Full text: Biographien von Jacob und Wilhelm Grimm

W. K. Grimm. 
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kein rednerischer Ueberfluß würde erreicht haben. Seine ganze 
äußere Erscheinung war diesem Eindrücke völlig angemessen. 
Ich hörte zuerst Nechtsgeschichte nach Hugo, dann Institutio 
nen. Savigny richtete zuweilen, während der Vorlesung, 
Fragen an die Zuhörer, schwierigere wurden schriftlich beant 
wortet. Ich schrieb nach, aber was ich mit nach Haus brach 
te, ward durch das, was in Gedanken geblieben war, er 
gänzt und das Ganze überarbeitet. Wir beide erhielten die 
Erlaubniß Savigny zu besuchen und uns Raths bei ihm zu 
erholen; die Anregung, die nicht blos von seinen Vorlesun 
gen ausgieng, die Einsicht von dem Werthe geschichtlicher Be 
trachtung und einer richtigen Methode bei dem Studium war 
ein Gewinn, den ich nicht hoch genug anschlagen kann, ja 
ich weiß nicht, ob ich sonst je auf einen ordentlichen Weg 
gekommen wäre. Für wie vieles andere hat er uns den Sinn 
erschlossen, und wie manches noch unbekannte Buch ward aus 
seiner Bibliothek nach Haus getragen! Die anmuthige Weise, 
mit welcher er wohl gelegentlich etwas vorlas, eine Stelle 
aus Wilhelm Meister, ein Lied von Göthe, ist mir noch so 
lebhaft in Gedanken, als habe ich ihm erst gestern zugehört. 
Manchmal kommt es mir vor, als sey heut zu Tage strenger 
Eifer für Gelehrsamkeit wohl zu finden, eine solche Richtung 
nach freier Ausbildung aber seltener und dem Ernste die Hei 
terkeit entzogen worden; oder täusche ich mich und sollte ich 
blos beklagen, daß die Zeit der ersten jugendlichen Anregung 
und der eben erwachten Theilnahme für das Geistige vorüber 
geht? Die Verschiedenheit von Savigny's Vortrage hatte ich 
volle Gelegenheit zu bemerken, als ich in die Pandekten zu 
Weis kam. Sie waren gewiß nicht schlecht, aber bei aller 
natürlichen Lebhaftigkeit des Mannes fehlte doch das rechte, 
fortschreitende Interesse an der Sache, und mitunter ins Ge 
schmacklose zu gerathen, ward ihm auch nicht schwer. Bei Err- 
lebcn, der Kirchenrecht vortrug, herrschte eine langweilige 
und abgelebte Zierlichkeit des Ausdrucks, die für den Inhalt 
entschädigen sollte. Im Frühjahr 1807 wurde ich eraminirt, 
und wahrscheinlich hätte ich im Laufe des Jahrs eine Anstel 
lung erhalten, wenn nicht das Vaterland von den Franzosen 
wäre überzogen worden. 
Jener Tag des Zusammenbruchs aller bisherigen Ver 
hältnisse wird mir immer vor Augen stehen. Ich hatte am 
letzten Oktober Abends die französischen Wachfeuer in der 
Ferne mit einiger Bangigkeit gesehen, aber daß Hessen unter 
fremde Herrschaft gerathen sollte, konnte ich nicht eher glau 
ben, als bis ich am andern Morgen die französischen Regi 
menter bei dem alten, jetzt niedergerissene« Schlosse in vollem
	        

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