Full text: Biographien von Jacob und Wilhelm Grimm

W. K. Grimm. 
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Gemeinde, Muße zur Betrachtung und zum Nachsinnen, und 
ein lebendiges und freudiges Gefühl des Daseyns. Ich suchte 
auch den Garten auf, den die Aeltern ehemals besessen hat 
ten. Der Baum stand noch, an welchem der weiße Mantel 
der Mutter zu hangen pflegte, den wir von weitem sahen, 
wenn wir nach beendigter Schule nachkamen, und es war 
mir, als sähe ich sie selbst langsam über die Wiese hergehen. 
Als ich mit diesen Erinnerungen in dem Garten auf und ab 
gieng, kam ich mir selbst wie ein abgeschiedener Geist vor, 
der zu der ehemaligen Heimath wieder einmal zurückgekehrt 
ist. Ob das heftige Gefühl, das mir die Seele erfüllte, 
Schmerz oder Freude war, weiß ich nicht, cs war wohl bei 
des zugleich. Die Liebe zu meiner Mutter ist noch jetzt, 
nachdem sie länger als zwanzig Jahre im Grabe liegt, un 
vermindert in meinem Herzen, der Traum führt mich manch 
mal zu ihr hin, sie sitzt meist, wie in den letzten Jahren ih 
res Lebens, auf einem kleinen Teppich vor einem Arbeitstisch 
chen, reicht mir die magere, aber sanfte Hand und fragt, 
warum ich so lange nicht bei ihr gewesen sey? Hätte es Gott 
gefallen, ihr Leben zu verlängern, welche Freude, wenn wir 
ihr die mühseligen, uns geopferten Jahre mit eben so viel stil 
len und ruhigen hätten vergelten können. Alte Leute kehren 
wohl, wenn keine Sorge und Arbeit sie mehr unterbricht, zu 
den Beschäftigungen der Jugend zurück, sie pflegen Blumen, 
einen Lieblingsvogel, und die Bücher, die der ernste Drang 
des Lebens ihnen verschlossen hatte, werden wieder geöffnet. 
Die Mutter las gerne, der Grandison war ihr Lieblingsbuch, 
dessen verschlungene Begebenheiten und vielfältige Charaktere 
sie sehr wohl behalten hatte; manchmal bei recht heiterer 
Stimmung sagte sie uns Stellen aus Gellcrts beschämter 
Schäferin vor, worin sie als Kind eine Rolle gespielt hatte. 
— Ich habe zu dem, was Jakob von unserm Aufenthalte in 
Kassel, wohin wir im Herbste 1799 geschickt wurden und wo 
wir das Lyzeum besuchten, erzählt hat, weniges hinzuzufügen. 
Eine ältere Schwester der Mutter sorgte dort für uns so 
liebreich, wie die Mutter selbst. Ich war eifrig im Lernen, wie 
es auch sehr nöthig war, aber der Uebergang zu dieser sitzen 
den Lebensweise, denn der ganze Tag war mit Lehrstunden 
besetzt, wirkte nachtheilig auf meine bisher so feste Gesund 
heit. Nach einem an sich gar nicht heftigen, glücklich über 
standenen Anfall des Scharlachfiebers, fieng ich an über be 
schwerten Athem zu klagen, wozu sich bald Schmerzen in der 
Brust gesellten. Ob mein schnelles Heranwachsen auch Schuld 
hatte, wie man versicherte, weiß ich nicht, aber wir Geschwi 
ster hatten meist alle, Vater und Mutter, die eher'von klei-
	        

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