Volltext: [Rezension:] Berthold des Franziskaners deutsche Predigten aus der zweyten Hälfte des dreyzehnten Jahrhunderts (..), hrsg. von Christian Friedrich Kling. Mit einem Vorwort von Dr. A. Neander. Berlin 1824

Altdeutsche Predigten. 
XXXII. Bd. 
V 
2,2 
ganz sicher, seyen seihst nach Rom gegangen, sich Bestäti 
gung zu holen; der Pflpst habe aber ihre Irrthümer erkannt, 
sie abgewiesen und geächtet. Um ein Gegengewicht für sie zu 
finden, seyen jeye gesetzlichen Regeln, die das Taugliche, das 
sich mit dem Ketzerthume gemischt hatte, beybehielten, aufge 
kommen, Daher das gleiche Gelübde der Armuth und der 
nähere Umgang mit dem Volke. Das beschauliche geistige Le 
ben, das unter gemeinen, unwissenden Menschen zum Ver- 
derbniß auszuschlagen drohte, sollten die gelehrten, der Kir 
chensatzung kundigen Mönche zügeln. Wenn auch diese Vor 
stellung unrichtig seyn sollte, und vielleicht umgekehrt aus 
einer entarteten Unterabtheilung der Mönchsregel die ihnen 
äußerlich nicht unähnliche Ketzerey entsprungen seyn könnte, 
oder noch lieber, wenn das beyden zum ersten Grund liegende 
in dem Geist der ganzen Zeit gesucht werden muß; so läßt 
sich, schon weil nah an einander stoßendes desto greller von 
einander abstößt, begreifen, warum die Minoriten und Pre 
diger eben die erbittertsten Ketzerfeinde waren. In der Ge 
schichte des dreyzehnten Jahrhunderts erscheinen sie immer so, 
voraus noch die Prediger, und durch ihren Einfluß wurden 
auch in Deutschland Fürsten und Volk zu manchmal grau 
samer Verfolgung armer, verführter Menschen aufgeregt, In 
Teutonia multae haereses deteguntur et haeretici flammis 
puniuntur (annales Godefridi monachi ad ann. 1232). 
Wie, ketzer, bist du iergent hie (setzt unter meinen Zu 
hörern)? fragt B e rthold: Nu wolle der almehtige got, 
daz deheiner für mir (in meiner Gegenwart) si. Sie gent 
ouch niht ze frumen steten; sie gent ze den wilren und 
ze den dorfern gerne und halt ze den feinden^ diu der 
gense huetent an dem velde. Und etewanne giengen sie gar 
in geistlichem gewande und swernt (besser wohl swuoren) niht 
dureh dehein dinc, da bi wart man sie erkennen. Nü wan 
deint si ir leben und ir ketzerie , rehte als der mane, der 
sich da wandelt in so manige wise. Also tragent nü die 
ketzer swert u. mezzer^ langes har> langes gewant und 
swernt die eide nü. Sie hauen elewanne den tot e gell 
ten ; wanne sie sprachen, got der hseten die eide verboten. 
Und ir meister habent sie in nü erloubet, daz sie eide 
swern (@. 3o4. 3o5). Was er von der Tracht und Bewaff 
nung der umstreifenden Ketzer sagt, ist merkwürdig; mit ihrer 
Trennung von den Rechtgläubigen wurde auch die Abweichung 
im Aeußern hervorstechender, und der Tonsur entsagt. Aus dem 
Eidschwur haben sich vor^ und nachher manche Diffentienten 
ein Gewissen gemacht. Cavent a juramento nee dicunt vere
	        

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