Full text: Biographien von Jacob und Wilhelm Grimm

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I. L. K. Grimm. 
tar, jeder von uns empficng 100 Rthlr. Zulage. Hiermit wen? 
uns beiden weitere Aussicht auf künftige Beförderung abgeschnit 
ten. Die Sache hätte, auch wenn von Rommels Ansprüche 
berücksichtigt werden sollten, auf mehr denn eine Art anders 
eingerichtet werden können. Zum Beispiel, er hätte die Direk 
tion des Museums erhalten mögen, wenn ich den Posten ei 
nes Archivarius, mit angemessenem Gehalt, bekommen hatte, 
und mein Bruder zum Bibliothekar ernannt worden wäre. Ei 
nem Archiv vorzustehen und ein so reiches und wenig benutztes, 
wie das hessische, nach Lust bearbeiten zu können, hätte meiner 
innern Neigung noch mehr zugesagt, als die Bibliotheksstelle. 
Der alte, simple Archivariustitel hätte mir auf Lebenslang 
genügt, und keiner Direktion so wenig wie früherhin es bedurft. 
Indessen bin ich nie von jemand gefragt worden und hütete 
mich wohl Vorschläge verlauten zu lassen. Ich hatte mich ganz 
einfach um die erste Bibliotheksstelle gemeldet, als um das 
Gerechteste und was sich beinahe von selbst verstand. Die ge 
troffene neue, alle bescheidenen Wünsche vernichtende Einrich 
tung mußte mich tief kränken. Ich hatte einen im Jahr 1816 
durch Eichhorn indirekt mir geschehnen Antrag einer Profes 
sur zu Bonn geradezu abgelehnt und keiner Art Vortheil dar 
aus zu ziehen gesucht, weil ich in Hessen zu leben und zu ster 
ben dachte. Damals aber wäre es mir gewiß leichter und 
vortheilhafter gewesen, mich der akademischen Laufbahn zu wid 
men, als später. Unter der Hand geschah uns nun im Som 
mer 1828 der Antrag, einem ehrenvollen Rufe nach Göttin 
gen zu folgen. Alle zu Rath gezognen Freunde ermahnten da 
zu aus Kräften. Die geliebte und gewohnte Heimath aufzu 
geben schien uns hart und schmerzhaft wie vorher, aus dem 
Geleise genau bekannter Beschäftigungen und einer uns Frucht 
bringenden Muße herauszutreten, fast unerträglich. Allein auch 
in dem Verhältniß zu einem neuen Vorgesetzten, der wo er ein 
greifen oder schonen sollte, selbst noch nicht zu wissen schien, lag 
etwas Peinliches und Unheimliches. In dieser Stimmung folg 
ten wir dem Gefühl der Ehre, und entschieden uns für die un 
bedingte Annahme des Gebotenen. Unterm 20, Okt. erfolgte 
zu Hannover die förmliche königliche Vokalion, die mich zum 
ordentlichen Professor und Bibliothekar, meinen Bruder zum 
Unterbibliothekar ernannte, mit angemessenen Besoldungen, die 
unsrer stetenNahrungssorge im hessischen Dienst ein Ende mach 
ten. Schon unterm 30. Okt. wurde zu Kassel unsere Entlassung 
ausgefertigt. Neujahr 1830 haben wir die hiesigen Stellen ange 
treten. Wir sind von allen Kollegen zu Göttingen freunvschafft 
lich aufgenommen worden, mein erstes Kollegium lese ich die 
sen Sommcr über deutsche Rechtsalterthümer. Zwar sind die 
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