Full text: [Rezension:] Berthold des Franziskaners deutsche Predigten aus der zweyten Hälfte des dreyzehnten Jahrhunderts (..), hrsg. von Christian Friedrich Kling. Mit einem Vorwort von Dr. A. Neander. Berlin 1824

© Hessisches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm Nr. L 29 
Hahrremannische Heilmethode. 
die Goldstufe oder das taube Gestein — gleichviel — selbst zu 
Tage fördern/ wenn sie als Grundlage eines neuen Lehrgebäudes 
oder Systems sich geltend machen will. Auf diese Art kann uns 
auch ihr Stifter keiner Unredlichkeit oder vorgefaßten Meinung 
beschuldigen/ wenn wir treu/ aber prüfend/ wozu er selbst auf 
fordert/ nur das wiedergeben / was in seinen Schriften und in 
der Apotheose der neuen Schule als Heilschatz niedergelegt ist. 
Reflexion und strenge Konsequenz in Auffassung seiner Lehrsätze 
wird uns daher Dr. H ahnemann um so bereitwilliger zuge 
stehen/ als er selbst nur/ nach seiner eigenen Versicherung *)/ 
durch vielseitige Erfahrungen und durch Schlüsse zu seiner Fund 
grube/ und zu den ersten Sätzen seiner neuen Lehre gekommen ist. 
Der Trieb nach Wahrheit liegt unmittelbar in dem Wesen 
des menschlichen Geistes. Ze gesetz- und schrankenloser sein Trei 
ben im Gebiete der Wissenschaft und Kunst ist/ desto mannigfal 
tiger sind seine Produkte und Lehrsysteme. Nur in dem Gesetze 
und der Schranke liegt die Wahrheit für das Endliche. Darum 
weiset uns jedes Zeitalter neue Produktionen und Formen dieser 
Art auf/ die jedesmal um so abeuteuerlicher gestaltet sind / je 
mehr sich die geistige Thätigkeit darin von ihrem Urlypus des Ge 
setzes und der Schranke entfernte. So sehen wir auf dem Ge 
biete unserer Kunst/Dogmatiker und Empiriker, Jatromathemati- 
ker und Chemiejatriker/ Humoral- und Solidarpathologen auf 
dem Kampsplatze wehrhaft um die Siegespalme der Wahrheit 
ringen. Daß auch unsere Zeit dieses Kampfes nicht los werden 
kann, liegt am Tage. So hatte vor Kurzem England seinen 
Brown/ Italien gegenwärtig seinen Rasori/ Frank 
reich seinen Broussais. Konnten wir in unserem deutschen 
Vaterlande/ das innerhalb dreyer Dezennien drey philosophische 
Systeme erlebte/ wohl erwarten/ daß diese Nebelbänke so ruhig 
über und neben uns hinziehen würden/ ohne wenigstens den deut 
schen Forschungsgeist auch anzuregen? Der Gegensatz ruft im 
mer nach der Einrichtung des menschlichen Denkgeistes einen an. 
dern hervor/ ohne daß darum immer die Wahrheit schon in letz 
terem enthalten wäre. Wenn Brown sich an den heiligen Ge 
setzen der Natur schwer versündigte; wenn Broussais seine 
Kranken blutlos sterben läßt; wenn Rasori durch ungeheure 
Arzneygaben die letzte Anstrengung der Natur vernichtet: ist dar* 
um die bloße Unterlassung dieser schweren Sünden das Einzige/ 
was für die Rettung des Kranken gethan werden kann/ und vom 
redlichen/ wissenschaftlich gebildeten Arzte auch wirklich unzählige 
Mal gethan wird? Wenn H a h n e m a n n mit seinem Billiontel- 
und Dezilliontel-Gran Arzney feinen Kranken die noch mögliche 
•) Organon §• 56.
	        

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