Full text: Alchemie am Kasseler Hof

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Zurück zur Alchemie: Das Laboratorium, das der Landgraf in seinem 
Kasseler Stadtschloss eingerichtet hatte, wurde von den Zeitgenossen als 
eines der besten in Europa gerühmt. Einkaufslisten für die verwende 
ten Materialien und Geräte zeugen von dem breiten Spektrum seiner 
Versuche. Er selbst laborierte 1604 sieben Wochen lang täglich, ließ die 
Experimente protokollieren, um so Arbeitsmuster für seine Laboranten 
festzulegen. Es geht darin nicht um geheimnisvolle, spekulative Versuche, 
keine „Goldmacherei“, sondern um Erweiterung naturwissenschaftlicher 
Kenntnis, um Wege, Metalle zu legieren und neue Substanzen zu ent 
decken; dies freilich auf der Grundlage der Lehre von der Wandelbarkeit 
der Materie. Bis heute umstritten ist, inwieweit der Landgraf den Ideen 
der Rosenkreuzer verbunden war, ob er gar Autor der 1614 bei Wilhelm 
Wessel in Kassel anonym erschienenen Gründungsschrift „Fama frater- 
nitatis" und der „Confessio fraternitatis" (1615) gewesen sei. Sicherlich 
hatten ihn die Ideen der Bruderschaft fasziniert, so dass er den Druck 
gestattete, aber in den Kasseler Handschriften ist bisher kein Beweis für 
eine aktive Teilhabe des Landgrafen gefunden worden. 
II. Das Thema: Alchemie. 
Mit dem Begriff „Alchemie" werden gemeinhin Vokabeln wie Gold 
macherei, Geheimnis, Scharlatanerie und Hexenkunst verbunden. Gewiss 
hat man nur zu oft mit der betrügerischen Absicht experimentiert, unbe 
grenzt Gold hersteilen zu können, wobei man zum Beispiel Metall durch 
Legierung oder Mischung mit rötlichen Substanzen so zu färben verstand, 
dass es wie Gold aussah. Tatsächlich aber zeichnen die in vielen Biblio 
theken verwahrten Handschriften ein gänzlich anderes Bild. Denn wie 
die verwandte Astrologie ein Standbein in der mathematisch ausgelegten 
Astronomie hat, so sind experimentelle Chemie und spekulative Alchemie 
eine unlösliche Verbindung eingegangen. 
Man glaubte, dass alle Materie sich vom Unvollkommenen hin zum Voll 
kommenen bewege. Der Alchemist greift in dieses Geschehen beschleu 
nigend ein, der Stoff durchläuft bis zu 12 Stufen der Transmutation, wird 
erhitzt, „stirbt" und löst sich in die amorphe „prima materia" auf, die sich 
in Form der vier aristotelischen Elemente Feuer, Luft, Wasser und Erde 
darstellen; diese bilden Paare wie männlich-weiblich, Feuer-Wasser, 
Sonne-Mond, Schwefel-Quecksilber, König-Königin. Aus deren Verbindung 
entsteht die neue Materie, die Panazee, welche ewige Gesundheit schafft. 
In den Elementen Schwefel und Quecksilber bilden sich Geist und Seele 
ab. Paracelsus (1493-1541) fügte dem das Salz als kristallisierende Kraft 
hinzu, damit die theoretische Grundlage für die Iatrochemie schaffend, 
also den Einsatz der Kräfte chemischer Substanzen für medizinische 
Zwecke. Doch nur dem gelinge die Transmutation, der sich selber auch 
zum Guten hin entwickle und Gottes Gnade erbitte.
	        

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