Full text: Zeitungsausschnitt über Friedrich Grimm

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© Hessisches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm Nr. Z 1 
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Es mar aber dem nicht so, denn der Grabstein war 
schon zweimal gerade gerichtet und vor dem Um 
fallen geschützt worden und bildete den Abschluß 
der Familiengräber gegenüber der v. Wellsberg 
scheu Totenkapelle an hervorragendem Orte. Die 
Zeitungsnotiz kam auch den Staatsbehörden zur 
Kenntnis, und der Schreiber dieses hatte nun 
Gelegenheit, durch Ueberseuduug einer Photo 
graphie der Grabstätte, wie sie der Leser vor 
Augen hat, die ungenaue Zeitungsangabe richtig 
zu stellen; denn die gute Erhaltung des Grab 
steins und seiner mit bloßem Auge leserlichen 
Schrift fällt in die Augen. Non der Zeitungs 
nachricht hatte aber auch der Nerwalier des 
Grimm'scheu Nachlasses, Herr Professor Steig in 
Berlin Friedenau, gehört und so kam es denn, 
daß auf Anregung von hier zu den vorhandenen 
Stiftungen aus alter Zeit auch eine Grimm'sche 
Stiftung der noch lebenden Tochter von Wilhelm 
Grimm. Fräulein Auguste Grimm, zur Erhaltung 
des familiengeschichtlichen und ortsgeschichtlichen 
Grabes hinzugetan wurde. So war denn infolge 
jener Zeitungsnotiz die Angelegenheit durch ein 
Glied der berühmten Familie aufs beste geordnet 
worden, und der Schreiber dieses hatte keine Ver 
anlassung mehr, sich über die Presse zu beschweren, 
höchstens sich zu bedanken. 
Was nun den Grabstein bstrifft. wird bwij 
Beschauer der Unterschied desselben von den 
heutigen Grabdenkmälern aufgefallen sein; denn 
er hat kein Kreuzeszeichen; aber wie reich ist er 
dennoch mit christlichen Symbolen aus der hl. 
Schrift ausgestattet Die Inschrift ist eingerahmt 
mit einem Kranz aus Lilien und Rosen, der an 
den unverwelklichen Kranz erinnert, und darüber 
halten zwei Engel trotz der zwei Erinnerungs 
zeichen Sanduhr und Totenschädel in der einen 
Hand. mit der emporgehobenen anderen Hand die 
Krone der Ehren, womit der Herr seine erlösten 
Kinder krönen wird. Ich glaube, daß dieser Stein, 
,er uns seiner Rückseite auch ein Engelsbild zeigt, 
ganz eindringlich predigt und viel besser, als mancher 
moderne Grabstein. Als tut Jahre 1826 Jakob 
Grimm nach Steinau kam, wo er in 20 Jahren 
nicht gewesen war, besuchte er auch die Kirche, 
worin sein Großvater so lange gepredigt hatte, 
und die Leichensteine seiner Oheime in der Kirche, 
über welche er als Knabe seinen Vater, den Steinauer 
hohen Feiertagen schreiten sah, die Lebenden über 
den Gebeinen der Toten das Band der Gemeinschaft 
in Christo zum ewigen Leben erneuernd. Er hat 
es nachmals gesagt, welchen Eindruck es auf sein 
Kindergemüt gemacht habe. Sodann ging er auch 
hinaus vor die Stadt auf den Totenhof zu dem 
Grab feines Großvaters, dessen Leichenstein eine 
kurze Erzählung eines inhaltreichen Predigerlebens 
enthielt, und was er dachte, sprach er auS: „Der 
Großvater ist 47 Jahre an demselben Ort Prediger 
gewesen. Wie beneidenswert scheint mir dieses 
LoS: Ein segensvolles Amt, Liebe und Achtung 
der Gemeinde, Muße zur Betrachtung und zum 
Nachsinnen und ein lebendiges, freudiges Gefühl 
deS Daseins." 
Wenn man die Auszeichnungen des Kirchen 
buchs des Pfarrers Grimm ließt, so ist man über 
die deutliche Handschrift und die eingestreuten 
persönlichen Bemerkungen erfreut; sein Nachfolger 
hatte dafür keinen Sinn. Er berichtet über den 
Tod des zu Steinau verstorbenen Amtmanns 
Grimm, des Vaters der Gebrüder Grimm ganz 
geschäftsmäßig: Am 10ten Januar starb morgens 
3 Uhr der hiesige Amtmann Herr Philipp Grimm 
und lvurde den 12ten ds. Mts. des Morgens 
begraben, seines Alters 44 Jahr 3 Monat und 
21 Tage. Der Grabltein des Amtmanns, wenn 
er i'uum gehabt hat, ist von. dem Schreiber dieses 
noch nicht aufgefunden worden, wohl aber ist der 
Grabstein eines Bruders desselben in der Kirche 
aufbewahrt und seine Inschrift lautet: Hier ruht 
Karl Friedrich Grimm Pfarrherr zu Hanau, 
geboren zu Steinau am 28. Mai 1737 und 
gestorben Hierselbst am 17. Juni 1772. Durch 
obigen Eintrag des Kirchenbuchs wird auch die 
irrige Annahme in Nr. 8 des Jahrgangs von „Unsere 
Heimat ' berichtigt, wonach die Witwe des Amt 
manns Grimm nach dem Tode ihres Mannes von 
Hanau nach Steinau erst übergesiedelt sei. Diese 
irrige Annahme ist auch in die Zeitschrift „Hesfen- 
land" Nr. 2 l Seite 311 des Jahrgangs 1909 
übergegangen. Wenn der Leser mehr von den 
damaligen Persönlichkeiten wissen will, so muß 
er sich an Herrn Professor Stoll in Kassel 
wenden, der im Besitz eines Tagebuchs aus 
dein Nachlaß der Gebrüder Grimm ist über die 
damalig Lebenden und der es versteht, den ver 
gilbten Namen einer entschwundenen Zeit Leben 
lind Anschaulichkeit eiuzilhauchen. 
I. Römheld, Psr. 
Amtmanil Philipp Wilhelm Grtmm. !ssib ferne 
Mutter zur Feier des heiligen Gedächtnismahls an
	        

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