Full text: Biographien von Jacob und Wilhelm Grimm

W. K, Grimm. 
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sich zeigen, bei der Mehrung meiner Berufsgeschäste rückt er 
doch nicht so schnell, als ich wünsche, fort. Doch die Ar 
beit selbst ist es ja, worin die eigentliche Freude liegt, we-- 
nigstens nach meinem Gefühle. Sie wächst in dem Grade, 
in welchem jene sich ihrem Ende nähert, aber das fertige 
Werk lege ich gerne weg, und mich reizt nur der Gedanke, 
die Aufgabe das Nächstemal besser zu lösen. 
Nach dieser Abschweifung, in der ich vieles voraus ge 
nommen habe, kehre ich wieder zu den Ereignissen in den 
sieben Jahren der französischen Herrschaft zurück. Meine 
Kränklichkeit hatte nach dem Tode der Mutter (1808) immer 
zugenommen; zu dem beengten Athem, der mir das Ersteigen 
weniger Stufen zu einer großen Last machte, und den fort 
währenden stechenden Schmerzen in der Brust, gesellte sich 
noch eine Herzkrankheit. Der Schmerz, den ich mit nichts 
vergleichen konnte, als dem Gefühl, es fahre von Zeit zu 
Zeit ein glühender Pfeil durch das Herz, war mit beständiger 
Beängstigung verbunden. Manchmal brach er in ein heftiges 
Herzklopfen aus, das ohne äußere Veranlassung auf einmal 
kam und eben so mit einem Schlag endigte; einigemal hat es 
ununterbrochen zwanzig Stunden gedauert und mich in dem 
höchsten Grade der Erschöpfung verlassen; ein Gefühl, ich 
sey dann dem Tode sehr nah, war gewiß nicht ungegründet. 
Viele Nächte habe ich schlaflos, aufrecht sitzend, ohne mich 
zu bewegen, zugebracht und auf das Grauen des Tages ge 
wartet, das mir immer einigen Trost zu bringen schien. Eine 
Wachtel, die vor dem Fenster eines Nachbars hing, hat mir 
ihn oft zuerst angekündigt, und noch jetzt kann ich den eigen 
thümlichen Schlag des Thieres nicht ganz gleichgültig anhö 
ren. Es ist unglaublich, wie viel man körperlich ertragen 
kann, und zwar lange Jahre hindurch, ohne doch die Freude 
am Leben zu verlieren. Das Gefühl der Jugend mag dabei 
geholfen haben, aber gänzlich fühlte ich mich durch diese 
Krankheit nicht niedergedrückt und in den leidlichen Stunden 
arbeitete ich fort, selbst mit Vergnügen. Ueber meinen Zu 
stand täuschte ich mich nicht, und jeden Tag, den ich noch 
lebte, betrachtete ich als ein Geschenk Gottes; daß ich bei 
diesen Leiden noch ein halbes Jahr fortleben könnte, schien 
mir oft ganz unmöglich. Nur so lange ich zweifelhaft war 
und an Genesung dachte, war ich gequält und erst von dem 
Augenblicke ruhig, wo ich alle Hoffnung aufgab, und ich 
glaube, daß es im Grunde dieser Augenblick war, wo meine 
Beßrung anfing. Im Frühjahr 1800 reiste ich nach Halle, 
wo ich Gelegenheit hatte, den berühmten Reil über meine 
Krankheit um Rath zu fragen. Ich sehe ihn noch, wie er.
	        

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