Full text: Biographien von Jacob und Wilhelm Grimm

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W. K. Grimm, 
militärischen Glanze einziehen sah. Bald änderte sich alles 
von Grund aus: fremde Menschen, fremde Sitten, auf der 
Straße und den Spaziergängen eine fremde, laut geredete 
Sprache. Keine andere deutsche Stadt hat so vielfachen Wech 
sel erlebt, als Kassel, und manchmal scheint cs mir, als habe 
ich mehrere Menschenalter verschlafen, wenn ich bedenke, wel 
che ganz verschiedene Zustände ich dort erlebt habe. Die Zeit 
nach der Wiederherstellung war doch in manchen Dingen von 
der früheren ab, und seit der Negierung des gegenwärtigen 
Kurfürsten hat sich Vieles wieder gar sehr verändert. Bei 
der westphälischen Zeit kann ich eine Bemerkung nicht unter 
drücken, weil sie zu oft in die Gedanken zurückkehrt. Ich 
habe stets die Schmach gefühlt, welche in der fremden Herr 
schaft lag; an harten, unerträglichen Einrichtungen, an Un 
gerechtigkeiten aller Art fehlte es nicht und ich weiß wohl, 
mit welchem Gefühl ich die armen Menschen habe durch die 
Straße hinwanken gesehen, welche zum Tod geführt wurden; 
aber dieser Zustand drückte mich nicht nieder, wie er, selbst 
im geringeren Grade, würde gethan haben, sobald Gesetzlich 
keit, Ordnung und 'Wahrheit an der Spitze stehen sollten. 
Aber damals entsprang das Unrecht aus der Lage der Dinge, 
die in vielen Fällen mächtiger war, als der Wille des Ge 
walthabers selbst; es schien mir eine Naturnothwendigkeit zu 
seyn, oder eine strenge Fügung Gottes. 
Das Drückende jener Zeiten zu überwinden half denn 
auch der Eifer, womit die altdeutschen Studien getrieben 
wurden. Ohne Zweifel hatten die Weltereignisse und das 
Bedürfniß, sich in den Frieden der Wissenschaft zurückzuziehen, 
beigetragen, daß jene lange vergessene Literatur wieder er 
weckt wurde; allein man suchte nicht bloß in der Vergangen 
heit einen Trost, auch die Hoffnung war natürlich, daß diese 
Richtung zu der Rückkehr einer andern Zeit etwas beitragen 
könne. Was Bodmer früher angeregt hatte, war längst er 
storben , dieses Gebiet konnte für ein eben entdecktes gelten, 
auch schien sich, wo man den Blick hinwendete, dem Auge 
etwas Neues darzubieten. Dazu kam die Zufriedenheit, die 
mit den ersten Versuchen verbunden zu seyn pflegt, wo man 
die Schwierigkeiten noch nicht kennt und alles aufs Beste ge 
macht zu haben glaubt. An Empfänglichkeit bei dem Publi 
kum hat es niemals gefehlt; einige Ungunst ward hier und 
da durch die natürliche Neigung zum Widerspruche hervorgeru 
fen, am widerwärtigsten wirkte der abgeschmackte Enthusias 
mus unwissender Lobredner , welche ich dem Meblthau ver 
gleiche, der auf die gesundesten Pflanzen fällt und sie eine Zeit 
lang im Fortwachsen hemmt. Eine gerechte Würdigung scheint
	        

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