Full text: Zeitungsausschnitte über Jacob und Wilhelm Grimm

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© Hessisches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm Nr. Z4 
; Berlin. 
Freitag, 13. Januar. 
Abonuemeu!: für Berlin vkeriels. 2^7^ 
ur das Deutsche Reich rmd ganr Oesterreich 3 
Inserate die Petitzeile 2^ G. 
Inhalt. 
Die Etreitkräfte. 
Deatfkhlaad. Berlin: vom Kriegsschauplätze. Aus der 
Provinz Preußen: Germanifirung nach dem Prinzip kon- 
fesstoneller Sonderung. AuS Süddeutschland: die bai 
rische Abgeordnetenkammer. München: aus der Abgeorv- 
netenkammer. 
DeUerreichifch'Uvgarische Monarchie. Wien: die galizische 
Frage: die Londoner Konferenz; polnische Volksversammlung. 
Pest: aus der Reichstag-Delegation. 
Kraalreich Bordeaux: das „Ciöcle" über die Vertheidigung 
von Paris; Eröffnung der polytechnischen Schule. 
Spanien. Madrid: die Bestattung Prim'S. 
Äste». Indien: Jaknb Khan. 
Änrerika: aus Newyork. 
Amtliche Nachrichten. 
Berliner Nachrichten 
Proviuzialzeitung. 
WLovgen'Ausg«rhK.V 
M 21. 
1871. —24. 
Bestellungen nehmen die PostanstEieu des 
- und'AuslandeS an, in Berlin die Expedition^ 
Französische Straße 51. 
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Die Streitkräfte. 
Es wurde gestern nach einem englischen Blatte eine 
Schätzung der in Paris vorhandenen bewaffneten Macht 
versucht. Hiernach giebt es dort drei abgetheilte Heere von 
verschiedener Beschaffenheit. Das dritte unter Vinoy besteht 
am meisten aus alten Soldaten, zählt siebzigtausend Mann 
in siebe» Divisionen und dient zur Besetzung der Forts. DaS 
zweite unter Ducrot,, das außerhalb der Stadt lagert, be 
steht aus Linientruppen und Mobilgarden, hat eine Stärke 
von hundertundfünfzigtaufend Mann und zerfällt in drei 
Armeekorps. Das erste unter Thomas find dreihvndert- 
tausend N-tionalgarden, welche die Posten in der Stadt 
und die Stadtumwallung besetzen, doch find aus diesem 
Stoffe auch ein« Anzahl Feldbataillone gebildet worden, 
welche dieselbe Bestimmung haben wie die Ducrot'fche 
Abtheilung. Alles zusammengerechnet, kommt über 
eine halbe Million heraus, die aber freilich zum 
i roßten Theile nur eben die männliche Bevölkerung von 
>ariS und k ine Soldaten darstellt. Im Lande besteht die 
Streitmacht aus drei Hauptmassen. Chanzy nördlich von 
der Loire befehligte am 5. Dez mber (nach einem Briefe 
Gambettas an Trochu) das ftchszehnte, siebzehnte, einund- 
zwanzigste und die Hälfte des in der Bildung begriffenen 
neurzehnten Korps. Bourbaki in BourgcS war in der 
Mitte jenes Monats mit der Wiederherstellung deS fünf 
zehnten, achtzehnten und zwanzigsten Korps beschäftigt, die 
in den vorangegangenen Kämpfen und auf dem Rück- 
zuge durch den Regen sehr gelitten hatten. Gegenwärtig ist 
Bourbakl noch verstärkt durch daS Korps unter BreffolleS 
und die Garibaldifchen Schaaren. Ein jedes Korps soll wo 
möglich vierzig- bis fünfzigtausend Mann stark sein, womit 
auch die Eintheilung deS Heeres unter Ducrot in Daris 
Hiernach wird endlich die Maff-, die im 
oivfORict Fridyerbe üüv uh Nordisten auf den Beinen 
st, auch noch auf ein bis zwei KorpS zu veranschlagen sein. 
Befänden sich sonach im Lande zehn Korps, die mehr oder 
weniger vollzählig find und mehr oder weniger Abgang 
in den Kämpfen erlitten haben, und dazu noch die Besatzung 
von Paris, die aber nur zum kleisteren Theile ein rechtes 
kriegerisches Aussehen hat, so ist dies eine Menschenmenge, 
ein Aufgebot, oaS man nur groß oder klein nennen kann, 
wenn man es mit den Aufgeboten anderer Völker und an 
derer Zeiten vergleicht. Frankreich hat nach der letz 
ten Zählung achtunddreißig Millionen, und in Alge- 
rien, aus welchem doch auch Soldaten gezogen werden, 
beinahe noch drei Millionen Bewohner. Weim AuSbruch 
der großen Revolution im vorigen JahrGndert gab cS gegen 
vierundzwanzig Millionen FxEAfrn. Da daS Heer des 
alt-n Königthums beim Va^lefMißgunst stand und feinem 
Zerfalle nlgegcnzugchc^sWkn, so wurde bereits im Iahte 
eede von G. G. GervinuS. 
III. (Schluß.) 
von jeher in Frankreich eine kleine „stille Ge- 
welche frei von der Scibstüberhebung und 
bstvergötterung der übrigen Franzosen, ernstlich bemüht 
War, auch die Zustände anderer Nationen zu studlren, um 
mit diesem Maßstab versehen die Lage ihrer eigenen Nation 
zu meffen. In neuester Zeit ist cS namentlich Eduard La- 
doulaye, welcher seinen Landsleuten mittrist seiner Studien 
vergleichender Dölkelpsychologie einen Spiegel vorgehalten 
und Lehren ertheilt hat, deren Beachtung heilsam gewesen 
wäre. Die Jünger dieser „stillen Gemeinde", von welcher 
im Interesse Frankreichs bedauert werden muß, daß sie bis 
zur Gegenwart klein geblieben ist und nicht den nöthigen 
Einfluß erlangt hat, beschäftigten sich mit besonderer Vor 
liebe auch mit Deutschland, nicht nur mit seiner Wissenschaft 
und Kunst, sondern auch mit seiner Politik und überhaupt 
mtt seinen öffentlichen sozialen Zuständen im Innern. 
In demselben Heidelberg, von wo auS j-tzt G. Ä. Ger 
vinuS feine Manifeste gegen die deutsche Einheit erläßt, 
weil sie zu Stande gekommen ist auf einem anderen Wege, 
als auf dem vor zwctundzwanzig Jahren von ihm und seinen 
Freunden empfohlenen und gänzlich unpraktikabel befundenen, 
in demselben Heidelberg lebte vor etwa vierzig Jahren ein 
junger Franzose, der sich nicht damit begnügte, daß in Deutsch 
land die gebildeten Klaffen und außerdem auch die Ober 
kellner und Hausknechte französisch verstehen und er sich also 
mit diesen in seiner Muttersprache unterhalten konnte, son 
dern mit Eifer und Erfolg daS der wälfchen Zunge so 
schwierige Deutsch lernte und es in wenigen Jahren so weit 
brachte, daß er damals schon über die politischen Zustände 
Deutschlands und den nothwendigen Verlauf ihrer Ent- 
wickelmng ein richtigeres Urtheil hatte, als eS 1870 ein deut- 
scher «Gelehrter ersten R ngc» offenbarte, der nicht nur die 
Geschichte der deutschen Dichtung und der deutschen Politik 
geschrieben, nicht nur die Religion mittelst deS Deutsch« 
katholi. siSmus und die Tonkunst mittelst der ausschließlichen 
Vokal» mstk zu reformtren, sondern auch eine hervorragende 
Rolle a uf dem Gebiete der praktischen Politik zu spielen ver 
sucht hc rt. Dieser junge Franzose — er hieß Edgar Quinet 
— schr leb vor 37 oder 38 Jahren folgende- über 
Deutsch! und: 
,L Sir Franzosen stellen uns höchst irriger Weise dieses 
Deutsch! and von H ute noch immer in der nämlichen Art 
vor, wie «< unS vor mehr als einem Vterteljahrhundert 
1790 die erste Nationalgarde errichtet. Sie bestand 
aus drei Klaffen, von denen die erste alle unver 
heiratheten Männer bis zum fünfundvierzigsten Lebens 
jähre, die zweite die verheirathetcn, die dritte die Männer 
bis zum sechzigsten Jahre umsc-.ßte. Die Nationalgarde 
sollte eigentlich nur im Lande dienen; es wurden aber schon 
in den nächstfolgenden Jahren aus denen, welche sich frei 
willig dem stehenden Heere anschloffen, Rationai-Freiwilligen- 
Bataillone gebildet, gleichwie Aehnliches auch neulich in 
Paris versucht worden ist. Von 1791 an wurden je zwei 
solche Bataillone mit einem Bataillon Linie unter dem 
Namen Halb-Brigade zusammengethan, und die Anord 
nungen bezweckten jetzt, eS dahin zu bringen, daß 
im Ganzen achthunderttaufend Mann (aller Waffen) 
in'S Feld gestellt werden könnten. In der unruhigen 
Zeit hielten sich die wirklichen Leistungen nicht immer «uf 
derselben Höhe; für das Jahr 1796 wird die größte Ziffer 
genannt, so daß angeblich schon die Infanterie allein jener 
vorschriftsmäßigen Gefammtstärke nahe kam; nachher f-rnk 
die Truppenzahl, belief stch ab r 1799 wieder auf eine halbe 
Million Fußvolk und Reiter. Wenn nun diese Leistungen 
von Kriegöjahr zu Kriegsjahr für den damaligen Bevöl- 
kerungSstand sehe groß genannt werden muffen, so erscheinen 
fie noch größer in Betrachtung, daß sie auf dauernden Gesetzen 
beruhten und daß eS, je länger je mehr, wirkliche Soldaten 
waren, die man aufstellte. Von unerhörten Anstrengungen und 
Thaten kann daher heute nicht die Rede fei«. Wir sehen 
in dem jetzt viel volkreicheren Lande einige Hunderttauftnde, 
die Gambetta (was ein sehr zweideutiges Lob ist) „«uä dem 
Boden gestampft" hat; wir sehen a. ch noch einen Rest von 
geschulten Soldaten in Paris und gedenken der vielen, die 
!n deutscher Gefangenschaft und di. aufgerieben find; aber 
chließltch und in der Hauptsache tritt doch daS zu Tage, 
daß Frankreich nach einem Waffengan^e vom 4. August bis 
27. Oktober dahin gekommen ist, neben wenigen, tief cr- 
jchütterten alten Truppen nur noch Haufen, Dank dem Fuß- 
tri!t des Herrn Gambetta, zu haben. DaS Kriegswesen deS 
Landes steht also keineswegs aus einer hohen Stufe; und daß 
in einem großen Lande einer bettächtltchen Menschenmenge 
Schießgewehre in die Hände gegeben werden können, das 
ist noch nichts BewundcrnSwertheS, sondern versteht stch 
von selbst. 
Ganz anders sieht eS in Deutschland aus, wo vermöge 
der Wehrverfaffung und in guter Ordnung Heere, wirkliche 
Heere aufgeboten werden können in einer Menge, die in der 
That von andern Zeiten und von andern Völkern noch nie 
erreicht war. Man beruft bei uns sogar in die neu er 
richteten GarmsonS-Bataillone, die nur Gemngene zu be 
wachen haben, lauter gediente Soldaten: während es nicht 
rinmal nöthig sein würde, so veinli ein"Stüker Regel zu ver 
fahren: Zcher junge, Mann würhe t, ^ ,t x \ so vi l lernen 
sind bereits aus den allen Provinzen des preußischen Staates 
gar viele ausgerückt, bei weitem zahlreichere als auS dem 
übrigen Deutschland. Wenn wir vor Jahr nnd Tag diese 
Ungleichheit der Verpflichtung besprachen und rügten, so 
gab eS nicht selten unwirsche Erwiederungen; j tzt begreift 
aber wohl jeder Deutsche in Süd und Nord, daß es sehr 
fraglich üm den Krieg stehen würde, wenn wir 
alle auf süddeutschem Fuße gelebt und die Spar 
samkeit für die höchste Tugend gehalten hätten. 
Auch der Abgeordnete Jörg tu München wird es be 
greifen, obgleich er nur von den „Verdiensten BaiernS um 
die preußischen Siege" spricht und stch die Miene giebt, 
keine preußischen Verdienst? um Baierri zu kennen. Allein 
wie viel Opfer an Menschenkrästen und Menschenleben 
unseren alten Provinzen auch abgefordert werden: eS ist noth 
wendig, sie zu bringen, und es wird sich auch belohnen. 
Mrt seiner zweckmäßigen, verständig geleiteten Standbaftig- 
kett wird Deutschland das französische Feuer auslöschen. 
Dre Arbeit aber ist ebenso wie das Endziel eine 
großartige, und kann daher keine kurze noch leichte 
sem. Was wollen wir erringen? Einen wohlöefestigte» 
Frieden! Diesem Verlangen scheint freilich die französische 
Unverbefferlichkeit und Tücke entgegenzustehen. Rachsüchtig 
werden die Franzosen als Besiegte davon gehen, gleichwie 
ne als Sieger ihren Uebermuth verdoppelt haben würden. 
Es ist schon im September in deutschen Schriftstücken — 
lerder nur zu wahr! — gesagt worden, daß sie uns unsere 
Stege nie verzeihen werden, es ist ihnen zuzutrauen, daß 
fie von neuem Kriegsgelüste hegen werden — und dennoch 
versprechen wir uns von dem bevorstehenden Friedensschluffe 
einen großen Gewinn. Schon die gründliche Ueberwindung, 
die Frankreich von Deutschland jetzt erfährt, wird nicht ohne 
einen tiefen Eindruck zu hinterlassen, erfolgen. Zumal die 
doch Napoleon 111. erfahren, daß ein Krieg mit 
Deutschland noch gefährlicher ist für einen Pariser 
Thron, als innere Feindschaften. Und wenn wir Metz, 
Siraßburg und Belfort zu unserem Schutze besitzen werden, 
so wird sich's wohl jeder französische Herrscher drei Mal 
überlegen, ehe er sich von einem Schwätzer, der die Rhein- 
grenze erobern WA, daS Schwert in die Hand drücken läßt. 
Deutschland braucht denn also heute nur auszuharren, bis 
eS die Grenzverbefferung erstreitet: dann wird eS in Zu 
kunft unfehlbar um vieles sicherer leben, die Franzosen mögen 
übrigen- immer Franzosen bleiben und ihre feindlichen Ge 
sinnungen behalten. 
Deutschland 
geschildert, nämlich als ein Land 
sf« ein Volk, das ewig träumt 
Madame de Staöl-Holstetn 
ewiger unklarer Extase; a 
deffen ganzer Geist in der Idee des Unendlichen versunken 
ist, das sich einer Wiffenschaft ergeben hat, die ewig am 
Suchen bleibt und niemals zu einem Resultate gelangt; in 
der Jugend nick tö als romantische Duselei, enthusiastische 
Schwärmerri für Alle- und Jedes, selbst für die entgegen 
gesetztesten Dinge; daneben die Selbstverleugnung deS 
Pietismus, das Aufgeben jeden politischen Einfluss.s, die 
Befriedigung in einem mystischen Wohlbehagen; beständiges 
Brüten der religiösen Sekten, ein patriarchalisches Leben; 
Schicksale, die geräuschlos dahinfließen, wie die Wasser 
des Rheins- oder der Domu; aber nirgend ein 
Mittelpunkt, nirgend ein gemeinsamer Wunsch, ein ge 
meinsamer Wille, eine nationale Kraft. Aber es hat stch 
das Alles geändert Mau will von der Philosophie nichts 
mehr wiffen. aus Furcht, noch einmal dem Reiz deS be 
schaulichen Lebens zu verfallen. Deutschland hat den Sar- 
kaSmuS feines Luther wieder gefunden, feine eigenen Träume 
zu verspotten. Von dem alten Glauben, der Entsagung, 
der Sammlung, der Sorglosigkeit in politischen Dingen, ist 
nicht mehr die Rede. Namentlich in Preußen hat die alte 
kosmopolitische Unparteilichkeit einem reizbaren Patriotismus 
Platz gemacht. Die alten Demagogen haben mit der 
Staatsgewalt Frieden geschloffen. Beim ersten An 
blick wundert man sich, wie die einzig populäre Re 
gierung in Deutschland diejenige ist, welche die despo 
tische Form beibehalten hat. Aber dieser Despotismus 
ist intelligent, ehrgeizig, unternehmend; er verliert keinen 
Augenblick die Bestimmung Deutschlands aus den Augen; 
er will eS geistig umstricken, ehe er e» mit Gewalt an stch 
nimmt. Er hat Ideen, Systeme, eine Philosophie, eine 
Wiffenschaft. Er vereinigt die ficherste Praxis mit dem höch 
sten Idealismus. 
»Zwischen dem Volke und der Regierung besteht ein 
geheime- Einverständniß, die Sache der Freiheit zu vertagen 
und gemeinsam am Wachsthum der Macht Friedrich dcS 
Großen zu arbeiten. Der Hauptgrund, warum die konsti 
tutionelle Freiheit keine erheblichen Fortschritte in Deutsch 
land gemacht hat, liegt darin, daß fie unter den Bedürf- 
niffen deS Landes nicht in erster Reihe steht. Diese Lokal- 
srethctten, nach allen Seiten hin durch die Grenzpsähle 
dieser oder jener großherzoglich-kleinfürstlichen Souveränetät 
eingezwängt, können nur dann bestehen und stch entwickeln, 
wenn fie zur Grundlage die politische Einheit Deutschlands 
haben. Die Einheit, das ist der tiefe, der unauögrsetzte, der 
* Berlin, 12. Januar. Ucher die kriegerischen Er 
eignisse im Osten Frankreichs schreibt der „St.-A.": 
Seit Beginn des gegenwärtigen Monats bereiten sich im 
Osten Frankreichs, speziell in den Vogesen, wichtigere Er 
eignisse vor. General Bourbaki ist mit seinen aus Theilen 
der Loire-Armee und anderen bei Bourqes und NeverS im 
Centrum Frankreichs angesammelten Kräften südostwärts ab- 
marschirt, um stch mit Garibaldi'S Truppen und der Armee von 
Lyonunter GrneralBreffolles zu einem großen Schlage -egen dm 
General v. Werder zu vereinigen. Es lag in Plane des 
derzeitigen französischen Kriegsministers Gambetta, die deut- 
chen Truppen zur Aufgebung der Belagerung von Belfort 
zu zwingen, sich daun gegen Ranzig zu wenden, auf diese Art 
die rückwärtigen Verbindungslinien der deutsche^, ^ere zu 
bedrohen und stch selbst den Weg in den SundaadM.^Z^?». 
Lothringen zu öffnen. Zu diesem Zwecke 
Bourbaki mir mehreren KorvS Hrä in das Deva^M. vr^e 
Amüerie, den „trancs-tire irs de k mort" Men sM „<-ü 
fants perdns de Paris" — wte die spanischen, sraneo-spa- 
nischen Korps und genueffschen Karabinier! desselben stch 
nennen — ebenfalls auf Dijon vor, und Genera! BressolleS 
marschirte mit 30-10,000 Mann der franzöüschen Ost- 
Armee längs der schweizer Grenze auf Belfort: bei 
Montböliard etwa sollten sich diese Streitkräfte vereinigen, 
um zunächst durch einen kräftigen Stoß die deutschen 
Stellungen im Oder-Elsaß zu gefährden. In B tracht deffen 
war der General von Werder zu engerer Konzentralton 
der zur Zeit ihm zur Verfügung stehenden Stteltkräste ge 
zwungen: er gab seine vorgeschobenen Stellungen bei Dijon 
vorläufig auf, vollzog im schwierigsten Terrain und trotz großer ’ 
klimatischer Hindernisse rechtzeitig die nothwendige strategische 
Seitenbewepung und sam^relts so längs der Bahnlinie 
Vesoul-Mortbcliard seine Truppen in einer Stellung, die 
unvermeidliche, der nothwendige Gedanke, auf deffen Ent- 
wick lung Alles bindrängt. 
„Nach der Literatur war die Hauptmacht, welche an 
der Einheit Deutschlands arbeitrie, Napoleon. Jahrhunderte 
lang getrennt, wurden die Völkerschaften durch das plötzliche 
Eirtcrien eines gemeinsamen Elends vereinigt, der ganze 
Stamm fand eine gemeinsame Geschichte wieder. Mit seinem 
Zögern, seinem ziel- und planlos umherirrenden Weltbürger 
thum, mit der Zerstückelung seines Gebiets und seines Den 
kens, bedurfte Deutschland der eisernen Hand eines Napo 
leon, um es zusammenzupressen, es in seine Schranken zu 
drängen, es zu tthren, daß es sich endlich in den Grenzt» 
eines lebendigen Organismus sammeln müsse. 
„Die Julircvolution hat die letzte Hand an dsS Werk 
der Einigung Deutschlands gelegt. Wenn in jedem einzel 
nen Duodezstaatchen die Monarchie durch di? Stände unter 
wühlt sein wird, so werden diese ephemeren Souveränetäten 
stch friedlich in den Schoß eines nationalen GemeinwiüenS 
versenken, um dort Schutz zu finden gegen ihre häuslichen 
Nagethierchen. In diesen kleinen Staaten bricht sich der 
deutsche Geist bei jedem Schritt kläglich an den 
territorialen Mauern, die ihn von allen Seiten um 
schränken; der Widerspruch zwischen der Größe der 
deutschen Ideen und der Kleinlichkeit der Verhältnisse, 
auf welche fie angewandt werden sollen, zwischen dem großen 
Gedanken und dem engen Raum ist zu groß geworden, um 
länger dauern zu können; der politische Ehrgeiz erstickt in 
der Enge dieser Kleinstaaten. Seitdem die Verfassungen 
politisch denkende Bürger hrrvorgeöracht haben, fehlt es blos 
an einem politischen Vaterland. Darum fügt sich der ganze 
Stamm der Leitung eines Staats, nicht wegen sriner höheren 
Bildung, sondern wegen seiner größeren Akttonskraft, seiner 
größeren Ambition, seiner größeren GeschäftSkenntniß; in 
ihm sieht er den Träger seines Ehrgeizes, seiner Wünsche, 
seinrS Ruhms." 
So schrieb Edgar Quinet im Jahre 1832 oder 1833. 
Ich glaube, eS wirkt drastischer, als lange Deduktionen, 
wenn tch den französtschen Studenten von 1832 und den 
deutschen Gelehrten von 1870 einfach neben einander stelle. 
Wenn der erstere schon vor acht und dreißig Jahren über 
deutsche Dinge richtiger geurtbeM hat, als der letztere 
heute, so ist daS weniger srin Verdienst, als sein Glück. 
Er steht, vermöge seiner Geburt und Erziehung, schon da 
mals mit dem Auge eines Angehörigen deS Großstaats, Ger- 
vinus aber steht noch heute keineswegs, wie er sich einbildet, 
mit »dem Auge der Geschichte", sondern mit dem Auge eines 
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