenblick schon nichts mehr zu erkennen. Dies hindert 
nicht, daß gerade während ich dstse Zeilen schreibe, meine 
Scheiben fast unablässig von Geschützdonner klirren, ver 
muthlich vorzugsweise vom feindlichen, da er nach Seemannes 
Bitte gern in ganzen Lagen schießt. Dies hat er vor 
Allsm in letzter Zeit wenigstens während der nachmittäg 
llchen Visitenstunden so getrieben, ich weiß nicht ob 
mit Rücksicht auf feine Hörer in Paris oder auf die in 
Clichy und Nachbarschaft. Denn aus zahlreichen Anzeichen 
läßt sich der Schluß ziehen, daß er von der moralischen Bo 
schaffenheit der CernirungSarmee noch immer di: wunder 
lichsten Begriffs hat, und ich glaube schier, er meint unS mit 
seinem Lagensckießen einzuschüchtern. Hiermit stimmt denn 
auch, daß General Trochu sich neulich einen seiner 
sächsischen Gefangen « — eS sind deren in Parts 400 — zu 
dem Geschäfte aussuchte, sächsische Offiziere als Deserteure nach 
Paris hineinzuschmuggeln. ES klingt schier unglaublich, doch 
ist dem Marne richtig zu solchem Zwecks Gelegenheit ge 
geben wo.den, sich mit allerlei Versprechungen an derartige 
Überläufer aus Paris herauszustMen und er ist seit gestern 
wieder bei seiner Trupse. Danach zu urtheilen, fehlt dem 
obersten Vertheidiger von Paris durchaus die richtige Vor 
fttllung von d>m Feinde, welcher ihn bedrängt. Er kalkulirt 
auf die alten Zerwürfnisse und Antipathien und weiß nicht, 
obschon selbst Sold st, daß dergleichen nie und nimmer 
inmitten eines siegreichen FeldzugS gegen das mächtige Band 
der Waffenbrüderschaft ins Gewichr fällt. Eia fernerer 
Schluß wäre, daß Paris noch immer seinen Offizieren ein 
leidliches Dasei t bieten muß, denn wie könnte Trochu sonst 
überhaupt auf den ganz« Einfall kommen? Man dcsertirt 
d.:ch nicht aus dem Uebrrfluß in die Hungersnoch hinein. 
Ein schönes Gegenstück ist die von dem sächsischen Sol 
raten L ue vom 103. Regiment gelieferte neulich 
schon durch die Blätter rrzählte Zähigkeits-Probe, 
gleichen kann man zwei Mal hören und aus 
Gefahr hin erzähle ich's. Der Mann war also mit 
sogenannten Unterosfizier-Schleich-Patrouille Nachts über den 
Avron hinauSg-cki-.ttert, erhielt dann vnverfe ens auf dem 
Wege nach dem Dorfe Nosny einen Schuß in beide Ober 
sch'Nikel, fiel und mußte von seinen Kameraden in Stich ge> 
laffen werden. Die Franzosen fanden ihn nicht. Als er 
sich daher von stilrein Gckrcck erholt hatte, versuchte er ob 
er Hein kriechen könne, eine Wegstunde etwa, nämlich bis 
Villemombre natürlich ging eS langsam, zumal er sehr blutete 
und die Hände ihm auf dem eisigen Boden schier anfrieren 
wollten. Aber er kroch so wett eS gchen wollte und dann 
wieder ein Stück und dann noch ein Stück uno so die ganze 
Nacht durch Lismer früh Mv'gens tzüe -in armer Hund an 
den fächsi^LM>Mposten vo|*Me sich heran 
geschleppt hattE Mx Mann lirgt jetzt in^VaujouiS im Ls 
zareth, hat das eiserne Kreuz auf der Jacke und freut fich 
sehr, daß er dem General „Dtochu* ein X für ein U ge 
macht hat. 
AuS dem Lager vor Paris gehen unS folgende 
Korrespondenzen zu: 
v. <3. Ferriere«. 6. Januar. Durch eines jener Zufalls 
spiele, denen man so oft im Krieg« unterwrrfen ist befinde ich 
mich hrute wieder an demselben Punkt vor der trotzigen Seine- 
stadt, der die letzte Station meiner Pilgerung nach derselben im 
vorigen Herbst bildete. Wie verschieden find aber nach jeder 
Richtung hin jrtzt und damals die Verhältnisse. Als ich am 
27. September hier anlangte, war FerriereS noch königlich-S 
Hauptquartier und das mit der reichsten Pracht anSgrstaitete 
Schloß das europäischen Krösus erhielt eine dauernde histori- 
sche Weihe durch den längeren Aufenthalt unseres Königs mit 
seiner ganzen Umgebung. Damals wasts Heller Sonnenschein; 
wohl 
Dev 
dies! 
einer 
Eine neue Erzählung SpielhagenS. 
Deutsche Pioniere. Eine Geschichte auö dem vori 
gen Jahrhundert von Friedrich Spielhagen. 
(Berlin, O to Zanke, 1871.) 
Für die Kritik giebt cs keme angenehmere Aufgab', als 
dis Fortschritte und Entwickelungen eines bedeutenden 
Talents zu beobachten, mit ihrem Für oder Wider zu be 
gleit n. Der Freude des Gch-rffenden stellt fich der Genuß 
des Betrachtenden beinahe ebenbürtig zur Seite. Friedrich 
Spielhagen'S Schöpfungen gewähren in ihrer Reihenfolge, 
die im Großen und Ganzen zugleich rin stetiges Wachsthum 
ist, ein so befriedigendes und erfreuliches Schauspiel. Ein 
Talent, das vor Allem darum anzieht und frssrlt, weil cS 
sich zu immer reineren und schöneren Harmonien aufzu 
schwingen sucht. Hier ist kein Stillstand, nur selten ein 
kurzes Ausruhen, um den Gang zu dem nächsten, höher 
gesteckten Ziele wüthiger beginnen zu können. So 
will es unS bedünken, als wären die „Deutschen 
Pioniere" auch nur der erste Schritt, den Spülhagen aus der 
Gegenwart in daS Gebiet der Geschichte thut. Aesthctische 
Streitfragen werden am besten durch Thaten gelöst, und der 
vielangkfochtea'' historische Roman beweist das Recht seiner 
Existenz vielleicht durch nichts schlagender, als daß er all- 
mälig jedes hervorragende rptsche Talent in seine Kreise 
zieht, m hr oder minder natürlich, je nachdem den Dichtern 
historischer Sinn und die Fähigkeit, fich in ein vergangenes 
Leben und Treiben zu versenken, vom GentuS zuge 
messen ward. Baut doch selbst Goethe, der vor allem 
Historischen, weil eS im l'tzten Grunde politisch ist, ein ge 
heimes Grauen empfand, s:ineJsylle„Hermann und Dorothea" 
auf dem Hir tergt und der französischen Revolution auf. Aehn- 
lich lehnt fich SpielhagenS neueste Erzählung an die Ge 
schicke der dlUischen Auswanderer nach Amerika, an ihre 
Kämpfe mit den Franzosen und Indianern an. Wie bekannt, 
wurde der siebenjährige Krieg nicht nur in Deutschland, 
sondern in Nordamerika und Indien geführt; war nicht nur 
ein Kampf zwischen Preußen und Oesterreich, sondern in 
noch stärkerem Maße zwischen England und Frankreich. 
Damals haben die Engländer den Franzosen Kanada und 
Indien entrissen und endgültig ihre Mrerherrschast festge- 
stellt, dem Dreizack Britarmia'S die Hegemonie verschafft. 
Von Kanada aus, im Bunde mit den indianischen Stämmen, 
die an den großen Seen im Nordwesten de- Staates New- 
York ihre Jagdgebiete hatten, brachen die Franzosen wieder- 
holt plündernd, sengend, mordend, eine wüste Rotte, gegen 
die englischen und deutschen Niederlassungen am 
sommerlich blickten noch Himmel und Erde, und wenn 
ich mich anch in Feind: stand, m sinem eroberte» 
Dorfe befand, aus dessen Einwohner schrn damals die 
Kriegslasten und da- eiserne Gesetz des Krieges schwer 
drückte, so schützte sie die Anwesenheit des Kriegsherrn und die 
strenge Ordnung, die naturgemäß damit verbunden war vor 
Manchem, was heute nach so viel längerer Dauer des Krieges, 
nach lo sehr in Folge der Jahreszeit, der Zahl und Mannig 
faltigkeit der Durchzüge sich steigernden Bedürfnisse und nach 
der wachsenden Erbitterung der Gemüther in Foste der großen 
Leiden, die jedem einzelnen Kämpfer der rähe Widerstand dieser 
Nation bereitet, sie vielleicht oft unverschuldet, aber darum nicht 
weniger unvermeidlich trifft. Heute Abend in kalter Winter 
nacht aus dem Wirrwarr des von Soldaten, Kranken, Ge 
fangenen wir von Ungeheuren Gütervorräthen wimmelnden 
Eifenbahnendpunktes Lagny hier angelangt, finde ich in dem 
Orte, in welchem von 800 Einwohnern kaum 400 zurückgeblieben 
find, noch einmal so viel Mannschaften aller Waffengattungen, 
Proviant - und Munitionskolonnen und die entsprechende 
Anzahl Pferde, für deren Unterkommen unter gewöhnlichen 
Verhältnissen die vorhandenen Räume und Mittel bei Weitem 
nicht ausreichen würden. Heute aber muß Rath geschafft wer 
den. und es gelang mir denn auch endlich, der klemm Kara- 
vane von fünf Wagen, sechs Pferden und stehen Mann, der ich 
mich angeschloffen hatte, zu einem leidlichen Unterkommen zu 
verhelfen. Das von den unaufhörlichen Truppendurchzügen er- 
schöpfte Rothschilo'sche Dorf hatte in dieser unfreundlichen 
Wintemacht ganz dasselbe Aussehen wie tausend andere fran- 
zöstsche Dörfer in ähnlicher Lage und wenige von denen, die 
jetzt die verschiedenen Aufgaben deS hatten KrregsdiensteS hm- 
durchführen, werden Luft und Mutze haben, die Herrlichke t, die 
es birgt, fich anzuschauen. 
Don meinen sächsischen Freunden in Montfermeil war 
heute Morgen der Abschied ein ziemlich plötzlicher. Ich erfuhr, 
daß an dieser Ostseite zunächst nichts Ernstliches mehr beabfich- 
tiflt, dagegen der Angriff an der Süd front aller Wahrfchem- 
lichkeit mit allem Nachdruck durchgeführt werde. Dahin zu 
gelangen, mußte ich also streben, bis wann es mir ge- 
lingt, steht dahin Da man Nachricht haben wrll, 
daß die kasemaitirten Räume auf Fo:t Rosny durch 
unsere Batterien zerstört seien, machte fich mehrfach 
die Ansicht geltend, daß das gestrige furchtbare Schießen 
von dort her nicht von dres m Fort selbst, fon- 
dern von Batterien aukgegavgen sei, welche die Franzosen 
mittlerweile seitwärts errichtet. Was drese Annahme unter- 
stützt ist der Umstand, daß man sich die Unthatigkeit gegenüber 
den auf dem Mont Avron am lichten Tage^ von Hunderten 
ausgeführten Dem olirungs arbeiten gar nicht erklären könnte, wenn 
diese im Stande gewesen wären, von den Forts aus diese Thätigkeit 
noch zu stören. Als ein hoffnungser weckendes Moment für 
die moralische Wirkung des Bombardements auf den Feind 
wurde noch erzählt, daß zwei Bataillone Nationalgarde, welche 
zur Besatzung des Forts St. Denis gehört, als vor ein Paar 
Tagen dte ersten preußischen Granaten dorthineingeschleutert 
wurden, sofort verlangt hätten, nach Parts zurückgesuhrt zu 
werden, da sie keinen Berns suhlten, sich dem Feuer auszusetzen. 
Morgen früh denke ich da- erste bairische Armeekorps (von der 
Tann) zu erreichen und werde wahrschernlich, sollten die vor 
dessen Front liegenden Forts brschoffm werden, von der dortrgen 
Feuerlinie aus meine nächsten Berichte einsenden. 
v. G. Villenenve le Roi. 9. Januar Wenn meine 
Benchte vorläufig noch den Charakter eines ReisetagrbucheS 
tragen, so hat daS seinen Grund darin, daß ich aus meiner 
Wanderung von der Ost- zur Südsront von Paris noch nicht 
den Punkt.erreicht habe, von wo aus sich die Entwickelung und 
Entscheidung des großen artilleristisch-n Kampfes, der seft dem 
5. d. Dt. begonnen hat, aus der Nähe beobachten läßt. Da tch 
jedoch den weit aus dem Schuß liegenden Kolonnenweg über 
Corbeil vermieden und mich wenigstens stets tm Hörbereich des 
Bombardements von Ost nach West vorwärts bewegt habe, so 
bin ich sicher, keinen wichtigen Punkt übergangen m haben und 
kann auch vom Stand der Dinge an solchen Stellen unserer 
Umschlietz.maslinie, deren, Namen, der iTelegraph vtelletcht 
nicht mehr als den Schauplatz entscheidender Erirgniifelbezetchnerr^ 
wird, erzähltn, was der Landsmannschaft we^en Diesen und 
Jenen besonders interefstet und was für Denjenigen, dem an 
einem klaren Gesamwtüberblick gelegen ist, auch nicht unwill 
kommen sein dürste. In dieser Beziehung sei mir zunächst er- 
laubt, wiederholt darauf aufmerksam zu machen, daß unsere 
Armeeleitung schon ans Gründen der materiellen U-tmöglichkeit 
von dem Gedanken abschen muyte, sämmtliche 20 Forts von 
Paris nebst den vor denselben aufgeführten Erdwerken 
als ebensoviel selbstständige Festungen zugleich mit Bc- 
laaerungSbatterien anzugreifen mit der Absicht, fie entweder in 
Trümmerhaufen zu verwandeln oder nach gelegter Bresche mit 
Sturm zu nehmen. Die Belagerungsgeschütze des gesammten 
Europa würden dazu nicht ausreichen und die Opfer, die ein 
so üllgemcincr Angriff uuS kosten würde, wären nicht zu ver- 
antworten. Das Menschenmögliche bat die deutsche Energie 
und Arbeitskraft geleistet, indem sie bis zur Stunde auf dem 
Fortsetzung im ersten Beiblatt. 
Mohawk- und Shoherie - Fluß vor, damals die äußersten, 
in den U'wald vordringenden Stätten freundlich-menschlicher 
Kultur. Aus diesem jungfräulichen Boden, unter den Rtescn- 
bäumcn deS Waldes, im einsamen Blockhaus entwickelt sich 
ein tragisches Geschick: der Streit zweier bisher in innigster 
Freundschaft und Eintracht lebender Brüser um ein Mädchen. 
In scharfer Gegensätzlichkeit treten sich beide gegenüber, der 
ältere L:mbert eine ernste, wägende, tiesimrerliche Natur, ein 
Ackerbauer, der mit jedem Jahre der Wildniß neuen Grund 
für das Weizenfeld abgewinnt, der jüngere, Konrad, ein 
umherschweif nder Jäger, unstät und wild auflodernd in 
plötzlicher L idenschast. Vom Bord eines holländischen Aus- 
wandererschiff, s hat Lambert ein Mädchen, Katharina, 
wäh-end der Ueberfahrt h^.t fie ihren Vater verloren 
und steht verlassen, freund- und schutzlos in der frem 
den Welt, nach seiner Farm geführt. In den 
schönsten und lieblichsten Farben ist die erwachende und 
rasch wachsende Liebe beider gemalt; die sie umgebende 
großartige und eigenthümliche Natur utnrauscht wie eine ge 
waltige Symphonie, b -ld feierlich ernst mit mächtigem Stern- 
«funket und Tannenrauschen, bald lieblich heiter, mit 
Rorger sonnenschein und Vögelgezwitscher, das Geständniß 
der Herzen: in harmonischer Weise vermischt fich da- Un- 
entweihte der Natur mit dem Unentweihten der Seele. In 
diese Idylle bringt nun die wilde Leidenschaft Konralvs, 
der ebenfalls das Mädchen begehrt, den -.ragischen Zwie 
spalt. Mit dem Schwur, nie wieder heimzukehren, 
verläßt der Jäger die Schwelle deS Vaterhauses. 
Das Zureden der Freunde, die gtmtinsame Noth 
der Heimath führet ihn zmück, ritterlich kämpfend 
stirbt er, ein siegreicher Held, der Franzosen und Indianer 
vom Hause seiner Väter zurückschreckt. Ein breiteS und ge- 
staltenrcicheS, echt rpifcheS Bild des deutschen LebenS in der 
Ferne, in der Zerstreuung entrollt sich; den alten Muth, aber 
auch die alte Streitsucht und Etgenwiüigkett haben fie auS 
der alten Heimath in die neue mit hinüber genommen. Erst 
die allgcmeinfame Gefahr und Noth bringen sie mühsam 
znsammen. Dann aber find fie auch stark, ruhig, unüber 
windlich. Hüben wie drüben bedrohen fie dieseidm Tod- 
einde deS deutschen Wesens, die Franzosen; am Shoharie 
wie am Rhein und am Neckar immer sind eS dieselben Plün 
derer, Räuber und Mordbrenner. Eine vortreffliche durch 
aus originelle Figur ist die alte kriegerische Base Ursel, 
welche die Wildniß und der Kampf äußerlich zu einem 
Fortsetzung tut ersten Beiblatt.
	        

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