Volltext: Zeitungsausschnitte über Jacob und Wilhelm Grimm

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© Hessisches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm Nr. Z4 
wird. ES wird sich nunmehr bald zeigen, ob der 
Ichwache Widerfiar d, welchen die östlichen Forts an den 
Tag t.elegt, nur daher rührt, daß, wie französische Ctim- 
men behaupten, die Ost - Forts keine schweren Marinc- 
Zeschütze besitzen, oder aber, daß die französische Festung-, 
AAÜkrle unserer Belagerungs - Artillerie, was Treff, 
fähigkeit und PerkusstonSkra t betrifft, unterlegen ist. ES 
wird nun erst recht eigentlich der gewaltige Artillerie- 
rawpf, seit Srbaftopol der riesigste der Neuzeit,' seinen 
Ansang nehmen, um endgültig über das Schicksal vo t Paris 
«nb damit vielleicht von ganz Frankreich zu entscheiden. 
Der heiße Wunsch der deutschen Belagerungs-Artillerie, sich 
«U d n formidabeln Kräften der feindlichen FestungS- und 
Schiffs-Artillerie zu messen, geht nunmehr in Erfüllung und 
die Belagerung von Paris tritt in eine neue, hoffentlich die 
letzte Phase ein." 
.. . Ansere BelagerungS-Artillerie wünschte also nach dem 
Miellen Blatte auss Dringendste den Beginn der Be. 
Atetzung herbei. Von anderer Seite wird g m ldct, daß der 
Beschluß in Versailles erst nach heißem Kampfe gefaßt wor- 
ist und daß noch immer manche Stimmen sich nach 
träglich gegen denselben erheben. Jadeffen find doch die CH.iS 
unserer Artillerie gewiß am Elften zu einem Urtheil über 
dre Leistungen dieser ihrer Waffe vom militärisch.tech. 
Nischen Standpunkte aus berufen. Die Gegner schienen 
uns bisher vielfach psychologische Momente in die Frage 
zu mischen; ob aber die Gemüther der Pariser mehr der 
Mllde oder dem Schrecken zugänglich sind, daß ist offenbar 
gar keine militärische Frage, sondrrn jeder wird sie nach fei* 
ner Meinung von dem Charakter deo französischen Volkes 
Überhaupt beantworten. Daß es vom politischen Stand- 
Mnkt aus für die Ergebniffe dieses Krieges fast entscheidend 
ist, ob densParifern der Wahn d.'r Unantastbarkettsihrer Stadt 
genommen wird, oder ob sie in demselben bestärkt werden, 
das ist von uns wiederholt ausgeführt werden. 
Aus Versailles wird uns geschrieben: 
6. Versailles, 3. Januar. Auch im Verlaufe dcS 
gestrigen Tages verhielten fich die Forts ruhig und nur der 
Mont Valerim ließ von Zeit zu Zeit einige Schüffe ver. 
nehmen, um nicht gänzlich in Vergessenheit zu gerathen. Auf 
unseres Seite ist man zum Beginn dcS Bombardements 
vollständig vorbereitet; die Artillerie geht mit großer Zuver 
sicht an daS große Werk, wenn sie auch deffm Schwierig 
keiten nicht unterschätzt. Zugleich mit den Forts werden 
natürlich auch die vor und neben ihnen neu angelegten 
Verschanzungenbeschoffen werden. Die girnstigePosition,welche 
unserer Artillerie zur Entfaltung ihrer ganzen Kraft zu 
Gebote steht, wird die Schwierig! iten des großen Unter 
nehmens etwas erleichtern. Man muß näml ch in Betracht 
ziehen, daß unsere Batterien gegen 100 Fuß höher enteistet 
sind, als diejenigen des Feindes. Es kommt hinzu, daß der 
Feind seine Schießscharten zu tief eingeschnittcn hat, so daß 
dadurch der Gesichtskreis bedeutend verengt wird. Für unsere 
Artillerie wird e- ein L icht. s sein, die vor den Forts 
liegenden Baracken und Kasernen des Feindes in den 
Grund zu bobren, waS nicht verfehlen dürste, einen großen 
moralischen Eindruck auf die französischen Soldaten zu 
machen. Ob eS unserer Artillerie schon bevor sie Herrin 
der Forts wird, auch gelingen wird, Bomben in die Häuser 
von Paris hineinzusenden, ist noch immer eine Streirsrage, 
welche überall die lebhafteste Diskussion hervorruft. Ob- 
Borrbardemer t d^schloff-ne Sache ist, sprechen! 
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lüflmfetcr Sette in diesem Augen 
blick mit Allem versehen ist, um zu dem Werke schreiten zu 
können, so wird die Beschießung des Forts Jffy wohl schon 
morgen definitiv ihren Anfang nehmen (sie bat am 5. be 
gonnen) und mehrere Tage ohne Unterbrechung ihren Fort 
gang nehmen. Allgemein ist man aus den Eindruck gespannt, 
welchen das Bombardement auf die Bevölkerung von Paris 
machen wird. Optimisten boffen auf einen raschen totalen 
Umschlag, so daß die H ruptstadt binnen vierzehn Tagen ihre 
Thore uns effnen werde. Ich kann mit der Majorität diese 
Anschauung nicht theilen und verharre bei der Meinung, 
daß cS zu ernstlichen und l ittenn Artilleriekämpfen kommen 
wird, aus denen unsere Artillerie zwar siegreich hervorgehen 
wird, die aber die Kapitulation von Paris noch 5—6 Wochen 
hinausschieben können. Auffallend ifteS, daß man feit einiger Zeit 
sich auf die Diskussion über eine. längere, oder kürzere Deiner 
der Verproviai tirunz nicht mehr einläßt. Vielleicht ist der 
Augenblick nicht mehr fern, wo der Hunger in den niederen 
Klaffen der Bevölkerung anfangen wird, seine Rechte geltend 
zu machen, trotzdem neueren Nachrichten zufolge noch gegen 
3000 Milchkühe in Paris vorräthig fein sollen, deren Milch 
eigniffe nickt mehr gesehen, sie konnten also auch ihr Urtheil 
darüber nicht selbst aussprechen, aber ich, GervinuS, ich, der 
fich ihnen nahe weiß. ich, der ich ihr Urtheil über die neueste 
Aera der Geschickte kenn?, und der ich da- Alles »mit dem 
Auae der Geschichte" betrachte und beffer verstehe, al- diese 
große Masse der Lebenden mit ihrer hohlenBegeisterung un^ ihren 
schwindelhaften Erwartungen, ich sage Euch: hätten diese drei 
Männer da- AllcS erlelt, sie würden ihre Uob friedizung 
darüber'zu erkennen gegeben, sie würden das Alles fürBundek- 
bruch, für Schmach und für Gewaltthat erklärt haben. Seine 
eigene Meinung soll und mag GervinuS immerhin sagen, aber 
er s ll nicht als EideShclfer Männer aufrufen, die der 
Nation theuer fi^d und von welchen Tausende, und darunter 
ihre nächsten Angehörigen und Freunde, — Letzteres Männer, 
die ihnen vielleicht denn doch noch etwas näher gestanden 
haben, als GervinuS — glauben, ja geradezu wiffen, daß sie 
eine ganz andere Anschauung hatten, als die, welche Ger-- 
vinuS auS seiner individuellen Verstimmung heraus ihnen 
hier aufccttoyirle. In der That würde nicht so leicht irgend 
«in Anderer fich eine solche Geisterbeschwörung erlaubt 
haben, welche man geneigt sein würde, für frivol zu Helten, 
wenn es niht gerade ein GervinuS wäre, der sie gewagt hat. 
Doch genug davon. Wenden wir uns zur Sache. 
GervinuS tadelt Preußen, d.,ß eS von seinen Siegen von 
1866 Gebrauch gemacht und nicht sich led'glich auf den 
guten Willen derjenigen Regierungen verlass:« hat, welche 
schon einmal bei Gelegenheit der Erfurter Versaffungöp cj kte 
den Beweis geliefert halten, in wie weit man bercchstgt ist, 
auf diesen guten W llen zu rechnen und auf den Erfolg zu 
vertrauen, wenn man den Rathschlägen der Gothaer auS der 
IhuLNroe folgt. 
Die Vorwü fe, welche GervinuS Preußen wegen 1866 
macht, dünkten mir indeß, als ich kiese Vorrede laS, nicht 
neu zu sein. Ich hatte denselben Gedanken, ja beinahe die- 
selb n Worte, wir ich wich mit Bestimmtheit entsinne, scho-r 
einmal, und zwar etwa vor Jahresfrist in französischer 
Sprache vernommen. Nach ernigem Suchen und Nachdenken 
gelang cS mir, die Quelle zu finden. Hier ist sie: 
Man wird sich der Aufsätze, betitelt: Preußen und 
Deutschland in 1869" erinnern, welche Victor Chcrbuliez 
im Dezember 1869 und im Januar 1870 in der „Revue 
des deux mondes“ publizirte. Gte bildeten gleichsam die 
Ouvertüre zu der französischen Kriegserklärung vom Juli 
1870. Denn sie juchten die Entwickelung deö norddeutschen 
zum Nähren der Kinder verwandt wird. AuS Ballonbriefen, 
die freilich sämmtlich stets mit großer Vorsicht aufzunehmen 
find, geht hervor, daß Paris noch für 2 Monat?, sogar bis 
Ostern mit Lebens Mitteln versehen sei, in welche Angaben 
ich starken Zweifel hege. Heute leuchtet eS Jedermann ein, 
daß Graf Bismarck mtt vollem Rechte Herrn ThierS den 25tägi 
gen Waffen stillstand mit gleichzeitigerVerproviantirung abschlug 
—-Das neulick umlaufende Gerücht, wonach FortNogert in die 
Luftgcfprenqt sein sollt-, ist dahin zu beqrenzen, daß unsere Ar 
tillerie die Baracken in dem Fort Nogent niedergeschoffen 
bat; daS dadurch entstandene Feuer gab den Grund zu jener 
Vermuthung — Gcst'rn Abend arrangirten die Garde- 
Pionier- und Telegrapher-ASthrilung in der auf der Place 
d'armeS gelegenen Hufnenkalerne eine Theatervorstellung, zu 
der fich ein zahlreiches Publikum, bestehend aus Militär-, 
eingcfunden hatte; für die Vertreter der Preffe waren beson 
dere Plätze reservirt. Der bescheidene Zuschsuenaum war 
durch zwei Lichter illuminirt, während das Orchester, 
welches von der Kcpelle der Trlegraphenabtheilung gebildet 
wurde, aus zwei Violinen, einer Harfe, einem Triangel bestand; 
der mangelnde Baß wurde in humoristischer Weise ersetzt. 
Die Bühne war höchst geschmackvoll eingerichtet; auS dem 
benachbarten Bougival, St. Cloud rc. waren Gardinen her 
beigebracht worden, um den Vorhana, die Kouliffei. und die 
Hinterwand daraus zu fabrizirrn. Ernste und heitere Vor- 
träae bildeten das Programm des Abends; die einzelnen 
Leistungen waren trefflich und wurden namentlich in de?« 
ernsteren Theile stark appleuditt. Wenn man bedenkt, daß 
die Pioniere und Telegraphenfoldaten täglich unserer Artillerie 
die Vorarbeiten zum Beginn deS Bombardements geleistet 
hatten, so mußte man ihre geistige Elastizität um höher 
anschlagen. — Der Generalgouverneur v. Fabrlce ist gestern 
Abend hier eingetroffen und hat in der Rue deS Maurepas 
Wohnung genommen. 
Von der zweiten Armee meldet der »St.-A.": 
»Die Tage von der Rückkehr deS Hauptquartiers der 
zweiten Armee nach Orleans bis zu Ende Dzember st d 
oerhältnißmäßig ruhig vergangen, der Feind hatte mit seinen 
Bewegungen nirgends Anlaß zu einer größeren Aktion ge 
boten; der Charakter der Operationen der zweiten Armee 
war ein defensiver geworden, ihre Aufgabe war, den Feind 
in Schach zu halten und feine Entsatzversuche, wie dieselben 
fich auch zeigten, energisch zurückzuschlagen. 
Zunächst am F inde war das 10. Korps (General 
v. VorgtS-Rhctz). Nachdem daffelbe am 16. dem nach Le 
ManS abziehenden Feinde eine Anzahl Geschütze und Ge 
fangenen abgenommen hatt-, Urigirte Prinz Friedrich Karl 
am 17. Detachements deffelbe t von Vendome auS, um den 
Feind gegen Epuifay weiter zu verfolgen. Bei einem sich 
engagirendet Vorpostengefecht wurden Dienstbrieffchaften des 
Generals Chanzy von großer Wichtigkeit aufgefangen; sie 
enthietten sehr detaillirte Nachrichten über die Stärke und 
Bewegungen der französischen Truppen; Tags zuvor waren 
in Vendome ebenfalls Briefschaften weggn ommen worden, 
und wenn dieselben meistentheilS auch nur privater Natur 
waren, so gewährten sie doch einen Einblick in die innere 
Versaffung der französischen Loirearmee. Während Theile 
dcS 10. Korps die Verfolgung deS Feindes nach Westen 
übernahmen, rekogrioSzirten andere T;eile südwärts über 
Chateau Renault gegen Tours; jene erreichten am 19. De 
zember St. Calais auf der Straße OtteanS-lc-Mans; das 
egen Tours vorgehende Detachement. unter dem Befehl deS 
Ei# ÜRrr.r.ti! 
den Feind unvuvarf denselben über Nolredame d'Öö. Bet 
dieser Gelegenheit hatte daS 2. Pommcrfche Mauen-Regi- 
mert Nr. 9 von der Ksvallerie-Division von Hartnmnn, 
welche dem 10. Korps bcigegebcn ist, zwei glänzende 
Attaken gemacht, die j doch leider nicht ohne Verlust waren. 
In Tours fand General von Kraatz Widerstand. Von 
Seiten der Bürgerschaft wurde aus die deutschen Truppen ge 
feuert; a!S der Kommandeur des DctachementS jedoch einige 
Dutzend Granaten in die Hauptstadt der Touraine geworfen 
hatte, ließ der Maire die weiße Fahne aufhiffen und kam, 
um Schonung zu bitten. Der General von Kraatz zog jedoch 
nicht nach Tours, sondern in die Dörfer. Sein Auftrag 
bestand, wie man hört, auch nicht in der Einnahme der 
Stadt, sondern hatte nur eine RekognoSzirung zum Ziele und 
die Zerstörung der wichtigen Eisenbahnlinie Tours — Le ManS. 
In den nächsten Tagen, am 25. Dezember, ging daS 10. Korps, 
deffen KonzentrationSpunkt BloiS war, auf der Straße 
BloiS—Le ManS abermals beobachtend vor und traf bei 
St. Calais auf den Feind, derselbe zog sich jedoch lei An 
näherung der Deutscken wieder aul Le Mans zurück. 
Am 26. dirigirte General von Vorgts-Rhitz ein De- 
BundeS als im Stillstand begriffen, den Rückgang, jr die 
Auflösung als bevorstehend und unveimeidlich, die Territo 
rial regierungen als feindselig gegen die Bunde "gewalt, die 
neuen Provinzen als zum Buffiand geneigt, und Süddeutsch- 
land als der Schutz- und Trutzbündniffe überdrüssig und zu 
allem Andern eher, als zu einem Zusammengehen m t Preußin 
und Norddcutschland, geneigt und bereit zu schildern. Sie 
stellten die Lage der Dinge so dar, wie sie fich Diejenigen 
wünschen mußten, welche uns mit einem erfolgreichen 
Kriege überziehen wollten, um „Rache für Sadowa" 
zu nehmen. Diese Artikel Cherbuliez's wurden von allen 
unsern Feinden mit Jubel begrüßt. Alle welstschen Blätter, 
Ko-respondenten und Agenten ftie sogenannten »inter 
nationalen* Weifen m tinvegnffen) klatschten ihnen Beifall. 
Julius Fres?, welker schon vorher in seiner »demokratirchen 
Korrespondenz" im Tone deö Biedermannes versichert hatte, 
eine französische Unterjochung und Fremdherrschaft werde 
uns Deutschen vortrefflich bekommen, »denn die französische 
Invasion sei nur eine H.utkra^.khrit, im Vergleich zu drm 
Gifte der preußischen Herrschaft', pries sie um die Wrtte 
mit Herrn Zängcrle, welche fich auf französisch Setngucrlet 
nennt. Der »Stuttgarter Beobachter", welcher uns täglich 
mit Krieg drohte und zugleich als guter Freund unk rieth 
abzurüsten überschwemmte sein Feuilleton mit einer Ueber- 
sehung von Cbrrbulirz; und Professor Ewald in Göttin gen 
fühlte' fich aus'S Neue zu einer Broschüre begeistert, in 
welcher er uns zum siebenten Male den Unterschied zwischen 
dem Tartarenreiche dcS TfchingiS-Khan und dem gottseligen 
chinesischen Reiche der Mitte klar zu machen, und erstere- 
alS abschreckendes Beispiel, letzteres als nachahmungs- 
we'theS Muster hinzustellen suchte, indem er unö 
ermahnte, den TschinaiS-Khan-BiSmarck im Stiche zu lasten 
und statt deffen die Pfade de- eben so sanften als weifen 
KoniustuS zu wandeln und Sühne zu thun für die fett 1866 
verübten Schandthaten, dadurch daß wir in Deutschland 
durck Wiederheistlllung deö WeifenreicheS und dcS Flank- 
fuiter Bundestags ein zweites China aufrichteten, bevor cS 
zu spät sei und die Donner deS Gerichts über unS herein 
brächt n. 
Um dem eigenen Urtheil des LeserS nicht vorzugretftn, 
fetze ich die 
Zwecke der 
GervinuS 
Frieden und die Annexionen. Seiner Meinung nach hätte 
tachement von BloiS südwärts nach Amboise; daffelbe stieß 
bei-Rilly auf den,Feind, allein auch diesmal hielt derselbe nicht 
Stand, sondern nahm den Rückzug gegen Montrichard. Ein 
ernstes Engagement hatte ein von Vendome in westlicher 
Richtung denLoir abwärts über Montoire vorgeschobenes 
Detachement von 6 Kompagnien, 1 Eskadron, 2 Geschützen, 
daffelbe wurde bei La Chartre von einer feindlichen Division 
lebhaft angegriffen. Die Absicht der weit überlegenen feind 
lichen Streitkraft war, dem Detachement den Rückzug abzu 
schneiden, allein der Kommandeur deffelben, Oberst-Lieutenant 
von Boltenstern, begegnete derselben so kühn und tapfer, daß 
er sich, wenn auch mit 100 Mann Verlust, durchschlug und 
noch 10 französische Offiziere und 230 Mann als Gefan 
gene zurückbrachte. — Soweit die Operationendes 10. Korps. 
Als die Einnahme von Vendome am 16 Dezember 
bekannt wurde, dirigirte der General-Feldmarfchall das 9. 
und 3. Korps loireaufwärts. Ersteres war am 15. De 
zember bis dicht an Amboise und nach Monttichard ge 
kommen, ohne auf feindlichen Widerstand zu stoßen. DaS 
3. KorpS hatte mit feinen T?ten in das Gefecht von Ben- 
dome erfolgreich mit eingegriffen und lag in Selommes und 
bis an den Loirbach heran. Ersteres kam in derselben Nacht 
in Beauzency, am nächsten Tage in Orleans an — eine 
großartige Marschleistung, die in ihrem ganzen Umfange nur 
von dem gewürdigt werden kann, welcher die Schwierig 
keiten kannte, mit denen die Truppen zu kämpfen hatten 
und welcher den Zustand der Wege gesehen hat. Durch das 
äußerst milde Wetter und den häustgen Regen waren die 
Chauffeen grundlos, ein einziger fich in die Länge ziehender 
Morast geworden. 
Der Feind, vor dem sich die Barern am 15. von Gieu 
nach Ouzouer zurückgezogen, hatte sich dort paffiv verhalten. 
Ueber Orleans war Kavallerie jmseits der Loire südwärts 
vorgeschickt worden, um die Sologne zu säubern; Letztere 
ist ein unfruchtbarer, wenig bebauter Sumpf und Moorland, 
welches indeß durch daS kouptrte Terrain und durck verein 
zelt liegende Waldpartirn umher streifenden kleineren Truppen 
banden günstige Hinterhalte gewährt. Die Kavallerie streifte 
bis an Vierzon hinan. Eine Truppenabtheilung des 
9. KorpS, bestehend auS 2 Bataillonen, mehreren Eska 
dronen, einer Batterie, war unter dem Kommando des 
Gmerals von Rantzau nach MontargiS detachirt, um von 
da gegen Briare zu rekogrosziren und die Bahn Gien- 
NeverS zu zerstören. Einige Tage fpäter traf der Führer 
diefeS Detachements zwischen Miennes und CoSne auf feind 
liche Infanterie und Kavallerie. 
Eine andere gegen Bour geS von Orleans vorgeschobene 
Rekoguoszirungstruppe, Kavallerie mit einiger Infanterie, 
warbiS Aubigny gekommen, ohne auf den Feind zu stoßen. 
Bet ihrem weiteren Vordrängen jedoch bekam sie bei La- 
Chapelle Fühlung mit FranctireurS und feindlicher Ka 
vallerie. Bet BourgeS sollen nach den eingegangenen Mel 
dung:« noch starke Kräfte vereinigt stehen. Zu b merken ist 
noch, daß am 24. Dezember daS bairifcke Korps seine Kan 
tonnements in und um Orleans verlaffen und eine andere 
Bestimmung nordwärts erha'ten hat. 
Das waren die Bewegungen und Operationen der 
zweiten Armee in dem letzten Drittel des Dezember; sie 
streckte ihre Fühlungen nach Osten, Westen uno Süden au«, 
um das feindliche Operations-Terrain in unausgesetzter Wach 
samkeit zu beherrschen." 
ES bestätigt fich hiernach, daß die zweite Armee 
fii -4 iO. \»f P fyi, 
den französischen Loirearmeen von Gien bis BloiS steht; 
bisweilen erfolgen RekognoSzirungen auf dem linken Ufer 
der Loire. DaS 10. Armeekorps hält überdies Vendome be- 
f tzt. In näherer Verbindung mit der zweiten Armee steht 
Cie Armeeabtheilung deS GroßherzoqS von Mecklenburg, 
deffen Hruptqurrtier Chartres ist. Doch ist daS früher zu 
tiefer Armeeavtheilung gehörige von der Tann'fche KorpS 
von derselben abgezweigt worden und auch die 22. Division 
soll näher an Paris gezogen sein, so daß in ChartreS nur 
die 17. Division geblieben ist. 
Die »KarlSr. Ztg." enthält den Bericht deS Generals 
v. Glümer an den Grohherzog von Baden über die 
Räumung von Dijon. Detfelbe ist auS Vefoul vom 
30. d. battrt und lautet: 
Euer Königlichen Hoheit meide ich unterthänigsi, daß die 
Division, nachdem durch den kommandirenden General 14. 
Armeekorps daS Aufgeben der vorgeschobenen Stellung bei 
Dijon angeordnet war, am 27. Dezember Dijon verlaffen bat 
und in sorcirten Märschen gestern Abend mit der 1. und 2. In- 
sant rte°Brigade. der Kavallene-Brigade und der DivistonS- 
Altillerte in Lesout und Umgebung eingetroffen ist. — Die 
Preußen am Tage nach Sadowa sprechen müffen wie folgt: 
»Wir haben gesiegt. Aber als EiegeßpreiS verlangen 
wir nichts, als das Recht, die deutsche Frage unter freier 
Zustimmung und Mitwirkung Deutschland- zu lösen. Außer 
der Provinz, welche wir Dänemarck abgenommen haben, und 
die wir nicht entbehren können im Interesse unserer Marine 
und unserer Stellung an der Ostsee, verlangen wir für 
Preußen keinen Strohhalm breit Land. Wir haben zu 
keinem andern Zweck zu den Waffen gegriffen, als um uns 
selbst und Deutschland auS einer falschen und täglich uner 
träglicher werdenden Situation herauszuziehen. Die erste 
Pflicht des Staats ist Sttbsterhaltung, und Oesterreich hatte 
sich darauf verlegt, unsere Existenz unmöglich zu machen. 
B.i jedem Versuch, bet j:dem Unternehmen sperrte unS 
Oesterreich den Weg. ES ging daraaf aus, unS zu ifoliren 
oder zu vernichten. Aber trotzdem, und zwar Kraft der 
Macht der Thatsachen, bestand eine Art latenter Verschwö 
rung zwischen drm Lande Preußen und dem liberalen 
Deutschland. Im Jahre 1849 haben wir die Kaiserkrone 
zurückgewiesen, welche'die Revolution un.S geboten. Unsere 
bescheidene Zurückhaltung ist 1850 durch Demüthigungen 
vergotten worden. Später, 1859, ergab eS fick, daß Oester 
reich unfern Beistand bedurfte, weil eS seine italienischen 
Provinzen beiroht s-h. ES bat un-, ihm zu Hülfe zu eilen. 
Wir antworteten, in nuferer Eigenschaft als BundcSglied 
seien wir nicht verpflichtet, ihm feine außrrdeutichen Be 
sitzungen zu gewährlcrsttN, aber wir feien bereit, ihm unsere 
Hülfe angeteiben zu taffen auf Brund eines einzugehenden 
Vertrage-. Als Preis unseres Beistandes forderten 
wie ein atternirendeS Bundes - Präsidium und ein engeres 
Bündniß Preußens mit denjenigen Staaten dcö deutjchen 
Nordens, die in unserem Machtber ich liegen und deren wir 
unS versichern müffen, um nickt in unseren Bewegungen ge 
hemmt zu sein. Ader Oesterreich wollte von alledem nichts 
hören. Lieber verlor eS feine italienischen Provinzen, alS 
daß eS sich dazu bequemte, auf feine alleinige Hegemonie 
in Ftankfurt a. M. zu verzichten. Im Gegentheil, auf dem 
Fürsten-Kongreffe vom August 1863 versuchte eS, dieselbe 
ohne unS und wider unS auszudehnen und zu befestigen. 
Für uns blieb nichts als die Abdankung. Aber die Entsagung 
ist nur aut im Kloster, nicht in der Politik. Die Waffen 
haben für unS entschieden. Von nun an find wir in Demich- 
iand überall wie in unserem eigenen Hause. Aber wir find 
weit vntfemt davon, dort csis absolute Herren kommandiren zu
	        

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